Die Motivation für den Krieg in Heinrich Wittenwilers "Der Ring"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

23 Seiten, Note: 2,2


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Motivation des Krieges zwischen den Dörfern Lappenhausen und Nissingen

3. Das Verhältnis zwischen dem Ausbruch und dem Ende der Streitigkeiten

4. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Der Ring von Heinrich Wittenwiler, wahrscheinlich um 1400 in Konstanz entstanden, stellt, wie vom Dichter selbst im Prolog angekündigt, den Lauf der Welt dar. Das Lehrwerk soll dem Leser genau aufzeigen, Was man tuon und lassen schol (v. 12). Der Lauf der Welt und was ein Mann wissen und können muss, lässt sich Wittenwiler zufolge in drei Hauptgruppen unterteilen:

5. Das Werben des Mannes um eine Frau.
6. Fragen zur Gesundheitslehre und wie man sich in der Welt zu verhalten hat.
7. Wie man sich in Kriegszeiten zu verhalten hat (v. 17 – 28).

Ihre Umsetzung finden die Lehren Wittenwilers in der Geschichte von Bertschi Triefnas und Mätzli Rüerenzumph bzw. den Dörfern Lappenhausen und Nissingen.

Der erste Teil erzählt wie Bertschi um Mätzli wirbt und diese schließlich in die Hochzeit mit ihm einwilligt (die Motive für ihre letztendliche Entscheidung seien an dieser Stelle dahingestellt). Nach vielen Belehrungen des Bräutigams und der Braut über u.a. religiöse Angelegenheiten, die Körper- bzw. Gesundheitspflege, nützliche Tugenden und die Haushaltsführung kommt es im zweiten Teil anschließend zur Eheschließung zwischen Bertschi und Mätzli. Auf die Hochzeit folgt ein ausgelassenes, jeder Etikette trotzendes Hochzeitsmahl mit Tanz. Während des Tanzens kommt es zu einem blutigen Zwischenfall, aus dem der im dritten Teil folgende Krieg resultiert.

Um die Belehrungen des Ringes ansprechender und unterhaltender zu gestalten unterteilt Wittenwiler den Text in zwei Bereiche. Die ernsthaften und lehrreichen Passagen wechseln sich mit komischen, lächerlichen Handlungen einer Gruppe Bauern ab, beide Bereiche ergeben zusammengenommen das Gesamtwerk und existieren nicht, wie angenommen werden könnte, bloß nebeneinander. Damit der Sinn, den die Erzählung verfolgt, nicht verloren geht, sind die ernsthaften, lehrreichen und die unterhaltenden Bereiche farblich voneinander abgehoben. Auch einige Verhaltensweisen die auf den ersten Blick als scherzhaft erscheinen, werden zu den lehrreichen Passagen gezählt, da sie vorführen, „wie nicht gehandelt werden soll“[1] (siehe als Beispiel das Hochzeitsmahl). Auch die als unterhaltend, scherzhaft gekennzeichneten Inhalte enthalten vereinzelt diese Negativdidaxe.

Die vorliegende Arbeit soll sich mit den Motiven für die Entstehung des Krieges im Ring beschäftigen und wird sich aus diesem Grund nur mit dem 3. Teil des Ringes beschäftigen, dieser Teil lehrt uns:

Wie man allerpest gevar

Ze nöten, chrieges zeiten

In stürmen, vechten, streiten. (v. 26 – 28).

Durch eine genaue Analyse der Entstehung und Entwicklung der vorantreibenden Kräfte für das aggressive und todbringende Verhalten der Bauern soll die Motivation für den Krieg der beiden Dörfer Lappenhausen und Nissingen dargestellt werden. Im Zusammenhang dazu, werde ich außerdem einen Blick auf die Beziehung zwischen der herrschenden Situation zu Beginn der Streitigkeiten und dem Bild, das sich nach der Entscheidung der Schlacht bietet, werfen.

2. Zur Motivation des Krieges zwischen den Dörfern Lappenhausen und Nissingen

Krieg und Kampf werden von Beginn der Erzählung an nicht in Frage gestellt und als Bestandteil des alltäglichen Lebens anerkannt, sie werden als Mittel zur Konfliktlösung nicht nur akzeptiert, sondern gleichsam vorausgesetzt. Verständlich wird dies vor dem Hintergrund der Kenntnisse über das Leben im Mittelalter und der Inhalte ihrer epischen Dichtungen, der Krieg gehört hier zum festen Bestandteil der Handlungen. Ein Mann bzw. Ritter hatte nur im Krieg oder im Zweikampf die Möglichkeit, seine Vortrefflichkeit und seine Tugenden unter Beweis zu stellen und so Ehre zu erlangen.[2]

Diese Tatsache macht die Aufnahme des Kampfes und Krieges als eine Grundfeste des Ringes mit seinen Lehren über alle (nach Wittenwiler) wichtigen Aspekte des Leben zweifellos begreiflicher.

Der zweite Teil des Ring endet im wilden Trubel des Hochzeitsfestes von Bertschi und Mätzli. Die Hochzeitsgäste sind nach der Eheschließung und dem ausgedehnten Hochzeitsmahl bei ausgelassener und aufgeheizter Stimmung. Es wird musiziert, gesungen und getanzt:

Der spilman pfeiff, daz nie gestob,

Nie gedont noch nie geflog.

Do chnatens hin, do trattens her

Nicht anders sam die wilden per.

We, wie höch seu sprungen,

Ir armen auf swungen!

Der ein der schre: ’Hi ju, hi jo!’

Der ander: ’Jo, wie get es so!’ (v. 6386 – 6393).

In der Aufregung und Ausgelassenheit des Festes vergessen die Mädchen jeglichen Anstand, Röcke fliegen hoch, Brüste springen beim Tanzen aus dem Ausschnitt und Hüdlein wird es sogar so heiß, dass sie sich den Kittel vorne aufreißt und sich den übrigen Hochzeitsgästen vollkommen nackt präsentiert. Die Situation spitzt sich immer weiter zu, das Treiben der versammelten Gesellschaft wird immer toller, alle springen und tanzen wild durcheinander, Kleidungsstücke und Schnürsenkel zerreißen, das Gedränge der Menge wirkt fast bedrohlich:

Von dem gumpen und gedreng

Ward der tantz so übrigs eng,

Daz der preutgom wisst nicht, wo

Er was und keren scholt aldo.

Er was gesteket in der mitt

Sam in dem sne ein andrer schlitt. (v. 6416 – 6421).

Schon an dieser Stelle lässt sich, mit Aussicht auf das folgende Geschehen, deutlich das aggressive, lustvolle Verhalten der Bürger erkennen. Aus einem für gewöhnlich von Freude, Wärme und Harmonie begleitetem Hochzeitsmahl, wird hier eine „Freßorgie“[3], in der die Zerstörungswut, der Wahnsinn aber auch die Lust und Triebhaftigkeit der Figuren gut erkennbar werden. Ihre Gewalt richtet sich nicht ausschließlich gegen andere, auch die Destruktion des eigenen Körpers bleibt nicht aus (v. 5541-5543, v. 5697f., v. 5823-5838 und v. 5901-5912).

Als die Gäste aufgeheizt und bis zum Äußersten gereizt sind, die Stimmung durch Alkohol, sexuelle Triebhaftigkeit und schnelle aufeinander folgende Tänze ihren absoluten Höhepunkt erreicht hat, kippt das Fest schlagartig um: Do sat der tiefel äschen drein (v. 6448). Der Lappenhauser Eisengrein kratzt die Nissingerin Gredel heimlich aus (sexueller) Zuneigung an der Hand, diese fängt an zu bluten und das Fest artet im Unglück aus (v. 6449 – 6457). Aus der (sexuellen) Lust und der Leidenschaft mit der die Hochzeitsgäste ihr Handeln bis zu diesem Zeitpunkt ausgeführt haben, entsteht eine Gewalt, die mit der gleichen Intensität und Aggression verfolgt wird wie zuvor das ausgelassene Festmahl.[4]

Der dritte Teil beginnt in der Folge mit einer feindseligen Auseinandersetzung zwischen Bertschi und dem Onkel Gredels, dem Nissinger Schinddennack. Schnell eskaliert die Situation und eine Prügelei beginnt (v. 6458 – 6477).

Dass der Auslöser für die Streitigkeiten beliebig gewählt ist und durchaus austauschbar wäre, lässt Wittenwiler mehrfach im Text erkennen. Wiederholt hatte es im Laufe der Festlichkeiten Situationen bzw. Vorausdeutungen gegeben, die die herannahende Umkehrung von Lust in Gewalt ankündigten.

Des sneutzt her Chnotz sein nasen gross

Durch sein hende also bloss

Und warfs dem preutgom unterd augen.

’Nu lek du das, so will ich’s glauben!’ (v. 5961 – 5964)

Und mit vorausweisender Ahnung an anderer Stelle:

Und hietin seu getrunken bass,

Es wär ze stössen komen das.

Also ward es nider geleit

Und der tisch hin wider brait. (v. 5625 – 5628)

und

Des lachet man: es war nicht zeit,

Daz sich derheben scholt ein streit. (v. 6245f.).

Jedes der beiden Dörfer hätte demnach den Streit beginnen können, dass es letztendlich der Lappenhauser Eisengrein ist, der durch seinen ‚Übergriff’ den Kampf entfacht, kann als ein beliebig gewählter Auslöser betrachtet werden. Des weiteren kommt auch Gredels Onkel Schinddennack als Verursacher für den folgenden Kampf in Betracht. Die Schuld ist hier klar auf beide Dörfer verteilt.

Der Kampf zwischen den Dorfbewohnern beginnt mit todbringendem Haare Raufen, Ziehen und Zerren, bis zuletzt auf beiden Seiten weder die Köpfe noch die Bärte Haare aufzuweisen haben (v. 6492 – 6495). Als nächstes werden die bloßen Fäuste gegen den Gegner eingesetzt, als diese zu eintönig werden, folgt der Einsatz von Spießen und Schwertern. Der Schmerz und das Leid seiner Mitbürger veranlasst Bertschi dazu, die Dorfglocken zu läuten, daraufhin eilen die übrigen Dorfbewohner den Kämpfenden zu Hilfe (v. 6604 – 6619). Mit Armbrüsten, Bogen, Bolzen, Pfeilen, Gabeln, Rechen und Steinen schaffen sie es schließlich, die Nissinger in die Flucht zu schlagen (v. 6646 – 6648).

Die Frage nach Schuld und Recht kann zu diesem Zeitpunkt der Erzählung nicht mehr eindeutig und zufriedenstellend beantwortet werden. Zwar wurde der Streit wie schon oben angemerkt durch den Lappenhauser Eisengrein ausgelöst, die darauffolgende Reaktion aller Dorfbewohner scheint trotz allem zu überzogen und der Situation nicht angemessen. Dem ungeachtet ist es der Nissinger Dietrich, der den ersten Totschlag des Kampfes begeht (v. 6487 – 6491).

Die Lappenhauser haben nach den Streitigkeiten sechs Tote zu beklagen, auf Seiten der Nissinger sind drei Kämpfer gefallen. Darüber hinaus werden aber nach der Flucht der Nissinger die in Lappenhausen zurückgebliebenen Nissinger Mädchen noch am gleichen Tag (v. 6672 – 6675) und wiederholt in der darauffolgenden Nacht (v. 7088 – 7097) von den Lappenhausern missbraucht. „Recht und Unrecht sind also, wenn man gegeneinander aufrechnet, auf beiden Seiten fast gleichmäßig verteilt [...].“[5] Wem also letztendlich die Legitimation zur Rache und zum Krieg zugesprochen werden kann, wird im Text nicht deutlich, was bleibt ist die Frage nach einem gerechten oder ungerechten bzw. gerechtfertigtem oder ungerechtfertigtem Krieg für jedes der beiden Dörfer.

[...]


[1] Kalning, Pamela: Kriegslehren in deutschsprachigen Texten um 1400. Seffner, Rothe, Wittenwiler. Münster: Waxmann, 2006. S. 144.

[2] Vgl.: Könneker, Barbara: Dulce bellum inexpertis. Kampf und Krieg im Ring Heinrich Wittenwilers.

In: Jahrbuch der Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft. 8/1994-95. S. 64f.

[3] Bachorski, Hans-Jürgen: Irrsinn und Kolportage. Studien zum Ring, zum Lalebuch und zur Geschichtklitterung. Trier: WVT, 2006. S. 155.

[4] Vgl.: Ebd.: S. 156.

[5] Könneker, Barbara 1994-95. S. 72.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Motivation für den Krieg in Heinrich Wittenwilers "Der Ring"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Gewalt in der Literatur des Mittelalters
Note
2,2
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V121863
ISBN (eBook)
9783640266395
ISBN (Buch)
9783640266630
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Motivation, Krieg, Heinrich, Wittenwilers, Ring, Gewalt, Literatur, Mittelalters
Arbeit zitieren
Linda Kim Wegener (Autor), 2006, Die Motivation für den Krieg in Heinrich Wittenwilers "Der Ring", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121863

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