Die Bundesrepublik Deutschland sah sich lange Zeit nicht als Einwanderungsland. Angesichts der jüngsten sogenannten Flüchtlingskrise gewannen Wanderung und Integration jedoch sukzessive ein immer höheres und anhaltendes Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit. Trotz der selbstverständlich zugestandenen Einzigartigkeit jedes historischen Ereignisses kann man den grundsätzlichen Prozess einer "Flüchtlingskrise" keineswegs als Novum betrachten. In der Geschichte hatte es immer wieder große Fluchtbewegungen gegeben – sei es vor Klima- und Naturkatastrophen, Kriegen oder auch Genozid. In allen Epochen gab es Menschen, die in ihrem ursprünglichen Heimatland keine Zukunft mehr sahen oder um Freiheit und Leben fürchteten und darum Unterschlupf in stabileren Ländern oder Regionen suchten. Migration war stets eine kulturelle Konstante der Menschheit. Umso zentraler und tiefgreifender muss darum auch der Umbruch des deutschen Geschichtsbewusstseins und allgemein der geschichtskulturellen Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten aufgefasst werden.
Der vorliegende Essay will sich darum der Fragestellung annehmen, welchem Bedeutungswandel der Begriff „Migration“ unterlag. In den vergangenen Dekaden erweiterte sich die Didaktik der Geschichte in Deutschland von einer Schulfachdidaktik zu einem gesamtgesellschaftlichen Interesse. Darum sollen im begrenzten Rahmen des Essays die Jahrbücher der Fachzeitschrift "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" (kurz: GWU, im Folgenden vereinfacht mit nachgestelltem Erscheinungsjahr) exemplarisch herangezogen werden. Als angedachte Schnittstelle zwischen Geschichtswissenschaft und Fachdidaktik verbinden sie eine wissenschaftliche Herangehensweise, eine Vermittlung der zeitgenössischen Bildungspolitik sowie eine schülerfreundliche Pädagogik.
Im Folgenden sollen in chronologischer Reihenfolge exemplarische Jahrbücher der GWU von 1950 bis 2016 herangezogen werden, in denen – quer durch alle historischen Epochen – Thematiken wie Migration oder auch Integration behandelt werden. Im Fokus steht die Frage, welche Rolle oder Relevanz der Migration beigemessen wurde und wird. Dabei soll aufgezeigt werden, wie historische Wanderungsbewegungen in den letzten Jahrzehnten in Deutschland gedeutet und gewertet wurden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die GWU in den 1950er Jahren
3. Die 1960er Jahre
4. Die 1970er Jahre und die Rolle der Gastarbeiter
4.1 Exkurs: Die Situation der Stadt Augsburg
5. Die 1980er Jahre
6. Die 1990er Jahre
7. Die 2000er Jahre
8. Aktuelle Entwicklungen in den 2010er Jahren
9. Fazit und Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Bedeutungswandel des Begriffs „Migration“ innerhalb der Jahrbücher der Fachzeitschrift „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“ (GWU) von 1950 bis 2016 und analysiert, wie sich der fachdidaktische Diskurs im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen in Deutschland entwickelt hat.
- Wandel der Migrationswahrnehmung von historischen Randerscheinungen zu zentralen gesellschaftlichen Prozessen.
- Analyse des Einflusses der „Gastarbeiterfrage“ auf die geschichtswissenschaftliche Forschung.
- Reflektion der didaktischen Aufbereitung von Flucht, Vertreibung und Integration im Schulunterricht.
- Kontrastierung von Migrationsphänomenen in verschiedenen historischen Epochen.
- Zusammenhang zwischen politischer Zeitgeschichte und der akademischen Fachdidaktik.
Auszug aus dem Buch
Die deutsche Auswanderung in der Mitte des 19. Jahrhunderts
Zwischen Wiener Kongress und Reichsgründung sollen ihm zufolge drei Millionen Deutsche ausgewandert sein, 85% davon in die USA. Die Emigration erreichte in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Die Ermittlung der genauen Zahlen und auch der Antriebe beschreibt er als Desiderata der Auswanderungsforschung. Er erklärt die Massenbewegung zu einem Politikum und stellt in seinem Aufsatz die öffentliche Meinung und die amtliche Politik gegenüber. Darüber hinaus wird die Forderung erwähnt, die mittellosen Proletarier quasi als soziale Entlastung ins Ausland zu „versenden“.
Eine staatlich geplante Ausweisung konnte in keinem größeren Rahmen durchgesetzt werden, zog allerdings eine andere Argumentation nach sich: die Forderung nach Kolonien. Der Export von Menschen in diese würde zudem neue Absatzmärkte erschaffen. Vor allem die Augsburger Allgemeine tat sich ab 1840 mit der Forderung nach Kolonien hervor. Tiefergehenden Auswandererschutz vor Übervorteilung und schlechter Behandlung bot allerdings nur Bremen – aus wirtschaftlichem Reederinteresse. Abschließend beklagt Fenske das Fehlen einer Gesamtgeschichte des Phänomens. Vor allem die öffentliche Bewertung und die kolonialistischen Untertöne verdienen noch einer stärkeren Durchsicht. Auch eine weitere Untersuchung der Motivationen der Regierungen sowie regionale Untersuchungen, vor allem für Nordostdeutschland oder Wien, seien nötig. Völlig außen vor gelassen werden die Sozialgeschichte und individuelle Schicksale.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung nach dem Bedeutungswandel des Begriffs „Migration“ im Kontext der GWU-Jahrbücher vor und bettet diese in die geschichtskulturelle Entwicklung der Bundesrepublik ein.
2. Die GWU in den 1950er Jahren: Das Kapitel behandelt die frühen Ausgaben, die sich primär auf die Neudefinition des Geschichtsbewusstseins und die Aufarbeitung der unmittelbaren Nachkriegszeit konzentrierten, ohne Migration bereits explizit als zentrales Thema zu behandeln.
3. Die 1960er Jahre: Hier werden fachwissenschaftliche Beiträge analysiert, die Migration in der Frühen Neuzeit oder der Spätantike zwar thematisieren, aber noch stark von klassischen Narrativen und ideologisch geprägten Sichtweisen auf das „Abendland“ oder Rassenkonstrukte beeinflusst sind.
4. Die 1970er Jahre und die Rolle der Gastarbeiter: Die Auseinandersetzung mit der Gastarbeiterproblematik rückt in den Fokus, wobei der Wandel zur Einwanderungsgesellschaft kritisch reflektiert und durch einen lokalen Exkurs zur Augsburger Kresslesmühle illustriert wird.
5. Die 1980er Jahre: Dieses Kapitel zeigt eine Intensivierung der Migrationsforschung auf, wobei komparative Ansätze zwischen historischen Wanderungen und gegenwärtigen Gastarbeiterströmen an Bedeutung gewinnen.
6. Die 1990er Jahre: Die Beiträge dieser Dekade reflektieren verstärkt über nationale Identität, Kolonisation und die gesellschaftlichen Folgen von Konfessionsmigration, wobei das Scheitern von Integration zunehmend der Politik zugeschrieben wird.
7. Die 2000er Jahre: Ein Paradigmenwechsel findet statt, bei dem Migration nun als konstituierendes Element der Menschheit begriffen wird, begleitet von neuen Ansätzen der Musealisierung und interkulturellen Identitätsbildung.
8. Aktuelle Entwicklungen in den 2010er Jahren: Die Kapitelübersicht schließt mit einer Analyse der didaktischen Debatten um Flucht, Vertreibung und non-formale Bildungsarbeit in einer modernen Migrationsgesellschaft.
9. Fazit und Zusammenfassung: Die Arbeit resümiert den Bedeutungswandel, der sich von einer neutralen historischen Betrachtung hin zu einem reflektierten, interdisziplinären Verständnis von Migration als zentralem geschichtskulturellen Prozess vollzogen hat.
Schlüsselwörter
Migration, Geschichtsdidaktik, GWU, Einwanderungsland, Gastarbeiter, Bedeutungswandel, Integrationsleistung, Geschichtskultur, Zwangsmigration, Identitätskonstruktion, Schulunterricht, Völkerwanderung, Sozialgeschichte, Erinnerungskultur, Bundesrepublik Deutschland
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Bedeutungswandel des Begriffs „Migration“ in den Jahrbüchern der Zeitschrift „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“ (GWU) von 1950 bis 2016.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit fokussiert auf die Entwicklung des geschichtswissenschaftlichen und fachdidaktischen Diskurses bezüglich Wanderungsbewegungen, Integration, Flucht und die Rolle von Migration für das deutsche Geschichtsbewusstsein.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich die Deutung historischer Wanderungsbewegungen und aktueller Migrationsprozesse in Deutschland in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine chronologische Auswertung und Analyse der Jahrbücher der Fachzeitschrift GWU durch, ergänzt durch historische Kontexte und einen lokalen Fallbeispiel-Exkurs.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die zeitliche Analyse der GWU-Jahrbücher, wobei der Fokus sukzessive von allgemeinen historischen Themen hin zur expliziten Migrationsforschung und -didaktik verschoben wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Migration, Geschichtsdidaktik, Gastarbeiter, Integrationsleistung, Geschichtskultur und Identitätskonstruktion.
Was besagt die Arbeit über die Rolle der „Gastarbeiter“?
Die Gastarbeiterfrage wird ab den 1970er Jahren als Katalysator für einen Paradigmenwechsel hin zur Anerkennung Deutschlands als Einwanderungsland identifiziert.
Welche Bedeutung kommt dem Beispiel der Augsburger Kresslesmühle zu?
Die Kresslesmühle dient als emblematisches Beispiel für den Wandel der Sichtweise gegenüber Migranten in den 1970er Jahren und die Etablierung interkultureller Kulturprojekte.
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- Christian Schaller (Author), 2017, Bewertung und Bedeutungswandel von Migration in den Jahrbüchern der Zeitschrift "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1215484