Die FDJ - Von der Überparteilichkeit zur „Kampfreserve der Partei“


Examensarbeit, 2008

68 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

1. Einleitung

Die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und der Freien Deutschen Jugend (FDJ) nach Kriegsende 1945 ist alles andere als ein unbekanntes Forschungsgebiet. Besonders die Vorgeschichte und Gründungsphase von 1945 bis in die Mitte der 50er Jahre wurde von den Historikern betrachtet, dargestellt, kontrovers diskutiert und auf Grund des Betrachtungsstandpunktes sehr unterschiedlich bewertet. Während die einen die Zeit als

„antifaschistisch-demokratische Umwälzung“[1] bezeichneten, setzten die anderen diese

Beschreibung der Entwicklungsphase lieber in Anführungszeichen. Auch die Bewertung der Bedeutung dieser Phase für den weiteren Werdegang der DDR und der FDJ, ja selbst die Ergebnisse des bis 1989 entstandenen Staates, hätten nicht unterschiedlicher ausfallen können. Die großen Unterschiede in der Darstellung und Bewertung erklären sich aus den Vorgaben und Zielen für die Historiker in Ost und West. Besonders der politische Auftrag der DDR-Geschichtsschreibung, den deutschen und auch internationalen Kommunismus historiographisch darzustellen, um die SED-Herrschaft zu legitimieren, beeinflusste die Ergebnisse der Historiker stark. Sahen die DDR-Historiker die DDR und ihre Organisationen als Krönung eines Kampfes der Besten des deutschen Volkes an[2], so war die DDR und ihre

Strukturen für die West-Historiker nichts anderes als eine Diktatur nach dem Vorbild der stalinistischen UdSSR.[3] Auch die West-Historiker waren nicht frei von Vorurteilen und subjektiven Empfindungen. Die vorherrschende Abneigung des Westens gegen den Kommunismus, die unterschiedlichen ideologischen Prägungen und die ständige verbale Auseinandersetzung zwischen Ost und West beeinflussten auch die Geschichtsschreibung der West-Historiker über die DDR und ihre Organisationen. Weiterhin kommt erschwerend hinzu, dass der Zugang zu DDR-Archiven den Geschichtsschreibern aus dem Westen fast immer verwehrt blieb und sie sich somit auf die wenigen zur Verfügung stehenden Materialien stützen mussten. Auch dieser Umstand machte eine objektive Geschichtsschreibung schwer realisierbar und den Weg für Mutmaßungen der Historiker frei. Erst mit dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten 1990 boten sich für die Historiker neue Möglichkeiten. Die Öffnung der ostdeutschen Archive ermöglichte es ihnen, einen Einblick in die internen Dokumente zur Entstehungsphase der DDR und FDJ zu bekommen, um ihre eigenen Forschungsergebnisse zu überprüfen und zu überarbeiten. Weiterhin bot die Öffnung aber auch die Möglichkeit, bis dahin völlig unbekannte und unbeachtete Forschungsgebiete zu erschließen und offene Fragen zur DDR- Geschichte zu beantworten.

Die vorliegende Arbeit thematisiert einen Teil dieser Geschichte und befasst sich mit der Jugendpolitik in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR. Dabei wird besonders die Vorgeschichte, die Gründungsphase und die Entwicklung der entstandenen Jugendorganisation FDJ bis in die Mitte der 50er Jahre betrachtet und auf die Einflussnahme der Sowjetischen Militäradministration (SMAD), der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) eingegangen. Weiterhin möchte die Arbeit einen exemplarischen Einblick in den, von Dietrich Staritz formulierten, „Transformationsprozess“[4] des Parteien- und Verbändesystems der SBZ und DDR am Beispiel der FDJ geben.

Die FDJ entstand aus einem, nach Kriegsende 1945 gebildeten, zentralen Jugendausschuss, der alle deutschen Jugendlichen unter sich vereinigen sollte. Die Kommunisten hatten auf die Schaffung eines kommunistischen Jugendverbands verzichtet und waren als wortführende Mitglieder in Führungspositionen maßgeblich an der politischen Ausrichtung des Verbandes beteiligt. Zwar versicherte die Führung des Jugendausschusses und der daraus entstandenen FDJ immer wieder die nach außen dargestellte Überparteilichkeit zu wahren, dennoch täuschte die politische und strukturelle Angleichung an die SED nicht über die Einflussnahme der Partei auf den Jugendverband hinweg. In den folgenden Jahren nach der Gründung der FDJ wurde von dieser propagierten Überparteilichkeit immer mehr Abstand genommen und die führende Rolle der Partei anerkannt. Somit hatte der Verband im System der SED eine gewichtige Rolle und diente als Transmissionsriemen, um die von der Partei vorgegebene Politik zu propagieren und durch die öffentliche Zustimmung des Jugendverbands stärker zu legitimieren. Weiterhin diente die FDJ auch personell als Kader- und später auch als Kampfreserve der Partei. Die zentralen Fragestellungen, die sich bei der Betrachtung dieses Prozesses stellen, sind:

Wie vollzog sich die Transformation der FDJ von der überparteilichen Jugendorganisation zur Kampfreserve der Partei und in wie weit war dieser Prozess überhaupt ein Wandel in der politischen Ausrichtung des Verbands, oder war der Weg der FDJ in die linientreue Massenorganisation von vornherein vorgezeichnet?

Um diese Fragen beantworten zu können, steht eine große Anzahl an Quellen, Büchern und veröffentlichten Aufsätzen zur Verfügung. Keine andere Jugendorganisation bekam bereits vor 1989 eine so große Aufmerksamkeit wie die FDJ. Schon 1951 verfasste Gerd Friedrich einen knappen Abriss über die organisatorische und programmatische Entwicklung der FDJ. Auch Prauß und Herz veröffentlichten Werke zur Entstehungsgeschichte der FDJ, die jedoch, wie auch das Werk von Friedrich, durch den Kalten Krieg vorgeprägt waren und nur bedingt für eine Untersuchung des Themas zu verwenden sind. Sie können lediglich zum Vergleich der damaligen und heutigen Darstellung herangezogen werden. Auch die Veröffentlichungen aus der DDR können aus oben genannten Gründen nicht zur objektiven Bearbeitung der Fragestellungen beitragen und dienen im besten Fall als Nachschlagewerke für veröffentlichte Reden und Anweisungen. Erst mit der Öffnung der DDR-Archive 1990 kann von einer objektiven Auswertung und Darstellung der Quellen ausgegangen werden. Durch diesen Zugang zu den Archiven sind die SED-Jugendpolitik und die FDJ eine der bis heute am intensiv bearbeiteten zeitgeschichtlichen Forschungsgebiete.

Aus dieser Fülle der zur Verfügung stehenden Werke, sind die Bücher von Ulrich Mählert: Freie Deutsche Jugend 1945-1949 aus dem Jahr 1995 und Peter Skyba: Vom Hoffnungsträger zum Sicherheitsrisiko aus dem Jahr 2000 hervorzuheben, die für die Bearbeitung des Themas als Grundlage dienen. Der strukturelle Aufbau und die Auswahl der Kapitelthemen ermöglichen einen guten Einblick in die Zusammenhänge und Funktionen im Zusammenspiel von Staat und Jugend.

Die folgende Arbeit ist chronologisch gegliedert und lehnt sich an den Aufbau der genannten Werke an. Sie besteht aus drei großen Abschnitten, die teilweise in Unterpunkte aufgeteilt sind. Der erste Teil befasst sich mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 und beleuchtet die soziale und politische Situation in Deutschland und im Speziellen in der SBZ. Der zweite Teil stellt den Hauptteil der Arbeit dar. Hierbei geht es um die FDJ in der DDR. Die untergeordneten Teilabschnitte betrachten die Entwicklung der FDJ ab 1945 von den Vorläufern des Jugendverbandes über die Gründungsphase 1946 bis hin zur Etablierung und Veränderung der Jugendorganisation 1952. Dabei dienen die Parlamente der FDJ als thematische Eckpfeiler und bieten einen Rahmen für die Bearbeitung. Der dritte Teil bildet mit der Zusammenfassung und der Beantwortung der gestellten Fragen den Abschluss der Arbeit.

2. Die politische Neuordnung in der Sowjetischen Besatzungszone nach Kriegsende 1945

Nach der bedingungslosen Kapitulation des Oberkommandos der Wehrmacht am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg in Europa beendet. Der Krieg hatte eine unvorstellbare Anzahl an Opfern gefordert. Auf den Schlachtfeldern verloren ca. 19 Millionen Soldaten ihr Leben oder galten als vermisst. Weiterhin hatte der Krieg ca. 15 Millionen Zivilisten das Leben gekostet und durch die Vernichtungsmaschinerie der Deutschen wurden ca. 6 Millionen Juden ermordet.[5] In fast allen großen Städten wurde der Wohnraum teilweise bis zu 80 % in Folge wochenlanger Luftangriffe zerstört, was einen Wohnungsnotstand von ca. 650.000 Wohnungen in der Sowjetischen Besatzungszone ausmachte. 25 % der Deutschen galten als Heimatlose oder Flüchtlinge.[6] Große Teile der Bevölkerung hatten durch die letzten Tage des Krieges alles verloren und mussten ums Überleben kämpfen. In dieser Zeit wurde von allen Bevölkerungsschichten besonders die Jugend schwer getroffen. Der Bevölkerungsanteil der Zwanzig- bis Dreißigjährigen wurde um die Hälfte vermindert und durch den gnadenlosen Einsatz der unzureichend ausgebildeten und mangelhaft ausgerüsteten Jugend an der deutschen Front entstand ein enormer Verlust an jungen Männern.[7] Das Land stand wirtschaftlich wie auch politisch vor dem Ruin; ein Neuanfang musste her.

In der SBZ übernahmen die sowjetischen Besatzer die vorläufige Regierung in Form einer Sowjetischen Militäradministration (SMAD) und versuchten nach dem Wegfall der nationalsozialistischen Organisationen das öffentliche Leben neu zu gestalten und zu organisieren. In den Wochen nach Kriegsende und bis zur Etablierung eines funktionierenden Besatzungssystems bildeten sich in vielen Orten Deutschlands Ausschüsse[8], Ligen[9], Komitees[10] und Bewegungen, die sich alle selbstständig den Antifaschismus auf die Fahne geschrieben hatten. Einige wenige Verbände setzten sich aus bereits bestehenden Widerstandsgruppen zusammen, die während der NS-Zeit im Untergrund oder aus dem Exil heraus agierten. Andere bildeten sich kurz vor Einmarsch der Alliierten und übergaben so manche Ortschaften kampflos an die einmarschierenden Truppen. Wieder andere bildeten sich in den Tagen nach der Besetzung.[11]

Die Westmächte betrachteten die politische Initiative von deutscher Seite sehr skeptisch, wo hingegen bereits im zweiten Befehl der sowjetischen Besatzungsmacht vom 10. Juni 1945 die Gründung von Parteien und Gewerkschaften zugelassen wurde.[12] Dort stand:

1. Auf dem Territorium der Sowjetischen Okkupationszone in Deutschland ist die Bildung und Tätigkeit aller antifaschistischen Parteien zu erlauben, die sich die endgültige Ausrottung der Überreste des Faschismus und die Festigung der Grundlage der Demokratie und der bürgerlichen Freiheiten in Deutschland und die Entwicklung der Initiative und Selbstbetätigung der breiten Massen der Bevölkerung in dieser Richtung zum Ziel setzen.

2. Der werktätigen Bevölkerung in der Sowjetischen Okkupationszone in Deutschland ist das Recht zur Vereinigung in freien Gewerkschaften und Organisationen zum Zweck der Wahrung der Interessen und Rechte der Werktätigen zu gewähren. Den gewerkschaftlichen Organisationen und Vereinigungen ist das Recht zu gewähren, Kollektivverträge mit den Arbeitgebern zu schließen sowie Sozialversicherungskassen und anderen Institutionen für gegenseitige Unterstützung, Kultur-, Bildungs- und anderen Aufklärungsanstalten und -organisationen zu bilden.

4. Es wird bestimmt, daß für die ganze Zeit des Okkupationsregimes die Tätigkeit aller in Punkt 1 und Punkt 2 genannten Organisationen unter der Kontrolle der Sowjetischen Militärischen Administration und entsprechend den von ihr gegebenen Instruktionen vor sich gehen wird.[13]

Der Grundstein für eine politische Neuordnung in der SBZ war somit gelegt und durch die SMAD legitimiert. Die sich neu gegründeten Parteien standen unter der Kontrolle der SMAD und hatten sich deren Instruktionen zu fügen. So waren zum Beispiel die Bezeichnungen der neu gegründeten Verbände auf die Begriffe antifaschistisch, Demokratie und bürgerliche Freiheit festgelegt.[14] Es zeigte sich aber auch, dass man wieder an das Parteienspektrum der Weimarer Republik anknüpfen würde, mit Ausnahme der politischen Rechten. Mit der frühen Zulassung von Parteien in der SBZ erhoffte sich die SMAD Vorteile. Das Konzept sollte über die Grenzen hinaus eine Signalwirkung für ganz Deutschland haben und als gesamtdeutsches Modell integriert werden.[15] Ziel war es, nicht nur bessere Kontrollmöglichkeiten über die politischen Kräfte in der SBZ zu erlangen, sondern auch auf ein zentrales Parteiensystem für ganz Deutschland Einfluss nehmen und so den Machtbereich auf alle Zonen in Deutschland ausweiten zu können. Dieser Plan blieb jedoch eine Hoffnung und so beschränkte sich der politische Einfluss der Kommunisten auf die SBZ und die dort vorhandenen Blockparteien.[16] Die KPD hatte durch die Unterstützung der SMAD große Vorteile bei der Neugründung in der SBZ. Die aus Moskau bereits im April 1945 eingeflogenen Genossen der Exilkommunisten der KPD unter der Leitung von Walter Ulbricht[17] hatten die Aufgabe, in Initiativgruppen die Besatzungsmacht beim Neuaufbau der Verwaltung zu unterstützen und Kontakt zu den örtlichen Genossen aufzunehmen. Dadurch erlangten die Kommunisten einen beachtlichen Vorsprung vor allen anderen Parteien der SBZ.[18] Alle neu gegründeten Parteien und Organisationen mussten dem Antifaschismus verpflichtet sein und sich den Anweisungen der SMAD fügen, jedoch schien die sowjetische Besatzungsmacht die erste zu sein, die einen demokratischen Neuanfang in Deutschland auf den Weg brachte. Ein Irrtum, wie sich später herausstellte.[19] Walter Ulbricht formulierte passend dazu die von Wolfgang Leonhard überlieferte Aussage: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“[20]

3. Die FDJ in der DDR

3.1. Der Weg zur Freien Deutschen Jugend

Nach Kriegsende 1945 widmete sich die politische Führung der SBZ mit großer Aufmerksamkeit den Fragen der Jugendpolitik und Jugenderziehung. Mit dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Systems boten sich für die Besatzungsmächte in der Arbeit mit der deutschen Jugend einmalige Möglichkeiten. Friedrich bemerkte bereits 1951: „Wer dieses Gebot der Stunde erkannte, mußte die Jugend für sich gewinnen. [...]

Einzig die Sowjets verstanden es, die Gelegenheit für ihre Ziele zu nutzen.“[21] Die große Aufgabe bestand zum einen darin, die Jugend zum Antifaschismus umzuerziehen und zum anderen in ihrer Gewinnung für die Ziele der kommunistischen Partei, um so die Ordnung, die durch die Kommunisten vorgegeben war, dauerhaft zu festigen. Die Beeinflussung der Jugend erschien daher viel leichter als die Umerziehung der älteren Generation und wie auch zuvor

Hitler vertraten die Kommunisten die von Prauß zitierte These: „Wer die Jugend hat, dem gehört die Zukunft.“[22] Zwar stand die Umerziehung der Jugend bei allen neu gegründeten Parteien unter anderem an oberster Stelle, jedoch war es die KPD, die als erste Partei das Heft des Handelns in die Hand nahm und eine öffentliche Stellungnahme zur Jugend in Deutschland und ihrer Zukunft abgab. In einem Leitartikel mit dem Titel: Neues Leben – Neue Jugend aus der Deutschen Volkszeitung vom 7. Juli 1945 nahm Erich Honecker[23] erstmals stellvertretend für die Parteiführung der KPD öffentlich Stellung zum Thema Jugend in Deutschland. Dort stand:

[...] Die Jugend ist durch die verbrecherische Schule Hitlers gegangen. Ihr Tatendrang, ihr Glaube, ihre Hingabe und Begeisterungsfähigkeit sind zu Schandtaten mißbraucht worden, die das Schild unserer Nation befleckten. Durch unsere ehrliche Arbeit zu Beseitigung jeglichen reaktionären chauvinistischen Unrats in den Hirnen und Herzen unserer Jugend wollen wir den deutschen Namen wieder reinwaschen. [...] Es gibt Hunderte von Beispielen in Stadt und Land, in den Jugendliche die Initiative ergreifen, sei es bei Aufräumungsarbeiten, bei der Sicherstellung der Lebensmitteltransporte, bei der Wiederherstellung von Schulen, bei der Schaffung von schönen Jugendheimen, von denen allein in Berlin über hundert durch eigene Arbeit der Jugend geschaffen wurden. In diesen Heimen wird gearbeitet, gebastelt, Musik und Volkstanz gepflegt und die Jugend mit demokratisch-antifaschistischem Gedankengut durch Bücher, Zeitungen, Vorlesungen, Rezitationen und Vorträgen vertraut gemacht. [...] Eine einige und freie deutsche Jugendbewegung, das ist Wunsch und Ziel aller, denen die Zukunft unseres Volkes am Herzen liegt. Die Grundlagen dieser Bewegung sind die Jugendausschüsse in den kommunalen Selbstverwaltungen. Dort sind junge Christen, Sozialisten, Demokraten und Kommunisten mit den Jugendlichen zur gemeinsamen Arbeit vereint, die ehrlich mit dem Ungeist der HJ gebrochen haben und sich in die Reihen der antifaschistischen Front stellen.[24]

In Anbetracht dieser Aussage versteht sich, dass bereits mit den ersten sowjetischen Verwaltungsabteilungen und der Gruppe Ulbricht[25] auch schon die ersten Schüler der Sonderschule des Komsomol[26] in die SBZ kamen, um im Auftrag der SMAD die Jugendarbeit vorzubereiten und aufzubauen.[27] Durch die Wiederbelebung der KPD und den Gründungsaufruf vom 11. Juni 1945[28] lag es nahe, dass auch der kommunistische Jugendverband (KJV) wieder ins Leben gerufen werden würde. Umso erstaunlicher war es, dass sich die SMAD mit den am 20. Juni 1945 genehmigten antifaschistischen Jugendausschüssen begnügte.[29] Fünf Tage später, am 25. Juni 1945, erklärte Walter Ulbricht auf der 1. Funktionärskonferenz der KPD Groß-Berlins dazu folgendes:

Besonders wichtig ist auch die Schaffung von Jugendausschüssen. [...] Deshalb begrüßen wir die Beschlüsse verschiedener Stadt- und Gemeindeverwaltungen, die bei den Besatzungsbehörden um die Genehmigung von Jugendausschüssen nachgesucht haben. [...] Wir denken, daß den Jugendausschüssen in der Hauptsache Jungendliche angehören sollten. Denn die Masse der Jugend wird nur antifaschistisch- fortschrittlich denken lernen, wenn antifaschistische Jugendliche selbst die Führung in den Händen haben und lernen, mit eigener Kraft die Aufgaben zu lösen. Pflicht der Erwachsenen ist es, der Jugend überall und immer zu helfen und einen erfahrenen Antifaschisten in jeden Jugendausschuss zu entsenden, der den

Jugendlichen mit seinen Erfahrungen beisteht. Wir verzichten auf die Gründung eines kommunistischen Jugendverbandes, denn wir wollen, daß eine einheitliche freie Jugendbewegung entsteht.[30]

Das Wort einheitlich spielte bei dieser Forderung eine entscheidende Rolle, denn durch eine einheitliche Jugendbewegung wäre es besser möglich gewesen, die Jugend im umfassenden Rahmen zu erreichen und nach dem Willen der Kommunisten zentral umzuerziehen und zu leiten. Außerdem sollte mit der Schaffung einer einheitlichen Jugendbewegung der Vielfalt der Verbände und Interessengemeinschaften und dem weiten Parteienspektrum der Weimarer Zeit entgegengewirkt werden. Das übergreifende Ziel der Kommunisten war nach wie vor die Eroberung ganz Deutschlands, jedoch war dabei die Gewinnung der gesamten deutschen Jugend die wichtigste Voraussetzung dafür. Diesem Ziel dienten die gegründeten Jugendausschüsse. Zwar verzichteten die Kommunisten auf einen kommunistischen Jugendverband, dennoch bildeten die antifaschistischen Jugendausschüsse den Grundstein für die spätere Etablierung einer kommunistisch geprägten Organisation, indem die Mitglieder der KPD auch dort die kaderpolitischen Zügel in der Hand hielten. Damit dominierten sie von Anfang an sowohl den zentralen Jugendausschuss unter der Leitung von

Erich Honecker (KPD), als auch den Berliner Jugendausschuss unter Heinz Keßler[31] (KPD) und ermöglichten so eine kommunistische Führung der Jugendarbeit.[32] Leicht sollte es aber nicht werden, die Jugend für die Kommunisten und ihre Weltanschauung zu gewinnen. Die vorherrschende Antipathie der jungen Generation gegenüber den Kommunisten erwies sich als eine nur schwer zu überwindende Hürde und so führte der Weg zur Gewinnung der Jugend ausschließlich über die Schaffung einer überparteilichen Einheitsorganisation.[33] Die ideologische Marschrute umriss Ulbricht wenige Tage nach seiner Erklärung vom 25. Juni 1945 vor KPD-Funktionären des Landes Brandenburg. Er sagte, man müsse „den Jugendlichen erst einmal etwas über die Rolle des Preußischen Militarismus und die Lügen der Nazis“[34] erzählen. Man solle „nicht mit Marx und Engels anfangen! [...] Aus ihrem Kopf muss erst die Ideologie des Nazismus heraus und es muss ihnen klargemacht werden, daß Nationalsozialismus nichts mit Sozialismus zu tun hat.“[35]

Somit wurden auf sowjetischem Geheiß ab dem Sommer 1945 überparteiliche Jugendkomitees gegründet, die bei den Volksbildungsämtern angesiedelt waren.[36] Dazu erklärte die SMAD am 31. Juli 1945:

In Verbindung mit den an die sowjetische Militärverwaltung gerichteten Anfragen über die Schaffung von Jugendorganisationen hat der oberste Chef der sowjetischen Militärverwaltung, Marschall der Sowjetunion Shukow, die Schaffung von antifaschistischen Jugendkomitees bei den Bürgermeistereien der großen und mittleren Städte gestattet, welche aus den aktivsten, antifaschistischen Jungen und Mädchen gebildet werden sollen. [...] Alle anderen Jugendorganisationen: gewerkschaftliche- und Sport- Vereine, sozialistische und ähnliche gemeinschaftliche Organisationen außer den oben erwähnten antifaschistischen Jugendkomitees sind verboten.[37]

In der Presse wurde dieser Beschluss mit großer Zustimmung kommentiert, wobei festgestellt werden muss, dass diese, wie jede meinungsbildende Einrichtung, durch die SMAD kontrolliert und zensiert wurde. Somit spiegelt dieser Artikel nicht unbedingt die öffentliche Meinung wider, da die Besatzer in weiten Teilen der Bevölkerung kein hohes Ansehen genossen. In einem Artikel von Erich Honecker vom 3. August 1945 in der Deutschen Volkszeitung mit der Überschrift: Die Jugend vor neuen Aufgaben stand folgendes:

Keine Erkenntnis der letzten Zeit hat die Jugend so tief berührt wie die Zulassung von Jugendausschüssen in der sowjetischen Besatzungszone. Nach den düsteren Jahren der Hitlerdiktatur erhält die Jugend wieder die Möglichkeit, in freier demokratischer Zusammenarbeit ihre eigenen Aufgaben zu behandeln und zu lösen. Die Arbeit unter den Jugendlichen, die Tätigkeit der Jugend selbst wurde bisher in der Hauptsache von den Behörden durchgeführt. Jetzt erhielt die Jugend das Recht, bei den Bürgermeistereien der großen und mittleren Städte antifaschistische Jugendausschüsse zu schaffen, die aus den aktivsten antifaschistischen Jungen und Mädchen gebildet werden. [...] Die Jugend wird wieder ihre

Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Sie erhält durch die Arbeit in diesen Ausschüssen die Möglichkeit, alle fortschrittlichen Kräfte innerhalb der Jugend frei zur Entfaltung zu bringen.[38]

Lange Zeit, bevor der Beschluss der SMAD über die Bildung von antifaschistischen Jungendkomitees bekannt gegeben wurde, stand in der KPD die Besetzung der einzelnen Ämter schon fest. Hans Mahle[39] sollte den Aufbau der Jugendausschüsse leiten, da er bereits im Exil mit Jugendfragen betraut wurde. Die SMAD machte dieser Planung jedoch einen Strich durch die Rechnung, indem der Stadtkommandant von Berlin Mahle mit dem Aufbau des Rundfunks beauftragte. Dies machte den Weg für einen jungen Nachwuchskommunisten frei, der nun an die Stelle Mahles trat und in der Parteihierarchie aufstieg: Erich Honecker.[40]

Erich Honecker stand somit im Alter von nur 33 Jahren als hohes Mitglied der KPD neben Ulbricht und Pieck an der Führungsspitze der Partei. Seine Aufgabe bestand im Wesentlichen in der Leitung der Jugendarbeit in der SBZ. In dieser Position organisierte er Tagungen, trat als Hauptreferent auf und leistete Öffentlichkeitsarbeit. Eine zentralistische Jugendarbeit[41] konnte somit auf den Weg gebracht werden und fasste viele kleine Jugendausschüsse in verschiedenen Städten zusammen.[42]

In der oben erwähnten Rede vom 25. Juni 1945 begrüßte Ulbricht die Schaffung von antifaschistischen Jugendausschüssen, jedoch verwies er gleichzeitig auf den nächsten Schritt in der Planung der Jugendarbeit der KPD: die Gründung einer einheitlich freien Jugendbewegung. Diese Forderung bestärkte Honecker als Leiter der Jugend in der SBZ in seiner Rede vom 7. Juli 1945. Er sagte:

Eine einzige und freie deutsche Jugendbewegung, das ist Wunsch und Ziel aller, denen die Zukunft unseres Volkes am Herzen liegt. Die Grundlage dieser Bewegung sind die Jugendausschüsse in den kommunalen Selbstverwaltungen. Dort sind junge Christen, Sozialisten, Demokraten und Kommunisten mit den Jugendlichen zur gemeinsamen Arbeit vereint, die ehrlich mit dem Ungeist der HJ gebrochen haben und sich in die Reihen der antifaschistischen Front stellen.[43]

Die Forderung und Zielsetzung der KPD waren somit klar. Für die KDP war ein einheitlicher Jugendverband unabdingbar. Zwar standen in vielen Städten die neu gegründeten Jugendausschüsse unter der Leitung von Jungkommunisten, jedoch herrschte bei der Umsetzung der gestellten Aufgaben und der Leitung der Verbände große Uneinigkeit. Diese Unterschiede kamen zum einen aus der uneinheitlichen Verwaltung der örtlichen Kommandanturen durch das Fehlen einheitlich gedruckter Befehle und Verordnungen und zum anderen aus den unterschiedlichen Werdegängen der leitenden Funktionäre, denn viele der durch die Exilkommunisten rekrutierten deutschen Genossen konnten während der Nazizeit die Programmatik der Exilpartei nicht mit verfolgen und somit auch die neuen

Ausrichtungen der Partei nicht umsetzen.[44] Folglich hatte die KPD ihr jugendpolitisches

Konzept nicht nur gegen die konkurrierenden Parteien durchzusetzen, sondern sah sich auch im „Spannungsfeld zwischen der kleinen Gruppe der aus Moskau heimgekehrten Führungskommunisten und der großen Schar der im Land, zumeist im aktiven illegalen Widerstand gebliebenen Basisgenossen.“[45] Ein großer Unterschied bestand in der Auffassung der Kommunisten im Umgang mit der deutschen Jugend. So wurde 1987 in der Zeitschrift Beiträge zur Geschichte der FDJ in der DDR noch davon gesprochen, dass viele der KPD- Mitglieder die Hitlerjugend als eine Verbrecherbande ansahen und eine Verurteilung in den Nürnberger Prozessen, wie auch bei anderen faschistischen Organisationen forderten.[46] Auf die Gründung einer eigenen kommunistischen Jugendorganisation als Kaderschmiede für den Parteinachwuchs konnte laut dieser Mitglieder nicht verzichtet werden[47], wo hingegen die Führung der KPD im Exil bereits im Februar 1945 von der Gründung einer kommunistischen Jugendorganisation absah und stattdessen einen antiimperialistischen demokratischen Jugendverband unter der Bezeichnung Freie Deutsche Jugend vorschlug, um so alle Jugendlichen zusammenzufassen.[48]

Der Schwebezustand der Verbände und die uneinheitliche Führung der verschiedenen Jugendausschüsse erfuhr ein Ende mit der Verordnung vom 10. September 1945. Dort wurde festgelegt, dass alle […] Bezirkspräsidenten, Landräte und Oberbürgermeister Sachsen-Anhalts innerhalb des Amtes für Volksbildung Referate für Jugendausschüsse [...] bilden, deren Leiter von der Abteilung Volksbildung der Provinzialverwaltung bestätigt werden mussten. Bei den Stadtverwaltungen waren antifaschistische Jugendausschüsse einzurichten, die dem Volksbildungsamt unterstehen und sich aus aktiven antifaschistischen Jungen und Mädchen zusammensetzten sollten.[49]

Weiterhin sollten die „Referenten für die Jugendausschüsse [...] erfahren und deshalb möglichst vor 1933 in der antifaschistischen Jugendbewegung tätig gewesen sein.“[50] Ein Zentraler Jugendausschuss sollte geschaffen werden. Bereits am 1. September 1945 trafen sich Vertreter der KPD und der SPD und einige andere in der Zentralverwaltung für Volksbildung in Berlin, um einen vorbereitenden Ausschuss zur Schaffung eines Jugendverbands für die ganze SBZ zu bilden.[51] Erich Honecker, als Leiter dieses Gremiums, benannte die Mitglieder des vorbereitenden Ausschusses, wobei ein deutliches Ungleichgewicht zwischen Kommunisten, Sozialdemokraten und geistlichen Vertretern entstand. Den vier Mitgliedern der SPD standen sieben Mitglieder der KPD gegenüber. Aus diesem vorbereitenden Ausschuss bildete sich nach personeller Umstellung und Erweiterung der Zentrale Jugendausschuss (ZJA).[52] Durch die Zulassung der Bildung von zentral organisierten Verbänden in der SBZ konnten bereits kurze Zeit nach der Konsolidierung des ZJA umfangreiche Statistiken über die Jugend der SBZ zusammengetragen werden.[53] Diese gaben der SMAD einen guten Überblick über die Verteilung der jugendlichen Wohnbevölkerung nach Bezirken, Eheschließungen, Familienstand, Scheidungen, Geburten und der Verstorbenen und dienten als Grundlage zur weiteren Arbeit.[54]

Die Gründung von antifaschistischen Jugendausschüssen allein reichte für die Mobilisierung der breiten Jugend natürlich nicht aus. Der Jugend musste eine Alternative zum tristen Alltag in der Nachkriegszeit geboten werden. Um die Jugend auch da abzuholen, wo sie stand, empfahlen die Behörden „Großveranstaltungen wie Kundgebungen, Versammlungen, Filmveranstaltungen, Theatervorführungen“, aber auch „Flugblätter, Plakate, Kinowerbung, Presse und Jugendsport“. Die Jugendlichen sollten mit „Spiel, Tanz und Musik“[55] in die Jugendausschüsse gelockt und dort zum guten Antifaschisten geschult werden. Der, wie bereits oben erwähnt, Umgang der SMAD und der Kommunisten mit den Mitgliedern der ehemaligen Hitlerjugend erwies sich hierbei als gute Arbeitsgrundlage für die Jugendausschüsse. Denn anders als die Besatzer in den westlichen Zonen proklamierte die SMAD schnell, dass gewisse Führer von bestimmten Altersgruppen der Hitlerjugend als unbelastet einzustufen waren. So sollten erste Züge einer Jugendamnestie auf den Weg gebracht werden. Die Praxis sah durch einige Offiziere des sowjetischen Geheimdienstes zwar anders aus, indem sie willkürliche Verhaftungen von Jugendlichen vornahmen, jedoch entstand nach außen hin „der Eindruck, daß die Sowjetunion der deutschen Jugend nicht die Schuld am Nationalsozialismus geben wollte.“[56]

Die großen Anstrengungen und anfänglichen Erfolge, ja selbst die massive Unterstützung der SMAD täuschten aber im Herbst 1945 nicht über die Tatsache hinweg, dass die KPD nicht die unumstritten stärkste Partei im politischen System der SBZ war. Die SPD schickte sich an, den Führungsanspruch beim Neuaufbau Deutschlands für sich zu behaupten und stellte die Zusammenarbeit mit der KPD in Frage.[57] Diese Haltung der SPD löste in der KPD einen enormen Kurswechsel aus und die KPD-Führung drängte nun auf eine schnelle Vereinigung zur Schaffung einer Einheitspartei zwischen der SPD und der KPD.[58] Der bis heute kontrovers diskutierte Vorgang der Vereinigung, die unterschiedlichen Vorstellungen über die politischen Absichten der KPD und der SMAD und die Intensität der Einmischung der SMAD führten zu unterschiedlichen Interpretationen des Quellenmaterials. So stützt Wilfried Loth 1994 seine Diskussion über das Problem der ostdeutschen Handlungsspielräume auf die von SED-Schriften formulierte Grundlage, die SED-Führung habe andere deutschland- politische Ziele als Stalin.[59] Die KPD plante den Zusammenschluss im Dezember 1945 in vier

Monaten, wohingegen die SMAD diese Forderung als zu früh erachtete.[60] Einen Monat später schien das Konzept der abwartenden Politik nicht mehr zu gelten. In einem Treffen von Pieck am 23. Januar 1946 bei Bockow in Karlshorst wurde besprochen, dass die Vereinigung am besten noch vor der Wahl Ende Mai 1946 erfolgen sollte. Wahrscheinlich wollte man dadurch einer möglichen Wahlniederlage der KPD entgegenwirken, da, wie bereits oben erwähnt, die SPD möglicherweise stärkste Partei werden könnte und den Führungsanspruch für sich forderte. Der Gründungstag sollte der 1. Mai 1946 sein. In der Quelle steht:

2. Vereinigung der beiden Arbeiterparteien beeilen, zweckmäßig noch vor den Wahlen Ende Mai

Voraussetzung – Garantie in den Orten und Bezirken schaffen

Es wäre gut – 1. Mai als Feiertag der Vereinigung – Programm in M entscheiden

Hinweise der SP, daß Vereinigung nur im Reichsmaßstab, sind Manöver, um Vereinigung zu verhindern.

Sorgfältige Taktik –

Scharfe Kampagne gegen Rechte Entlarvung, Isolieren

Taktik des Angriffs ausarbeiten Schwankende gewinnen[61]

Laut Badstübner und Loth ist diese Quelle ein klarer Ausdruck massiver Einmischung durch die sowjetische Seite und die Bevormundung der KPD. Ihrer Meinung nach zeigt sich dies deutlich in der Forcierung der Vereinigung, Abqualifizierung der Forderung der SPD nach einem Reichsparteitag für die Abstimmung einer gesamtdeutschen Vereinigung und der Entscheidung über das Programm aus Moskau.[62] Auch Jan Foitzik stellt in seinem Band Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945-1949, beruhend auf Archivquellen aus Moskau, die Struktur und Funktionsweise des komplexen Verwaltungssystems in der SBZ dar und bezeichnet die Gründung der DDR als „strukturell- immanentes Resultat und als objektiv unvermeidbare Folge der Organisation der sowjetischen Deutschlandpolitik.“[63] Diese Unstimmigkeit und kontrovers geführte Diskussion über den Einfluss der SMAD auf den politischen Werdegang in der SBZ umfasst auch die Gründung der SED. Laut Werner Müller ist die Gründung und die Art und Weise der Vereinigung von KPD und SPD zur SED für die strukturelle Verfassung der SED von großer Bedeutung. Die Auseinandersetzung zwischen Ost und West um die Fakten und ihrer Bewertung, ob die Gründung ein freiwilliger Zusammenschluss oder eine Zwangsvereinigung war, besteht, laut ihm, seit der Gründung der SED und ist bis heute Bestandteil der wissenschaftlichen Diskussionen.[64] Malycha führt aus, dass besonders die Zeitzeugendarstellungen Berliner Sozialdemokraten, ihres Widerstandes gegen die Vereinigung und die nach dem Zusammenschluss intensive Verfolgung durch die SMAD den Eindruck hinterlassen, dass der Gesamtprozess ausschließlich als eine Zwangsvereinigung anzusehen sei.[65] Der Vereinigungsprozess und die kontroversen Meinungen sollen in dieser Arbeit nicht weiter thematisiert werden, stehen aber im unmittelbaren Zusammenhang mit der Gründung der FDJ, zum einen, weil die eigentliche Planung zur Schaffung eines einheitlichen Jugendverbandes auf Grund der SED-Gründungsabsichten der KPD die volle politische Aufmerksamkeit erforderte und zum anderen, weil der Vereinigungsprozess einen guten Einblick in die Art und Weise der politischen Arbeit der KPD und SMAD bietet und sich auf die Gründung der FDJ und den Umgang der Kommunisten mit ihren Mitstreitern übertragen lässt. Fakt ist, dass Otto Grotewohl[66], der Vorsitzende der SPD in der SBZ, der KPD zur Vereinigung beider Parteien am 11. November 1945 eine klare Absage erteilte.

[...]


[1] Weber, Hermann: Geschichte der DDR. 2. Auflage. München 1986, S. 47.

[2] Heitzer, Heinz: DDR. Geschichtlicher Überblick. 5. Auflage. Berlin 1989, S. 83.

[3] Weber (1986), S. 186.

[4] Den Begriff prägte Staritz, Dietrich in: Die National-Demokratische Partei Deutschlands 1948-1953. Ein Beitrag zur Untersuchung des Parteiensystems der DDR. Berlin 1968.

[5] Birke, Adolf Matthias: Nation ohne Haus. Deutschland 1945-1961. Berlin 1989, S. 23ff.

[6] Barthel, Horst: Die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen der DDR. Zur Wirtschaftsentwicklung auf dem Gebiet der DDR 1945-1949/50. Berlin 1979, S. 40f.

[7] Friedrich, Gerd: Die Freie Deutsche Jungend. Stosstrupp des Kommunismus in Deutschland. Köln 1951, S. 15.

[8] In einem Ausschuss wird eine fachliche Fragestellung von einer Personengruppe bearbeitet, die sich austauscht und Beschlussfassungen vorbereitet oder trifft. Es wird unterschieden zwischen Beratungsausschüssen, Entscheidungsausschüssen und Ausführungsausschüssen. Vgl. Vahs, Dietmar: Organisation. Einführung in die Organisationstheorie und –praxis. 6. Auflage. Stuttgart 2007.

[9] Eine Liga ist ein Bund mit einer weltanschaulichen Programmatik. Vgl. Ebenda.

[10] Ein Komitee ist eine Gruppe, die als ausführendes Organ in politischen und religiösen Bereichen agiert. In der SED war das Zentralkomitee der Partei das oberste Organ zwischen den Parteitagen. Vgl. Ebenda.

[11] Mittelauer, Michael: Sozialgeschichte der Jugend. Frankfurt am Main 1986, S. 227ff.

[12] Mählert, Ulrich: Die Massenorganisationen im politischen System der DDR. In: Die Parteien und Organisationen der DDR. Ein Handbuch. Berlin 2002, S. 104.

[13] Befehl Nr. 2 der SMAD, Punkt 1, 2 und 4. Zitiert nach Friedrich, S. 11.

[14] Weber, Hermann: Zum Transformationsprozess des Parteiensystems in der SBZ/DDR. In: Parteiensystem zwischen Demokratie und Volksdemokratie. Dokumente und Materialien zum Funktionswandel der Parteien und Massenorganisationen in der SBZ/DDR, 1945-1950. Köln 1982, S. 11ff.

[15] Mählert, Ulrich: Die Freie Deutsche Jugend 1945-1949. Paderborn, München, Wien, Zürich 1995, S. 32.

[16] Weber (1982), S. 26f.

[17] Walter Ulbricht (1893-1973): trat 1908 in die SAJ ein; 1912 in die SPD; 1919 Mitbegründer der KPD; 1933 Emigration nach Paris; 1938-43 Vertreter des ZK der KPD in Moskau; 1945 Rückkehr nach Deutschland als Leiter der Gruppe Ulbricht; seit 1946 Mitglied des PV und ZK der SED; 1946-50 stellvertretender Vorsitzender der SED; 1949-73 Mitglied des PB des ZK; 1950-53 Generalsekretär des ZK; 1953-71 erster Sekretär des ZK; ab 1960 bis zum Tod Staatsratsvorsitzender der DDR. Vgl. Frank, Mario: Walter Ulbricht. Eine deutsche Biographie. Berlin 2003.

[18] Keiderling, Gerhard: Gruppe Ulbricht in Berlin April bis Juni 1945. Von den Vorbereitungen im Sommer 1944 bis zur Wiedergründung der KPD im Juni 1945. Eine Dokumentation. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Bd. 42. Berlin 1993, S. 70.

[19] Mählert (2002), S. 104.

[20] Zitiert nach Leonhard, Wolfgang: Die Revolution entläßt ihre Kinder. Köln 1992, S. 440.

[21] Zitiert nach Friedrich, S. 16.

[22] Zitiert nach Prauß, Herbert: Jugend in Mitteldeutschland. Düsseldorf 1968, S. 89.

[23] Erich Honecker (1912-1994): ab 1926 in der KJVD; ab 1930 Mitglied der KPD; 1937 festgenommen und zu 10 Jahre Zuchthaus in Brandenburg verurteilt; ab Mai 1945 als Mitglied des ZK der KPD mit dem Aufbau einer antifaschistischen Jugendorganisation betraut; 1. Vorsitzender des zentralen antifaschistischen Jugendausschusses; Mitbegründer der FDJ 1946 und bis 1955 1. Vorsitzender der FDJ; ab 1958 Mitglied des PB und Sekretariats des ZK der SED, verantwortlich für Sicherheitsfragen und Kaderfragen (zweiter Mann hinter Ulbricht); ab 1971 Generalsekretär des ZK der SED; ab 1976 bis 1989 Staatsratsvorsitzender der DDR. Vgl. Pötzel, Norbert F.: Erich Honecker. Eine deutsche Biographie. 2. Auflage. Stuttgart 2003.

[24] Zitiert nach Honecker, Erich: Neues Leben – Neue Jugend. In: Deutsche Volkszeitung vom 7. Juli 1945.

[25] Vgl. Keiderling (1993), S. 560; Leonhard, Wolfgang: Gruppe Ulbricht in Berlin April bis Juni 1945. Von den Vorbereitungen im Sommer 1944 bis zur Wiedergründung der KPD im Juni 1945. Eine Dokumentation. Berlin 1993.

[26] Komsomol heißt „Kommunistitscheski Sojus Molodjoschi“ und war die Jugendorganisation der KPdSU. Ziel war die Erziehung der Jugend im Sinne des Kommunismus. Gegründet wurde die Organisation auf dem ersten Kongress der Verbände der Arbeiter- und Bauernjugend 1918 in der Sowjetunion. Ursprünglich hieß die Organisation „Russischer Kommunistischer Jugendverband“. In der Hierarchie kam der Komsomol direkt hinter der Partei. Für die FDJ wurde der Komsomol zum Vorbild der eigenen Struktur. Vgl. Schewelew, Alexej: Der sowjetische Komsomol. Moskau 1988; Riordan, Jim: The Komsomol. In: Soviet youth culture. Bloomington 1989.

[27] Herz, Hans-Peter: Freie Deutsche Jugend. München 1965, S. 13.

[28] Institut für Marxismus-Leninismus (Hrsg.): 3. Die Einheit der Arbeiterbewegung und aller demokratischen Kräfte – das Gebot der Stunde. In: Institut für Marxismus-Leninismus (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 1. Mai 1945-April 1946. Berlin 1959, S. 14.

[29] Friedrich, S. 17f.

[30] Zitiert nach Ulbricht, Walter: An die Jugend. 2. Auflage. Berlin 1968, S. 18f.

[31] Heinz Keßler (geb. 1920): ab 1940 in der Wehrmacht, 1941 Übertritt in Rote Armee; 1945 Rückkehr nach Deutschland; ab 1945 Leiter des Berliner Jugendausschusses; ab 1946 Mitglied der FDJ; ab 1950 verantwortlich für die Organisation des ZR der FDJ; ab 1950 Chef der Volkspolizei-Luft, danach Leiter der Verwaltung Aeroclub der KVP als Generalmajor, von 1950-1989 Abgeordneter der Volkskammer. Vgl. Keßler, Heinz: Zur Sache und zur Person. Erinnerungen. 2. Auflage. Berlin 1997.

[32] Schmeitzner, Mike: Im Schatten der FDJ. Die „Junge Union“ in Sachsen 1945-1950. Göttingen 2004, S. 27f.

[33] Friedrich, S. 18.

[34] Zitiert nach Ulbricht, S. 18.

[35] Zitiert nach ebenda, S. 18.

[36] Herms, Michael: Die FDJ. In: Die Parteien und Organisationen der DDR. Ein Handbuch. Berlin 2002, S. 485.

[37] Zitiert nach Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (Hrsg.): Verlautbarung über die Bildung von Jugendausschüssen. In: Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (Hrsg.): Dokumente zur Geschichte der Freien Deutschen Jugend. Bd. 1. Berlin 1960, S. 23.

[38] Zitiert nach Honecker, Erich: Die Jugend vor neuen Aufgaben. In: Deutsche Volkszeitung vom 3. August 1945.

[39] Hans Mahle (1911-1999): 1926 Mitglied in der KJVD, ab 1931 Mitglied der „Reichspionierleitung“; ab 1932 Mitglied der KPD; 1936 Emigration über CSR nach Moskau; 1945 Rückkehr nach Deutschland, Leiter des Berliner Rundfunks; 1946 Leiter des Rundfunkreferats und der Abteilung für kulturelle Aufklärung; ab 1949 Generalintendant des Demokratischen Rundfunks; ab Mai 1952 in Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um Paul Merker unter dem Vorwurf, mit dem Klassenfeind kooperiert zu haben, abgesetzt und als Konsumverkäufer nach MV; ab 1956 Chefredakteur der „Schweriner Volkszeitung“; ab 1959 Chefredakteur „Die Wahrheit“ in Berlin (West); 1962 Mitglied des PV der SED-West. Vgl. Riege, Katharina: Einem Traum verpflichtet. Hans Mahle. Eine Biographie. Hamburg 2003.

[40] Mählert (1995), S. 41.

[41] Zentralistische Jugendarbeit bezeichnet eine von einer übergeordneten Behörde geleitete Arbeit, bei der die Entscheidungsbefugnis über die Ressourcenverwendung einer Gemeinschaft bei einer oder wenigen Personen liegt. Für die untergeordneten Einheiten besteht kein formelles Recht der Einflussnahme auf Entscheidungen der Führungsebene. Auch dann nicht, wenn diese Entscheidungen ausschließlich ihren rechtlichen Verantwortungsbereich betreffen. Vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Der demokratische Zentralismus. Herrschaftsprinzip der DDR. Bonn 1984.

[42] Mählert (1995), S. 41f.

[43] Zitiert nach Honecker, Erich: Neues Leben – Neue Jugend. In: Partei und Jugend. Berlin 1986, S. 231f.

[44] Keiderling (1992), S. 76.

[45] Zitiert nach Mählert (1995), S. 43.

[46] Buddrus, Michael: Zur Einbeziehung ehemaliger HJ-Mitglieder in die Arbeit der antifaschistischen Jugendausschüsse im Jahre 1945. In: Beiträge zur Geschichte der FDJ. Heft 9. Rostock 1987, S. 57.

[47] Mählert (1995), S. 44.

[48] Skyba, Peter: Vom Hoffnungsträger zum Sicherheitsrisiko. Jugend in der DDR und Jugendpolitik in der SED 1949-1961. Köln, Weimar, Wien 2000, S. 40.

[49] Zitiert nach Mählert (1995), S. 56.

[50] Zitiert nach Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (Hrsg.): Ausführungsbestimmungen über die Bildung von Jugendausschüssen. In: Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (Hrsg.): Dokumente zur Geschichte der Freien Deutschen Jugend. Bd. 1. Berlin 1960, S. 27.

[51] Mählert (1995), S. 58.

[52] Mählert (1995), S. 59.

[53] Herz, S. 15.

[54] Vgl. Tabelle 3-44 und Erläuterung. In: Schulze, Edeltraud (Hrsg.): DDR-Jugend. Ein statistisches Handbuch. Berlin 1995, S. 17ff.

[55] Ausführungsbestimmungen zur Verordnung über die Bildung von Jugendausschüssen. Zitiert nach Mählert (1995), S. 58.

[56] Zitiert nach Herz, S. 15.

[57] Müller, Werner: Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). In: Broszat, Martin (Hrsg.): SBZ-Handbuch. 2. Auflage. München 1993, S. 440ff.

[58] Herms, Michael: Heinz Lippmann. Porträt eines Stellvertreters. Berlin 1996, S. 58; vgl. auch Gniffke, Erich: Jahre mit Ulbricht. Köln 1966.

[59] Malycha, Andreas: Die SED. Geschichte ihrer Stalinisierung 1946-1953. Paderborn, München, Wien, Zürich 2000, S. 24.

[60] Kurzeitig warnte die SMAD vor einer Forcierung des Tempos zur Vereinigung von SPD und KPD. Anscheinend belastete die Vereinigungsproblematik das Verhältnis zwischen der SU und den westlichen Alliierten, so dass die sowjetische Führung auf eine langsamere Gangart in der Politik der SBZ hinwies und eher auf die Politik vollendeter Tatsachen setzte.

[61] Zitiert nach Quelle 10. Besprechung am 23.1.1946 um 4 Uhr in Karlshorst bei Marsch. Bockow. In: Badstübner, Loth (Hrsg.), S. 63f.

[62] Quelle 10. Besprechung am 23.1.1946 um 4 Uhr in Karlshorst bei Marsch. Bockow. In: Badstübner, Loth (Hrsg.), S. 65.

[63] Foitzik, Jan: Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) 1945-1949. Berlin 1999, S. 14.

[64] Müller, Werner: Die Gründung der SED. Alte Kontroversen und neue Positionen um die Zwangsvereinigung 1946. In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Berlin 1996, S. 163ff.

[65] Malycha, S. 27.

[66] Otto Grotewohl (1894-1964): 1908-1914 Mitglied der SAJ; Kriegsteilnehmer von 1914-1918, zwei mal verwundet; 1918 Eintritt in die USPD; 1922 Eintritt in die SPD; im Zeitraum von 1938-1940 drei Mal in U-Haft wegen Verdacht des Hochverrats; 1940-1945 Geschäftsmann in Berlin; 1945 Vorsitzender des KA der SPD; Teilnehmer der Sechziger Konferenz und ab 1946 Mitglied des PV der SED; ab 1949 Mitglied des ZK des PB; 1949-1965 Ministerpräsident; ab 1960 stellvertretender Vorsitzender des Staatsrats. Vgl. Jodl, Markus: Amboß und Hammer? Otto Grotewohl. Eine politische Biographie. Berlin 1997.

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Die FDJ - Von der Überparteilichkeit zur „Kampfreserve der Partei“
Hochschule
Universität Rostock  (Philosophische Fakultät)
Note
1,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
68
Katalognummer
V121987
ISBN (eBook)
9783640267873
Dateigröße
1077 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
FDJ, SED, Kampfreserve, DDR
Arbeit zitieren
Stephan Lembke (Autor), 2008, Die FDJ - Von der Überparteilichkeit zur „Kampfreserve der Partei“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121987

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