Bindungssicherheit und ihr Einfluss auf soziale Angst. Unter Berücksichtigung von Selbstwert und emotionaler Kompetenz


Masterarbeit, 2021

118 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Theorie
1.1 Einführung
1.2 Bindung
1.2.1 Bindungstheorie
1.2.2 Bindungsqualität im Kindesalter
1.2.3 Bindung und elterliches Erziehungsverhalten
1.2.4 Bindungsqualität im Erwachsenenalter
1.2.5 Bindungsstabilität
1.3 Soziale Angst
1.3.1 Definition
1.3.2 Diagnostische Kriterien der Sozialen Angststörung
1.3.3 Epidemiologie der Sozialen Angststörung
1.3.3.1 Prävalenz und Komorbiditäten der Sozialen Angststörung
1.3.3.2 Beginn und Verlauf der Sozialen Angststörung
1.3.4 Ätiologie und Risikofaktoren der Sozialen Angststörung
1.3.4.1 Genetische Faktoren
1.3.4.2 Temperamentsfaktoren
1.3.4.3 Soziale Faktoren
1.3.5 Störungstheorien und Erklärungsmodelle
1.3.5.1 Die Kognitive Theorie von Beck
1.3.5.2 Das Kognitive Modell von Clark und Wells
1.3.5.3 Interpersonelle Modelle
1.4 Selbstwert
1.4.1 Definition
1.4.2 Selbstwert und Selbstkonzept
1.4.3 Formen und Ausprägungen von Selbstwert
1.4.4 Optimaler Selbstwert
1.4.5 Prädiktoren und Einflussfaktoren von Selbstwert
1.5 Emotionale Kompetenz
1.5.1 Definition
1.5.2 Bereiche der emotionalen Kompetenz
1.5.3 Entwicklung emotionaler Kompetenz
1.5.4 Ursachen für Defizite in emotionaler Kompetenz
1.6 Aktueller Forschungsstand
1.6.1 Bindung und soziale Angst
1.6.2 Bindung und Selbstwert
1.6.3 Bindung und emotionale Kompetenz
1.6.4 Selbstwert und soziale Angst
1.6.5 Emotionale Kompetenz und soziale Angst
1.6.6 Selbstwert und emotionale Kompetenz
1.7 Fragestellungen und Hypothesen

2 Methoden
2.1 Stichprobenbeschreibung
2.2 Untersuchungsverfahren
2.2.1 Relationship Scales Questionnaire
2.2.2 SASKO – Fragebogen zu sozialer Angst und sozialen Kompetenzdefiziten
2.2.3 Frankfurter Selbstkonzeptskala zur allgemeinen Selbstwertschätzung
2.2.4 Emotionale-Kompetenz-Fragebogen
2.3 Untersuchungsdesign und Untersuchungsdurchführung
2.4 Auswertungsmethode

3 Ergebnisse
3.1 Deskriptive Ergebnisse
3.2 Inferenzstatistische Ergebnisse
3.3 Weiterführende Analysen

4 Diskussion
4.1 Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse
4.2 Inhaltliche Einordnung
4.3 Methodenkritische Diskussion
4.4 Fazit und Ausblick

I Literaturverzeichnis

II Anhang

Zusammenfassung

Das Ziel der vorliegenden Studienarbeit war es, den Effekt von Bindungssicherheit auf soziale Angst zu untersuchen. Außerdem wurde überprüft, ob und inwieweit der Selbstwert und die emotionale Kompetenz diesen Effekt mediierten. Dafür beantworteten 148 Versuchspersonen die deutsche Übersetzung des Relationship Scales Questionnaire (Griffin & Bartholomew, 1994; übersetzt von Mestel, 1994; Steffanowski, 2021), den SASKO – Fragebogen zu sozialer Angst und sozialen Kompetenzdefiziten (Kolbeck & Maß, 2009), die Frankfurter Selbstkonzeptskala zur allgemeinen Selbstwertschätzung (Deusinger, 1986) und den Emotionale-Kompetenz-Fragebogen von Rindermann (2009). Hypothese 1 postulierte Korrelationen zwischen Bindungssicherheit, sozialer Angst, Selbstwert und emotionaler Kompetenz und wurde in sechs Subhypothesen unterteilt. Die Bindungssicherheit korrelierte stark negativ mit sozialer Angst und stark positiv mit dem Selbstwert und der emotionalen Kompetenz. Die soziale Angst hing wiederum stark negativ mit dem Selbstwert und der emotionalen Kompetenz zusammen. Ebenfalls standen der Selbstwert und die emotionale Kompetenz in einem stark positiven Zusammenhang. Dementsprechend konnten die sechs Subhypothesen bestätigt werden. Es wurde zudem nachgewiesen, dass der Selbstwert den Effekt von Bindungssicherheit auf soziale Angst partiell mediierte, sodass Hypothese 2 bestätigt werden konnte. Ebenfalls erkläarte die emotionale Kompetenz teils den Effekt von Bindungssicherheit auf soziale Angst, weshalb auch Hypothese 3 als belegt gilt. Mittels weiterführender Analysen wurde nachgewiesen, dass die Angst vor Trennung stark positiv mit sozialer Angst korrelierte, wobei der Effekt vom Selbstwert und der emotionalen Kompetenz partiell mediiert wurde. Andererseits hing die Angst vor Nähe mittelstark positiv mit der sozialen Angst zusammen. Dieser Effekt wurde vom Selbstwert teils und von der emotionalen Kompetenz gänzlich mediiert.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1. Mediationsanalyse von Bindungssicherheit, Selbstwert und soziale Angst. *** p <.001

Abbildung 2. Mediationsanalyse von Bindungssicherheit, emotionale Kompetenz und soziale Angst. *** p <.001

Abbildung 3. Streuudiagramm Bindungssicherheit und soziale Angst

Abbildung 4. Histogramm Normalverteilung des Fehlers der Regression Bindungssicherheit auf soziale Angst

Abbildung 5. Histogramm Homoskedastizität der Regression Bindungssicherheit auf soziale Angst

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1. Vierkategoriales Modell der Bindungstheorie

Tabelle 2. Skalenmittelwerte SASKO

Tabelle 3. Skalenmittelwert FSSW

Tabelle 4. Skalenmittelwerte EKF

Tabelle 5. Korrelationen Bindungssicherheit, soziale Angst, Selbstwert, emotionale Kompetenz

1 Theorie

1.1 Einführung

Der Mensch ist ein soziales Wesen (Young, 2008) und somit kann das Bedürfnis nach Zugehörigkeit als das wichtigste menschliche Grundbedürfnis betrachtet werden (Baumeister & Leary, 1995). Dadurch überrascht es nicht, dass die Qualität von sozialen Beziehungen einer der wichtigsten Aspekte für die Lebenszufriedenheit sowie für die psychische und körperliche Gesundheit darstellt (Barger, S. D., Donoho, C. J. & Wayment, H. A., 2009; Holt-Lunstad, Smith & Layton, 2010). Ein zentraler Faktor, der das Eingehen von Beziehungen sowie das Verhalten innerhalb dieser, beeinflusst, ist der individuelle Bindungsstil der Person, welcher, kurz gesagt, das Bild, das man von sich selbst und von anderen hat, repräsentiert (Bowlby, 1969, 1973, 1980). Besitzt eine Person ein unangemessenes Bindungsmuster, also einen unsicheren Bindungsstil, dann wird sich dies dementsprechend auf deren zwischenmenschlichen Beziehungen auswirken.

Eine der psychischen Erkrankungen, die Menschen in ihrem sozialen Leben einschränkt und somit zu starken Beeinträchtigungen führt, ist die soziale Angststörung. Es handelt sich zusammenfassend um eine Störung, dessen Hauptmerkmal eine ausgeprägte und häufig vorkommende Angst vor sozialen Situationen oder Leistungssituationen, in denen mit anderen interagiert wird, ist (Fydrich, 2009). Die soziale Angststörung ist die zweit meist vorkommende Angststörung (Fehm, Pélissolo, Furmark & Wittchen, 2005; Kessler, Petukhova, Sampson & Zaslavsky, 2012), sodass ein gutes Verständnis dessen Störungsursachen, -entwicklung und aufrechterhaltung als zentral in der psychologischen Forschung und Praxis zu beurteilen ist. In Anbetracht dessen, dass der Anteil an unsichergebundenen Menschen in klinischen Stichproben doppelt so groß ist als in gesunden Stichproben (Bakermans-Kranenburg & van Ijzendoorn, 2009), scheint die Untersuchung des Einflusses der Bindungssicherheit auf die soziale Angst äußerst relevant zu sein.

Zwei weitere Konstrukte, die in dieser Studienarbeit behandelt werden sollen, und die vor allem in den letzten Jahren stark an Interesse gewonnen haben (Petermann & Wiedebusch, 2016; Tafarodi & Milne, 2002), sind der Selbstwert und die emotionale Kompetenz . Das Selbstwertgefühl hat dabei einen wichtigen Einfluss auf das Gesundheits- und Sozialverhalten und ein niedriger Selbstwert steht mit unterschiedlichen psychischen Störungen sowie internalisierenden und externalisierenden Problemen in Zusammenhang (Mann, Hosman, Schaalm & de Vries, 2004), während das Ausmaß an emotionaler Kompetenz mit Aspekten wie Wohlbefinden, einer besseren psychischen Gesundheit sowie befriedigenderen sozialen Beziehungen in Zusammenhang steht (Austin, Saklofske & Egan, 2005; Ciarrochi & Scott, 2006; Petrides, Pérez-González & Furnham, 2007; Schutte et al., 2001). Dadurch erscheint es angebracht, beide Konstrukte im Rahmen dieser Arbeit mitzuerheben und zu überprüfen, ob und inwieweit sie den Effekt von Bindungssicherheit auf die soziale Angst erklären können.

Einführend soll zuerst definiert werden, was man unter einer Bindung versteht. Danach werden die unterschiedlichen Bindungsmuster von Kindern dargestellt. Des Weiteren wird erläutert, wie das elterliche Erziehungsverhalten die Entstehung spezifischer Bindungsmuster beeinflusst. Danach werden die Bindungsmuster von Erwachsenen präsentiert und anschließend wird in die Bindungsstabilität vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter eingegangen. Dann folgt die Definition der sozialen Angst, die Darstellung der diagnostischen Kriterien der sozialen Angststörung und die Präsentation der diagnostischen Kriterien der sozialen Angststörung. Als Nächstes folgen die Vorstellung der wichtigsten Risikofaktoren für die Entwicklung einer sozialen Angststörung und die Beschreibung einiger Störungstheorien und Erklörungsmodelle. Der nächste Teil des Theoriekapitels widmet sich dem Selbstwert. Nach der Begriffsdefinition, wird das Selbstkonzept präsentiert und es wird erklärt, in welchem Zusammenhang es mit dem Selbstwert steht. Anschließend werden die unterschiedlichen Formen und Ausprägungen von Selbstwert beschrieben sowie die wichtigsten Prädiktoren und Einflussfaktoren von Selbstwert dargestellt. Im Anschluss daran wird in die emotionale Kompetenz eingegangen. Zuerst wird der Begriff definiert und dann werden die Bereiche, die die emotionale Kompetenz ausmachen, beschrieben. Nach Wiedergabe des Entwicklungsprozesses der emotionalen Kompetenz werden die wichtigsten Ursachen für emotionale Kompetenzdefizite dargestellt. Am Ende des Theorieteils werden sowohl der aktuelle Forschungsstand der Konstrukte als auch die Fragestellungen und Hypothesen präsentiert. Der Methodenteil beginnt mit einer Beschreibung der Stichprobe. Es folgt die Vorstellung der eingesetzten Erhebungsinstrumente und die Beschreibung des Untersuchungsdesigns und der Untersuchungsdurchführung, bevor die Auswertungsmethode erläutert wird. Der Ergebnisteil beginnt mit einer Darstellung der deskriptiven Ergebnisse. Danach werden die inferenzstatistischen Ergebnisse präsentiert, anhand welcher die Hypothesen beantwortet werden. Schließlich werden einige weiterführende Analysen vorgestellt. Den Abschluss der Arbeit bilden die Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse, die inhaltliche und methodenkritische Diskussion sowie das Fazit und der Ausblick.

1.2 Bindung

In diesem Kapitel wird zunächst das Thema Bindung erläutert. Es wird zuerst in die Bindungstheorie eingegangen, danach werden die Bindungsstile im Kindes- und Erwachsenenalter vorgestellt und es wird erklärt, wie diese zustande kommen. Schließlich wird der aktuelle Forschungsstand zur Bindungsstabilität vom Kleinkind- bis ins Erwachsenenalter präsentiert.

1.2.1 Bindungstheorie

Das Knüpfen von Bindungen gehört zur Natur des Menschen und ist dementsprechend zentral für eine günstige Entwicklung (Bowlby, 1977; Grossmann & Grossmann, 2014). Eine Bindung wird definiert als ein imaginäres Band, das zwischen zwei Menschen besteht, welches „in den Gefühlen verankert ist und das sie über Raum und Zeit hinweg miteinander verbindet“ (Ainsworth, 1979, zitiert nach Grossmann & Grossmann, 2014, S.71). Bindungen gehen mit starken Emotionen wie Liebe, Kummer und Trauer einher und unterscheiden sich von Beziehungen dadurch, dass sie über Zeit und Raum bestehen (Ainsworth, 1989; Bowlby, 1969, 1988).

Die erste Bindung, die ein Mensch aufbaut, ist die zu den primären Fürsorgepersonen, im Regelfall die Eltern. Diese Eltern-Kind-Bindung entwickelt sich vor allem in den ersten zwölf Lebensmonaten und hat die Funktion, dem Säugling die Behütung, Zuwendung und Unterstützung der Bezugsperson zu sichern (Bowlby, 1969). Obwohl sich Kinder an mehrere Personen binden können, gibt es im Regelfall eine Hierarchie der Bezugspersonen, in der es im Normalfall eine Hauptbezugsperson gibt, welche typischerweise die Mutter ist (Bowlby, 1969, Howes & Spieker, 2008).

Im Rahmen der Bindungstheorie wird die Annahme eines angeborenen Bindungssystems gemacht, dessen Funktion die Bewältigung von Bedrohungs- und Stresssituationen sowie die Bewahrung des Gefühls der Geborgenheit ist (Bowlby, 1969, 1973, 1980). Befindet sich das Kind in einer Stresssituationen, dann wird das System aktiviert, und das Kind zeigt spezifische Verhaltensweisen wie Weinen, Anklammern, Suchen oder Hinterherlaufen, die dazu dienen, die Geborgenheit und Nähe der Bezugsperson zu sichern. In der Bindungstheorie wird dieses Verhalten als Bindungsverhalten definiert und es ist wird so lange gezeigt, bis das Kind das Gefühl hat, sich in Sicherheit zu befinden, was typischerweise durch die Unterstützung der Bindungspersonen gelingt (Bowlby, 1969). Fühlt sich das Kind in Sicherheit, dann deaktiviert sich das Bindungssystem und das Bindungsverhalten schwindet.

Parallel zum Bindungssystem gibt es die Annahme eines Explorationssystems , das nur dann aktiviert wird, wenn das Bindungssystem zum selben Zeitpunkt deaktiviert ist (Bowlby, 1969). Ist das Explorationssystem aktiviert, dann widmet sich das Kind dementsprechend dem Explorationsverhalten, worunter nicht nur die Erforschung der Umgebung, sondern ebenfalls die der eigenen Gefühle zu verstehen ist (Gomille, 2011). Das Explorationsverhalten ist dabei mit Trennungsangst verbunden. Das Kind kann nur dann die Trennungsangst zur Bezugsperson überwinden, wenn es die wiederholte Erfahrung gemacht hat, dass die Bindungsperson verfügbar ist, falls das Kind Hilfe oder Unterstützung brauchen sollte, also wenn eine sichere Basis zur Bezugsperson besteht. Andernfalls wird das Explorationsverhalten beeinträchtigt (Brisch, 2005). Sowohl das Bindungs- als auch das Explorationsverhalten bleiben das ganze Leben über bestehen, es verändert sich lediglich die Art und Weise, wie sie zum Vorschein kommen. So ist bspw. die physische Nähe mit steigendem Alter des Kindes nicht mehr so ausschlaggebend wie die Gewissheit der Verfügbarkeit der Bindungspersonen und auch die Erforschung der Umwelt schafft das Kind mit zunehmend weniger Beihilfe der Eltern (Grossmann & Grossmann, 2014).

Schließlich besitzen Menschen ein angeborenes Fürsorgesystem, welches auf die Bedürfnisse des Kindes gerichtet ist und als Ziel die Befriedigung dieser Bedürfnisse hat. Zeigt das Kind Bindungsverhalten, dann aktiviert sich das Fürsorgesystem der Bezugsperson, was zu Fürsorgeverhalten führt, wie bspw. das Kind aufzunehmen, es zu streicheln oder zu wiegen, (Bowlby, 1969; George & Solomon, 1996). Diese Fürsorgeverhaltensweisen werden von früheren Fürsorgeerfahrungen bestimmt. Sie beinhalten Erfahrungen, die sowohl mit den eigenen Bindungspersonen als auch mit dem eigenen Kind gemacht wurden. Im Laufe der Zeit werden diejenigen, die sich um das Kind und dessen Bedürfnisbefriedigung kümmern, allmählich zu dessen Bezugspersonen (Grossmann & Grossmann, 2014).

Ab dem ersten Lebensjahr entstehen beim Kind durch wiederholte Erfahrungen mit den bedeutendsten Bezugspersonen Erwartungen und Einstellungen gegenüber Beziehungen, im Bezug darauf, ob man für es verfügbar ist und in welcher Form auf dessen Bedürfnisse reagiert wird (Bowlby, 1969, 1973). Diese Erwartungen festigen sich zunehmend und es werden mit der Zeit generalisierte Erwartungen entwickelt, sogenannte internale Arbeitsmodelle (Bowlby, 1973). Die Funktion dieser inneren Arbeitsmodelle ist es, durch wiederholte Erfahrungen mit der Bezugsperson die Reaktionen dieser vorhersagen zu können und bewährte Verhaltensweisen künftig wieder auszuführen. Zudem kann das Kind durch die Entwicklung der internalen Arbeitsmodelle von nun an Trennungen von der Bindungsperson ertragen, da es idealerweise gelernt hat, dass die Bezugsperson verfügbar ist und sein wird, selbst dann, wenn sie sich nicht in Anwesenheit befindet (Bowlby, 1973). Die internalen Arbeitsmodelle beinhalten am Anfang ausschließlich eine Repräsentation von anderen, mit der Zeit entsteht aber ebenso ein Bild von sich selbst (Bowlby, 1973). Beispielsweise wird ein mit Zuneigung und Fürsorge erzogenes Kind sich selbst als liebenswert wahrnehmen, und die Erwartung haben, in zukünftigen Beziehungen mit Liebe und Respekt behandelt zu werden. Somit bildet die Eltern-Kind-Beziehung den Grundbaustein für alle späteren Bindungsbeziehungen und obgleich sich die internalen Arbeitsmodelle durch spezifische Erfahrungen mit anderen Bezugspersonen sowie bestimmten Erlebnissen, hauptsächlich in den Jahren der Unreife (Säuglings- bis Jugendalter) noch verändern können, bleiben sie danach meistens stabil und unbewusst (Bowlby, 1973, 1980).

1.2.2 Bindungsqualität im Kindesalter

Jedes Kind entwickelt im Laufe der Zeit ein spezifisches Bindungsmuster , je nachdem, wie das Verhalten der Eltern dem Kind gegenüber aussieht. Es wird im Allgemeinen zwischen vier verschiedenen Bindungsstilen unterschieden: sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent (Ainsworth, Blehar, Waters & Wall, 1978) und desorganisiert-desorientiert (Main & Solomon, 1986). Das individuelle Bindungsmuster wird bei Kleinkindern anhand des Fremde-Situations-Test (Ainsworth et al., 1978) bestimmt. Der Test besteht aus mehreren Abschnitten, in denen das Kind von der Bezugsperson getrennt wird. Die Aufmerksamkeit liegt dabei auf dem Verhalten des Kindes nach der Trennung und nach der Wiedervereinigung mit der Bezugsperson sowie auf dem Explorations- und dem Interaktionsverhalten des Kindes mit der fremden Person während der Trennungssituation. Mit zunehmendem Alter werden andere Verfahren eingesetzt, die Klassifizierung der Bindungsstile bleibt jedoch identisch.

Kinder mit einem sicheren Bindungsmuster vermissen die Bezugsperson bei Trennungen, sind von der fremden Person nicht zu beruhigen und zeigen Freude bei der Wiederkehr der Bezugsperson. Die Bindungsperson bildet eine sichere Basis für das Kind, sodass es keine Einschränkungen im Explorationsverhalten erlebt, weil es weiß, dass die Bezugsperson verfügbar sein wird, sollte es Unterstützung brauchen (Ainsworth et al., 1978). Unsicher-vermeidende Kinder zeigen während den Trennungssituationen keine Beunruhigung, sondern beschäftigen sich eher mit der Exploration der Umgebung. Diese Kinder zeigen sich sowohl gegenüber der fremden Person als auch gegenüber der Bezugsperson desinteressiert und auch bei der Wiedervereinigung mit der Bindungsperson werden Nähe und Interaktion mit dieser gemieden (Ainsworth et al., 1978). Kinder, die einen unsicher-ambivalenten Bindungsstil besitzen, haben schon vor der Trennung der Bezugsperson ein aktiviertes Bindungssystem, was das Explorationsverhalten des Kindes beeinträchtigt, da es aktiv die Nähe und den Schutz der Bezugsperson sucht. Während der Trennungssituation verhalten sich diese Kinder gegenüber der fremden Person zornig oder passiv. Bei der Rückkehr der Bezugsperson verhalten sie sich ihr gegenüber aggressiv oder aufgebracht und der Bindungsperson gelingt es kaum, das Kind zu trösten (Ainsworth et al., 1978). Desorganisiert-desorientierte-gebundene Kinder weisen desorganisierte Verhaltensweisen auf. Dies zeigt sich in stereotypen Verhaltensmustern, inkonsistentem Verhalten sowie plötzlichem „Einfrieren“ in ihrem Verhalten (Main & Solomon, 1986).

Die Verteilung der Bindungsmuster bei deutschen Kindern sieht folgendermaßen aus: 58% besitzen ein sicheres Bindungsmuster, etwas mehr als ein Drittel (35%) einen unsicher-vermeidenden Bindungsstil, 8% ein unsicher-ambivalentes Bindungsmuster und lediglich eines von jeden 20 Kindern besitzt einen desorganisierten-desorientierten Bindungsstil (Thompson, 1998).

1.2.3 Bindung und elterliches Erziehungsverhalten

Für das Entstehen einer sicheren Bindung zwischen dem Kind und der Bezugsperson ist es ausschlaggebend, dass die Bindungsperson feinfühlig auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert. Unter Feinfühligkeit ist die Qualität der Reaktionen der Bezugsperson auf das Verhalten des Kleinkindes zu verstehen. Das Kind kann nur dann eine sichere Bindung zur Bezugsperson entwickeln, wenn diese dessen Gefühle, Verhalten, Äußerungen und Bedürfnisse richtig wahrnimmt, interpretiert sowie prompt und angemessen darauf reagiert. Nur so kann das Kind lernen, dass auf dessen Bedürfnisse eingegangen wird, was dazu führt, dass es sich bei der Person in Sicherheit fühlt (Ainsworth, Bell & Stayton, 1974; Fonagy & Target, 2003). Dafür ist es ausschlaggebend, dass die Bezugsperson im frühen Kindesalter stets anwesend ist, denn einerseits kann nur so die Bezugsperson feinfühlig reagieren und andererseits gibt die physische Nähe dem Kind ein Gefühl der Sicherheit (Grossmann, 2000). Mit der Zeit ist die physische Anwesenheit der Bezugsperson nicht mehr so wichtig, sondern eher die Gewissheit, dass die Bindungsperson verfügbar sein wird, sollte das Kind Unterstützung brauchen (Bowlby, 1988). Dabei bedeuten „Feinfühligkeit und Unterstützung ... sowohl eine Wertschätzung von Exploration und Autonomie als auch von Verbundenheit und darüber hinaus die Respektierung, Akzeptanz und Berücksichtigung der Wünsche, Gefühle und Absichten des Partners“ (Grossmann & Grossmann, 2014, S. 627). Sind die Unterstützung und Anwesenheit der Bindungsperson ungenügend, nicht regelmäßig oder unpassend, dann entwickelt das Kind Vermeidungsstrategien oder Widerstände ihr gegenüber, was wiederum vermutlich zur Entstehung eines unsicheren Bindungsmusters führt (Ahnert, 2008; Brisch, 2005; Grossmann, 2000). Weitere Faktoren, die neben der Feinfühligkeit eine wichtige Rolle bei der Entwicklung eines sicheren Bindungsstils spielen, sind die Gegenseitigkeit und Gleichzeitigkeit im Interaktionsverhalten, die Anregung/Stimulation des Kindes, eine positive Haltung sowie die emotionale Wärme, die das Kind bekommt (De Wolff & van Ijzendoorn, 1997). Eine sichere Eltern-Kind-Bindung ist charakterisiert durch eine Förderung positiver Gefühle des Kindes sowie einer Minimierung negativer Gefühle, Trost, Liebe, Kontaktbegehren, Unterstützung und prosoziales Verhalten (Bowlby, 1988; Bowlby, 1995).

Bei unsicher-vermeidenden Kindern verhält sich die Bindungsperson zurückweisend. Sie geht auf die Bedürfnisse des Kindes nicht ein oder dessen Verlangen nach Nähe und Trost werden abgelehnt. Charakteristisch dieser Eltern sind eine mangelnde Affektäußerung, Verweigerung sowie Meidung von Körpernähe und ein regelmäßiges Aufzeigen von Ärger. Durch dieses Verhalten entsteht die Erwartung beim Kind, dass es von der Bindungsperson lediglich Ablehnung und keine Unterstützung erwarten kann. Dies führt dazu, dass das Kind Bindungsverhalten unterdrückt und es versucht von nun an, in Stresssituationen dessen Emotionen zu verbergen, und Belastungen selbstständig, ohne Unterstützung und Zuneigung, zu bewältigen (Bowlby, 1988).

Bei unsicher-ambivalenten Kindern verhält sich die Bindungsperson dem Kind gegenüber ambivalent. Sie geht in die Bedürfnisse nur unregelmäßig ein, zeigt manchmal Liebe, andere Male ignoriert sie das Kind oder reagiert böse auf dessen Bedürfnisse. Durch dieses ambivalente Verhalten ist das Kind übermäßig damit beschäftigt, die Aufmerksamkeit auf die Emotionen der Bezugsperson zu richten, da es nicht in der Lage ist, richtig vorauszusagen, wie die Reaktion der Bindungsperson sein wird. Diese fehlende Vorhersagbarkeit führt zudem dazu, dass das Kind Trennungsängste entwickelt, was zu einem häufiger aktivierten Bindungssystem führt, was gleichzeitig das Explorationsverhalten beeinträchtigt (Bowlby, 1988).

Kinder mit einem desorganisierten-desorientierten Bindungsmuster lenken genauso wie unsicher-ambivalente Kinder stark die Aufmerksamkeit auf das Verhalten der Bindungsperson, da diese beim Kind Angstzustände auslöst (Fonagy & Target, 2003). Als Ursachen für diesen Bindungsstil gelten vor allem neurologische Defekte, spezifische Beziehungstraumata wie Misshandlung oder Vernachlässigung und das Vorliegen einer psychischen Erkrankung der Hauptbezugsperson, wie bspw. Depression oder Drogenabhängigkeit (Grossmann & Grossmann, 2014).

Im Regelfall bekommt die Mutter die Rolle der Hauptbezugsperson, während der Vater die sekundäre Bindungsperson darstellt. Die Rolle des Vaters kann zwar als komplementär betrachtet werden, ist aber dennoch sehr wichtig für die Kindesentwicklung. Während die Anwesenheit der Mutter vor allem dann bedeutend ist, wenn das Kind Bindungsverhalten zeigt, liegt die Rolle des Vaters eher darin, das Kind in anderen Bereichen zu unterstützen und dessen Exploration in angemessener Weise herauszufordern. Die Mutter bildet somit einen sicheren Hafen für das Kind, wenn es in Unruhe ist und der Vater begleitet hauptsächlich das Kind beim Spielen und regt es dazu an, mit Hindernissen umzugehen (Grossmann et al., 2002). Diese Unterstützung und Herausforderung hängen mit der Bindungssicherheit des Kindes im Kindes- und Jugendalter zusammen (Grossmann et al., 2002) und die Ermunterung zur Autonomie im Kindesalter fördert die Entwicklung eines sicheren partnerschaftlichen Bindungsmusters in der Zukunft (Kennedy, 1999), sodass das Explorationsverhalten als ausschlaggebend für die Entwicklung eines sicheren Bindungsstils zu betrachten ist (Bowlby, 1988).

1.2.4 Bindungsqualität im Erwachsenenalter

Genauso wie bei Kindern sind bei Erwachsenen vier Bindungsstile nachweisbar (Collins & Read, 1990). Wie bereits erwähnt, entwickeln sich im Laufe der Zeit internale Arbeitsmodelle, in denen vergangene Bindungserfahrungen beinhaltet sind und die zwei Dimensionen enthalten: Das Bild vom Selbst und das Bild von Anderen. Je nach Erfahrungen bildet das Kind allmählich ein positives oder negatives Selbst- und Fremdbild (Bowlby, 1973). Mittels einer Kombination niedriger und hoher Werte auf beiden Dimensionen des Selbst- und Fremdbildes lassen sich vier Bindungsmuster ableiten, die analog zu denen im Kindes- und Jugendalter sind: sicher, anklammernd, abweisend und ängstlich-vermeidend. Die Merkmale der einzelnen Bindungsmuster zeigen sich in den Verhaltensweisen in, sowie Erwartungen gegenüber Beziehungen (Bartholomew & Horowitz, 1991). Dieses Konzept ist als Vierkategoriales Modell bekannt (Tabelle 1). Die Unterteilung der Bindungsmuster sowie die zwei kontinuierlichen Dimensionen, die gering miteinander korrelieren, konnten nachgewiesen werden (Griffin & Bartholomew, 1994; Grau, 1999). Inhaltlich unterschieden sich jedoch die Bezeichnungen der zwei Dimensionen von denen, die Bowlby vorschlug. Eine Dimension steht in Bezug auf Ängstlichkeit in Beziehungen ( Angst vor Trennung vs. Keine Angst vor Trennung bzw. Selbstsicherheit ) wohingegen die andere das Bindungsverhalten abbildet ( Suche nach Nähe vs. Vermeidung von Nähe ). Eine geringe Angst vor Trennung reflektiert demnach ein positives Selbstwertgefühl, welches nicht von der Validierung anderer abhängig ist, während sich eine ausgeprägte Angst vor Trennung darin zeigt, dass der Selbstwert nur durch die Validierung anderer aufrechterhalten werden kann. Andererseits spiegelt die Angst vor Nähe wider, in welchem Ausmaß die Person aufgrund von Erwartung negativer Konsequenzen engen Kontakt zu anderen meidet (Bartholomew & Horowitz, 1991).

Tabelle 1. Vierkategoriales Modell der Bindungstheorie (Bartholomew und Horowitz, 1991), in Anlehnung an Steffanowski et al. (2001)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei einer sicheren Bindung ist das Modell von sich selbst und von anderen positiv. Personen mit einem sicheren Bindungsmuster erleben sich selbst als liebenswert, sodass sie wenig Furcht davor haben, in Beziehungen keine Liebe zu erhalten und wenige Verlassensängste aufweisen. Auch ohne partnerschaftlichen Beziehungen sind Sichergebundene zufrieden und haben wenig Angst davor, allein zu bleiben. Dadurch, dass sie andere als vertrauenswürdig halten und die Erfahrung gemacht haben, dass sie Unterstützung von anderen erhalten werden, zeigen sie offen ihr Bedürfnis nach Nähe und versuchen nicht, dieses zu unterdrücken. Durch diese Eigenschaften haben sie keine Probleme dabei, Beziehungen und Nähe zu anderen aufzubauen (Bartholomew & Horowitz, 1991).

Die Merkmale des anklammernden Bindungsstils sind ein negatives Selbst- und positives Fremdbild. Anklammernde Menschen sehnen sich stets nach intimen Beziehungen, weil sie sich bei Abwesenheit dieser unwohl fühlen. Durch ihr niedriges Selbstwertgefühl und dadurch, dass sie glauben, nicht liebenswürdig zu sein, haben sie ebenfalls Verlassensängste, was dazu führt, dass sie sich in nahen Beziehungen anklammernd verhalten und den Wunsch haben, mit dem Partner/der Partnerin zu „verschmelzen“. Dieses anklammernde Verhalten führt nicht selten dazu, dass sie Widerstände gegen ihren ausgeprägten Wunsch nach Nähe erleben oder dass die Person das Eingehen intimer Beziehungen gänzlich meidet, weil sie negative Erwartungen an diese hat (Bartholomew & Horowitz, 1991). Der anklammernde Bindungsstil im Erwachsenenalter ist mit dem unsicher-vermeidenden Bindungsmuster in der Kindheit gleichzusetzen.

Personen mit einem abweisenden Bindungsmuster besitzen ein positives Selbst- und ein negatives Fremdbild. Abweisende Menschen ziehen es vor, keine enge Beziehungen einzugehen, hingegen ist es für sie wichtig, sich selbstständig zu fühlen. Der Abweisende meidet also wie der Anklammernde Beziehungen, aber die Ursachen sind unterschiedlich: Menschen mit einem abweisenden Bindungsmuster zeigen wenig Interesse daran, enge Beziehungen einzugehen, während Personen mit einem anklammernden Bindungsstil aus Angst vor dem Verlassensein keine Beziehungen eingehen (Bartholomew & Horowitz, 1991). Das abweisende Bindungsmuster im Erwachsenenalter ist mit dem unsicher-vermeidenden Bindungsstil im Kindesalter analog.

Ein negatives Bild von sich selbst und von anderen ist kennzeichnend für ein ängstlich-vermeidendes Bindungsmuster, was sich in einer Angst sowohl vor Nähe als auch vor Trennung reflektiert. Sie empfinden sich nicht als liebenswürdig und erleben enge Beziehungen teils als sehr unangenehm. Trotzdem sehnen sie sich oft nach Beziehungen, das Eingehen dieser fällt ihnen jedoch wegen ihrer Vetrauensprobleme und der Angst, verletzt zu werden, schwer. Aufgrund dieser Ängste meiden sie oft Beziehungen (Bartholomew & Horowitz, 1991).

Eine Metaanalyse von Bakermans-Kranenburg und van Ijzendoorn (2009) ergab, dass in nicht-klinischen Stichproben die Hälfte der Teilnehmenden ein sicheres Bindungsmuster aufwies. Fast ein Viertel (24%) besaß einen abweisenden Bindungsstil, 16% ein unverarbeitetes/nicht klassifizierbares Bindungsmuster (ängstlich-vermeidend) und 9% einen unsicher-verstrickten Bindungsstil (anklammernd).

1.2.5 Bindungsstabilität

Wie bereits erläutert wurde, entwickelt das Kind durch Erfahrungen mit den wichtigsten Bezugspersonen innere Arbeitsmodelle, die sich zunehmend verfestigen. Trotz dieser Verfestigung sind diese Arbeitsmodelle durch Beziehungserfahrungen und spezifischen Ereignissen veränderbar, vor allem in den Jahren der Unreife (Bowlby, 1973). Um dies zu überprüfen, werden im Folgenden Forschungsbefunde präsentiert, die die Bindungsstabilität vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter untersuchten.

In der Forschung gibt es widersprüchliche Ergebnisse, was die Bindungsstabilität angeht. Einerseits gibt es Studien, die eine Bindungsstabilität unterstützen, wie die von Collins und Read (1990), in der nachgewiesen wurde, dass eine sichere Mutter-Kind-Bindung mit mehr Vertrauen und weniger Angst vor Nähe im Erwachsenenalter in Verbindung steht, gegensätzlich zu einer unsicheren Mutter-Kind-Bindung. Zudem korrelierte eine sichere Vater-Kind-Bindung mit mehr Vertrauen und geringerer Ängstlichkeit in zukünftigen Partnerschaften. Ebenso zeigte sich in einer Studie von Bartholomew und Horowitz (1991), dass die Qualität der Eltern-Kind-Bindung mit der Bindungsqualität in zukünftigen Freundschaften korrelierte, was eine gewisse Bindungsstabilität belegt. Ergebnisse einer weiteren Studie konnten ebenso eine Bindungsstabilität vom Kleinkindes- bis zum Erwachsenenalter bei fast drei Vierteln (72%) der Teilnehmenden in einem Zeitraum von 20 Jahren nachweisen (Waters, Merrick, Tretboot, Crowell & Albersheim, 2000). In dieser Studie wurde jedoch angemerkt, dass die meisten Teilnehmenden in dem Zeitraum keine neuen Bindungserfahrungen gemacht hatten, die zu einer Änderung des Bindungsmusters beigetragen haben könnten. Weitere Studien, die die Bindungsstabilität im Erwachsenenalter untersuchte, konnten nachweisen, dass diese sehr hoch ist (Benoit & Parker, 1994; Crowell, Treboux & Waters, 2002; Steele, Perez, Segal & Steele, 2015).

Andererseits gibt es eine handvoll an Studien, die gegen eine Bindungsstabilität sprechen. Ergebnisse einer Langzeitstudie, die das Bindungsmuster von der Kindheit bis ins mittlere Erwachsenenalter untersuchte, zeigten, dass lediglich 25% der Teilnehmenden den gleichen Bindungsstil in allen Lebensphasen aufwies (Skolnick, 1986). Die Schlussfolgerung der Studie lautet, dass Partnerschaften im Erwachsenenalter teils mit den Bindungserfahrungen mit den Eltern im Kindes- und Jugendalter korrelieren, dieser Zusammenhang jedoch niedrig ausgeprägt sei. Ebenso konnte in der Bielefelder und Regensburger Längsschnittstudie keine klare Bindungsstabilität nachgewiesen werden (Grossman & Grossmann, 2014) und gleichfalls unterstützen die Ergebnisse neuerer Studien in den USA und Großbritannien nicht die Annahme einer signifikanten Bindungskontinuität von der Kindheit bis zur späten Pubertät (Fearon, Shmueli-Goetz, Viding, Fonagy & Plomin, 2014; Groh et al., 2014).

Diese gegensätzlichen Ergebnisse deuten auf individuelle Unterschiede in der Bindungsstabilität hin. Einige wichtige Faktoren, die zu einer Diskontinuität des Bindungsstils führen könnten, sind: kritische Lebensereignisse in der Kindheit und Jugend, die Stabilität der Umgebung, die Bindungsqualität an andere Menschen und die Qualität der Kommunikation zu den Eltern (Thompson, 2000). Die Ergebnisse, dass es teilweise eine Bindungsstabilität von der Kindheit bis zum frühen Erwachsenenalter gibt, und dass das Bindungsmuster im Erwachsenenalter sehr oft beibehalten wird, sprechen für Bowlbys Ansichten, dass die internalen Arbeitsmodelle während der Kindheit und Jugend durch Erfahrungen und Beziehungen häufig noch veränderbar sind, sich aber dann mit der Zeit zunehmend verfestigen.

1.3 Soziale Angst

In diesem Kapitel soll die soziale Angst näher beleuchtet werden. Zuerst wird definiert, was unter sozialer Angst zu verstehen ist und welche die Kriterien einer sozialen Angststörung sind. Danach wird in die Epidemiologie der Störung eingegangen, bevor die wichtigsten Risikofaktoren dargestellt werden. Schließlich erfolgt eine Erläuterung der wichtigsten Störungstheorien und Erklärungsmodelle der sozialen Angststörung.

1.3.1 Definition

Die meisten gesunden Menschen haben schon einmal leichte Formen bzw. Symptome sozialer Angst erlebt, wie bspw. die Angst davor, von anderen abgelehnt zu werden oder die Angst, vor Unbekannten zu sprechen. Bei der Angst handelt es sich um eine der bedeutendsten Grundemotionen, deren Funktion es ist, das Überleben zu sichern, indem die Aufmerksamkeit auf potenzielle Bedrohungen gerichtet wird (Amelang & Bartussek, 2001; Krohne, 1996). Ängste sind evolutionär bedingt und werden gleichzeitig transgenerational weitergegeben (Hoyer & Härtling, 2019). Obwohl sich Ängste häufiger auf lebensbedrohliche Situationen wie Angst vor Schlangen oder Naturereignissen beziehen, beschränken sich diese nicht ausschließlich auf physische Bedrohungen, sondern können auch entstehen, wenn z. B. die Gruppenzugehörigkeit oder die Akzeptanz von anderen gefährdet ist. Da für den sozialen Erfolg und Status die Meinung anderer ausschlaggebend ist, können deren Reaktionen auf Wünsche oder Verhalten als beängstigend, verletzend und gefährlich erlebt werden (Hoyer & Härtling, 2019). Die Angst zeigt sich dabei auf kognitiver Ebene (Gedanken, Annahmen, Einstellungen), auf behavioraler Ebene (Vermeidungsverhalten) und auf physiologischer Ebene (bspw. Herzschlag, Atemfrequenz).

Wie bereits erwähnt, haben die meisten gesunden Personen irgendwann im Leben nicht ausgeprägte Formen sozialer Angst schon einmal erlebt. Wenn die Angst jedoch pathologisch ist, die Symptome der sozialen Angst also zu ausgeprägt und vielfältig sind sowie zu Leiden und Beeinträchtigungen in der Lebensführung führen, dann spricht man von sozialer Angststörung (SAS) , sozialer Phobie, Sozialphobie oder soziale Angst im klinisch relevanten Sinn. Bei dieser Störung handelt es sich um eine „ausgeprägte Angst vor der Beurteilung durch andere Menschen, häufig in Leistungssituationen. Die angstauslösenden Situationen werden vermieden oder nur unter intensiver Angst ertragen“ (Dorsch, 2021). Welche Kriterien erfüllt werden müssen, um von einer sozialen Angststörung zu sprechen, wird im Folgenden erläutert.

1.3.2 Diagnostische Kriterien der Sozialen Angststörung

In diesem Abschnitt werden die diagnostischen Kriterien der Sozialen Angststörung nach DSM-5 (APA, 2015) dargestellt. Die zentrale Eigenschaft der Sozialen Angststörung ist „eine ausgeprägte oder intensive Furcht oder Angst vor sozialen Situationen, in denen die Person durch andere [negativ] beurteilt werden könnte.“ (APA, 2015, S.275) (Kriterium A). Einige Befürchtungen sind, von anderen als langweilig, unklug oder unerträglich wahrgenommen zu werden, sich komisch zu verhalten oder komisch zu erscheinen und dass andere die auftretenden Angstsymptome wie bspw. Zittern oder Erröten bemerken und negativ beurteilen könnten (Kriterium B). Die sozialen Situationen führen praktisch genommen immer zu einem Furcht- oder Angstgefühl, wobei die Ausprägung und Art der Angst je nach Situation variieren kann (Kriterium C). Die furchterregenden sozialen Situationen werden dann entweder unter extremer Angst ausgehalten, oder die Situation wird gemieden, was häufiger der Fall ist. Die Ausprägung des Vermeidungsverhaltens kann von sehr diskret (bspw. eine übertriebene Textvorbereitung für einen Vortrag) bis sehr umfangreich (z. B. gänzliche Meidung sozialer Situationen) sein (Kriterium D). Des Weiteren sind die Befürchtungen im Hinblick auf die tatsächliche Gefahr als übertrieben einzustufen (Kriterium E). Zur Abgrenzung gegenüber nicht-klinischer sozialer Ängste sollte die Störung einen langhaltenden Verlauf haben. Als Richtwert wird eine Störungsdauer von länger als ein halbes Jahr angegeben (Kriterium F). Die Symptomatik führt zu einer bedeutenden Beeinträchtigung der Lebensführung, im Beruf oder in der Schule oder zu einer Einschränkung sozialer Aktivitäten oder Kontakten oder zu klinisch relevanten Leiden (Kriterium G). Außerdem muss überprüft werden, dass die Symptomatik nicht Folge von Substanzkonsum oder eines medizinischen Störungsfaktors (Kriterium H) oder einer anderen psychischen Erkrankung ist (Kriterium I). Sollte ein weiterer medizinischer pathologischer Faktor vorliegen, dann darf dieser nicht in Zusammenhang mit der Störungssymptomatik stehen oder die Angstsymptomatik tritt zeitlich eindeutig vorher auf (Kriterium J).

Schließlich muss bestimmt werden, ob die soziale Angst lediglich in Leistungssituationen auftritt oder ob ebenfalls in Interaktionssituationen. Personen mit einer sozialen Angststörung zeigen im Regelfall erhöhte Werte in beiden Situationen, meistens gibt es jedoch einen Hauptproblembereich (Hoyer & Härtling, 2019). Betroffene, bei denen sich die soziale Angst ausschließlich in Leistungssituationen zeigt, haben vor allem Beeinträchtigungen bei der Ausführung des eigenen Jobs bzw. im akademischen Bereich oder bei der Ausführung von Tätigkeiten, bei denen eine Leistungserbringung oder ein Sprechen vor Dritten erfordert wird. Im Unterschied zu gesunden Personen empfinden jedoch Menschen mit einer sozialer Angststörung auch „unbedeutende“ Situationen wie bspw. unter Beobachtung zu telefonieren als Leistungssituation (Hoyer & Härtling, 2019). Als Interaktionssituationen werden die Situationen verstanden, die sich auf den persönlichen Kontakt beziehen, wie bspw. eine fremde Person anzusprechen oder ein Gespräch mit dem Arzt zu führen. Diese Angst vor persönlichem Kontakt beschränkt sich nicht ausschließlich auf die Kontaktnahme zu Fremden, sondern kann ebenso beim Kontakt zu nahestehenden Menschen vorkommen. Führt der Kontakt zu einem starken Angstgefühl, dann werden diese Situationen häufig gemieden. Diese Angst ist zudem oftmals ausgeprägter, wenn es um den Kontakt zum anderen Geschlecht geht. Vor allem haben Sozialphobiker*innen Schwierigkeiten dabei, Gespräche zu initiieren und aufrechtzuerhalten, was zu Schwierigkeiten bei der Partnersuche führt (Hoyer & Härtling, 2019).

1.3.3 Epidemiologie der Sozialen Angststörung

1.3.3.1 Prävalenz und Komorbiditäten der Sozialen Angststörung

Die Lebenszeitprävalenz der Sozialen Angststörung wird auf 6 bis 13,7% geschätzt, während die 12-Monatsprävalenz bei 2-7,9% liegt (Fehm, Beesdo, Jacobi & Fiedler, 2008; Jacobi et al., 2014; Ruscio et al., 2008). Die 12-Monatsprävalenz im Kindes- und Jugendalter beträgt laut unterschiedlichen Studien aus verschiedenen Länder 1,4 bis 5,2% (Canino et al., 2004; Ranta, Kaltiala-Heino, Pelkonen & Marttunen, 2009; Wittchen, Stein & Kessler, 1999). Ab der Pubertät steigen dann die Prävalenzraten, und in den ersten 30 Lebensjahren erkrankt ca. 7% der Bevölkerung (Beesdo-Baum et al., 2015). Sowohl im Kindes- als auch im Jugend- und Erwachsenenalter liegt die Prävalenzrate beim weiblichen Geschlecht um 1,5- bis 2-fach höher als beim männlichen Geschlecht (Beesdo et al., 2007; Gren-Landell et al., 2009).

In den meisten Fällen leiden Menschen mit einer Sozialen Angststörung auch an einer anderen psychischen Erkrankung. In einer Studie von Acarturk, de Graaf, van Straten, ten Have und Cuijpers (2008) wiesen 2/3 der Betroffenen einer Bevölkerungsstichprobe mindestens eine psychische Komorbidität auf. Häufig vorkommende Komorbiditäten sind weitere Angststörungen, affektive Störungen, Persönlichkeitsstörungen und Substanzstörungen, vor allem Alkohol- und Cannabiskonsum. Besonders häufig treten komorbid die Generalisierte Angststörung, die Depression und Dysthymie auf (Schmitz & Hoyer, 2019). Laut Merikangas und Angst (1995) geht dabei die soziale Phobie meistens den komorbiden Störungen voraus. Bei komorbiden affektiven Störungen sei dies bei 95% der Betroffenen der Fall, bei komorbiden anderen Angststörungen liege die Zahl bei 80-90% und bei der Alkoholkonsumstörung bei 65%. Ausschließlich bei der Spezifischen Phobie sei dies eher nicht der Fall; bei etwas über 50% der Fälle gehe de Spezifische Phobie der Sozialen Angststörung voraus.

1.3.3.2 Beginn und Verlauf der Sozialen Angststörung

Die soziale Phobie beginnt meistens im Jugend- und frühen Erwachsenenalter, wobei im Alter von 11 bis 20 Jahren das größte Risiko besteht, die ersten Anzeichen einer Sozialen Angststörung zu entwickeln (Acarturk, Cuijpers, van Straten & de Graaf, 2009; Beesdo et al., 2007). Eine Soziale Phobie entwickelt sich in drei von vier Fällen vor dem 16. Lebensjahr (Stangier, Heidenreich & Peitz, 2003), eine Ersterkrankung nach dem 18. Lebensjahr ist dagegen unüblicher (Acarturk et al., 2009; Beesdo et al., 2007), obwohl über einzelne Fälle einer Ersterkrankung bis zur 5. Lebensdekade berichtet worden ist (Fehm & Knappe, 2011). Das Durchschnittsalter bei Beginn der SAS wird auf ungefähr 15 Jahre geschätzt (Knappe, Beesdo, Fehm, Lieb & Wittchen, 2009).

Retrospektive Erhebungen und epidemiologische Studien zeigen Hinweise darauf, dass soziale Angststörungen im Regelfall chronisch verlaufen, meist über Jahrzehnte lang (Davidson, Hughes, George & Blazer, 1993; DeWit, Ogborne, Offord & McDonald, 1999). Den Verlauf charakterisieren häufige Auf- und Ab-Phasen; eine spontane Heilung ist eher die Ausnahme (Stangier, Heidenreich & Peitz, 2003). Prospektive Längsschnittstudien deuten zwar darauf hin, dass es eine geringe Kontinuität der Störung auf diagnostischer Ebene gibt, aber dass nichtsdestotrotz eine Fortdauer der Symptomatik besteht, was auf eine gewisse Stabilität der Störung hindeuten würde (Keller, 2003; Müller, 2002). Somit präsentieren viele Betroffene zwar nicht mehr das Vollbild der Sozialen Angststörung, haben aber noch erhebliche soziale Ängste, welche zu Behinderungen und Beschränkungen führen (Fehm et al., 2008). Es gibt eine Reihe an Faktoren, die die Störungsdauer und deren Verlauf beeinflussen. So scheinen ein frühes Erkrankungsalter, eine ausgeprägte Symptomatik und Komorbiditäten einen chronischen Verlauf zu begünstigen (Beesdo-Baum et al., 2012; Davidson, Hughes, George & Blazer, 1993).

1.3.4 Ätiologie und Risikofaktoren der Sozialen Angststörung

Im Folgenden werden die wichtigsten Faktoren und Merkmale dargestellt, die bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der SAS eine wichtige Rolle spielen. Zuerst werden genetische Risikofaktoren präsentiert, gefolgt von der Darstellung von Temperamentsfaktoren dargestellt, die die Entstehung einer SAS begünstigen können. Schließlich werden soziale Risikofaktoren präsentiert.

1.3.4.1 Genetische Faktoren

Der aktuelle Forschungsstand unterstützt die Ansicht, dass die Sozialphobie und die damit verbundenen Merkmale wie z. B. ein gehemmtes Temperament bis zu einem gewissen Grad genetisch und somit erblich bedingt ist (Stein & Gelernter, 2014). Zwillingsstudien kommen zur Schlussfolgerung, dass der genetische Anteil ca. 30% der Gesamtvarianz der Sozialen Phobie aufklärt (Scaini, Belotti & Ogliari, 2014; Warren, Schmitz & Emde, 1999). Dabei scheint die genetische Beeinflussung im Kindesalter ausgeprägter zu sein als im Erwachsenenalter. Erste Studien über die Beteiligung von spezifischen Genabschnitten deuten darauf hin, dass die Genabschnitte beteiligt sind, die bei der Produktion von Noradrenalin-Transporterproteinen und der Menge an Serotonin im Gehirn mitwirken (Binelli et al., 2015). Die neurobiologische Veranlagung bildet somit die Voraussetzung für die Entwicklung der Störung, was jedoch nicht bedeutet, dass jede Person, die diese Veranlagung hat, eine Soziale Angststörung entwickelt. Vielmehr ist es ein Zusammenspiel mit anderen Faktoren, die zur Auslösung und Aufrechterhaltung der Störung führen (Hoyer & Härtling, 2019).

1.3.4.2 Temperamentsfaktoren

Ein im Rahmen der Sozialen Angststörung ausschlaggebendes Temperamentsmerkmal ist das der Behavioral Inhibition oder Verhaltenshemmung, welches als ein Syndrom definiert wird, das früh auftritt, situativ stabil ist und dessen Eigenschaften „Schüchternheit, Zurückgezogenheit, Vermeidung, Unbehagen und Angst in Bezug auf neue Situationen, Menschen, Objekte und Ereignisse“ sind (Schmitz & Hoyer, 2019, S. 8). Dieses Temperamentsmerkmal bleibt bis in das frühe Jugendalter relativ stabil, nichtsdestoweniger ist die Verhaltenshemmung oft veränderbar. So zeigte sich in einer Längsschnittstudie, dass 40% von zwei Jahren alten Kindern, die eine starke Verhaltenshemmung aufwiesen, im Alter von fünfeinhalb Jahren nicht mehr verhaltensgehemmt waren. Die Ursache dafür schien oftmals zu sein, dass die Eltern das Kind unterstützten, bspw. indem sie es dazu ermunterten, mehr Gleichaltrige nach Hause zu bringen oder selbstsicher mit Belastungen umzugehen (Kagan, Reznick & Snidman, 1988, zitiert nach Hoyer & Härtling, 2019).

Retrospektive Studien ergeben, dass eine kindliche Verhaltenshemmung mit einem bis zu vierfachen Risiko verbunden ist, im Jugend- und Erwachsenenalter an einer SAS zu erkranken (Gladstone, Parker, Mitchell, Wilhelm & Malhi, 2005). In einer prospektiven Studie zeigte sich des Weiteren, dass bei 22% der Kinder mit einer Verhaltenshemmung eine SAS entstand, gegensätzlich zu 8% der Kinder ohne dieses Temperamentsmerkmal (Hirshfeld-Becker et al., 2007). Trotz dieser Ergebnisse scheint die Verhaltenshemmung weder eine notwendige noch eine ausreichende Voraussetzung zur Entwicklung einer SAS zu sein, was sich damit belegen lässt, dass die Mehrzahl von Kindern mit einer Behavioral Inhibition über keine klinisch bedeutsamen Symptome berichteten, und dass es auch manche sozialphobische Kinder gibt, die keine Verhaltenshemmung aufzeigen (bspw. Biederman et al., 2001). Das Temperamentsmerkmal der Verhaltenshemmung ist zudem durch Umweltfaktoren, Lernprozessen und Selbstregulationsfähigkeiten veränderbar (Schmitz & Hoyer, 2019). Dementsprechend scheint es so zu sein, dass eine Verhaltenshemmung das Risiko an einer SAS zu erkranken nur dann erhöht, wenn das Temperamentsmerkmal über viele Jahre hinweg vorliegt (Hirshfeld et al., 1992).

Ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal, welches im Rahmen der Entstehung einer Sozialen Angststörung diskutiert wird, ist die Schüchternheit, welches stabil und genetisch verankert ist. Dieses Persönlichkeitsmerkmal kann sich in zwei Arten sozialer Angst zeigen: einerseits soziale Angst vor Fremden, die vor dem ersten Lebensjahr eintritt und durch somatische Angstsymptome bezeichnet ist und andererseits soziale Angst nach dem vierten Lebensjahr, die mit einer erhöhten Selbstbeobachtung sowie kognitiven Symptomen in Verbindung steht (Stangier, Clark, Ginzburg & Ehlers, 2016). Dennoch kommen Längsschnittstudien zur Schlussfolgerung, dass diese Angstreaktionen im Kindesalter kein signifikanter Prädiktor für die Entstehung einer Sozialen Angststörung im Erwachsenenalter sind (Asendorpf, 2002). Schüchternheit kann somit womöglich das Risiko für die Entwicklung einer SAS erhöhen, aber ist nicht der zentrale Prädiktor.

1.3.4.3 Soziale Faktoren

Der Faktor in der Kindheit, dem für die Entwicklung einer Sozialen Angststörung der größte Einfluss beigemessen wird, ist der elterliche Erziehungsstil. Es konnten drei Arten elterlicher Erziehungsstile gefunden werden, die das Risiko erhöhen, an der Störung zu erkranken: elterliche Überbehütung, Ablehnung und mangelnde emotionale Wärme (Hoyer & Härtling, 2019, Stangier et al., 2016). Überbehütende Eltern charakterisieren sich dadurch, dass sie ihre Kinder in einem außergewöhnlich hohen Maße vor Gefahren und Bedrohungen behüten wollen, und somit vieles unternehmen, um das Umfeld des Kindes zu kontrollieren und es vor negativen Erfahrungen zu bewahren, ganz egal, ob Situationen tatsächlich gefährlich sind oder nicht (Hoyer & Härtling, 2019). Überprotektive Eltern verbieten somit ihren Kindern im Vergleich zu nicht überbehütenden Eltern öfters, an sozialen Interaktionen teilzunehmen (bspw. an außerschulischen Tätigkeiten), aus Angst, ihnen könne etwas zustoßen. Dadurch nimmt das Kind seltener an sozialen Gegebenheiten teil, was wiederum dazu führt, dass es seltener die Gelegenheit bekommt, soziale Kompetenzen aufzubauen. Zur gleichen Zeit bekommt das Kind dadurch verstärkt den Eindruck, dass die Umwelt bedrohlich sei und es wird im die Chance genommen, neue Situationen selbstständig zu meistern. Zudem bekräftigt eine elterliche Überbehütung die Dependenz von den Eltern und die Entwicklung von Selbstständigkeit wird dadurch beeinträchtigt. Außerdem scheint es der Fall zu sein, dass überbehütende Eltern häufig übermäßig hohe Erwartungen an das Kind haben und der Erbringung von Leistung eine hohe Wichtigkeit zuschreiben. Dementsprechend wird ein überbehütendes Erziehungsverhalten mit der zukünftigen Entwicklung von sozialer Ängstlichkeit in Leistungssituationen in Korrelation gesetzt, wie bspw. die Angst davor, Vorträge zu halten oder vor anderen zu schreiben oder zu essen (Hoyer & Härtling, 2019).

Darüber hinaus scheint es ebenfalls der Fall zu sein, dass Kinder, die von ihren Eltern weniger emotionale Wärme bekommen, in Zukunft besonders Angst davor haben, mit anderen Personen ein Gespräch zu führen. Emotionale Wärme zeigt sich darin, dass das Kind die Eltern als liebevoll und fürsorglich wahrnimmt und es Trost und Körperkontakt bekommt. Ebenso geben die Eltern dem Kind Unterstützung und Lob, ohne es zu kontrollieren zu wollen, es zu sehr einzuschränken oder sich zu viel einzumischen (Hoyer & Härtling, 2019). Andererseits zeichnet sich ein ablehnendes elterliches Erziehungsverhalten dadurch aus, dass das Kind konstant kritisiert und herabgesetzt wird, auch dann, wenn es neutralen oder positiven Tätigkeiten nachgeht. Weitere Eigenschaften sind eine übermäßige Strenge, viel Tadel sowie eine schnelle Bestrafung des Kindes (Hoyer & Härtling, 2019). Dementsprechend berichten Erwachsene mit einer Sozialen Phobie im Vergleich zu Gesunden retrospektiv über weniger emotionale Wärme innerhalb der Familie, über einer häufigeren Meidung sozialer Situationen und über einer stärkeren Wichtigkeit, die der Meinung anderer zugeschrieben wurde (Chartier, Walker & Stein, 2001).

Ergebnisse einer relativ neuen Längsschnittstudie, in der Jugendliche zehn Jahre lang beobachtet wurden, ergeben zudem, dass das Verhalten der Mutter und des Vaters die Störungsentwicklung verschieden beeinflussen. Merkmale des Erziehungsverhaltens, die die Entstehung einer SAS bei Jugendlichen begünstigten, waren mehr Überfürsorge der Mutter, aber nicht des Vaters, und mehr Ablehnung sowie weniger emotionale Wärme des Vaters, jedoch nicht der Mutter (Knappe, Beesdo-Baum, Fehm, Lieb & Wittchen, 2012).

Ein weiterer wichtiger familiärer Faktor, der bei der Entstehung einer SAS beiträgt, ist das Modelllernen von den Eltern. Im Kindesalter fungieren die Eltern als Vorbild und sind Modelle für ihre Kinder. Die Kinder übernehmen quasi deren Ansichten, Grundeinstellungen und Verhaltensweisen, bspw. wie sie mit anderen Personen umgehen und interagieren oder wie sie angsteinflößende Situationen bewältigen. Die Kinder übernehmen dann die beobachteten Strategien der Eltern wie z. B. das Vermeiden von gewissen sozialen Situationen oder das Setzen einer besonders starken Aufmerksamkeit auf angstauslösende Reize (Hoyer & Härtling, 2019).

Ein anderer familiärer Risikofaktor ist das Vorhandensein einer Psychopathologie bei den Eltern. Insbesondere werden im Zusammenhang mit der Entstehung einer SAS das Vorhandensein einer eigenen Sozialen Angststörung bei mindestens einem Elternteil, Depression, eine schwerwiegende Alkoholkonsumproblematik, weitere Angststörungen, Zwangsstörungen und Posttraumatische Belastungsstörungen diskutiert (Hoyer & Härtling, 2019).

Auch die Beziehungen zu Gleichaltrigen sind, besonders bei Jugendlichen, für die Entfaltung des sozialen Selbst und der sozialen Verbundenheit sowie der Entwicklung sozialer Ängste ausschlaggebend (Miers, Blöte-Aanhane & Westenberg, 2010). So hängt bspw. eine Meidung und Ignorierung von Gleichaltrigen im Jugendalter mit Schüchternheit im Erwachsenenalter zusammen und die Beziehungsqualität zu den Peers scheint sogar die Entwicklung sozialer Ängste, neben elterlicher Überfürsorge, am besten vorauszusagen (Festa & Ginsburg, 2011).

1.3.5 Störungstheorien und Erklärungsmodelle

Nachdem die wichtigsten Risikofaktoren für die Entwicklung einer Sozialen Angststörung präsentiert wurden, erfolgt im Folgenden eine Darstellung der wichtigsten Störungstheorien und Erklärungsmodelle der SAS. Zunächst werden die Kognitive Theorie (Beck, Emery & Greenberg, 1985) und das Kognitive Modell von Clark und Wells (1995) dargestellt. Zuletzt erfolgt die Darstellung interpersoneller Faktoren.

1.3.5.1 Die Kognitive Theorie von Beck

Laut der Kognitiven Theorie von Beck et al. (1985) spielen ungünstige kognitive Schemata eine zentrale Rolle bei der Entstehung psychischer Krankheiten. Diese Schemata werden durch Belastungen wie kritische Lebensereignisse oder besondere Stressoren aktiviert, was dann zu dem problematischen Emotionserleben und Verhalten führt. Einige kognitive Schemata, die nach Beck et al. (1985) typisch für Menschen mit einer Sozialen Angststörung sind, sind folgende:

-die Person schätzt sich als unfähig und als ein Verlierer/eine Verliererin ein
-der Beurteilung anderer Menschen sowie gesellschaftlicher Normen werden eine übertriebene Bedeutsamkeit zugeschrieben
-die Überzeugung, dass Menschen stets äußerst kritisch in ihrer Bewertung anderer sind
-perfektionistische Standards bzgl. der Beurteilung des eigenen Verhaltens
-Rollenangemessenheit des eigenen Verhaltens.

Diese Art kognitiver Schemata werden laut der Theorie als konditionale und unkonditionale Annahmen im Gedächtnis gespeichert. Bei unkonditionalen Annahmen handelt es sich um Grundannahmen, die absolute Beurteilungen umfassen wie bspw. „Mich kann man nicht lieben“. Bei konditionalen Annahmen handelt es sich um Wenn-dann-Verbindungen wie z. B. „Wenn anderen auffällt, dass ich ängstlich bin, dann werden sie mich zurückweisen“. Diese kognitiven Schemas gelten als Disposition für das Entstehen einer Sozialen Angststörung. Die Störung wird dann ausgelöst, wenn die ungünstigen Schemata im zukünftigen Leben aktiviert werden.

Eine der Folgen dieser Schemen ist, dass bei Betroffenen mit einer SAS automatische negative Gedanken wie bspw. „Niemand kann mich mögen“ in den gefürchteten Situationen oder bei gedanklicher Beschäftigung vor dem Ereignis aufkommen (Wells, Stopa & Clark, 1993). Die Gedanken werden als automatisch bezeichnet, weil sie kaum Aufmerksamkeitskapazitiät benötigen und habituell ablaufen. Die Gedanken verlaufen jedoch für die Person nicht ganz unbewusst, sondern gelten als wenigstens potenziell bewusst wahrnehmbar. Die Entstehung der kognitiven Schemata ist durch verschiedene Einflüsse und Erlebnisse im frühen Lebensalter bedingt. Bspw. spielen das Modelllernen von den Eltern oder deren Erziehungsstil bei der Entwicklung und Bekräftigung der Schemata eine wichtige Rolle. Des Weiteren kann ein überkontrollierendes und/oder überkritisches elterliches Einstellung die Entstehung eines positiven Selbstbildes und von Selbstvertrauen beeinträchtigt. Zudem können psychische Erkrankungen der Eltern, vor allem Soziale Angststörungen, ebenso das Risiko für die Entstehung einer SAS im Kindesalter begünstigen (Lieb et al., 2000). Die Entstehung negativer Schemata wird des Weiteren durch traumatisierende Ereignisse, wie bspw. sexueller Missbrauch, und Misserfolge in sozialen Situationen (z. B. Mobbing) begünstigt.

Laut Beck et al. (1985) sind jedoch insbesondere ungünstige Erfahrungen in Übergängen von einer Entwicklungsphase zur nächsten, die die Entstehung einer SAS fördern. Dies ist besonders während des frühen Jugendalters der Fall, da die sozialen Kompetenzen noch nicht ganz entwickelt sind. Deswegen können überzogene Erwartungen der Umwelt und eine Überforderung des sozialen Verhaltensrepertoires zur Entstehung einer Sozialen Angststörung führen. Die Stressoren, die für diese Lebensphase typisch sind, führen dann zur Aktivierung der ungünstigen kognitiven Schemata. Die Schemas bleiben häufig langfristig bestehen, auch selbst dann, wenn die Person ein angebrachtes Repertoire an sozialen Kompetenzen entwickelt.

1.3.5.2 Das Kognitive Modell von Clark und Wells

Das Kognitive Modell (Clark, 1997; Clark & Wells, 1995; Wells, 1997, 1998; Wells & Clark, 1997) versucht, eine Erklärung für die Aufrechterhaltung der Sozialen Angststörung zu liefern. Laut diesem Modell aktivieren sich bei der Person in einer furchtauslösenden sozialen Situation ungünstige Grundannahmen über sich und die soziale Welt (bspw. „Ich mache nichts richtig“), welche durch frühere Erfahrungen und dem Temperament bzw. der Genetik bedingt sind. Es ist grundsätzlich zwischen drei Kategorien von Annahmen zu unterscheiden: Übermäßig hohe Standards bzgl. des Auftretens in sozialen Situationen (bspw. „Ich darf keine Fehler machen.“), konditionale Überzeugungen über die Folgen des eigenen Verhaltens bzw. des eigenen Erscheinungsbildes (bspw. „Wenn ich zu wenig rede, dann werden die anderen glauben, dass ich uninteressant bin.“) und unkonditionale negative Annahmen über sich selbst (z. B. „Ich bin komisch.“). Diese Überzeugungen führen dazu, dass die Sozialphobiker*innen soziale Situationen als bedrohlich wahrnehmen, negative Konsequenzen, wie einen schlechten Eindruck zu machen, erwarten, und neutrale oder sogar positive Reaktionen ihrer Mitmenschen negativ interpretieren und bewerten. Durch diese negative Bewertung entsteht bei der betroffenen Person Angst, die durch mehrere Teufelskreise aufrechterhalten wird und somit eine Neubewertung der als bedrohlich wahrgenommenen Situationen verhindert.

Ein ausschlaggebender Aspekt im Kognitiven Modell ist die selbstfokussierte Aufmerksamkeit sowie eine besondere Art ungünstiger Verarbeitung des Selbst (Clark & Wells, 1995). Wenn Menschen mit einer Sozialen Angststörung denken, dass andere sie schlecht bewerten werden, richten sie ihre Aufmerksamkeit nach Innen (selbstfokussierte Aufmerksamkeit), um sich selbst im Detail zu beobachten und zu überprüfen. Anhand dieser Selbstbeobachtung schlussfolgert die Person, welchen Eindruck sie (angeblich) auf andere macht und wie sie von anderen wahrgenommen wird. Dadurch geraten Betroffene in ein „geschlossenes System, in dem sie die meisten Hinweise für ihre Befürchtungen selbst generieren, und in dem entkräftende Hinweise (z. B. Reaktionen von anderen Menschen) nicht wahrgenommen oder ignoriert werden.“ (Clark & Ehlers, 2002, S.158).

Es gibt drei Arten innerer Information, die den negativen Selbsteindruck beeinflussen. Als Erstes haben Betroffene die Überzeugung, dass, wenn sie Angst verspüren, man es ihnen auch ansieht, was bedeutsame Verzerrungen mit sich bringen kann. So kann bspw. ein selbstwahrgenommenes Zittern für andere kaum oder gar nicht bemerkbar sein. Zweitens erleben Menschen mit einer sozialen Angststörung automatisch auftauchende negative Vorstellungsbilder, in denen sie sich selbst wie aus einer Beobachterperspektive betrachten. Diese Bilder repräsentieren jedoch nicht ihr tatsächliches Erscheinungsbild, sondern eher die Befürchtungen und Ängste von sich selbst. „Zum dritten kann auch eine diffusere Form von „gefühltem Eindruck“ ( felt sense ) zu dem negativen Eindruck des sozialen Selbst beitragen.“ (Clark & Ehlers, 2002, S.160). Ein Beispiel wäre, wenn sich die betroffene Person das Gefühl hat, nicht dazuzugehören, wenn sie mit anderen Menschen zusammen ist. Dies kann wiederum dazu führen, dass sich die Empfindung, unintelligent und langweilig zu wirken, verstärkt (Clark & Ehlers, 2002).

Ein weiterer wichtiger Aspekt für die Aufrechterhaltung der Sozialen Phobie ist laut dem Kognitiven Modell das Sicherheitsverhalten (Clark & Wells, 1995). Dabei handelt es sich oft nicht um beobachtbares Verhalten, sondern um mentale Vorgänge. Ein Beispiel könnte sein, sich im Laufe einer Unterhaltung das Gesagte zu merken und dies dann mit dem zu vergleichen, was als Folgendes gesagt werden möchte. Verläuft die Interaktion gut, dann attribuieren Betroffene oft den Erfolg auf dieses Sicherheitsverhalten, sodass es aufrechterhalten wird (Clark & Ehlers, 2002). Menschen mit einer Sozialen Angststörung besitzen dabei oft ein Repertoire unterschiedlicher Arten von Sicherheitsverhalten da es oft eine Vielzahl an Aspekten gibt, vor denen man sich fürchtet (ebd.). Beispielsweise kann die Angst einer Person, vor anderen zu erröten, verschiedene Aspekte umfassen: Die Angst davor, zu erröten; die Angst davor, dass dies anderen auffällt und schließlich die Angst, dass die betroffene Person deshalb einen negativen Eindruck hinterlässt. Um zu verhindern, dass jeder dieser Aspekte eintritt, setzt die Person verschiedene Sicherheitsverhaltensweisen ein, wie bspw. Blickkontakt vermeiden oder das Gesicht vorher schminken, sodass das Erröten nicht auffällt (Clark, 1999). Das Sicherheitsverhalten kann jedoch auch zu einer Entstehung von Symptomen führen, vor denen sich die betroffene Person fürchtet. Bspw. kann eine Person, die immer versucht, sich in einer Unterhaltung das Gesagte zu merken, weil sie Angst davor hat, was angeblich Dummes zu sagen, nur schwer dem Gespräch folgen, was wiederum die eigene Annahme, man sei dumm, verstärken kann (Clark & Ehlers, 2002). Ferner können einige Sicherheitsverhaltensweisen paradoxerweise dazu führen, dass andere erst recht die Aufmerksamkeit auf die Person richten. Z. B. kann eine Verdeckung des Gesichtes, vur Verbergung einer Errötung, dazu führen, dass andere erst recht die Aufmerksamkeit auf die Person richten (ebd.). Ein weiterer wichtiger Aspekt der das Sicherheitsverhalten betrifft, ist, dass es die selbstfokussierte Aufmerksamkeit erhöht. Dies führt zu einer Verstärkung der negativen Selbsteinschätzung und zu einer Verringerung der Aufmerksamkeit, die auf andere gerichtet wird. Schließlich können einige Formen von Sicherheitsverhalten sogar dazu führen, dass sich die Person so verhält, dass sich deren Ängste teils bestätigen. So können Menschen mit einer Sozialen Angststörung versuchen, keine Anzeichen von Angst und Schwäche zu zeigen, den Eindruck zu erwecken, eingebildet, verschlossen und unsympathisch zu sein, was dann dazu führen kann, dass andere Personen dies negativ interpretieren und wiederum als Reaktion auf diese Unfreundlichkeit weniger freundschaftlich mit der Person umgehen (Clark & Wells, 1995; Stopa & Clark, 1993).

Auch die kognitiven und somatischen Symptome spielen eine wichtige Rolle. Betroffene machen sich über die Erscheinung körperlicher und kognitiver Symptome (z. B. Zittern, Schwitzen, kognitive Ausfälle), die die Angst in sozialen Situationen begleitet, übermäßig Sorgen, weil diese Symptome angeblich von anderen bemerkt werden könnten. Diese Anzeichen werden als ein drohendes oder tasächliches Scheitern empfunden, weshalb ihnen eine große Wichtigkeit zugeschrieben wird, was oftmals dazu führt, dass sich die Betroffene sehr darauf fokussieren. Diese Hypervigilanz hat wiederum zur Folge, dass die auftretenden Symptome intensiver erlebt werden. In gewissen Situationen kann die Entstehung der Symptomatik ebenfalls durch spezifische Sicherheitsverhaltensweisen begünstigt werden, z. B. kann das Tragen einer Jacke, im Versuch, das Achselschwitzen zu verdecken, zu stärkerem Schwitzen führen (Clark & Wells, 1995).

Wie bereits erwähnt, spielen laut dem Kognitiven Modell die Selbstfokussierung der Aufmerksamkeit sowie der Gebrauch interner Informationen, der zu einer unrealistischen, negativen Selbsteinschätzung des beobachtbaren Selbst führt, eine zentrale Rolle. Clark und Wells gehen also davon aus, dass bei der sozialen Angst die Verarbeitung externer sozialer Hinweisreize eingeschränkt ist und dass die übrigbleibende (eingeschränkte) Verarbeitung der sozialen Situation dazu tendiert, negativ verzerrt zu sein. So bleibt Verhalten, das bspw. als Ablehnung interpretiert wurde, eher im Gedächtnis als positive Verhaltensweisen. Da es in sozialen Situationen jedoch selten der Fall ist, dass negative Reaktionen sichtbar gezeigt werden, ist es mutmaßlich der Fall, dass Sozialphobiker*innen ambigues Verhalten oftmals negativ interpretieren.

Als letzte wichtige Aspekte des Kognitiven Modells sind die Antizipation sozialer Situationen und der Rückblick auf soziale Situationen, also die Verarbeitung vor und nach einer sozialen Situation, zu nennen. Schon im Vorfeld einer sozialen Situation empfinden Menschen mit einer SAS Angst, wenn sie an die auf sie zukommende Situation denken und sich Gedanken darüber machen, was misslingen könnte. Diese Gedanken werden durch vergangene Misserfolge, negative Vorstellungen darüber, welchen Eindruck die Person auf andere macht, und die Erwartung, sich unpassend zu verhalten und zurückgewiesen zu werden, beeinflusst. Gelegentlich ist die Konsequenz dieses Grübelns, die gefürchtete Situation zu meiden. Begibt sich die Person trotz Angst in die soziale Situation, dann ist sie schon von Anfang an auf sich fokussiert, rechnet mit Misserfolg, und wird weniger wahrscheinlich positive Zeichen anderer wahrnehmen. Nach der sozialen Situation sinkt die Angst der Betroffenen zwar, die damit einhergehenden ungünstigen Gedanken und die Belastung kommen jedoch damit nicht unbedingt zu einem Ende. Sozialphobiker*innen beschäftigen sich oftmals noch im Nachhinein mit der sozialen Situation, was dadurch bedingt wird, dass in zwischenmenschlichen Interaktionen normalerweise keine klare Bestätigung der Akzeptanz durch andere Menschen ausgedrückt wird. Bei diesem Rückblick (sog. Post-Mortem ) wird jedes einzelne Detail der Situation nochmals durchgegangen. Während der sozialen Situation werden jedoch die empfundene Angst sowie die negative Selbstwahrnehmung im Detail verarbeitet und im Gedächtnis gespeichert, was zur Folge hat, dass die Beurteilung der Interaktion im Rückblick durch beide Faktoren beeinflusst und die soziale Situation somit viel ungünstiger bewertet und in Erinnerung behalten wird, als sie tatsächlich war. Während des Rückblicks denken Betroffene zudem an frühere Misserfolgserlebnisse, was die Interpretation des Erlebten ebenfalls negativ beeinflusst, sodass auch relativ bedeutungslose Reaktionen negativ wahrgenommen werden. Abbildung 1 zeigt das Kognitive Modell (Clark & Wells, 1995).

1.3.5.3 Interpersonelle Modelle

Interpersonelle Modelle der SAS beinhalten Elemente der Lerntheorie, von kognitiven Modellen und der Bindungstheorie. Das Hauptmerkmal dieser Theorien ist das Konzept des sich selbst erhaltenden interpersonellen Zirkels (Alden & Taylor, 2004). In gegenwärtigen Beziehungen erwartet die Person spezifische Reaktionen des anderen. Diese Erwartungen entstehen durch zwischenmenschliche Erfahrungen in der frühen Lebensgeschichte. In diesem Sinne werden in der Gegenwart die gleichen Strategien in sozialen Interaktionen eingesetzt, die früher benutzt wurden und die sich mit der Zeit bewährt haben. Diese Strategien evozieren jedoch genau solche Verhaltensweisen aus, die die Annahmen und Vermutungen der Betroffenen bekräftigen. Negative interpersonelle Zirkel können bspw. durch Defizite in der Ausführung sozialer Rollen oder durch negative Erfahrungen in Beziehungen zu vertrauten Menschen im frühen Lebensalter entstehen. Im Regelfall benutzt die Person ebenfalls in zukünftigen Beziehungen selbstprotektive Strategien, die mit nachteiligen Kognitionen, Angst und Vermeidung verbunden sind. Wenn es dadurch zu mehrmaligen ungünstigen sozialen Erlebnissen kommt, dann wird die Erwartung, Misserfolge in sozialen Situationen zu erleben, bekräftigt, was widerum zu einer geringen Selbstwirksamkeitserwartung, einer ausgeprägten Selbstfokussierung und einer Übersensibilität gegenüber Kritik führt.

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Ende der Leseprobe aus 118 Seiten

Details

Titel
Bindungssicherheit und ihr Einfluss auf soziale Angst. Unter Berücksichtigung von Selbstwert und emotionaler Kompetenz
Hochschule
SRH Hochschule Heidelberg
Note
1,2
Autor
Jahr
2021
Seiten
118
Katalognummer
V1215097
ISBN (Buch)
9783346628015
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bindungssicherheit, einfluss, angst, unter, berücksichtigung, selbstwert, kompetenz
Arbeit zitieren
Thorsten Vidalon (Autor:in), 2021, Bindungssicherheit und ihr Einfluss auf soziale Angst. Unter Berücksichtigung von Selbstwert und emotionaler Kompetenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1215097

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