Dem alltäglichen Leben scheint der Tod heute so fern wie nie. Das Thema ist in hohem Maße individualisiert. Zwar findet in der Öffentlichkeit eine Form der Enttabuisierung statt, bedenkt man beispielsweise die hohen Zahlen von Kriegs- und Unfalltoten, die täglich die Nachrichten füllen oder die martialischen Todesszenarien in Videospielen und Blockbustern auf den Kinoleinwänden. Vergleichbares zeigt die seit mehreren Jahren umstrittene Debatte um Sterbehilfe, ebenso wie der arglos anmutende Umgang mit Symbolen des Todes, wie dem Totenkopf als Schmuckstück oder Tattoomotiv. Die Allgegenwart offenbart dabei jedoch eher eine Distanzierung, die sich in konsumistischer Banalität durch Ökonomisierung und Medialisierung des Themas zeigt.
Sokrates’ Gespräch in Platons Dialog „Phaidon“ bezieht sich auf die Themen des Todes und des Weiterlebens und enthält philosophische Grundgedanken über die Unsterblichkeit der Seele. Nicht zuletzt sind die Ausführungen des Sokratesschüler zum Todesthema evident, weil sie vom letzten Lebenstag des antiken Philosophen berichten, bevor er durch das Gift des Schierlingsbechers sterben soll.
Vor diesem Hintergrund sind die Überlegungen einzelner Philosophen der Geschichte zum Todesthema interessant. Die vorliegende Arbeit kann und will jedoch kein Kompendium darstellen, das repräsentative philosophische Todesdiskurse von der Antike bis zur Gegenwart nachzeichnet. Es soll exemplarisch ein Text des bis heute einflussreichen Autors aus dem frühen 17. Jahrhundert von Michel de Montaigne untersucht werden, der sich sowohl inhaltlich als auch formal auf vielfältige Weise dem Todesthema annähert. Hierbei muss gleichsam vorangestellt werden, dass der Autor der vorliegenden Arbeit Montaigne als Philosophen und Literaten versteht, ohne dabei die beiden Bezeichnungen voneinander zu trennen. Als Erklärung, die im Laufe der Arbeit substanziert wird: Montaignes Denkarbeit ist das eines kritischen Verfahrens. Und dieses findet statt in dem Modus eines offenen Textverfahrens, der Form des Essays, dessen Erscheinen von der literaturgeschichtlichen Forschung vor allem mit Montaigne verknüpft ist.
Sein Essay „Philosophieren heißt sterben lernen“, dessen Titel bereits den von ihm in der frühen Neuzeit wieder aufgegriffenen Ansatz der antiken Todesverständigung andeutet, soll Aufschluss über seine Kommunikation über das Todesthema geben, ebenso wie sein einige Jahre darauf verfasster Text „Von den Gesichtszügen“.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Annäherung an die Philosophie Michel de Montaignes
3 Montaignes Kommunikation über das Todesthema
3.1 Der Essay „Daß Philsophiren Sterben lernen heisse“
3.2 Der Essay „Von den Gesichtszügen“
4 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kommunikation über das Todesthema bei Michel de Montaigne anhand seiner Essays „Daß Philosophiren sterben lernen heisse“ und „Von den Gesichtszügen“. Ziel ist es, Montaignes spezifischen Denkansatz zu erhellen, der sich in der Form des Essays durch eine kritische Distanz zu dogmatischen Todeskonzepten der Philosophiegeschichte auszeichnet und den Tod stattdessen als Teil des Lebens integriert.
- Analyse der Thanatologie in der Philosophiegeschichte
- Untersuchung der Essay-Form als Medium der Reflexion
- Vergleich der Thesen von Montaigne mit antiken Vorbildern wie Cicero, Platon und Epikur
- Herausarbeitung des intersubjektiven Konzepts von Todesbezügen
Auszug aus dem Buch
3.1 Der Essay „Daß Philosophiren Sterben lernen heisse“
Verfährt Montaigne in vielen seiner Essays äußerst degressiv, vor allem was den inhaltlichen Prozess im Hinblick auf die Überschrift betrifft, so arbeitet er sich in seinem Text „Daß Philsophiren Sterben lernen heisse“ aus dem ersten Buch seiner Essais, noch relativ dicht an dem im Titel angekündigten Thema ab.
Einleitend sowie bereits im Titel selbst bezieht sich der Text auf den Grundsatz des römischen Politikers und Philosophen Marcus Tullius Cicero (106 v. Chr-43 v. Chr.), nach der Philosophieren eben jene Gleichung erfüllt, dass sterben zu lernen, „nichts anders [sey], als eine Vorbereitung zum Tode.“ Eine These, die zum Grundbestand der Geschichte der Philosophie zählt, und in der griechischen Antike ihren Ursprung hat. In dem in der Einleitung bereits erwähnten platonischen Dialog „Phaidon“ wird deutlich, dass sich das thanatologische Konzept, auf das Cicero sich bezieht, ein dualistisches Modell offenbart. Der Tod als ein endzeitlicher gilt dabei nur für den Körper, die Seele lebt fort. Erst nach dem Tod, wenn Körper und Seele voneinander getrennt sind, ist es möglich zu jenem zu Lebzeiten unerreichbaren geistigen Idealzustand zu gelangen:
„„Heißt nun nicht Tod eben dies, die Loslösung und Absonderung der Seele vom Körper?“
„Völlig richtig“, sagte er.
„Sie loszulösen, wie wir sagen, bemühen sich stets am meisten die recht Philosophierenden und nur sie, und gerade das ist das Geschäft der Philosophen, die Loslösung und Absonderung der Seele vom Körper. Oder nicht?“
„So scheint es“.“
„Wäre es dann nicht, wie ich zu Anfang sagte, lächerlich, wenn ein Mann, der sich sein ganzes Leben lang bemüht hat, möglichst nahe am Gestorbensein zu leben, sich gegen den Tod sträubt, wenn er dann kommt?““
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung verortet das Thema des Todes in der heutigen Zeit und führt in die wissenschaftliche Relevanz von Montaignes Essays als Mittel zur Auseinandersetzung mit der Endlichkeit ein.
2 Annäherung an die Philosophie Michel de Montaignes: Dieses Kapitel beleuchtet den biographischen und methodischen Hintergrund von Montaignes Denken sowie den besonderen Charakter seines Schreibstils als kritischer Essayist.
3 Montaignes Kommunikation über das Todesthema: In diesem Hauptteil werden die zentralen Reflexionen Montaignes zum Thema Tod im Kontext der Philosophiegeschichte analysiert.
3.1 Der Essay „Daß Philsophiren Sterben lernen heisse“: Hier wird Montaignes Auseinandersetzung mit der klassischen These Ciceros und Platons vom „Sterbenlernen“ untersucht und kritisch hinterfragt.
3.2 Der Essay „Von den Gesichtszügen“: Dieses Kapitel analysiert Montaignes spätere Betrachtungen, in denen der Tod verstärkt als Ende begriffen wird, und vergleicht diese mit den Ergebnissen des ersten Essays.
4 Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse zusammen und zeigt auf, wie Montaigne das Todesthema durch ein offenes Selektionsverfahren anstatt durch dogmatische Thesen umkreist.
Schlüsselwörter
Michel de Montaigne, Essays, Todesthema, Thanatologie, Philosophiegeschichte, Sterbenlernen, Cicero, Platon, Epikur, Intersubjektivität, Lebensziel, Skeptizismus, Lebensphilosophie, Naturgesetz, Sterblichkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie der französische Philosoph Michel de Montaigne in zwei ausgewählten Essays das Thema des Todes kommunikativ und philosophisch verarbeitet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Auseinandersetzung mit antiken Todeskonzepten, die Form des Essays als Raum für individuelles Denken sowie das Verhältnis zwischen Leben und Sterben.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den speziellen Denkansatz Montaignes zu rekonstruieren, der sich von dogmatischen oder rein theoretischen Todesbildern distanziert und eine persönlichere, lebensnahe Perspektive einnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und philosophiegeschichtliche Untersuchung, die Montaignes Texte analysiert und in den Diskurs der Thanatologie einordnet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Essays „Daß Philosophiren sterben lernen heisse“ und „Von den Gesichtszügen“ im Hinblick auf deren Argumentationsstruktur und philosophische Bezüge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Montaigne, Thanatologie, Sterbenlernen, Essayistik, Intersubjektivität und Lebensphilosophie.
Wie unterscheidet sich Montaigne von platonischen Todeskonzepten?
Im Gegensatz zur platonisch-ciceronischen Lehre, die den Tod als Trennung von Leib und Seele und als geistiges Ziel begreift, lehnt Montaigne solche dualistischen Ideale ab und integriert den Tod als natürliches Ereignis in das Leben.
Welche Rolle spielt Epikur in der Argumentation des Autors?
Montaigne nutzt epikureische Ansätze, insbesondere die Idee, dass der Tod den Menschen nichts angeht, um sich gegen Todesangst und dogmatische Anweisungen zu wehren, wobei er diese Ansätze zugleich kritisch reflektiert.
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- Sebastian Polmans (Author), 2008, Kommunikation über das Todesthema bei Michel de Montaigne, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121982