Wenn man im Allgemeinen über den Paragone (ital. Vergleich) spricht, so meint man damit „den in der Renaissance und noch im Frühbarock beliebten Rangstreit der Künste.“ Hier soll der Begriff Paragone jedoch so verstanden werden, dass damit nicht der Rangstreit der verschiedenen Künste, sondern vielmehr die Beziehung und auch Konkurrenz verschiedener Materialien zueinander gemeint ist. Dieses Verhältnis, das sich sowohl in tradierten als auch ad hoc gebildeten Wertrelationen manifestieren kann, ermöglicht es für die einzelnen Materialien konkretere und weitgehendere Bedeutungen zu erschließen als diejenigen, die man ihnen gewöhnlich allein zuweist.
Daher soll nun in dieser Hausarbeit der Versuch unternommen werden durch einen Material-vergleich von Alabaster mit anderen in bestimmten Aspekten vergleichbaren Materialien die Bedeutung und den Wert des Alabasters im Mittelalter zu erschließen. Wie die große Anzahl der erhaltenen Alabastermadonnen vom 14. bis zum 16. Jahrhundert vermuten lässt, scheint sich das Material Alabaster durch bestimmte Qualitäten auszuzeichnen, die es für die Darstellung der Madonna als besonders geeignet erscheinen ließen und so seine Verwendung begünstigt haben. Diese Eigenschaften und die damit verbundenen Konnotationen und Bedeutungszuweisungen gilt es hier zu untersuchen.
Zu diesem Zwecke soll das Material Alabaster, seine Genese und die damit zusammenhän-genden Eigenschaften zunächst kurz umrissen werden. Die daraus resultierenden Bearbei-tungs- und Verwendungsmöglichkeiten in Antike und Mittelalter sollen näher beleuchtet werden, wobei der Fokus auf die mittelalterliche englische Alabasterindustrie und die frühen Alabastermadonnen gelegt wird, da das Material Alabaster von dort aus seinen Siegeszug angetreten hat. Anhand von antiken und mittelalterlichen Quellen soll anschließend herausgearbeitet werden, was man überhaupt unter Alabaster verstand, welche Eigenschaften, Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich zu anderen Materialien gesehen und als bedeutend erachtet wurden. Im Kontext der mittelalterlichen Marien-frömmigkeit sollen die aus den Quellen noch abzuleitenden Bedeutungszuweisungen es schließlich erlauben, die möglichen Gründe für die Wahl des Materials Alabaster für die Darstellung der Madonna zu ermitteln.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Alabaster
2.1. Genese und Eigenschaften
2.2. Alabaster in der Antike
2.3. Alabaster im Mittelalter
3. Alabastermadonnen
4. Alabaster und Alabaster
5. Alabaster und Marmor
6. Alabaster und Madonnen
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Diese Hausarbeit untersucht die Bedeutung und den Wert des Materials Alabaster im Mittelalter durch einen vergleichenden Materialvergleich mit anderen Werkstoffen. Dabei liegt der Fokus auf der englischen Alabasterindustrie sowie den charakteristischen Alabastermadonnen, um die Gründe für die besondere Eignung und Verwendung dieses Gesteins für die Darstellung der Madonna im Kontext der mittelalterlichen Marienfrömmigkeit zu erschließen.
- Genese, Eigenschaften und Bearbeitungsmöglichkeiten von Alabaster
- Die englische Alabasterindustrie des Spätmittelalters
- Ikonografie und stilistische Charakteristika der Alabastermadonnen
- Der "Paragone" der Materialien im historischen Kontext
Auszug aus dem Buch
2.1. Genese und Eigenschaften
Beim Alabaster (engl. alabaster, franz. albâtre) oder genauer Gips-Alabaster handelt es sich um eine bestimmte Varietät des Minerals Gips, nämlich um ein wasserhaltiges, kristallines Calciumsulfat (Calciumsulfatdihydrat CaSO4·2H20). Wie Travertin, Kalk- oder auch Sandstein gehört es zur Gruppe der Sedimentgesteine und ist durch Eindampfung von großen Salzseen und Meeresbecken – vornehmlich während dem Perm und der Trias – entstanden. Es kommt in Form von verhältnismäßig kleinen Blöcken oder „pillars“ (Säulen) vor, die durch Schichten von „coarsestone“ und „foulstone“ (grobe und minderwertigere Gipse) voneinander getrennt werden.
Die Struktur des Alabasters variiert zwischen kristallinisch-grobkörnig und kristallinisch-feinkörnig und ist teilweise von feinen Rissen und groben Kristalleinlagerungen durchzogen. Die hohe Dichte (2,3 g/cm3) wie auch die Eigenschaft nach einiger Zeit an der Luft auszuhärten garantieren seine sehr guten Poliereigenschaften und seine Fähigkeit Fassungen und Vergoldungen – auch ohne Grundierung – hervorragend aufnehmen zu können. Aufgrund seiner geringen Härte (1,5-2 auf der 10-stufigen Skala von Mohs) ist Alabaster leicht zu bearbeiten, d. h. es lässt sich mit den einfachen Holzschnitzwerkzeugen wie Messer, Meißel und Hohleisen schnitzen. Dadurch eignet sich Alabaster sowohl für tiefschattende Skulptur mit kräftigen und kühnen Unterarbeiten, für feinste Abstufungen des plastischen Grads im Relief wie auch für zarte Oberflächenreize. Diese können jedoch leicht verloren gehen, da das weiche Material sehr leicht zerkratzt und in viele kleine Stücke zerbricht, sodass Bruchschäden teils nicht mehr zu beheben sind. Großplastische, voluminöse Arbeiten sind daher kaum möglich. Insbesondere da Alabaster nur in verhältnismäßig kleinen Blöcken gebrochen wird, sodass für größere Arbeiten – technisch jedoch leicht zu bewältigende – Anstückungen oder Kombinierungen mit anderen Materialien unumgänglich sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in den Paragone-Begriff im Kontext von Materialbeziehungen ein und formuliert die Forschungsfrage zur Bedeutung des Alabasters für mittelalterliche Madonnendarstellungen.
2. Alabaster: Dieses Kapitel erläutert die mineralogische Genese, die physikalischen Eigenschaften des Gips-Alabasters sowie dessen historische Verwendung und Wahrnehmung in der Antike und im Mittelalter.
3. Alabastermadonnen: Hier werden die Erhaltung, Verbreitung und die ikonografischen Typen der englischen Alabastermadonnen sowie ihre Funktion im Kontext privater Andacht thematisiert.
4. Alabaster und Alabaster: Dieser Abschnitt analysiert antike und mittelalterliche Quellenschriften, um zu zeigen, dass Begriffe wie "Alabaster" historisch oft unterschiedliche Gesteine wie Kalkgesteine (Onyx-Marmor) einschlossen.
5. Alabaster und Marmor: Es wird die Beziehung zwischen Alabaster und Marmor beleuchtet, wobei besonders das ähnliche ästhetische Erscheinungsbild und die terminologischen Verwechslungen in der Epoche im Fokus stehen.
6. Alabaster und Madonnen: Dieses Kapitel untersucht die künstlerische Fassungstechnik, den Einsatz von Farbe und Vergoldung sowie die symbolische Bedeutung der Materialeigenschaften im Kontext der Marienverehrung.
7. Schlussbetrachtung: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei die spezifische Oberflächenwirkung des Alabasters als wesentlicher Faktor für seinen Erfolg in der mittelalterlichen Bildhauerei hervorgehoben wird.
Schlüsselwörter
Alabaster, Gips-Alabaster, mittelalterliche Skulptur, Alabastermadonnen, englische Alabasterindustrie, Paragone, Materialästhetik, Marienfrömmigkeit, Ikonografie, Fassung, Vergoldung, Kalk-Alabaster, Kunstgeschichte, Spätmittelalter, Materialtheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die kunsthistorische Bedeutung von Alabaster als Bildhauermaterial im Mittelalter, speziell im Hinblick auf seine Verwendung für religiöse Madonnendarstellungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Materialkunde des Alabasters, die englische Alabasterproduktion des Spätmittelalters, die Ikonografie der Madonnenfiguren und der kunsttheoretische Materialvergleich (Paragone).
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ermitteln, warum Alabaster als Material so erfolgreich war und welche spezifischen Eigenschaften und Bedeutungszuweisungen seine Wahl für die Darstellung der Madonna begünstigten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein kunsthistorischer Materialvergleich durchgeführt, ergänzt durch eine Analyse antiker und mittelalterlicher Quellen sowie technologische Untersuchungen zur Bearbeitung und Fassung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der mineralogischen Genese, der historischen Einordnung, dem Vergleich mit anderen weißen Gesteinen wie Marmor sowie der spezifischen Fertigung und Bedeutung der Alabastermadonnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Alabaster, Mittelalter, Madonnendarstellung, Materialität, englische Alabasterindustrie, Ikonografie, Paragone, Fassungstechnik.
Warum wurde Alabaster oft mit Marmor verwechselt?
Die Quellen zeigen, dass man im Mittelalter oft nicht zwischen Gips-Alabaster und anderen weißen Kalkgesteinen unterschied, da man sich an oberflächlichen Kriterien wie Glanz und Farbe orientierte.
Welche Rolle spielt die Fassung bei den Alabastermadonnen?
Die partielle Fassung und Vergoldung diente dazu, die durchscheinende, weiße Oberfläche des Alabasters als Haut- oder Gewandfarbe zu betonen, was Reinheit und Göttlichkeit symbolisierte.
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- Nga Tran (Author), 2008, Paragone: Alabastermadonnen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121734