Heilpädagogische Interventionen in der frühen Kindheit. Interventionsmöglichkeiten der Heilpädagogik bei Dysregulation im Schlafverhalten bei Kindern im Alter von 1 bis 3 Jahren


Seminararbeit, 2022

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

I. Inhaltsverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

1 Einführung

2 Schlaf und Dysregulation des Schlafverhaltens

3 Heilpädagogische Interventionen
3.1 Erwartungsmanagement
3.2 Schlafhygiene
3.3 Schlafpraktiken in den „Mommy Wars“ und systemische Beratung

4 Fazit

III. Literaturverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

AASM American Academy of Sleep Medicine

BfArM Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte

GM German Modifikation (deutsche Modifikation)

HHN Hypothalamus-Hypophyse-Nebennierenrinde

ICD International Classification of Disease (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme)

ICSD International Classification of Sleep Disorders (Internationale Klassifikation von Schlaf­störungen)

REM Rapid Eye Movement

SAM sympathiko-adrenomedulär

1 Einführung

Ohne Schlaf können wir nicht überleben (vgl. Roth 2009, S. S4). Erwachsene verschlafen etwa ein Drittel ihrer Lebenszeit; bei gesunden Kleinkindern ist Schlaf sogar die Hauptaktivität (vgl. Cheung et al. 2017, S. 46104). Es ist ein Thema, das viele Eltern von Kleinkindern stark beschäftigt. Manchen erscheint ein durchschlafendes Kind als der Heilige Gral (vgl. Ruggeri 2022), und ein auf dem Spielplatz gezielt platziertes „Max wacht nachts nie auf“ kann ausreichen, übermüdete Eltern in Hörweite in anhal­tende Selbstzweifel zu stürzen.

In dieser Arbeit geht es um Interventionsmöglichkeiten der Heilpädagogik bei Dysregulation im Schlaf­verhalten bei Kindern im Alter von ein bis drei Jahren. Dazu wird zunächst ein kurzer Überblick über Schlaf und Schlafstörungen bei Kleinkindern gegeben. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf heilpäda­gogischen Interventionen und ihren neurobiologischen Begründungen. Alle gewählten Interventionen stammen aus dem Bereich der Elternberatung, allerdings mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung. Aus Platzgründen findet dabei eine Beschränkung auf Kernaspekte statt. Ein besonderes Augenmerk wird auf der Schlafentwicklung als bio-psycho-sozialem Prozess (vgl. Paavonen et al. 2020, S. 16 des Journal Pre-Proofs) sowie der hohen interpersonellen- und -kulturellen Variabilität von Schlaf (vgl. Worthman/Melby 2002, S. 108f., 111) liegen.

2 Schlaf und Dysregulation des Schlafverhaltens

Eine Dysregulation des Schlafverhaltens kann organische und nichtorganische Ursachen haben. Erstere müssen stets ärztlich abgeklärt werden. Nichtorganische Schlafstörungen werden in der Inter­nationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10-GM) in Insomnien (Ein- und Durchschlafstörungen, übermäßige Tagesschläfrigkeit), Hypersomnien (exzessive Tagesschläfrigkeit), Störungen des Schlaf-Wachrhythmus sowie Parasomnien (u. a. Nachtschreck und Albträume) unterteilt. Für eine Diagnose müssen die Beschwerden mindestens dreimal pro Woche über mindestens einen Monat auftreten (ICD-10-GM, F.51, vgl. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 2022). In der letzten Neuauflage der International Classification of Sleep Disorders (ICSD-3) der American Academy of Sleep Medicine (AASM) wurde die verhaltensbedingte Insomnie der Kindheit (behavioural insomnia of childhood) in die chronischen Insomnien eingruppiert. Sie muss dazu mindestens drei Monate lang mindestens dreimal pro Woche auftreten und wird in Ein­schlafstörungen aufgrund inadäquater Einschlafassoziationen und Schlafstörungen aufgrund inkonse­quenten Erziehungsverhaltens sowie Mischformen dieser beiden unterteilt (vgl. AASM 2014; Kang/Kim 2020, S. 111). Den Ausgangspunkt für diese Arbeit bilden echte und vermeintliche Insomnien und Störungen des Schlaf-Wachrhythmus im Sinne der ICD-10-GM.

Schlafprobleme bei Kindern werden mit einer Beeinträchtigung physischer, emotionaler und sozialer Fähigkeiten in Verbindung gebracht (vgl. systematische Übersichtsarbeiten von Becker et al. 2017, S. 94; Chaput et al. 2017, S. 855). Wichtig ist allerdings, dass es sich um Assoziationen und nicht um Kausalzusammenhänge handelt, vielfach liegen vermutlich wechselseitige Prozesse vor (vgl. Palermo 2013, S. 20). Eine neurobiologische Wirkhypothese geht davon aus, dass Schlafdefizite und -fragmentierungen u. a. als negativer Stressfaktor wirken, und ggf. die negativen Gesundheitsfolgen langfristigen Stresses auslösen können (vgl. Staples/Bates 2013, S. 29; Short/Banks 2014, S. 19ff.). Schlafprobleme betreffen nicht nur das Kind selbst, sondern können das gesamte Familiengefüge beeinträchtigen (vgl. Bathory/Tomopoulos 2017, S. 29; Romeo et al. 2021, S. 62).

Die Angaben zur Prävalenz von Schlafproblemen bei Kleinkindern basieren auf Elternangaben, entsprechen nicht immer den oben angegebenen Definitionen der ICD-10 und ICSD-3 und variieren stark. In primär westlich geprägten Ländern (z. B. Australien, Deutschland Großbritannien, Kanada) wird die Prävalenz in der Regel zwischen 20 und 30% angegeben (vgl. Sadeh/Mindell/Rivera 2011, S. 478; Pennestri et al. 2015, S. 23f.). In primär asiatisch geprägten Ländern (z. B. Indien, Japan, Korea) liegen die Werte deutlich höher (in einer Studie im Durchschnitt bei 52%), wobei die Schere sehr breit ist. So empfanden in derselben Studie nur 10% von Eltern in Vietnam den Schlaf ihrer Kinder als problematisch, aber 76% der Eltern in China (vgl. Mindell et al. 2010a, S. 277, 279).

Das Schlaf-Wach-Verhalten wird durch die Schlafhomöostase und den zirkadianen Rhythmus bestimmt. Ersteres bedeutet, dass sich mit zunehmender Wachdauer durch Energieverbrauch der Zellen die Konzentration der organischen Verbindung Adenosin im Körper erhöht und damit Schlafdruck erzeugt, wohingegen im Tiefschlaf Adenosin abgebaut wird. Der zirkadiane Rhythmus wird durch eine zentrale innere Uhr, die in den Nuclei suprachiasmatici des Hypothalamus gelegen ist, in Zusammenarbeit mit peripheren Uhren in den Organen und Körperzellen gesteuert. Vor allem durch Licht, aber u. a. auch durch die Nahrungsaufnahme und soziale Kontakte, wird die innere Uhr auf einen 24-Stunden-Rhythmus synchronisiert (vgl. Wehrens et al. 2017, S. 1768, 1772f.; Wiater 2020, S. 2f.).

Während im Hinblick auf die Entwicklung der Schlafarchitektur für Säuglinge recht gute Daten verfügbar sind, beruhen aktuell verfügbare Daten zu Schlafnormen von Zwei-bis Fünfjährigen größtenteils auf wenigen Studien mit geringer Teilnehmerzahl aus westlichen Gesellschaften der 60er- bis 80er Jahre (vgl. Sheldon 2012, S. 21; Lushington et al. 2013, S. 43). In Bezug auf die Schlafphasen ist ihnen zu entnehmen, dass die Anteile von REM- (Rapid-Eye-Movement) zu NonREM-Schlaf (umfasst Leicht- und Tiefschlaf), die im frühen Säuglingsalter noch gleichermaßen ausgeprägt sind, sich in der Folge verschieben: Der REM-Anteil nimmt kontinuierlich ab, bis er bei Erwachsenen etwa 20-25% der Gesamtschlafzeit einnimmt. Auch der Tiefschlafanteil ist bei Kindern höher. Während ein Schlafzyklus bei Zwei- bis Dreijährigen eine Länge von etwa 60 Minuten hat, können ab ca. fünf Jahren erwachsenentypische 90 Minuten-Zyklen erreicht werden (vgl. Sheldon 2012, S. 3, 21).

Die AASM empfiehlt für Kinder im Alter von ein bis zwei Jahren eine tägliche Schlafdauer von 11-14 Stunden und für Drei- bis Fünfjährige 10-13 Stunden (vgl. Paruthi et al. 2016, S. 785). Dies unterstreicht die hohe Variabilität der individuellen Schlafdauer selbst innerhalb eines Landes, die allerdings mit zunehmendem Kindesalter etwas abnimmt (vgl. Iglowstein et al. 2003, S. 303; Magee/Gordon/Caputi 2014, S. e1565). In asiatisch geprägten Ländern ist die Schlafdauer häufig kürzer als in westlich geprägten Ländern (vgl. Mindell et al. 2010a, S. 277; Galland et al. 2012, S. 213).

3 Heilpädagogische Interventionen

Alle hier dargestellten heilpädagogischen Interventionen für die Altersgruppe Ein- bis Dreijähriger zählen zum Bereich der Elternberatung. Angesichts des aktuellen Forschungsstandes gestaltet sich eine evidenzbasierte Beratung zum Thema Schlaf deutlich schwieriger, als man dies annehmen könnte. Zum derzeitigen Zeitpunkt gibt es kaum Strategien, die man universell für alle vollständig empfehlen oder ablehnen könnte (vgl. Burnham 2013, S. 137). Eine ethisch vertretbare Beratungsstrategie sollte immer auch die Grenzen und die (ggf. mangelnde) soziokulturelle Einbettung des aktuellen Forschungsstandes transparent machen. Die im Folgenden dargestellten Beratungsansätze sind gestaffelt: Vom Erwartungsmanagement für Eltern, von dem ein sehr großer Teil der Betroffenen profitieren kann, über Hinweise zur Schlafhygiene, deren kulturelle Prämissen oft implizit bleiben, bis zum quasi-Schlachtfeld der „ Mommy Wars “, einem Spannungsfeld zwischen der Entwöhnung („ Cry it out “) und der bedürfnis­orientierten Erziehung nach Sears und Sears (Attachment Parenting).

3.1 Erwartungsmanagement

Wie oben dargestellt, sind aktuelle verlässliche Daten zu Schlafnormen Ein- bis Dreijähriger rar (vgl. Sheldon 2012, S. 21). Als gesichert gelten kann jedoch eine hohe Variabilität des Schlafes auf mehreren Ebenen: Einer Makro- (kulturelle, gesellschaftliche Normen und Gegebenheiten), Mikro- (familiäre Umstände und Normen) sowie einer individuellen Ebene des Kindes. Alle Ebenen beeinflussen, was jeweils im Hinblick auf Schlafarchitektur und -umstände als „normaler“ Schlaf angesehen wird (vgl. Burnham 2013, S. 127). Sadeh und Anders postulieren ein transaktionales Modell, in dem der Kinderschlaf und Kontextfaktoren wie Kultur, Sozioökonomie und Glaubenssätze sich wechselseitig beeinflussen (vgl. Sadeh/Anders 1993, S. 19f.). Aufgrund der großen Diversität des beobachteten Schlafverhaltens und der Schlafumwelten schließen Worthman und Melby auf eine hohe Plastizität der menschlichen Schlaf­physiologie und Chronobiologie (vgl. Worthman/Melby 2002, S. 111).

Interkulturell wird u. a. zwischen westlich geprägten Kulturen, die eine frühzeitige Unabhängigkeit der Kinder schätzen, und nichtwestlich bzw. asiatisch geprägten Kulturen mit einem Fokus auf sozialen Interaktionen unterschieden. In Bezug auf den Kinderschlaf führt dies zu stark unterschiedlichen elterlichen Praktiken (z. B. gemeinsames bzw. getrenntes Schlafen, vgl. Blunden/Thompson/Dawson 2011, S. 329f.). Aber auch die elterlichen Wahrnehmungen von Schlafproblemen unterscheiden sich, wie in Kapitel 2 gezeigt, interkulturell stark. Obwohl Eltern in vornehmlich asiatisch geprägten Ländern mehr Schlafprobleme ihrer Kinder konstatieren als Eltern in vorwiegend westlich geprägten Ländern (vgl. Mindell et al. 2010a, S. 277), fühlen sie sich in ihrem eigenen Schlaf dadurch weniger gestört als dies bei westlichen Eltern der Fall ist (vgl. Mindell et al. 2015, S. 692f.).

Intrakulturell (d. h. auf der mikro- und individuellen Ebene) wird Schlaf neben Faktoren der Schlafhygiene, von denen einige in Kapitel 3.2 thematisiert werden, u. a. von Alter, Temperament, Erkrankungen und Behinderungen des Kindes, der Schlafbiologie sowie den Schlafgewohnheiten, -erwartungen und ggf. -ängsten und -störungen der Eltern sowie dem sozioökonomischen Status inkl. der Wohnumstände beeinflusst (vgl. Stremler 2013, S. 62; vgl. Magee/Gordon/Caputi 2014, S. e1561).

Während viele der Faktoren der mikro- und individuellen Ebene nicht oder nur schwer beeinflussbar sind, sind Schlaferwartungen und -ängste der Eltern modifizierbar und ein besonders lohnender Bereich heilpädagogischer Schlafberatung. Dabei kann es hilfreich sein, die oben beschriebene enorme Variabilität von Schlaf zu skizzieren und damit deutlich zu machen, dass das abstrakte Ideal des „normalen und perfekten Schlafs für alle“ nicht existiert (vgl. Burnham 2013, S. 135).

Zudem kann es hilfreich sein, auf die Rolle des Kindesalters hinzuweisen: Insbesondere innerhalb der ersten zwei Lebensjahre ist die Variabilität der Schlafqualität sehr hoch, mit einer gewissen Konsolidierung des Nachtschlafs im Laufe des zweiten Lebensjahres (vgl. Paavonen et al. 2020, S. 145). Dass Kleinkinder (und Erwachsene) in der Nacht aufwachen, ist normal, allerdings gibt es Unterschiede in der Fähigkeit, selbst wieder zurück in den Schlaf zu finden. Diese Fähigkeit entwickelt sich innerhalb des ersten Lebensjahres linear, wobei es Kindern im Alter von zwölf Monaten bei weniger als der Hälfte der Aufwachepisoden gelingt (vgl. Crabtree/Williams 2009, S. 802; Mindell et al. 2010b, S. 398; Burnham 2013, S. 127ff.).1 Eltern, die erfolgreiches Selbstberuhigen ihrer Kinder als normal ansehen, empfinden mehr Stress, wenn ihre Kinder sich nicht selbst beruhigen können, als Eltern mit anderen Erwartungshaltungen und Überzeugungen (vgl. Burnham 2013, S. 135).

Eine systematische Übersichtsarbeit von Schlafstudien zeigt, dass Überzeugungen und Erwartungen im Hinblick auf den Schlaf der Eltern beeinflussen, wie Säuglinge und Kinder schlafen. Schon Überzeugungen während der Schwangerschaft entfalten dabei eine Wirkung. Besonders problematisch kann es werden, wenn Eltern selbst Schlafprobleme haben. Dies kann zu übermäßigen Interventionen in der Nacht führen, aber auch zu Ärger auf das Kind, wenn es einen bereits fragilen Elternschlaf zusätzlich stört (vgl. Knappe et al. 2020, S. 1, 12).

Wenn Eltern aufgrund z. B. von Schlaffragmentierung Entwicklungsdefizite ihres Kindes oder eigene Gesundheitsschäden befürchten, kann dies u. a. das Stressniveau der Eltern erhöhen, was sich wiederum negativ auf den Kindesschlaf (und die Beziehung zum Kind) auswirken kann. Das liegt daran, dass Stress „ansteckend“ ist: Menschen treten in physiologische Resonanz mit der Stressreaktion anderer. Dabei spielen neuronale Resonanz (möglicherweise über Spiegelneuronen) sowie peripher-physiologi­sche Resonanz (v. a. über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden (HHN)-Achse, aber auch über die sympathiko-adrenomeduläre (SAM) Achse) eine Rolle. Zu möglichen Mechanismen der peripher-physiologischen Resonanz zählen Berührungen, Mimik, Gestik und Geruch (vgl. Waters/West/Mendes 2014, S. 934ff.; Engert/Linz/Grant 2019, S. 138ff.; Schury/Nater/Häusser 2020, S. 104896ff.) Während Berührungen in vertrauten Dyaden oftmals mit einer Oxytozinausschüttung und in der Folge einer Senkung des Kortisolspiegels assoziiert sind, konnten Waters et al. 2017 zeigen, dass, wenn gestresste Mütter ihre Kinder auf den Schoß nehmen, die Kinder stärker gestresst waren, als wenn sie keinen Körperkontakt zur Mutter hatten (vgl. Waters et al. 2017, S. 1043). Laut Engert/Linz/Grant bieten Familien durch ihre emotionale und örtliche Nähe der Stressübertragung optimale Entstehungsbedingungen. Es sei anzunehmen, dass Second Hand Stress unter Umständen chronisch und damit gesundheitsgefährdend werden könne (vgl. Engert/Linz/Grant 2019, S. 145f.).

Eine Elternberatung zur hohen Variabilität von Schlaf, zur Entwicklung des Schlafs in den ersten Jahren und zur Rolle der eigenen Überzeugungen, ggf. kombiniert mit zusätzlicher Beratung und therapeutischer Arbeit im Fall von Schlafängsten, kann die familiäre Schlafsituation unabhängig vom Kindesschlaf entspannen, und dadurch wechselseitige Stressübertragungen und die damit verbundenen Aktivierun­gen der Stressachsen reduzieren. Dass Interventionen mit einem derartigen Fokus erfolgreich sein können, zeigen unter anderem Ball et al. am Beispiel von Säuglingen (vgl. Ball et al. 2018, S. 519). Allerdings darf die Tatsache, dass sehr viele Ausprägungen von Kindesschlaf als normal gelten können, nie dazu führen, dass Ängste und Befürchtungen von Eltern nicht erstgenommen werden, und organi­sche Erkrankungen dürfen nie voreilig ausgeschlossen werden.

3.2 Schlafhygiene

Empfehlungen im Hinblick auf Schlafhygiene beziehen sich häufig auf die Schlafphysiologie (den zirkadianen Rhythmus und die Schlafhomöostase). Im Folgenden werden einige der gängigen Empfehlun­gen zur Schlafhygiene in Verbindung mit den jeweils postulierten neurophysiologischen Grundlagen skizziert. Dabei ist allerdings zu beachten, dass diese Ratschläge modern geprägten Kulturkreisen entstammen. Daher werden auch alternative Sichtweisen aus traditionellen Kulturen mit konkurrieren­den neurophysiologischen Erklärungsmustern erläutert, was die Komplexität und Kontextgebundenheit neurophysiologischer Prozesse unterstreicht (vgl. Madliger/Love 2014, S. 283).

Eine Hauptempfehlung ist die Etablierung eines geregelten Tagesablaufs, mit regelmäßigen Essens- sowie Zubettgeh- und Aufstehzeiten. Letztere sollen mit Hilfe eines Schlafprotokolls auf das Schlafbedürfnis des Kindes ausgerichtet werden. Der Tagesschlaf soll in die Berechnungen einbezogen werden und nicht nach 15 Uhr erfolgen. Ebenso sollte darauf geachtet werden, morgens mindestens 30 Minuten lang dem Tageslicht ausgesetzt zu sein. Diese Empfehlungen basieren auf Erkenntnissen, die zeigen, dass Licht am Morgen sowie ein geregelter Tagesablauf (v. a. in Bezug auf Bett- und Mahlzeiten) den zirkadianen Rhythmus synchronisieren und sich positiv auf den Nachschlaf auswirken können. Die Vermeidung von Tagesschlaf nach 15 Uhr soll erreichen, dass Kinder am Abend genügend Schlafdruck durch die organische Verbindung Adenosin aufgebaut haben (vgl. Allen et al. 2016, S. 1ff.; Prokasky et al. 2019, S. 18ff.; Lehmkuhl/Wiater 2020, S. 70). Späte Bettzeiten sollen vermieden werden, da sie zu einer verkürzten Schlafdauer führen (vgl. Mindell et al. 2010b, S. 398; Zhang et al. 2018, S. 124). Im Gegensatz zu Teenagern gleichen Klein- und Grundschulkinder in modernen Gesellschaften trotz Ausschlafoption ein spätes Zubettgehen nicht mit längerem Schlafen aus (vgl. Kohyama/Shiiki/Hasegawa 2000, S. 590; Nixon et al. 2008, S. 75f.; Zhang et al. 2018, S. 129). Kinder von Müttern mit einem späten Chronotyp sind hier im Nachteil (vgl. Morales-Muñoz et al. 2019, S. 223). In traditionellen Kulturen in Afrika, Asien und Südamerika wurde jedoch beobachtet, dass Kinder zu sehr variablen Zeiten einschla­fen und sowohl tagsüber als auch in der Nacht dynamischer zwischen Schlaf und Wachsein gleiten. Dies hat u. a. mit der hohen Bedeutung sozialer Aktivitäten zu tun; nur die Gemeinschaft bietet den unmittelbaren überlebensnotwendigen Schutz, der in modernen Gesellschaften z. B. durch Wohnungs­mauern erzielt wird (vgl. Worthman/Melby 2002, S. 79f.; Musharbash 2013, S. 48). So dämpft die Gemeinschaft vermutlich die Stresssysteme; negative Auswirkungen auf die Schlafhomöostase und den zirkadianen Rhythmus werden nachrangig.

Oft wird eine vollständige Abdunklung des Schlafraums empfohlen (vgl. Lehmkuhl/Wiater 2020, S. 70). Hier geht es um die Rolle von Licht als dem wichtigsten äußeren Zeitgeber und als „Wachmacher“ durch den Einfluss von Licht auf die retinalen Ganglienzellen und die Hemmung der Melatoninausschüttung. Licht mit einem hohen Blauanteil stört die Melatoninausschüttung besonders stark (vgl. Stevens et al. 2014, S. 210). In traditionellen Kulturen wird dagegen häufig bei Feuerschein geschlafen. Feuer hat einen höheren Rot- und Gelb- als Blauanteil, kann jedoch, wenn es hell genug brennt, trotzdem die Melatoninausschüttung unterdrücken (vgl. ebd., S. 208; Wiessner 2014, S. 14027). Feuer vermittelt Sicherheit, z. B. vor Raubtieren und Unterkühlung (vgl. Worthman/Melby 2002, S. 74ff.), und wirkt sich dadurch positiv auf die HHN- und die SAM-Achse aus. Dieser Effekt könnte den melatoninhemmenden Effekt des Feuers übertreffen. Auch interpersonell finden sich in modernen Kulturen Präferenzunter­schiede: Während einige das Schlafzimmer völlig abdunkeln, bevorzugen andere zumindest kleine Lichtquellen oder leicht geöffnete Jalousien, evtl. bedingt durch Angst vor der Dunkelheit und/ oder unterschiedliche Grade von Lichtsensibilität (vgl. Okawa/Uchiyama 2007, S. 485).

Oft wird empfohlen, die Schlafumstände konstant zu halten, so dass Kinder, wenn sie in der Nacht aufwachen, nicht durch eine Änderung der Umstände alarmiert werden, was ein Wiedereinschlafen erschweren könnte (vgl. Jin/Hanley/Beaulieu 2013, S. 169). Diese Empfehlung unterstreicht laut Worthman und Melby den statischen/ undynamischen Charakter, den auch die anderen oben genannten Maß­nahmen der Schlafhygiene in modernen Gesellschaften haben. Dies könne eine erhöhte Anfälligkeit für Schlafstörungen im Fall ungewohnter Schlafumstände erzeugen - überspitzt könnte man sagen, es würden „neurotische Einzelschläfer“ herangezogen. Laut Worthman und Melby ist es paradox, wenn Eltern sensorische Stimulation im Schlaf auf ein Minimum begrenzen und gleichzeitig erwarten, ihr Kind müsse tagsüber in einer sensorisch immer herausfordernderen Welt bestehen können (vgl. Worth­man/Melby 2002, S. 110). Anderseits könnte man argumentieren, dass dies als Ausgleich zur hohen Tagesstimulation nötig sein könnte, und dass traditionelle Gesellschaften eine höhere nächtliche sensorische Last dadurch besser schultern können, dass sie tagsüber, wie oben dargestellt, dynami­scher zwischen Schlaf und Wachsein pendeln können.

Heilpädagogische Beratung zur Schlafhygiene sollte sich der kulturellen Prämissen von Empfehlungen sowie der Komplexität neurophysiologischer Prozesse bewusst sein und diese transparent machen.

3.3 Schlafpraktiken in den „ Mommy Wars“ und systemische Beratung

Die Themen Schlaf und Schlaferziehung sind ein bedeutendes Schlachtfeld der sogenannten „ Mommy Wars “ (Mütter-Kriege)2 (vgl. Abetz/Moore 2018, S. 270f.; Fuller 2020). Das Spektrum in Bezug auf Schlaf reicht von der unmodifizierten Entwöhnung nach Weissbluth („ Cry-it-Out “), über

[...]


1 Die Selbstberuhigungsstrategien verschieben sich im Laufe des Kleinkindalters zunehmend von physischen Strategien (wie z. B. Daumenlutschen) hin zu verbalen und kognitiven Strategien (vgl. Miller et al. 2015, S. 280).

2 Die „ Mommy Wars “ werden seit den 1980er Jahren als Phänomen beschrieben und bezogen sich ursprünglich auf den Antagonismus zwischen arbeitenden Müttern und Hausfrauen. Aktuell bezieht sich der Begriff oft auf das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Erziehungsphilosophien (vgl. Abetz/Moore 2018, S. 265f.).

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Heilpädagogische Interventionen in der frühen Kindheit. Interventionsmöglichkeiten der Heilpädagogik bei Dysregulation im Schlafverhalten bei Kindern im Alter von 1 bis 3 Jahren
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn
Note
1,0
Autor
Jahr
2022
Seiten
20
Katalognummer
V1215478
ISBN (Buch)
9783346643599
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heilpädagogik, Heilpädagogische Interventionen, Schlafverhalten, Schlafprobleme, Frühe Kindheit, Neurophysiologie, Interkulturelle Aspekte
Arbeit zitieren
Sonja Jelineck (Autor:in), 2022, Heilpädagogische Interventionen in der frühen Kindheit. Interventionsmöglichkeiten der Heilpädagogik bei Dysregulation im Schlafverhalten bei Kindern im Alter von 1 bis 3 Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1215478

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