Künstlerlegende - Joseph Beuys


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der erweiterte Kunstbegriff

3 Die Soziale Plastik

4 Beuys der Schamane
4.1 I like America and America likes me
4.2 The Chief, Fluxus-Gesang
4.3 Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt

5 Materialien
5.1 Filz
5.2 Fett
5.3 Honig

6 Resümee

7 Bibliografie

1 Einleitung

Beuys war ein Künstler, der sich mit seiner Kunst immer wieder mit neuen Medien auszudrücken vermochte, sei es in Zeichnungen, Plastiken, Objekten, Environments, in Aktionen, Filmen, Videos, Texten, Schallplatten und schließlich in Vorträgen und Diskussionen. Nicht nur seine Materialien, die er für seine Kunst benutzte waren ungewöhnlich, auch der Kontext, in den er seine Kunst brachte, erschien dem damaligen Betrachter und Beobachter ungewohnt. Seit Aufnahme seines Studiums 1947 bis zu seinem Tod 1986 hat er rund 70 Aktionen, 50 Installationen ausgeführt und 130 Einzelausstellungen gefüllt. Hinzu kommt sein politisches Engagement: die Gründung der Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung, die der freien Internationalen Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre Forschung und schließlich die Mitgründung der Partei Die Grünen. „Beuys selbst hat die Einheit von Künstler, Pädagoge und Politiker immer wieder betont und in der schon oft zitierten plastischen Theorie einen entsprechenden Überbau dafür gefunden.“[1] Beuys’ größtes Ziel war es, die Grenzen zwischen Kunst und Leben einzureißen. Die plastische Theorie beinhaltete seinen erweiterten Kunstbegriff und die Soziale Plastik, an der er unentwegt arbeitete ­- sei es als Politiker, als Künstler oder aber auch als Pädagoge. Irrelevant welche Rolle er annahm, um seine Soziale Plastik zu vollenden „für Beuys ist der Mensch zentrales Thema, weil er ihm überhaupt als zentralen Punkt der Welt ansieht.“[2]

Die vorliegende Hausarbeit wird sich speziell auf Beuys’ Rolle des Schamanen beziehen. Da es jedoch unmöglich ist, seine einzelnen Rollen aus dem Zusammenhang zu reißen, muss sein erweiterter Kunstbegriff, insbesondere seine Sozialen Plastik, kurz dargestellt werden. Sein Schamanentum, sowie seine Arbeit als Pädagoge und Politiker resultieren aus seinem erweiterten Kunstbegriff, der vorsieht alle Bereiche des menschlichen Lebens in den der Kunst zu transportieren. Nach der kurzen Einführung in die Kunstvorstellung Beuys’ werde ich die Aktionen I like America and America likes me, The Chie f und Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt beschreiben und den Schwerpunkt auf das Schamanenhafte in seinen Werken legen. Hierbei sind die Materialien, die er in seinen Aktionen benutzt von besonderer Bedeutung, daher sollen auch diese dargestellt werden.

2 Der erweiterte Kunstbegriff

Beuys’ Intention, die Kunstwelt und die Gesellschaft zu erneuern und zu reformieren, ist auf ein Ereignis seines Lebens zurückzuführen. 1955 erliegt er depressiven Erschöpfungszuständen, die auf seinen Kriegserlebnissen basieren, wie er selber sagte. Seine persönliche Umorganisierung erklärte er folgendermaßen: „Der Initialvorgang war ein allgemeiner Erschöpfungszustand, der sich allerdings schnell in einen regelrechten Erneuerungsvorgang umkehrte. Die Dinge in mir mussten sich völlig umsetzen, es musste bis in die Physis hinein eine Umwandlung stattfinden. Krankheiten sind fast immer auch geistige Krisen im Leben, wo alte Erfahrungen und Denkvorgänge abgestoßen beziehungsweise zu durchaus positiven Veränderungen umgeschmolzen werden.“[3] Den Erneuerungsvorgang übertrug er nun auf seine Kunst, auf die Gesellschaft, auf die Politik und auf sein Verständnis eines demokratischen Staates. Diese neuen Denkvorgänge fasste er unter dem Erweiterter Kunstbegriff zusammen.

Der herkömmliche Kunstbegriff beinhaltete für Beuys nichts, er wurde seiner Meinung nach stets traditionell genommen. Kunst ist für ihn die ursprüngliche menschliche Ausdrucksform. Doch der traditionelle Kunstbegriff hat seiner Meinung nach jeglichen Bezug zu Mensch und Gesellschaft verloren und erschöpft sich, völlig isoliert, lediglich in formalen Stilerneuerungen. Den traditionellen Kunstbegriff wollte Beuys nun zum anthropologischen machen. Er wollte ihn auf andere Gebiete ausweiten. Auf Politik, Wirtschaft, Wissenschaft. Leben und Kunst sollten eins werden. So stellte er die Gleichung auf: Kunst = Mensch = Kreativität = Freiheit. Dies besagt, dass der Mensch als kreatives Wesen auch ein freies Wesen ist. Freiheit ist ein weiterer Schlüsselbegriff. Denn die Quelle der Freiheit ist das Denken, als Mittel der Erkenntnis.

„Kreativität […] muß zum Lebensprinzip werden. Der freie kreative Mensch ist Grundlage und Baumeister der neuen Gesellschaft. Er ist der Träger der Revolution, der Umwälzenden Neuerungen.“[4] Revolution und Evolution waren für Beuys ebenso essenzielle Termini. Kunst war für ihn „die einzige evolutionäre Kraft“[5], die fähig ist, die Gesellschaft mittels menschlicher Kreativität zu verändern. Um die Gesellschaft jedoch grundlegend zu verändern, braucht es die Hilfe aller. „Sie müssen alle ins aktive Mitgestalten hineinkommen, und das ist ja der wesentliche Punkt des erweiterten Kunstbegriffs […]. So ist diese Sache um den erweiterten Kunstbegriff die zentrale Frage unseres Lebens geworden.“[6] Mit dieser Aussage bindet er alle Menschen mit ein, denn laut Beuys ist jeder Mensch befähigt seine Umwelt zu verbessern. „Also der erweiterte Kunstbegriff sagt ja nichts anderes, als daß jeder Mensch ein Künstler ist […].“[7]

Eng verbunden mit seinem neuen Kunstbegriff ist auch seine eigene Kunst, sein Kunstverständnis und die Interpretation oder viel eher die Auslegung seiner Kunst. Beuys war permanent dagegen, dass seine Kunst interpretiert wurde. Man tue gut daran zu beschreiben, was man sehe, hat Beuys einmal gesagt, auf diese Weise komme man in den Bereich dessen, was er meine: „Kunst ist ja nicht dazu da, daß man Erkenntnisse auf direktem Wege gewinnt, sondern vertiefte Erkenntnisse über das Erleben herstellt. Es muß mehr passieren als nur logisch verständliche Dinge.“[8]

Auch die Dinge zu erahnen sei gut. Damit gerate etwas in Bewegung. Nur im Notfall oder aus Schulungsgründen greife man zum Mittel der Interpretation. Unter normalen rationalen Gesichtspunkten ist vieles, was Beuys entwickelt hat, nicht zu fassen. Umso mehr spielt die Intuition eine Rolle, die er als eine höhere Form von Ratio bezeichnet hat. Zum Beschreiben seiner Werke/Aktionen dienen vielmehr seine eigenen Aussagen, die Beuys in Interviews und Diskussionen erläuterte, die gleichzeitig Bestandteil seiner Kunst sind. Seine Erklärungen haben jedoch keinen interpretierenden oder analytischen Charakter, eine Auskunft über seine Motivation erwartet man vergebens. Es bleibt von vorneherein erstaunlich, dass „die Fragestellung nicht auf ein Warum abzielt, sondern wiederum im werk- oder kunstimmanenten Bereich bleibt. Es wird kein eigenes Fragesystem entwickelt, das sich auf die Bedeutung so offenkundiger Faktoren bezieht, wie Fetisch, Magie, Ritual usw..“[9] Verstehen heißt bei Beuys nicht, eine in sich geschlossene Interpretation zu finden, seine Arbeiten wollen durch ihre Ausstrahlung Gedankenprozesse und Assoziationen anregen, verborgene menschliche Erfahrungen freisetzen und das Bewusstsein verändern.

3 Die Soziale Plastik

Untrennbar mit Beuys’ erweiterten Kunstbegriff verbunden ist die Soziale Plastik. Das traditionelle Kunstverständnis, in dem der Künstler als Schöpfer von Kunstwerken gilt, wird bei Beuys auf weitere Tätigkeiten ausgedehnt; jeder einzelne gestaltet die Gesellschaft, Kultur, Politik und Ökologie mit und formt sie somit plastisch. Die Gesellschaft sollte so durch soziales Verhalten und Handeln neu geformt werden. Besonders der Begriff der Plastik veränderter sich unter Beuys insofern, als dass er sich auf alles, was zum Schöpferischen Beriech gehört, bezieht. Plastik wurde allumfassend.[10] Auch gedankliche Schöpfung: „Denken ist Plastik. Der aus der Kreativität herausgebildete Gedanke ist schon ein Kunstwerk, eine Plastik.“[11] Das Formulieren der Gedanken, also die Sprache vergleicht er mit einem Bildhauer, der seinen Ton formt. „In dem Augenblick, da der Mensch denkt, ist er derjenige, der an einer Schwellensituation steht und etwas Neues auf die Welt bringt, was vorher nicht da war.“[12] Denken war für ihn die Grundlage alles Kreativen. Was der Mensch nun damit produziert, „ob es sich um einen Juristen handelt, wo das Produkt endet in einem Plädoyer oder einem Schriftstück“[13] war Beuys gleichgültig.

Dementsprechend war auch sein politisches Engagement Veranschaulichung seiner Sozialen Plastik, dies kommt besonders durch ein Zitat seinerseits zum Tragen: „Meine Studentenpartei ist meine bislang größte und beste Plastik.“[14]

Ein gutes Exempel, um deutlich zu machen, wie er sein Vorhaben, die Kunst in das alltägliche Leben der Menschen zu integrieren in die Tat umsetzt, sie dabei zum Mitgestalten motiviert, ist seine Aktion 7000 Eichen. „Also ist 7000 Eichen eine Plastik, die sich auf das Leben der Menschen bezieht, auf ihre alltägliche Arbeit. Das ist mein Kunstbegriff, den ich den „Erweiterten Kunstbegriff“ oder die „Soziale Skulptur“ nenne.“[15] Die Bäume wachsen dort, wo der Mensch real lebt und nicht in Galerien oder Museen, sie integrieren sich in sein alltägliches Leben und sein Umfeld. Für Beuys war die Pflanzung der Eichen ein erster Schritt, die damaligen Umweltprobleme mit Kunst zu lösen und stellt so die langeangestrebte Gleichung Kunst =Leben dar.

Einen weiteren Weg seine Kunst den Menschen näher zu bringen, sah er in der Provokation. Er wollte über seine Kunst diskutieren, um dadurch den Menschen seinen erweiterten Kunstbegriff nahe zu bringen. Er provoziert durch Arbeiten, die in Form und Inhalt den konventionellen Maßstäben nicht entsprechen. Sie verschließen sich gängigen Interpretationsansätzen. Der Provokation folgte Aggression. „Es ist doch gar nicht schlimm, wenn die Leute aggressiv werden […]. Dann kommen wir wenigstens ins Gespräch […]. Provokation heißt immer: Jetzt wird auf einmal was lebendig. Wenn das alles schon so verhärtet ist, dann muss man doch das mal wirklich generell anstoßen, dass das alles Mal hochkommt […]. Aber das habe ich ja erreicht durch meine Plastiken, dass die Leute sich darüber aufgeregt und dann darüber gesprochen haben.“[16] Und provokant war vor allem sein schamanistisches Verhalten.

[...]


[1] Wedewer, Romain: Über Beuys, Düsseldorf, 1972. S. 111.

[2] Rappmann, Rainer; Schata, Peter; Harlan, Volker: Soziale Plastik. Materialien zu Joseph Beuys, Achberg, 1976. S.74.

[3] Adriani, Götz; Konnertz, Winfried; Thomas, Karin: Joseph Beuys, Köln 1994. S.40.

[4] Rappmann, Rainer; Schata, Peter; Harlan, Volker: Soziale Plastik. Materialien zu Joseph Beuys, Achberg, 1976. S.100.

[5] Rappmann, Rainer; Schata, Peter; Harlan, Volker: Soziale Plastik. Materialien zu Joseph Beuys, Achberg, 1976.. S.32.

[6] Fischer, Knut; Smerling, Walter: Joseph Beuys im Gespräch mit Knut Fischer und Walter Smerling, Köln 1989. S.47.

[7] Ebenda. S.51 f..

[8] Stemmler, Dierk: Zu den Multiples von Joseph Beuys, Bonn 1977. S.54.

[9] Wedewer, Romain: Über Beuys, Düsseldorf, 1972. S.15.

[10] „Plastik ist allumfassend, den ursprünglichen Gattungsbegriff übergreifende künstlerische Intention wird als Ergebnis eines Bewusstwerdungsprozesses verstanden, der aus der Grundlage jeglicher Form von Kreativität, beziehungsweise aus der bestimmte Kräfte freisetzenden Imagination resultiert und sich im Denken und Handeln, im Gestalten, im Bilden, in der formulierenden Sprache usw. niederschlägt.“ Adriani, Götz; Konnertz, Winfried; Thomas, Karin: Joseph Beuys, Köln 1994. S.54.

[11] Lunau, Sybille-Kathrin: Kunst zwischen Pathologie und Erlösung – Zur Anwendung und Erweiterung der Kunst bei Franz Rosenzweig und Joseph Beuys, Münster 1997. S.185.

[12] Ebenda. S.141.

[13] Schellmann, Jörg; Klüser, Bernd (Hrsg.): Joseph Beuys Multiples, München 1985. S.20 ff.

[14] Wedewer, Romain: Über Beuys, Düsseldorf, 1972. S.40.

[15] Groener, Fernando; Kandler, Rose-Marie (Hrsg.): 7000 Eichen. Joseph Beuys, Köln 1987. S.71.

[16] Fischer, Knut; Smerling, Walter: Joseph Beuys im Gespräch mit Knut Fischer und Walter Smerling, Köln 1989, S.16.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Künstlerlegende - Joseph Beuys
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Kunsthistorisches Institut)
Veranstaltung
Künstlerlegenden, -typen, -karrieren von der Neuzeit bis heute
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V121883
ISBN (eBook)
9783640266494
ISBN (Buch)
9783640266715
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Künstlerlegende, Joseph, Beuys, Künstlerlegenden, Neuzeit
Arbeit zitieren
Stefanie Marx (Autor), 2008, Künstlerlegende - Joseph Beuys, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121883

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