Viele Jahre lang herrschten die Nationalsozialisten uneingeschränkt nicht nur in Deutschland, sondern auch in zahlreichen Gebieten in ganz Europa. Während dieser Zeit durchdrangen sie – auch in Form eines ganz spezifischen Sprachgebrauchs – mit ihrer Weltanschauung und Propaganda beinahe alle Lebensbereiche der Deutschen und der im Zweiten Weltkrieg besiegten Völker. Die Besatzer waren sich dessen bewusst, dass die Sprache und die Propaganda durchaus wirksame Waffen sind und dass es sinnlos war, sie gegenüber den unterworfenen Völkern und Gebieten einzusetzen (vgl. Kinne/Schwitalla 1994, S. 1). Zu den auffälligsten sprachlich-stilistischen Merkmalen der „Lingua Tertii Imperii“ gehörten u. a. Ausdrücke aus wissenschaftlicher Fachsprache (vor allem aus den Bereichen Militär, Naturwissenschaft, Technik und Religion, die in andere Lebensbereiche übertragen wurden und somit eine andere Bedeutung erhielten), Euphemismen (also Hüllwörter, deren Hauptaufgabe war es, grausame Taten der Nationalsozialisten zu verdecken oder zu verharmlosen), Superlative, verstärktes, falsches Pathos in der Ausdrucksform, das zur Betonung des Gefühls beitragen sollte, Fremdwörter (die oft als Ersatz für deutsche Wörter gebraucht wurden, weil sie klanghafter erschienen) und Neologismen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der spezifische Sprachgebrauch
2.1. Ausdrücke aus wissenschaftlicher Fachsprache
2.2. Euphemismen
2.3. Superlative
2.4. Pathos
2.5. Fremdwörter
2.6. Neologismen
3. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die systematische Manipulation der deutschen Sprache durch das nationalsozialistische Regime und deren Rolle als Instrument der ideologischen Indoktrination. Dabei wird analysiert, wie durch die gezielte Umdeutung von Begriffen, die Verwendung rhetorischer Mittel und den Einsatz spezifischer Vokabulare ein öffentliches Bewusstsein geschaffen wurde, das politische Ziele des Regimes legitimierte und Andersdenkende ausgrenzte.
- Die Instrumentalisierung von Sprache als Waffe der politischen Manipulation.
- Analyse der nationalsozialistischen Rhetorik und ihrer rhetorischen Merkmale.
- Die Funktion von Euphemismen, Superlativen und Neologismen im NS-Sprachgebrauch.
- Die Militarisierung der zivilen Sprache zur Prägung militärischer Denkweisen.
- Die Rolle der "Krakauer Zeitung" als Quelle für die propagandistische Wortverwendung.
Auszug aus dem Buch
2.2. Euphemismen
Die Versuche der Gewaltherrscher von damals, durch Euphemismen grausame Dinge und Handlungsweisen zu beschönigen, zeigten sich besonders abscheulich im Sprachgebrauch der Konzentrationslager: „Endlösung der Judenfrage“85 war beispielsweise ein Deckname für Hitlers Pläne zur Ausrottung der Juden Europas. Das gleiche galt für „Regelung der Judenfrage”86, „Unschädlichmachung“87, „Säuberung“88 und „Reinigung“89. Eine ähnliche euphemistische Aufgabe erfüllten solche Wendungen wie „auf der Flucht erschossen“90, stereotyp gewordene Angabe der Todesursache auf Totenscheinen der Konzentrationslager und in den Formularen zur Benachrichtigung der Angehörigen von Häftlingen.
Das NS-Regime untersagte, über den Terror gegen die Juden zu schreiben. Um diese Gewalttaten zu verharmlosen schrieb man von Maßnahmen („Die deutschen Stellen sind klar darüber, dass diese politisch bedingte Maßnahme in rücksichtsvollen Formen vor sich zu gehen hat.“91).
Es war verboten, den Begriff „Deportation” zu gebrauchen. Statt dessen bediente man sich solcher Euphemismen wie z. B. Aussiedlung („Nur noch die völlige Aussiedlung der Juden ermöglicht eine restlose Erfüllung aller dem Generalgouvernement gestellten Aufgaben“92), Auswanderung93, Umsiedlung („Jedenfalls ist ihre Umsiedlung notwendig“94), evakuieren („Man hat das bisherige Judenviertel evakuiert“95).
Man strebte auch danach, den Begriff „Krieg“ zu vermeiden. Viel häufiger gebrauchte man solche Phrasen wie Gegenaktion („Doch steht eine nicht minder wirksame deutsche Gegenaktion in Vorbereitung“96), Abwehraktion („Die kraftvolle Abwehraktion hatte mit Erfolg geendet“97), Vormarsch („Die deutschen Truppen haben den harten Winter ohne Schaden überwunden, und der deutsche Vormarsch geht unaufhaltsam weiter.“98), Befreiung („Befreiung von der bolschewistischen Drohung“99), Bereinigung („die Bereinigung Südeuropas“100), Weltordnung („Kampf um eine neue Weltordnung“101), Neuordnung („der Glaube an die Endgültigkeit der geschaffenen Neuordnung“102), Gegenangriff („Nordwestlich Nikropol brachten unsere Gegenangriffe überlegenen Feindkräften schwerste Verluste bei“103) oder Schutz („In Zukunft wird unter dem Schutz des deutschen Schwertes in den weiten Räumen des eurasischen Kontinents Frieden und Ordnung herrschen“104).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel erläutert die strategische Bedeutung der Sprachlenkung im Nationalsozialismus zur Manipulation des gesellschaftlichen Bewusstseins und zur Durchsetzung der NS-Ideologie.
2. Der spezifische Sprachgebrauch: Eine detaillierte Untersuchung der zentralen sprachlichen Merkmale der Zeit, darunter der Rückgriff auf Fachsprachen, die Verwendung von Euphemismen zur Verschleierung von Verbrechen, der Einsatz von Superlativen und Pathos sowie die Schaffung von Neologismen.
2.1. Ausdrücke aus wissenschaftlicher Fachsprache: Analyse der Aneignung technischer, medizinischer und biologischer Begriffe, um Gegner des Regimes zu diskreditieren und die Notwendigkeit ihrer Vernichtung zu begründen.
2.2. Euphemismen: Untersuchung der bewussten Verwendung beschönigender Begriffe, um Terrormaßnahmen und Deportationen als notwendige politische Handlungen zu tarnen.
2.3. Superlative: Analyse der exzessiven Nutzung von Superlativen und Elativen, um die ideologische Überhöhung von Führungspersonen und die absolute Geltung der NS-Weltanschauung zu fordern.
2.4. Pathos: Beschreibung der Aufladung des öffentlichen Wortes mit einem quasireligiösen Pathos, um ein überwältigendes Gefühl von Gemeinsamkeit und Stärke in der Bevölkerung zu erzeugen.
2.5. Fremdwörter: Erläuterung der gezielten Verwendung von Fremdwörtern, um das Denken zu betäuben, Vorhaben zu verdunkeln und ein weltoffenes Image vorzutäuschen.
2.6. Neologismen: Untersuchung der Wortneuschöpfungen, insbesondere im Kontext von Rasse und Volk, die das Ziel hatten, die deutsche Sprache ideologisch zu infizieren.
3. Schlusswort: Ein Fazit zur machtvollen Instrumentalisierung des Wortes durch die NS-Machthaber und die bleibende Gefahr der Sprachvergiftung für das gesellschaftliche Denken.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Sprachmanipulation, Propaganda, Euphemismen, Lingua Tertii Imperii, Rhetorik, Ideologie, Krakauer Zeitung, Sprachlenkung, Neologismen, Superlative, Indoktrination, Antisemitismus, totalitärer Sprachgebrauch, politische Sprache.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die systematische Manipulation der deutschen Sprache durch den Nationalsozialismus und wie diese zur weltanschaulichen Lenkung und Indoktrination der Bevölkerung eingesetzt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Feldern gehören die Verwendung von Euphemismen, die Militarisierung der Alltagssprache, die ideologische Umdeutung von Begriffen sowie die rhetorische Überhöhung durch Superlative und Pathos.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Sprache durch gezielte Eingriffe des NS-Regimes von einem Medium der Verständigung zu einem machtvollen Instrument der politischen Irreführung und Unterdrückung wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse von Texten und diskursiven Strukturen aus der "Krakauer Zeitung" sowie den Rückgriff auf namhafte linguistische Studien zur Sprache des Nationalsozialismus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Untersuchung sprachlich-stilistischer Merkmale wie wissenschaftliche Fachausdrücke, Euphemismen, Pathos, Fremdwörter und Wortneuschöpfungen, ergänzt durch zahlreiche Belege aus der zeitgenössischen Presse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Kernbegriffe sind Sprachmanipulation, Propaganda, Lingua Tertii Imperii, Ideologie, Sprachlenkung und nationalsozialistische Rhetorik.
Wie beeinflusste der NS-Sprachgebrauch das Denken der Bürger?
Durch die millionenfache Wiederholung von manipulierten Begriffen und die Verbindung mit starken Gefühlen wurden Denkstrukturen der Bevölkerung unbewusst verändert, was die Akzeptanz und Forderung der NS-Politik zur Folge hatte.
Warum wurde in der NS-Propaganda häufig auf religiöse Begriffe zurückgegriffen?
Durch die Verwendung von Begriffen aus dem sakralen Bereich, wie "Erlöser" oder "heilige Mission", sollte der politische Kampf in einen pseudoreligiösen Kontext gestellt und ein blinder Glaube statt Verstand eingefordert werden.
Welche Rolle spielten Euphemismen bei der Verschleierung von Verbrechen?
Euphemismen dienten dazu, grauenhafte Taten wie Massenmorde oder Deportationen sprachlich zu neutralisieren, indem man sie als administrative "Maßnahmen", "Säuberungen" oder "Umsiedlungen" umdeutete.
Wie unterscheidet sich die im Buch analysierte "Kriminelle Sprache" von anderen Stilen?
Die kriminelle Sprache wurde gezielt eingesetzt, um politische Gegner wie Juden, Polen oder Sowjetbürger zu diskreditieren, indem man sie mit Begriffen aus der Unterwelt wie "Banden", "Mörder" oder "Parasiten" belegte.
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- Radoslaw Lis (Author), 2009, Der spezifische Sprachgebrauch im Dritten Reich anhand der Krakauer Zeitung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121475