Diese Bachelorarbeit beschäftigt sich mit Michel Foucaults "Wahnsinn und Gesellschaft". Dabei wird insbesondere der Begriff des Wahnsinn im 21. Jahrhundert beleuchtet.
In seinem Buch "Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft" zeichnet Foucault die Entstehung des heutigen Begriffs des Wahnsinn und der psychischen Krankheit nach. Während der Wahn bis in die Renaissance noch gesellschaftlich akzeptiert wurde, kommt es mit der Aufklärung zu einem Bruch.
Während sich das Thema Wahnsinn langsam als Gegenentität der Vernunft abspaltet und einen eigenen Diskurs formt, beginnt gleichzeitig dessen Nachfrage der Erfassung und Messung. Zunächst wurden sämtliche Randgruppen in Hospitäler gesperrt, die noch keine medizinische Funktion hatten. Mit dem Aufkommen des Humanismus beginnt man diese Praktiken infrage zu stellen und fordert Reformen. Als Phillipe Pinel die Gefangenen von ihren Ketten befreit, müssen die gefährlichen Individuen zurückbleiben und konstituieren sich nach Foucault historisch das erste Mal als eine homogene Gruppe. In der Psychologiegeschichte wird diese „Befreiung“ gemeinhin als fortschrittlicher Akt im Geiste des Humanismus gesehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ein Auseinanderstreben
2.1 Verbannung
2.2 Internierung
2.3 Asyl
2.4 Eine moralische Synthese
3 Ein Annähern
3.1 Psychoanalyse oder dem Wahnsinn die Stimme zurückgeben
3.2 Der anthropologische Schlummer
3.3 Wahnsinn zwischen Jurisprudenz und psychiatrischer Gutachten
3.4 Internierung und Asyl heute (§ 63 StGB)
3.5 Zwei aktuelle Beispiele für die „Sackgasse Psychologie“
3.5.1 F65 Störungen der Sexualpräferenz (Paraphilie)
3.5.2 F60.2 Dissoziale Persönichkeitsstörung
3.7 Resozialisierung als Heterotopie der Internierung
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Transformation der Grenze zwischen Wahnsinn und Vernunft basierend auf Michel Foucaults Analysen, mit dem Ziel, die aktuelle Praxis psychiatrischer Begutachtungen und Internierungen kritisch zu hinterfragen und Potenziale für einen interdisziplinären, humaneren Dialog zu erschließen.
- Foucaultsche Genealogie des Wahnsinns (Verbannung, Internierung, Asyl)
- Kritische Analyse der psychiatrischen Begutachtung im Rechtssystem
- Rolle der Psychologie als Hybrid zwischen Natur- und Geisteswissenschaft
- Aktuelle klinische Herausforderungen (Paraphilie, Dissoziale Persönlichkeitsstörung)
- Perspektiven für eine am Menschen orientierte Resozialisierung
Auszug aus dem Buch
2.2 Internierung
Allmählich begann der Wahnsinn sich zu einer Bezugsform der Vernunft zu transformieren. Als das Maß der Vernunft, war der Wahnsinn jetzt dazu in der Lage, Wahrheit und Lüge hervorzubringen. Als Beispiel nennt Foucault hier Descartes Meditationen über unbezweifelbare Tatsachen. Dort fand Descartes den Wahnsinn neben dem Traum und dem Irrtum als Form der Täuschung vor. Doch er kam zu dem Entschluss, dass er als Denkender nicht irre sein konnte – Vernunft und Unvernunft schließen sich gegenseitig aus (Foucault, 1973).
Foucault bezeichnet diesen neuen Umgang als einen „eigenartigen Gewaltakt“, der die Stimme des Wahnsinns zum Schweigen brachte. Und an der Stelle, an der man zunächst sich selbst überlassen war, traten Galgen, Pranger, Gefängnisse und Verliese. In alten Rechnungsbüchern wurde über Subventionen und Stiftungen berichtet, die für die Pflege der Irren zuständig war. Ein Großteil wurde aber auf Stadtkosten in Gefängnissen untergebracht. So etwas wie eine Behandlung oder einen medizinischen Sinn gab es noch nicht. „Zum ersten Mal ersetzt man die rein negativen Ausschlußmaßnahmen durch eine Internierungsmaßnahme; der Arbeitslose wird nicht mehr verjagt oder bestraft; man nimmt sich seiner auf Kosten der Nation und zu Lasten seiner persönlichen Freiheit an (Foucault, 1973, S.82).“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in Foucaults Kernthesen zum Wahnsinn und Formulierung der Forschungsfrage hinsichtlich der Plausibilität dieser Thesen im aktuellen psychiatrischen Diskurs.
2 Ein Auseinanderstreben: Historische Nachzeichnung der Entwicklung von Verbannung über Internierung hin zum Asylwesen, wobei die zunehmende Repression und Normalisierung des Wahnsinns im Namen der Humanität verdeutlicht wird.
3 Ein Annähern: Analyse der Möglichkeiten und Grenzen einer psychoanalytischen und geisteswissenschaftlichen Perspektive auf den Wahnsinn im Kontrast zum naturwissenschaftlich-diagnostischen Dogma.
4 Fazit: Zusammenfassende Forderung nach einem interdisziplinären Diskurs auf Augenhöhe, um Exklusion durch Inklusion und Resozialisierung zu ersetzen.
Schlüsselwörter
Wahnsinn, Vernunft, Michel Foucault, Psychiatrie, Internierung, Schuldfähigkeit, Psychologie, Geisteswissenschaft, forensische Begutachtung, Stigmatisierung, Disziplinierung, Resozialisierung, Norm, Pathologie, Macht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Auseinandersetzung der historischen und gegenwärtigen Konstruktion des Begriffs Wahnsinn, basierend auf der Philosophie Michel Foucaults.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die Transformation der Grenze zwischen Vernunft und Wahnsinn, die Rolle der Psychologie als Disziplin und die Praxis des psychiatrischen Gerichtsgutachtens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die psychiatrische Praxis den Wahnsinn normiert und entmündigt, und Wege für einen interdisziplinär humaneren Umgang aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Methode der Genealogie nach Foucault sowie eine hermeneutische Analyse, um das Verhältnis von Psychologie und Psychiatrie zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil detailliert beleuchtet?
Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung der Internierung, die "Apotheose des Arztes" und aktuelle Beispiele aus der forensischen Psychiatrie, wie die dissoziale Persönlichkeitsstörung.
Welche Schlüsselbegriffe sind charakteristisch für die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie Apotheose des Arztes, Internierung, Normalisierung, Machtstrukturen und der interdisziplinäre Dialog.
Warum wird die Psychologie als "Sackgasse" bezeichnet?
Weil sie laut Foucault durch ihr Streben nach einem rein naturwissenschaftlichen Objektivitätsideal ihre geisteswissenschaftliche Wurzel und damit die Fähigkeit verliert, gesellschaftlich relevante, menschliche Sinnzusammenhänge zu erfassen.
Welche Bedeutung hat das Beispiel der norwegischen Haftanstalt Bastøy?
Es dient als praktisches Gegenmodell zur exklusiven Internierung und verdeutlicht, dass Resozialisierung durch Gemeinschaftssinn und Freiheit effektiver sein kann als reine Isolation.
- Citation du texte
- Lukas Höhn (Auteur), 2022, Michel Foucaults "Wahnsinn und Gesellschaft". Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff des Wahnsinns im 21. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1216296