Während die historische Entwicklung und das innermonastische Leben innerhalb der Frauenklöster anhand dieser Überlieferungen mittlerweile durch Werke wie Horst Appuhns „Chronik und Totenbuch des Klosters Wienhausens“ oder Ida-Christine Riggerts „Die Lüneburger Frauenklöster“ weitgehend rekonstruiert sind, bleibt das Wissen um Spiritualität und Frömmigkeit der einzelnen Nonne jedoch weitgehend unbekannt. Zentrale Fragestellungen der Arbeit sind daher, wie sich Frömmigkeit von Frauen im späten Mittelalter fassen lässt und wie die einfache Nonne in den Heideklöstern ihre Frömmigkeit außerhalb der Liturgie formte.
Die Arbeit soll versuchen, diese Fragestellungen zu beantworten und einen Einblick in die weibliche Frömmigkeit der Konvente und ihrer Nonnen im Spätmittelalter zu geben. Ziel ist es, angelehnt an June Mechams Werke Sacred Communities, Shared Devotions sowie Reading between the lines: compilation, variation, and the recovery of an authentic female voice in the Dornenkron prayer books from Wienhausen, die Schriftlichkeit der Klöster aufzuarbeiten und so darzulegen, wie Frömmigkeit überliefert und ausgedrückt wurde. Obschon die Arbeit von der Frömmigkeit innerhalb der Lüneburger Frauenklöster in ihrer Allgemeinheit handelt, werden sich die Analysen wegen der ausführlicheren Überlieferungen und ausgewählten Handschriften hauptsächlich auf die Konvente Wienhausen und Ebstorf konzentrieren.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Lüneburger Frauenklöster
2.1 Die Geschichte der Klöster am Beispiel Wienhausen
2.2 Reform und Reformation
2.2.1 Die Reform im 15. Jahrhundert
2.2.2 Die lutherische Reformation im 16. Jahrhundert
2.3 Monastisches Leben
2.4 Beziehungen zwischen den Heideklöstern
3 Frömmigkeit in den Lüneburger Frauenklöstern
3.1 Formen der Frömmigkeit
3.1.1 Öffentliche Frömmigkeit
3.1.2 Private Frömmigkeit
3.2 Wandel der Frömmigkeit
4 Passionsliteratur in den Lüneburger Frauenklöstern
4.1 Die Dornenkron - Wienhäuser Handschrift 31
4.1.1 Materialität
4.1.2 Sprache
4.1.3 Inhalt und Memoria passionis in Handschrift 31
4.1.4 Private Frömmigkeit in Handschrift 31
4.1.5 Ein Text, viele Überlieferungen - Der Ursprung von Handschrift 31
4.2 Die fünf Wunden Christi - Ebstorfer Handschrift IV4
4.2.1 Materialität
4.2.2 Leidensmeditation der fünf Wunden Christi in Handschrift IV4
4.2.3 Ein Text, viele Überlieferungen - Gebete zu den fünf Wunden Christi in Ebstorf
5 Kleinformatige Handschriften und ihre Funktion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ausprägung privater Spiritualität und Frömmigkeit bei den Nonnen in den Lüneburger Frauenklöstern im Spätmittelalter, insbesondere unter dem Einfluss von Reformbewegungen und dem Gebrauch persönlicher Gebetsmanuskripte.
- Wandel des klösterlichen Lebens durch Reform und Reformation
- Analyse der privaten Frömmigkeit und Passionsfrömmigkeit
- Untersuchung von Wienhäuser und Ebstorfer Handschriften
- Funktion von kleinformatigen Gebetsbüchern als Medium individueller Spiritualität
- Zusammenhang zwischen Materialität der Texte und weiblicher Autorenschaft
Auszug aus dem Buch
4.1.3 Inhalt und Memoria passionis in Handschrift 31
Die im Kontext der Reform 1469 entstandene Handschrift 31 stellt die Leiden Christi während des via crucis in aller Anschaulichkeit dar. In der Nacherzählung der Passion wählte die Verfasserin die spinee corone, welche Christus von den Soldaten geflochten und auf das eigene Haupt gesetzt wurde, als zentrales Motiv. Die Autorin verlieh so ihrer individuellen Frömmigkeit Ausdruck, indem sie sich mit den für sie bedeutsamen Teilen des Passionsweges auseinandersetzte und diese auf die eigenen Anliegen und Sorgen auslegte.
„Manuscript 31 [...] preserve the mediation of the Dornenkron, a detailed account of Christ’s suffering during the passion in the tradition of the ‘Secret Passion’.” Die Erzählungen dieser ‚Secret Passion’ waren maßgeblich dadurch geprägt, dass prophetische Aussagen aus dem Alten Testament über Überlieferungen von Christus’ Leben und Tod im Neuen Testament ausgelegt wurden und so ein detailliertes Bild der Brutalität des Leidensweges Christi entstand - „the process of rhetorical elaboration [than] gradually transformed such images into ‚historical fact’.”
Diese aus der ‚Secret Passion’ kommende Brutalität findet auch Eingang in Handschrift 31, in welcher die Nonne die letzten Ereignisse in Christus’ Leben anschaulich beschreibt. Das Andachtsbuch beginnt mit einer Benennung der Dornenkrone und einer Empfehlung, das Buch zu „lesen alle sondaghe.“ Darauf folgt ein einleitendes Gebet, in welchem Christus’ Tod und Wunden gesegnet werden und Schutz vor dem Bösen bis an das Lebensende erbeten wird. Anschließend führt die Verfasserin aus, wie Christus vierzig Tage und Nächte in der Wüste gefastet, die sommerliche Hitze sowie den winterlichen Regen, Hagel und Schnee ausgehalten und sich demütig vor seinen Jüngern verneigte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Thema der spätmittelalterlichen Frömmigkeit und die Bedeutung der handschriftlichen Überlieferung in den Lüneburger Frauenklöstern.
2 Die Lüneburger Frauenklöster: Historischer Überblick über die Gründung, die Auswirkungen der Reformen des 15. Jahrhunderts sowie die lutherische Reformation im 16. Jahrhundert.
3 Frömmigkeit in den Lüneburger Frauenklöstern: Differenzierung zwischen öffentlicher und privater Frömmigkeit sowie Untersuchung des Wandels dieser Praktiken im Zeitverlauf.
4 Passionsliteratur in den Lüneburger Frauenklöstern: Detaillierte Analyse spezifischer Handschriften (Dornenkron/Handschrift 31 und Ebstorfer Handschrift IV4) hinsichtlich ihrer Materialität, Sprache und inhaltlichen Ausrichtung.
5 Kleinformatige Handschriften und ihre Funktion: Reflexion über den funktionalen Zweck kleiner Gebetsbücher und deren Rolle als Instrumente privater Andacht.
Schlüsselwörter
Lüneburger Frauenklöster, Spätmittelalter, Frömmigkeit, Passionsliteratur, Wienhausen, Ebstorf, Dornenkron, Handschriften, Private Andacht, Reformation, Reform, Monastisches Leben, Weibliche Spiritualität, Gebetsbücher, Memoria passionis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der spezifischen Ausgestaltung von Frömmigkeit bei Nonnen in Lüneburger Frauenklöstern während des Spätmittelalters, wobei der Fokus auf dem Einfluss von Reformen und der Bedeutung handschriftlicher Aufzeichnungen liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themenfelder umfassen die Geschichte der Klöster, den Wandel religiöser Praktiken (Reform und Reformation), die Analyse spätmittelalterlicher Passionsliteratur sowie die materielle Kultur der Gebetsüberlieferung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Nonnen ihre Frömmigkeit durch das Schreiben und Lesen von privaten Gebetstexten individuell formten, insbesondere im Kontext der Passionsmeditation.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet eine literatur- und handschriftenkundliche Analyse, ergänzt durch historische Quellenarbeit, um die Verbindung zwischen den Textinhalten und dem monastischen Alltag zu erschließen.
Was wird im Hauptteil detailliert untersucht?
Der Hauptteil analysiert konkret die „Dornenkron“-Handschrift 31 aus Wienhausen sowie die „Fünf Wunden Christi“-Handschrift IV4 aus Ebstorf unter Aspekten wie Materialität, Sprache und inhaltlichem Gehalt.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt zusammenfassen?
Wichtige Begriffe sind Lüneburger Frauenklöster, Passionsliteratur, private Frömmigkeit, handschriftliche Überlieferung, Dornenkron und klösterliche Reformen.
Wie beeinflusste die Reform von 1469 die Schriftlichkeit in den Klöstern?
Die Reform von 1469 führte zu einem neuen Bedürfnis nach privater Andacht, was die Schreibtätigkeit der Nonnen intensivierte, um persönliche Gebete zur Vertiefung der Passion Christi festzuhalten.
Welche Rolle spielten die "kleinformatigen Handschriften" für die Nonnen?
Diese Handschriften dienten vermutlich primär als persönliche Gebetsbegleiter für die private Andacht, die es den Nonnen ermöglichten, ihre individuelle Spiritualität und Sorgen in einen direkten Dialog mit Gott zu bringen.
Was belegt die Nutzung des Personalpronomens „ick“ in Handschrift 31?
Die Verwendung der 1. Person Singular deutet darauf hin, dass die Texte eine sehr persönliche Ebene der Andacht widerspiegeln und von den Nonnen bewusst aus ihrer eigenen Perspektive als „Sünderin“ konstruiert wurden.
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- Anonym (Author), 2020, Text und Medialität. Spätmittelalterliche Frömmigkeit in den Lüneburger Frauenklöstern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1217877