Die Judenproblematik in Arthur Schnitzlers Werk ‚Professor Bernhardi’


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

26 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Der Autor Arthur Schnitzler

3. Inhaltsangabe zu dem Werk „Professor Bernhardi“

4. Die Judenproblematik in Wien um 1900

5. Die wichtigsten Aspekte des Theaterstückes in Bezug auf die „Judenfrage“
5.1 Die Aufteilung der Ärztegruppen
5.2 Die Charakterkonzeption des Pfarrers und des Ministers
5.3 Charakterisierung Professor Bernhardi
5.4 Sprachliche Auffälligkeiten
5.5 Die scheinbar Unpolitischen

6. Die Judenproblematik im Werk

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Arthur Schnitzler beschreibt in seinem Theaterstück „Professor Bernhardi“ in authentischer Weise die politischen und religiösen Verhältnisse der Wiener Gesellschaft um 1900. Zudem ist er mit seinem Denkansatz der damaligen Zeit, insbesondere in Bezug auf die Anspielungen des immer stärker hervortretenden Antisemitismus, deutlich voraus. „Professor Bernhardi“ ist eines der wenigen Werke Schnitzlers, das die Judenproblematik behandelt, wenngleich Schnitzler stets fälschlicherweise aufgrund dieses Gesichtspunktes von den damaligen Kritikern bewertet wurde. Dies formuliert er in einem Tagebucheintrag vom 29.1.1919 folgendermaßen: „Mißverstanden wurden natürlich alle Künstler von Rang; - Der Grad, - Die Betonung - und die Lauheit der ´Verstehenden´ ist eben doch zum allergrößten Theil nur aus meinem Judenthum zu erklären.“[1]

Aus diesem Grund ist die Beschäftigung mit dem vorliegenden Thema von besonderem Interesse, um einerseits zu zeigen, wie schwerwiegend die Vorwürfe gegenüber die Juden um 1900 in Wirklichkeit waren und wie korrupt die Wiener Politiker handelten. Andererseits ist das Thema des Werkes auch heute noch aktuell, da in einigen Ländern religiöse Minderheiten immer noch verfolgt werden. Zudem zeigt die standhafte Persönlichkeit Bernhardis, dass auch Minderheiten etwas erreichen können und sich nicht unterkriegen lassen sollen.

Der erste Teil meiner Hausarbeit soll einen kurzen Überblick über den Autor Arthur Schnitzler geben, um die Parallelen der Charaktere des Theaterstückes mit dem Leben Schnitzlers, insbesondere mit Blick auf das Wirken seines Vaters Johann Schnitzler, zu verdeutlichen.

Eine daran anschließende Inhaltsangabe des Werkes dient dazu die wichtigsten Aspekte und Handlungen der Personen kurz für den Leser zusammenzufassen.

Kapitel vier beschäftigt sich mit der Judenproblematik in Wien um 1900, da diese eine zentrale Rolle in dem vorliegenden Stück einnimmt und viele Anspielungen der Figuren erst mithilfe dieser geschichtlichen Hintergrundinformation verstanden werden können.

Der Hauptteil, Kapitel fünf und sechs, dient der Beschreibung der Judenproblematik im Theaterstück „Professor Bernhardi“. Die Reaktionen der Öffentlichkeit auf dieses Werk zeigen, dass „Schnitzler jeweils genau die Wurzel des von ihm behandelten Problems erfasst, wie sehr er seiner Zeit voraus ist.“[2]

2. Der Autor Arthur Schnitzler

Der Autor Arthur Schnitzler wurde am 15. Mai 1862 in Wien als erstes Kind des Universitätsprofessors Dr. med. Johann Schnitzler (1835-1893) und Louise Markbreiter (1840-1911) geboren. Der Aufstieg ins Wiener Bürgertum gelang Johann Schnitzler durch die Heirat mit Louise. Arthur Schnitzler stammte zudem aus einer jüdischen Familie. Diese Konfession begleitete sein Leben und bestimmte die Kritik seiner Werke. Seine ersten literarischen Schreibversuche vollbrachte er bereits im Alter von neun Jahren. Sein Vater förderte glücklicherweise das Talent seines Sohnes. Von 1871-79 besuchte Arthur Schnitzler das akademische Gymnasium in Wien.[3]

An diese schulische Ausbildung schloss sich sein Medizinstudium an der Universität in Wien an. Sein Beruf war bereits durch seinen Vater, einen berühmten Laryngologen vorbestimmt. Nach seiner Promotion 1885 arbeitete er bis zum Jahre 1888 als Sekundararzt im Allgemeinen Krankenhaus auf der Station für innere Medizin, in der Psychiatrie und auf den Stationen für Hautkrankheiten und Syphilis. Die Erfahrungen, die er dort machte, verarbeitete er später in seinen Werken, insbesondere im Ärztestück „Professor Bernhardi“. Schnitzler veröffentlichte ab dem Jahre 1886 regelmäßig Gedichte und Prosa in verschiedenen Zeitschriften. Von 1887 an war er Redakteur von Johann Schnitzlers gegründeter „Internationalen Klinischen Rundschau“. Dafür schrieb er einen einzigen wissenschaftlichen Aufsatz sowie Rezensionen über medizinische Fachliteratur. Von 1888-1893, dem Sterbejahr seines Vaters, arbeitete Arthur Schnitzler als Assistent seines Vaters in der „Allgemeinen Poliklinik“ in Wien. Er konnte sich vermutlich nie gegenüber der Autorität seines Vater durchsetzen, so dass es ihm erst nach dessen Tod möglich war die Klinik zu verlassen und sich seiner größeren Leidenschaft, dem Schreiben ausgiebig zu widmen. Trotzdem eröffnete Arthur Schnitzler 1893 eine Privatpraxis, die er auch noch viele Jahre neben seinem schriftstellerischen Beruf ausübte. Er gab seine medizinische Laufbahn lange Zeit nicht auf, obwohl sein Interesse für die Literatur zunehmend anstieg.

Den ersten antisemitischen Angriffen war er 1901 in der Reichswehr ausgesetzt. Durch den aufkommenden Antisemitismus, gefördert durch Burschenschaften und Militär, wurde er zu einem Aussätzigen, obwohl er nicht jüdisch erzogen wurde. Seine Familie war nicht sehr religiös, übte die jüdischen Bräuche nicht aus, weshalb er sich nie als Jude fühlte. Trotzdem kam es für Arthur Schnitzler nicht in Frage, wie einige seiner Altersgenossen zum Katholizismus zu konvertieren, um ein angenehmeres Leben führen zu können. Solch ein Konfessionswechsel bedeutete für ihn Verrat. Weitere wichtige Eckpunkte in seinem Leben waren die Geburt seines Sohnes Heinrich am 9. August 1903, die kurze Zeit später stattfindende Heirat mit Heinrichs Mutter, Olga Gussmann am 26. August und die Geburt seiner Tochter Lili am 13. September 1909.

Die Uraufführung seines Theaterstückes „Professor Bernhardi“, das in der Hausarbeit thematisiert wird, fand am 28. November 1912 im „Kleinen Theater“ in Berlin statt. In Wien wurde das Werk noch bis 1918 durch die österreichische Zensurbehörde verboten. Erst danach konnte es im Burgtheater zum ersten Mal aufgeführt werden.

Schnitzler starb am 21. Oktober 1929 in Wien, der Stadt, die er bis auf wenige Reisen nie verlassen hat. Begraben wurde er auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab der Israelitischen Kultusgemeinde.

3. Inhaltsangabe zu dem Werk „Professor Bernhardi“

Das Theaterstück thematisiert die allgemeine politische und gesellschaftliche Situation in Wien um 1900. Professor Bernhardi, der Leiter einer Privatklinik mit dem Namen Elisabethinum, hindert einen Pfarrer an der Ausübung der letzten Ölung. Das kranke Mädchen, um das es sich handelt, liegt aufgrund einer verpfuschten Abtreibung im Sterben. Es fühlt sich zu diesem Zeitpunkt genesen, macht Zukunftspläne und Bernhardi möchte ihr diese Euphorie nicht nehmen. Er sieht es als seine ärztliche Pflicht seinen Patienten ein schönes Sterben zu ermöglichen. Demgegenüber steht die Pflichtauffassung des Pfarrers, der aufgrund seines Amtes für die katholische Kirche die letzte Ölung durchführen muss. Die Handlung Bernhardis wird zum Auslöser für eine antisemitische Kampagne, die verdeutlichen soll, wie weit fortgeschritten der Antisemitismus in Wien zu diesem Zeitpunkt bereits ist. Bernhardi wird der Religionsstörung beschuldigt und es bilden sich zwei Lager unter der Ärzteschaft. Die eine Seite, Cyprian, Löwenstein und Pflugfelder stehen hinter Bernhardi, wohingegen Ebenwald, Filitz und Hochroitzpointner ihn beschuldigen. Auf Cyprians Rat hin beginnt Bernhardi mit dem Schreiben einer Erklärung um klarzustellen, dass es nicht seine Absicht war religiöse Gefühle zu verletzen. Doch als Ebenwald ihn kurze Zeit später erpressen will, ist er zu keinen Zugeständnissen mehr bereit. Er durchschaut Ebenwalds antisemitische Motive bei der Neubesetzung der Stelle Tugendvetters. Ebenwald sagt, er würde sich für Bernhardi einsetzen und somit eine Demissionierung des Kuratoriums verbunden mit dem Beenden von nötigen Zahlungen verhindern, wenn Bernhardi seine Stimme dem Katholiken Hell und nicht dem besser qualifizierten Juden Wenger gebe. Doch Bernhardi lässt sich nicht erpressen. Er handelt immer nach seinem persönlichen Rechtsgefühl, wonach Ärzte nach ihren Fähigkeiten und nicht aufgrund ihrer Konfession eingestellt werden. Der Besuch seines ehemaligen Arztkollegen Flint dient dazu ihn über die drohende Interpellation des Parlaments zu informieren. Als Flint von Ebenwalds Erpressungsversuch erfährt, stellt er sich auf Bernhardis Seite und will versuchen das Parlament von seiner Unschuld zu überzeugen. Die Entscheidung für Wenger, die Einberufung einer Sitzung des Ärztekollegiums, in der sich neben der Demissionierung des Kuratoriums auch die Interpellation des Parlaments durch einen Bericht in der Abendzeitung bestätigt, Flints Wechsel zur anderen Seite und der Misstrauensantrag Ebenwalds veranlassen Bernhardi dazu seinen Rücktritt als Direktor zu verkünden. Wie sich herausstellt, werden die Geschehnisse falsch dargestellt: Es wird Bernhardi ein gewalttätiges Vorgehen gegenüber dem Pfarrer vorgeworfen. Dies führt letztendlich sogar zu einem Gerichtsverfahren, in dem Bernhardi trotz der Richtigstellungen der Erlebnisse durch den Pfarrer zu einer Freiheitsstrafe von zwei Monaten verurteilt wird. Die Vorwürfe der Schwester Ludmilla und des Praktikanten Hochroitzpointer wiegen zu schwer. Während der Haft entwickelt Bernhardi den Plan einer Abrechnung mit den Lügnern, er hat die Idee ein Buch über den Vorfall zu schreiben, doch bereits kurz nach seiner Entlassung lässt er diese Pläne wieder fallen. Der großartige Empfang seiner Studenten, die Bernhardi bei der Gefängnisentlassung als Märtyrer preisen, die Interviewanfragen der Zeitung und die Tatsache, dass Schwester Ludmilla ihre Falschaussage zugegeben hat, rufen die unpolitische Seite Bernhardis hervor. Er verzichtet auf eine Wiederaufnahme des Prozesses und somit auf eine Richtigstellung seiner Schuld, da die zwei Monate nicht mehr zurückzuholen sind und er nun endlich wieder in Ruhe seinem Arztberuf nachgehen will. Zudem ist er der Meinung, dass seine Freunde auch ohne ein erneutes Gerichtsverfahren erkennen, dass sein Handeln rechtmäßig gewesen ist.

4. Die Judenproblematik in Wien um

Die Revolution von 1848 schaffte die Gleichberechtigung des Volkes in der Habsburger Monarchie. Die Einschränkungen für Juden wurden aufgehoben und sie erhielten das volle Bürgerrecht. Ab dem Jahre 1868 waren auch Eheschließungen zwischen Christen und Juden erlaubt. Die Bedingung für eine Heirat war in diesem Fall jedoch, dass einer der Ehepartner konvertierte oder konfessionslos wurde.

Durch eine stetig steigende Zahl jüdischer Einwanderer aus den östlichen Bereichen der Monarchie stieg seit 1860 der Anteil der jüdischen Bevölkerung rapide an. Lebten 1860 ca. 6200 Juden in Wien, so waren es 1910 bereits 175.300.[4] Viele dieser Juden wurden ohne Einschränkung Wiener und gaben ihre jüdische Identität auf oder führten ihre religiösen Bräuche nicht mehr aus. Zu dieser zweiten Gruppe, die ihren Kindern keine jüdischen Namen mehr gab, weder den Talmud las noch Hebräisch sprach, zählte die Familie Schnitzler. Da die meisten jungen Juden entweder Medizin oder Jurisprudenz studierten und aufgrund ihres enormen Ehrgeizes einen sehr guten Abschluss erreichten, wurden sie von den Wiener Katholiken verachtet. 1887/1888 waren beispielsweise 61% der Medizinstudenten Juden, zudem gab es viele jüdische Professoren.[5] Das Wiener Volk beneidete die jüdischen Einwanderer um ihre guten Karrieren. So hatte auch Arthur Schnitzler vermehrt Kontakt mit Antisemiten, als er die Universität besuchte. Der dort herrschende Antisemitismus war unter den Studenten weit verbreitet, so dass es täglich zu Judenbeschimpfungen in den Hörsälen kam. Die deutschnationalen Verbindungen fingen zudem mit der Entfernung ihrer jüdischen Mitglieder an. Da die Juden als besonders tüchtig galten und sich nicht unterkriegen ließen, indem sie nicht auf ihre Beleidigungen warteten, kam es zur Ausführung der Waidhofner Beschlüsse.[6] Diese erklärten alle Juden für satisfaktionsunfähig, wodurch sie in der Gesellschaft ihre Ehre verloren und der Verkehr mit Juden als entehrend galt. Die offizielle Verkündung dieses Beschlusses erfolgte zwar erst mehrere Jahre später am 11. März 1896[7], doch die Isolierung und Demütigung der Juden begann bereits in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts.

Außerdem gab es einige Beispiele aus der Zeit Arthur Schnitzlers, die für die herrschende politische Situation in Wien charakteristisch waren und die Schnitzler etwas abgeändert in seinem Werk verarbeitete. Zum Beispiel kandidierte ein sehr fähiger Jude seit geraumer Zeit für die Beförderung zum Professor. Die Ernennung wurde vom Ministerium verschoben mit der Begründung, man müsse Rücksicht auf die Konfession nehmen. Es musste demnach zuerst ein Katholik den Professorentitel erhalten, auch wenn kein Qualifizierter für diesen Posten zu finden war, damit ein Aufstand des Wiener Volkes verhindert wurde. Auch bei der Besetzung einer neuen Abteilung kam es des Öfteren vor, dass zugunsten der katholischen Konfession entschieden wurde und nicht aufgrund von beruflichen Fähigkeiten.[8]

[...]


[1] Butzko, S. 16.

[2] Butzko, S. 61.

[3] Vgl. Urbach: Arthur Schnitzler, S. 7ff.

[4] Vgl. Urbach: Nachwort, S. 193ff.

[5] Vgl. Urbach: Nachwort, S. 195.

[6] Vgl. Urbach: Arthur Schnitzler, S. 24.

[7] Vgl. Rösch, S.2.

[8] Vgl. Urbach: Nachwort, S. 204ff.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Judenproblematik in Arthur Schnitzlers Werk ‚Professor Bernhardi’
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Germanistischen Institut)
Veranstaltung
Arthur Schnitzler. Dramen und Erzählungen
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V121780
ISBN (eBook)
9783640264636
ISBN (Buch)
9783640264896
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judenproblematik, Arthur, Schnitzlers, Werk, Bernhardi’, Schnitzler, Dramen, Erzählungen
Arbeit zitieren
Sabine Reichardt (Autor), 2007, Die Judenproblematik in Arthur Schnitzlers Werk ‚Professor Bernhardi’, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121780

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