Der Einfluss von religiösen Mehrheiten auf demokratische Systeme


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
34 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition der Variablen
2.1 Theoretische Grundlagen
2.2 Die Variable „Religiosität“
2.3 Die Variable „Laizismus“
2.4 Die Variable „Demokratie“

3. Verwendete Variablen aus dem World Values Survey (WVS)
3.1 Auswahl der Variablen aus dem WVS für „Religiosität“
3.2 Auswahl der Variablen aus dem WVS für „Laizismus“
3.3 Auswahl der Variablen aus dem WVS für „Demokratie“

4. Bearbeitung der WVS-Daten – Aggregation und Recodierung

5. Faktorenanalyse
5.1 Faktorenanalyse für „Religiosität“
5.2 Faktorenanalyse für „Laizismus“
5.3 Faktorenanalyse für „Demokratie“

6. Korrelationen

7. Verbindung von politischer Kultur und politischer Struktur
7.1 Polity IV
7.2 Freedom House Index
7.3 Scatterplots

8. Fazit

9. Zusammenfassung/ Abstract

10. Anhang
10.1 Übersicht der verwendeten Variablen aus dem WVS
10.2 Scatterplot Polity IV – Religiosität
10.3 Scatterplot Freedom House – pro Laizismus
10.4 Scatterplot Freedom House - Demokratiebefürwortung

11. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nach westlich-demokratischer Vorstellung gewährt eine rechts- und sozialstaatliche Demokratie Kirchen eine bessere Entfaltungsmöglichkeit als jede andere Staats- und Gesellschaftsordnung (Andersen/ Woyke 2003: 272). Aus diesem Verständnis heraus erscheint es logisch, dass gläubige Menschen die Demokratie gegenüber anderen Systemen bevorzugen würden. Doch demokratische Systeme beinhalten gleichzeitig eine je nach Land unterschiedlich ausgeprägte Trennung von Staat und Kirche, so dass Kirchen daran gehindert werden, einen allzu großen Einfluss auf die Politik des Landes ausüben zu können. Dieses könnte einen wichtigen Grund für Gläubige darstellen, Demokratie nicht zu befürworten. Besteht also ein Zusammenhang zwischen einer starken religiösen Bindung und einer positiven/negativen Einstellung zu Demokratie?

Die vorliegende empirische Untersuchung wird sich dieser Frage annehmen und klären, ob man davon ausgehen muss, dass Länder mit einer stark religiösen Bevölkerung der Demokratie als politischem System nicht so zugewandt sind, wie Länder, in denen Religion nur eine untergeordnete Rolle spielt. Dieses hätte weit reichende Folgen und würde bei einer bejahung dieser These bedeuten, dass stark religiöse Bevölkerungen langfristig nicht mit einer demokratischen Systemstruktur vereinbar sind, also zu Instabilität von demokratischen Systemen führen. Anhand von Daten über die Unterstützung von Demokratien durch die Bevölkerung und Daten zum Ausmaß der persönlichen religiösen Bindung soll eine Voraussage über eine mögliche, zukünftige Stabilität von Demokratien in Ländern mit einem hohen Anteil religiöser Individuen getroffen werden können. Grundlage für diese Annahme bildet der politische Kulturansatz, dem zugrunde liegt, dass jedes politische System versucht Stabilität zu erreichen. Das schafft ein System jedoch nur, wenn es von seinen Bürgern als legitim anerkannt wird, sonst wird es über kurz oder lang zusammenbrechen. Um also die zur Systemerhaltung unumgängliche Stabilität zu erreichen, muss „ein Großteil“ der Bürger das System als legitim anerkennen (vgl. Pickel/Pickel 2006: 53f.). Um die Unterstützung von demokratischen Systemen durch „einen Großteil der Bürger“ untersuchen zu können, wurde in dieser Untersuchung auf die Daten des World Values Survey (WVS) zurückgegriffen, da es sich hierbei um aus Umfragen gewonnene Individualdaten handelt, die zu Aggregatdaten zusammengefasst wurden. So wurden „Aussagen über die Gesellschaft durch Zusammenfassung individueller Einstellungen“ ermöglicht (Pickel/Pickel 2006: 58).

Die für diese Untersuchung verwendeten Variablen wurden umcodiert und anhand von Faktorenanalysen Dimensionen zugeordnet. Anschließend wurden durch Korrelationsanalysen mögliche Zusammenhänge zwischen den einzelnen Ausprägungen untersucht.

Wie einleitend schon erwähnt, ist für den Zusammenhang von Religiosität und Demokratiebefürwortung neben der individuellen Einstellung zu Religion und Demokratie ebenso die Einstellung zum Laizismus ausschlaggebend ist. Dem Laizismus kommt durch seine ihm innewohnende Funktion als wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der Rechtstaatlichkeit – und damit der Demokratie – eine besondere Rolle zu. Und auch für die religiöse Dimension ist er ausschlaggebend, da Laizismus zwar eine freie Entfaltung der Kirchen ermöglicht, ihren Einfluss auf die Führung des Staates jedoch beschränkt. Aus diesen Gründen wurden Korrelationsanalysen zwischen den definierten Variablen „Religiosität“ – „Laizismus“, „Laizismus“ – „Demokratie“, und „Religiosität“ – „Demokratie“ durchgeführt.

Da die verwendeten Daten subjektive Daten sind und nicht eine objektive Realität darstellen (s.u.), wurden die eben genannten Variablen anschließend auf ihren Zusammenhang mit den Demokratie-Indices Freedom House und Polity IV gesetzt, um kulturelle und strukturelle Aussagen verbinden zu können.

2. Definition der Variablen

Im Folgenden sollen die theoretischen Grundannahmen erläutert werden, die zur letztendlichen Auswahl der Variablen aus dem World Values Survey führten.

2.1 Theoretische Grundlagen

Für die Untersuchung, ob religiöse Menschen Demokratie eher ablehnen oder eher befürworten, dienten die aggregierten Daten des WVS als Grundlage. Der WVS-Datensatz beinhaltet aus Umfragen gewonnene Daten aus insgesamt 84 entwickelten Ländern und wurde deswegen herangezogen, weil das „ Instrument der Umfrageforschung […] gerade für diese repräsentative Feststellung von Kollektiveigenschaften ausgezeichnet geeignet“ (Pickel/Pickel 2006: 32) ist. Bei den Daten handelt sich um subjektive Einstellungen einzelner Individuen, die zu aggregierten Daten zusammengefasst wurden. Auch wenn subjektive Messungen oft als „weich“ gegenüber den harten Fakten anderer, objektiver Messungen gelten, wurde auf subjektive Einschätzungen bewusst zurückgegriffen, da diese Untersuchung ja gerade die persönlichen Einstellungen von Bürgern eines Landes benötigt, um die Unterstützung von Laizismus und Demokratie beurteilen zu können. Ebenso muss nicht jedes Individuum, das Mitglied einer Kirche oder kirchlichen Organisation ist, sich selbst als gläubig einschätzen und auch Individuen ohne konfessionelle Bindung können starke religiöse Überzeugungen haben. Um also den Einfluss der persönlichen Religiosität auf die Einstellung zu Laizismus und Demokratie zu untersuchen, war ein Rückgriff auf die Daten des WVS sinnvoll. Die Antworten auf die gestellten Fragen können natürlich Schwächen enthalten, die nicht in den Zahlen erkennbar sind. Besonders problematisch ist, dass die Antworten durch die Individuen aus zahlreichen Gründen vorgefiltert sind. Je nach Kultur, Herkunft, Bildung, persönlichen Erfahrungen und Situationen werden die Antworten anders ausfallen. Und selbst die Stimmung zur Zeit der Befragung oder Sympathie/Antipathie zum Befragenden können die Ergebnisse verfälschen, da der Befragte zu einem anderen Zeitpunkt eventuell anders geantwortet hätte. Für die Auswertung der Daten ist besonders problematisch, dass es ein unterschiedliches persönliches Verständnis von den zentralen Begriffen dieser Untersuchung – insbesondere dem der Demokratie – gibt.

Dass es sich bei der Datengrundlage um aggregierte Daten handelt, die als prozentuale Angaben später für das Ausmaß der Unterstützung in einem Land herangezogen werden, stellt – obwohl der Transfer von Mikroebene der Personen auf die Makroebene der Länder oft als problematisch und fehleranfällig angesehen wird (vgl. Lieberson 1985: 108) – hingegen kein Problem dar, da die Chance besteht, „die Verteilungen im Aggregat auf ihre Varianz zu überprüfen“ (Pickel/ Pickel 2006: 44). Zudem besitzen Umfragedaten ihre größte Verlässlichkeit und Aussagekraft auf der Aggregatebene und weniger auf der Individualebene (vgl. Welzel 2003).

Theoriegeleitet sollen nun die Variablen „Religiosität“, „Laizismus“ und „Demokratie“ für die Untersuchung definiert werden, um später aufgrund dieser Definitionen die Variablenauswahl aus dem Fragenkatalog des WVS zu begründen.

2.2 Die Variable „Religiosität“

Der Soziologe Robert N. Bellah sieht die heutige Religion zentral durch das Prinzip der freien Wahl gekennzeichnet und hebt die private und vielseitige Seite von Religion hervor, welche sich seiner Meinung nach insbesondere dadurch ausdrückt, dass jedes Individuum seine eigene, ganz persönliche Religion zusammenstellen kann (Bellah 1967; vgl. Kracht 2004: 314). Da die Freiheit der Religionswahl also ein zentrales Prinzip von heutiger Religion ist, ließe sich daraus ableiten, dass nicht nur freie Religionswahl sondern auch freie Religionsausübung für Gläubige von Bedeutung sein wird. Freiheit in Religionswahl und –ausübung sind jedoch nicht in autoritären sondern vielmehr demokratischen Systemen anzutreffen. Wenn Bellah also richtig liegt und freie Religionswahl ein zentrales Prinzip der Religion ist, müssten religiöse Menschen demokratischen Systemen eher zustimmen.

Wenn Bellah über heutige Religion spricht, wird darüber hinaus deutlich, dass Religion sich offensichtlich verändert und einem Wandel unterzogen ist. Niclas Luhmann merkt dazu an, dass Religion als Religion dennoch immer erkennbar bleiben wird, was nicht zuletzt dadurch gesichert sei, „daß die Funktionssysteme der modernen Welt sich nicht mehr als religiös begreifen. Wenn das mit „Säkularisierung“ gemeint war, so sichert gerade die Säkularisierung die Eigenständigkeit von Religion und bewahrt das Religionssystem davor, die eigene Einheit vorschnell auf der Ebene von integrierten Heilsprogrammen zu suchen.“ (Luhmann 1997: 174). Luhmann geht weiterhin davon aus, dass sich Religion weltweit intensiviert und sich zunehmend ausdifferenziert. Wenn sich also in dieser Untersuchung herausstellen sollte, dass religiöse Menschen Demokratie nicht unterstützen und man Luhmanns These der weltweiten Religionsintensivierung folgt, bedeutet dies zwangsläufig, dass die Welt auf die Einsetzung undemokratischer Systeme zusteuert. Dass Religion jedoch vollkommen in dem System der Politik aufgeht, ist nach Luhmanns zweiter These aufgrund der Säkularisierung unwahrscheinlich (Luhmann 1997: 175), da Luhmann Systeme als Gebilde deutet, die sich aus ihren eigenen Elementen selbst aufbauen („Autopoiesis“) (vgl. Meireis 2004: 178). Eine Einheit aus Religion und Politik wird es deswegen seiner Meinung nach niemals geben können.

Doch was macht Religion – außer dem oben beschriebenen zentralen Begriff der freien Religionswahl – noch aus? Laut der Definition des Soziologen Émile Durkheim ist Religion „ein solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige, d.h. abgesonderte und verbotene Dinge, Überzeugungen und Praktiken beziehen, die in einer und derselben moralischen Gemeinschaft, die man Kirche nennt, alle vereinen, die ihr angehören.“ (Durkheim 1981: 75). Leider ist Religion nicht in allen seinen Ausprägungen direkt mess- und erfassbar, es besteht ein Messbarkeitsproblem (Pickel 2007). Die Einstellung zur Religion, also die persönliche Religiosität, ist jedoch leicht anhand von Umfragen zu ermitteln.

Fasst man die klassischen Religionsdefinitionen von Max Weber, Émile Durkheim, Michael Hill und Peter L. Berger zusammen, so kann man vier Elemente der soziologischen Religionsdefinition ausmachen: 1. Individuelle Überzeugungen (Glaube an Gott) 2. Soziale Praktiken (Ritual, Zeremonien, Gottesdienst) 3. Moralische Gemeinschaft (Verpflichtungen, Normen) und

4. Institutionelle Ausprägung (Kirche) (Pickel 2007). Für die vorliegende Untersuchung sind vor allem die individuelle Überzeugung und soziale Praktiken von Bedeutung, da im WVS nicht danach gefragt wurde, ob die Befragten sich an Verpflichtungen, wie zum Beispiel das Fasten innerhalb eines bestimmten Zeitraumes, ihrer Religion halten. Die institutionelle Ausprägung ist ebenfalls zu vernachlässigen, da die Existenz oder Nicht-Existenz einer Kirche nicht ausschlaggebend für das Ausmaß der Religiosität von Individuen ist. Es sind also Variablen auszuwählen, die zum einen die persönliche Religiosität betreffen, wie z.B. der Glaube an Gott, und zum anderen die öffentliche Religiosität betreffen, wie z.B. die Häufigkeit des Betens.

2.3 Die Variable „Laizismus“

Laut Definition von Manfred G. Schmidt ist Laizismus „im engeren Sinne die Ideen und Bestrebungen, die auf die radikale Trennung von Staat und Kirche gerichtet ist, und im weiteren Sinne diejenigen, die nach Verminderung oder Ausschaltung des Einflusses von Kirche und Religion auf öffentlich-politische Angelegenheiten streben“ (Manfred G. Schmidt 1995; Stichwort: „Laizismus“). Laizismus beinhaltet ein Spannungsfeld zwischen Staat und Kirche, da Kirchen jedweder Ausrichtung versuchen, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Das liegt wohl insbesondere daran, dass Religion einen Teil der Kultur darstellt, welche vielfältig in die Gesellschaft eingebunden ist (Pickel 2007). Die aktuelle Diskussion in der Türkei, in der das Kopftuchverbot in öffentlichen Gebäuden erst kürzlich aufgehoben wurde, zeigt, wie sehr eine Vermischung oder Trennung von Staat und Kirche in die Gesellschaft eingreifen oder sie sogar spalten kann. Auch in Frankreich ist die Frage nach dem Umgang mit Laizismus aktuell, wurde doch 2003 noch eine Sonderkommission von dem damaligen Staatspräsidenten Jacques Chirac ins Leben gerufen, die einen Bericht über „Die Anwendung des Prinzips des Laizismus in der Französischen Republik“ erarbeiten sollte. Gründe für diese Maßnahme waren vor allem die Zunahme von religiösem Extremismus in Frankreich und rechtliche Probleme in Zusammenhang mit den Verstößen gegen den Grundsatz des Laizismus. Unter anderem verbieten Familien ihren Kindern zunehmend die Teilnahme an bestimmten Fächern, die ihrer Meinung nach nicht mit ihrer Religion vereinbar sind, immer öfter weigern sich Mitarbeiterinnen, Männern die Hand zu geben oder männliche Arbeitskräfte lehnen es ab, von einer weiblichen Vorgesetzten Anweisungen entgegen zu nehmen
(Crevel/ Wagner 2004). Diese Beispiele machen deutlich, dass Religion, Staat, Gesellschaft und die Frage nach Ausprägung des Laizismus eng miteinander verbunden sind.

In laizistischen Staaten ist die freie Entfaltung der Kirchen gewährleistet, da der Staat den Religionen gegenüber neutral ist. Im Gegenzug dürfen sich die Religionen nicht in die politische Führung des Staates einmischen. Außerdem garantiert das „Prinzip der Trennung von Staat und Kirche […] die Glaubensfreiheit und die Freiheit, sich zu religiösen Vereinigungen zusammenzuschließen, aber es trennt gleichzeitig die religiöse Sphäre, die letztlich als Privatsache angesehen wird, ganz klar von der politischen.“
(Bellah 1967: 22). Dieses bedeutet jedoch keineswegs, dass eine Trennung von Kirche und Staat zwangsläufig mit einer Trennung von Religion und Politik einhergeht. Besonders gut lässt sich das am Beispiel Amerikas ablesen, wo trotz etabliertem Laizismus Legislative, Exekutive und Judikative stark von religiösen Strömungen durchzogen sind und von ihnen beeinflusst werden.

Grundlegend gründet sich der Laizismus vor allem auf die drei Werte Gewissensfreiheit, Gleichheit der geistlichen und religiösen Ausrichtungen vor dem Gesetz und Neutralität der politischen Gewalt (Crevel/ Wagner 2004). Daher sind aus dem WVS-Datensatz solche Variablen für die Gestaltung der Variable „Laizismus“ auszuwählen, die zum Beispiel nach Befürwortung/Ablehnung von religiösen Führern in öffentlichen Ämtern oder nach Befürwortung/Ablehnung von Beeinflussung von Wählergruppen durch religiöse Führer fragen.

2.4 Die Variable „Demokratie“

Eine Definition des Begriffes „Demokratie“ ist nicht leicht, ist er doch sehr weitläufig, vielschichtig und – wie unzählige Demokratietheorien beweisen – auch nicht unumstritten. Für die Frage, ob Religiosität Einfluss auf eine positive/negative Einstellung zu Demokratie hat, ist solch eine Definition von „Demokratie“ jedoch gar nicht relevant. Vielmehr soll ja die subjektive Bewertung von Demokratie im Vordergrund stehen, die dann auf einen Zusammenhang mit Religiosität untersucht werden soll. Darüber hinaus haben die befragten Individuen, wie oben erläutert, sowieso ein individuelles Demokratieverständnis, so dass hier eher eine Definition von „Demokratie-unterstützung“ angebracht ist. Was macht also die Unterstützung der Bevölkerung zu einem politischen System aus? Laut dem Politikwissenschaftler David Easton sind zwei Arten von politischer Unterstützung zu unterscheiden: erstens die spezifische Unterstützung (specific support) und zweitens die diffuse Unterstützung (diffuse support). Die spezifische Unterstützung nach Easton zeichnet sich vor allem durch die Zufriedenheit mit den Outputs des politischen Systems beziehungsweise mit den Autoritäten, die diese Outputs produzieren, aus. Bei der diffusen Unterstützung hingegen besteht eine Zustimmung zu den Objekten als solchen, die nicht durch bestimmte Leistungen begründet ist (Pickel/ Pickel 2006: 79). Die diffuse Unterstützung wird darüber hinaus in „Legitimität“ und „Vertrauen“ unterteilt. Legitimität bedeutet bei dieser Unterteilung „ ein Produkt der von den Bürgern gesehenen Übereinstimmung der eigenen Werte und Vorstellungen vom politischen System und vom politischen Leben mit den Unterstützungsobjekten […]“, Vertrauen ist als „Hoffnung auf eine „Gemeinwohlorientiertheit“ dieser Objekte oder der sie tragenden Personen […]“ definiert (Pickel/Pickel 2006: 80). Dieses Modell von Easton der politischen Unterstützung wurde später durch die Politikwissenschaftlerin Bettina Westle weiterentwickelt. Sie ergänzte die Unterstützungsmodi Eastons um eine diffus-spezifische Dimension, welche moralische Urteile über die demokratische Qualität des Objektes beinhaltet, und eine spezifisch-diffuse Dimension, welche die instrumentelle Beurteilung langfristiger Outcomes beinhaltet
(vgl. Westle 1989: 100).

Der Definition von Easton und Westle folgend, sind für die Auswahl der Variablen aus den WVS die Variablen von Bedeutung, die eine spezifische, diffuse oder diffus-spezifische politische Unterstützung messen. Die spezifisch-diffuse Dimension muss aufgrund der Datenlage des WVS vernachlässigt werden. Ebenso macht der Fragenkatalog des WVS leider keine Unterscheidung zwischen Unterstützung der Demokratie als Idee und der Unterstützung der Demokratie als Regierungsform, es können leider nur Variablen ausgewählt werden, welche die Unterstützung der Demokratie als Regierungsform messen.

In dem Buch „Politische Kultur- und Demokratieforschung“ wird darauf hingewiesen, dass politische Unterstützung als Einstellung einer Person und nicht als Verhalten einer Person verstanden wird (Pickel/Pickel 2006: 79). Dementsprechend wurden in der Untersuchung alle Variablen, die das Verhalten einer Person betreffen, etwa die Teilnahme an friedlichen politischen Demonstrationen, ebenfalls nicht berücksichtigt.

3. Verwendete Variablen aus dem World Values Survey (WVS)

Wie bereits begründet wurden für die Untersuchung die Daten des World Values Survey herangezogen. Die verwendete Version „Four-Wave Aggregate v.20060423“ ist im Internet frei verfügbar[1] und enthält vier in insgesamt 84 entwickelten Ländern durchgeführte Umfragewellen[2]. Das ebenfalls über die Homepage frei verfügbare Codebook „Integrated Questionnaire“ wurde benutzt, um die passenden Variablen für die Untersuchung auszuwählen. Die Variablen des WVS sind in sieben Kategorien (a-g) eingeteilt und beinhalten zusätzlich noch 51 soziodemographische Angaben. Für die Untersuchung waren folgende Fragensets relevant: a – Perception Of Life, e – Politics and Society und
f – Religion and Morale. Die Variablen „Religiosität“, „Laizismus“ und „Demokratie“ wurden nach den oben beschriebenen Auswahlkriterien zusammengestellt. Für die Untersuchung wurden nur Variablen aus der vierten Welle herangezogen, da viele Fragen in den früheren Wellen nicht oder nur in vereinzelten Ländern gefragt worden sind. Die Einbeziehung der anderen Wellen hätte keinen erhöhten Erkenntnisgewinn mit sich gebracht. Variablen, die in der vierten Welle abgefragt wurden und darüber hinaus für den Untersuchungsgegenstand geeignet waren, wurden dann nicht mit in die Untersuchung einbezogen, wenn die Daten nur vereinzelt in den Ländern erhoben wurden. Ebenso wurden alle Länder, in denen keine einzige Frage zur Religion, zum Laizismus oder zur Demokratie gestellt wurde, aus dem Datensatz entfernt.

3.1 Auswahl der Variablen aus dem WVS für „Religiosität“

Für die Variable „Religiosität“ wurden die Fragen aus dem WVS rausgesucht, die die persönliche und die öffentliche Religiosität betreffen.

Tabelle 3.1 Einteilung der Variablen in persönlich e und öffentliche Religiosität

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2 Auswahl der Variablen aus dem WVS für „Laizismus“

Für die Variable „Laizismus“ wurden Fragen aus dem WVS ausgewählt, die auf eine Befürwortung beziehungsweise auf eine Ablehnung von Laizismus abzielen.

Tabelle 3.2 Einteilung der Variablen in pro und contra Laizismus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.3 Auswahl der Variablen aus dem WVS für „Demokratie“

Für die Variable „Demokratie“ waren für die Auswahl der Variablen aus den WVS die Variablen von Bedeutung, die eine spezifische, diffuse oder diffus-spezifische politische Unterstützung messen.

Tabelle 3.3 Einteilung der Variablen in spezifische/diffuse/diffus-spezifische Unterstützung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4. Bearbeitung der WVS-Daten – Aggregation und Recodierung

Obwohl es sich bei den WVS-Daten bereits um aggregierte Daten handelt, mussten die meisten Variablen weiter aggregiert und in einigen Fällen recodiert werden. Bei der Variable „a006 – Religion important in life“ gab es beispielsweise folgende Antwortmöglichkeiten: „Very important (1)[3] “, „Rather important (2)“, „Not very important (3)“, „Not at all important (4)“ und „Don’t know (-1)“. Da nur die Zustimmung, also die bejahung der Frage, ob man religiös ist, gemessen werden sollte, wurden in diesem Fall die beiden Antwortmöglichkeiten „Very important“ und „Rather important“ aggregiert, einer zweiten Gruppe wurden alle anderen Antwortmöglichkeiten und die fehlenden Fälle zugeordnet. Anschließend wurde der prozentuale Anteil eines Landes, der dieser Frage zugestimmt hat, in den neuen Datensatz übernommen und mit den übrigen Variablen ebenso verfahren.

Bei den Variablen, die bereits im WVS als Zustimmung – keine Zustimmung aufgeführt wurden, war eine weitere Aggregation nicht notwendig, es wurde dann nur der Prozentsatz der Zustimmung in den neuen Datensatz übernommen.

Bei den Variablen „f028 – How often do you attend religious services“ und „f066 – Pray to God outside of religious services“ wurde die Häufigkeit des Betens und der Gottesdienste erfasst. Im WVS sind dafür die Werte 1 bis 8 für die Häufigkeit beziehungsweise -1 bis -5 für die fehlenden Werte vorgesehen. Durch Recodierung wurde die Anzahl der Besuche und Gebete auf die Häufigkeit pro Jahr umgerechnet. Die Antwortmöglichkeiten „More than once a week“ und „Once a week“ bekamen den Wert 52, „Once a month“ den Wert 12, „Only on special holy days/Christmas/Easter days“ den Wert 6, „Other specific holy days“ den Wert 3 und die Antwortmöglichkeiten „Once a year“ und „Less often“ den Wert 1. Für „Never practically never“ wurde 0 als neuer Wert bestimmt, fehlende Werte als „missing“. Nach dieser Recodierung wurde das arithmetische Mittel gebildet und der so erhaltene Durchschnittswert in den neuen Datensatz übernommen.

5. Faktorenanalyse

Um die oben benannten WVS-Variablen für die weitere Analyse auf weniger Variablen zu reduzieren, wurden drei Faktorenanalysen durchgeführt. Gleichzeitig konnte dadurch festgestellt werden, ob durch die ausgewählten Variablen wirklich die Dimensionen gemessen wurden, die gemessen werden sollten. Die Ergebnisse der Faktorenanalysen wurden jeweils als neue Variablen gespeichert und später zur Korrelationsanalyse verwendet.

5.1 Faktorenanalyse für „Religiosität“

Um die Angemessenheit der Daten zu überprüfen, wurde zunächst der KMO-Wert bestimmt. Für die Religiosität liegt er bei 0,88 und ist damit recht gut, die Variablenauswahl ist also geeignet.

Tabelle 5.1 KMO-Maß für Religiosität

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anschließend wurde die Varianz ermittelt. Leider liegt diese nur bei 62,46% und ist damit etwas niedrig.

[...]


[1] http://www.worldvaluessurvey.org

[2] die vier Umfragewellen wurden in folgenden Jahren durchgeführt: 1981; 1990-1991; 1995-1996; 1999-2001

[3] Die Zahlen in den Klammern geben den Originalwert an, der den Antworten im WVS zugeschrieben wurde; für die Fälle „No answer“, „Not applicable“, „Not asked in survey“ und „Missing; Unknown“ gab es die Werte -2 bis -5.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von religiösen Mehrheiten auf demokratische Systeme
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Vergleichende Regierungslehre)
Veranstaltung
Vergleichende Demokratieforschung und Demokratiemessung
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
34
Katalognummer
V121962
ISBN (eBook)
9783640272808
ISBN (Buch)
9783640273089
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einfluss, Mehrheiten, Systeme, Vergleichende, Demokratieforschung, Demokratiemessung
Arbeit zitieren
Kerstin Zuber (Autor), 2008, Der Einfluss von religiösen Mehrheiten auf demokratische Systeme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121962

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