Kein europäisches Land hat seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts mehr Zuwanderer ohne Sprachkenntnisse des Gastlandes aufgenommen als Deutschland. Hauptgrund der Zuwanderung zuerst aus südeuropäischen Ländern, seit den 70er Jahren vor allem aus der Türkei, war der Arbeitsmarktbedarf nach „[...] billigen Arbeitskräften für schlecht angesehene Tätigkeiten [...]“ , für die nicht genügend Deutsche zur Verfügung standen. Anfangs kamen hauptsächlich Männer zwischen zwanzig und vierzig Jahren ohne Familienangehörige als Gastarbeiter nach Deutschland mit der auch bei den damaligen Bundesregierungen verfolgten Annahme, dass diese nach einigen Jahren Arbeit in Deutschland wieder in das jeweilige Heimatland zurückkehren würden. Doch bereits seit Ende der 60er Jahre begannen einige dieser Arbeitskräfte ihre Familien nachzuholen. Diese Kinder unterlagen der deutschen Schulpflicht, wodurch sich deren Integration und die Vermittlung der deutschen Sprache in den folgenden Jahren als zunehmend wichtige Aufgaben für die Schulen erwiesen.
Bedingt durch wirtschaftliche Krisen erfolgte ein Anwerbungsstopp für Gastarbeiter und seit 1973 wurde versucht, die Zuwanderung von Familienangehörigen zu begrenzen. Trotz dieser Maßnahmen stieg die Zahl der Zuwanderer unter anderem durch Spätaussiedler aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion. Weiterhin wuchs die Anzahl derjenigen, die aufgrund des deutschen Asylrechts oder als (Bürger)Kriegsopfer Aufenthaltsgenehmigungen erhielten. Hierzu zählten vor allem Kurden, Libanesen, (Kosovo-)Albaner, Afghanen und Kriegsflüchtlinge aus Sri Lanka. 2004 lebten ca. 7,3 Millionen Ausländer in Deutschland, wovon ungefähr die Hälfte ehemalige Gastarbeiter und ihre Angehörigen waren.
Ergebnisse der PISA- und IGLU-Studien der letzten Jahre ergaben, dass der Bildungserfolg in Deutschland sehr stark von der sozialen Herkunft eines Kindes abhängig ist. Dies gilt natürlich auch für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Diese erreichen im Vergleich mit deutschen Kindern prozentual deutlich niedrigere oder gar keine Schulabschlüsse. Sie werden überproportional häufig von der Einschulung zurückgestellt oder auf eine Förderschule verwiesen. Fast die Hälfte aller Kinder und Jugendlicher mit Migrationshintergrund besuchen die Hauptschule, ca. 20% erreichen keinen Schulabschluss und 40% bleiben ohne berufliche Qualifizierung.
Mit dieser Arbeit möchte ich nach Ursachen für das schulische Scheitern von Migrantenkindern suchen.
Inhaltsverzeichnis
3. Einleitung
4. Begriffsdefinitionen
4.1. Erstsprache/Muttersprache
4.2. Mehrsprachigkeit /Bilingualismus
4.3. Starke und schwache Sprache
4.4. Fremdsprache
4.5. „Ausländer“, „Migranten“ und „Menschen mit Migrationshintergrund“
5. Mehrsprachigkeit
5.1. Allgemeiner Spracherwerb
5.2. Zweitspracherwerb
5.3. Simultaner Sprachwechsel/Code-Switching und Interferenzen
5.4. Mehrsprachigkeit bei Kindern: Überforderung oder positive kognitive Fähigkeit
5.5. Zusammenfassung
6. Die Bildungssituation für Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland
6.1. Allgemeines zum deutschen Bildungssystem
6.2. Kinder mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem
6.3. Zum Bildungserfolg von Kindern mit Migrationshintergrund in den neuen Bundesländern
6.4. Erklärungsansätze für die Überrepräsentation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund an Schulen für Lernhilfe
6.5. Zusammenfassung
7. Erklärungsansätze für den mangelnden Bildungserfolgs für Kinder mit Migrationshintergrund
7.1. Institutionelle Diskriminierung
7.2. Der soziokulturelle Faktor
7.3. Faktor Sprache
7.3.1. Deutsch als Zweitsprache und bilinguale Alphabetisierung
7.3.2. Muttersprachlicher Unterricht
7.4. Zusammenfassung
8. Verfahren zur Sprachstanderhebung und Sprachförderung
8.1. Entstehung von Sprachstanderhebungsverfahren
8.2. Problematik der Maßstäbe
8.3. Anforderungen an Sprachstanderhebungsverfahren
8.4. Kriterien für die Entwicklung von Tests zur Sprachstanddiagnose
8.5. Verfahren und Methoden
8.5.1. Heidelberger Sprachentwicklungstest
8.5.2. Sprachverhalten und Interesse an Sprache bei Migrantenkindern in Kindertagesstätten (SISMIK)
8.6. Zusammenfassung
9. Beurteilung des Sprachstanderhebungsverfahrens Fit in Deutsch
9.1. Allgemeines zu „Fit in Deutsch“
9.2. Untersuchung des Verfahrens „Fit in Deutsch“
9.3. Auswertung der Untersuchung: „Fit in Deutsch“ als angemessene Lösung für frühzeitliche Erkennung und Förderung von Sprachdefiziten?
9.4. Zusammenfassung
10. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Beherrschung der deutschen Sprache und dem Bildungserfolg von Kindern mit Migrationshintergrund. Dabei wird analysiert, inwiefern Sprachdefizite zu Bildungsbenachteiligung führen, welche Rolle institutionelle und soziokulturelle Faktoren spielen und wie diagnostische Verfahren zur Sprachstanderhebung zur Verbesserung der schulischen Situation beitragen können.
- Zusammenhang zwischen Sprachkenntnissen und Bildungserfolg.
- Analyse der institutionellen Diskriminierung im deutschen Bildungssystem.
- Einfluss soziokultureller Faktoren auf den Spracherwerb.
- Evaluierung von Verfahren zur Sprachstanderhebung (SISMIK, HSET, Fit in Deutsch).
- Notwendigkeit einer frühzeitigen und individuellen Sprachförderung.
Auszug aus dem Buch
3. Einleitung
Kein europäisches Land hat seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts mehr Zuwanderer ohne Sprachkenntnisse des Gastlandes aufgenommen als Deutschland. Hauptgrund der Zuwanderung zuerst aus südeuropäischen Ländern, seit den 70er Jahren vor allem aus der Türkei, war der Arbeitsmarktbedarf nach „[...] billigen Arbeitskräften für schlecht angesehene Tätigkeiten [...]“1, für die nicht genügend Deutsche zur Verfügung standen. Anfangs kamen hauptsächlich Männer zwischen zwanzig und vierzig Jahren ohne Familienangehörige als Gastarbeiter nach Deutschland mit der auch bei den damaligen Bundesregierungen verfolgten Annahme, dass diese nach einigen Jahren Arbeit in Deutschland wieder in das jeweilige Heimatland zurückkehren würden. Doch bereits seit Ende der 60er Jahre begannen einige dieser Arbeitskräfte ihre Familien nachzuholen.2 Diese Kinder unterlagen der deutschen Schulpflicht, wodurch sich deren Integration und die Vermittlung der deutschen Sprache in den folgenden Jahren als zunehmend wichtige Aufgaben für die Schulen erwiesen.3
Bedingt durch wirtschaftliche Krisen erfolgte ein Anwerbungsstopp für Gastarbeiter und seit 1973 wurde versucht, die Zuwanderung von Familienangehörigen zu begrenzen. Trotz dieser Maßnahmen stieg die Zahl der Zuwanderer, vergrößert u. a. durch Spätaussiedler aus Polen und der ehemaligen Sowjetunion und durch jüdische Kontingentflüchtlinge. Weiterhin stieg die Zahl derjenigen, die aufgrund des deutschen Asylrechts oder als (Bürger)Kriegsopfer Aufenthaltsgenehmigungen erhielten. Hierzu zählten vor allem Kurden, Libanesen, (Kosovo-)Albaner, Afghanen und Kriegsflüchtlinge aus Sri Lanka. 2004 lebten ca. 7,3 Millionen Ausländer in Deutschland, wovon ungefähr die Hälfte ehemalige Gastarbeiter und ihre Angehörigen waren.
Zusammenfassung der Kapitel
3. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Entwicklung der Zuwanderung nach Deutschland und den daraus resultierenden Handlungsbedarf für das Bildungssystem sowie das Ziel der Arbeit.
4. Begriffsdefinitionen: In diesem Kapitel werden grundlegende Termini wie Muttersprache, Mehrsprachigkeit, Bilingualismus und verschiedene Kategorisierungen von Migranten definiert.
5. Mehrsprachigkeit: Hier wird der Prozess des Erst- und Zweitspracherwerbs sowie die Phänomene des Code-Switching und die kognitiven Aspekte der Mehrsprachigkeit erörtert.
6. Die Bildungssituation für Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland: Dieses Kapitel analysiert das dreigliedrige Schulsystem, die aktuelle Situation von Kindern mit Migrationshintergrund sowie Gründe für deren Überrepräsentation an Lernhilfeschulen.
7. Erklärungsansätze für den mangelnden Bildungserfolgs für Kinder mit Migrationshintergrund: Hier werden institutionelle Diskriminierung, soziokulturelle Hintergründe und der Faktor Sprache als Hauptursachen für schulischen Misserfolg detailliert untersucht.
8. Verfahren zur Sprachstanderhebung und Sprachförderung: Das Kapitel widmet sich der Geschichte und den methodischen Anforderungen an Instrumente zur Sprachstanddiagnose, inklusive der Vorstellung von HSET und SISMIK.
9. Beurteilung des Sprachstanderhebungsverfahrens Fit in Deutsch: Hier findet eine kritische Untersuchung des niedersächsischen Screening-Verfahrens „Fit in Deutsch“ statt, um dessen Eignung zur Prävention von Sprachproblemen zu beurteilen.
10. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen, bestätigt die Schlüsselrolle der Sprache für den Bildungserfolg und fordert dringende Reformen in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte.
Schlüsselwörter
Bildungserfolg, Migration, Mehrsprachigkeit, DaZ, Zweitspracherwerb, Institutionelle Diskriminierung, Sprachstanderhebung, Sprachförderung, Fit in Deutsch, Schulversagen, Sprachdiagnose, Integration, Schulpflicht, Lernhilfeschule, Bildungsbenachteiligung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, inwiefern die deutsche Sprache als Schlüssel zum Bildungserfolg für Kinder mit Migrationshintergrund fungiert und welche Faktoren den Bildungserfolg beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Bildungssituation, institutioneller Diskriminierung, den soziokulturellen Faktoren und den Möglichkeiten der diagnostischen Sprachstanderhebung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Erforschung der Ursachen für mangelnden Bildungserfolg bei Kindern mit Migrationshintergrund und die Bewertung von Verfahren, die frühzeitig Sprachdefizite erkennen und beheben sollen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der Analyse von PISA-Studien, bildungspolitischen Berichten, erziehungswissenschaftlicher Literatur und der Evaluation existierender Diagnoseverfahren basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die aktuelle Bildungssituation, die verschiedenen Erklärungsmodelle für Bildungsungleichheit sowie eine detaillierte Prüfung von Sprachstanderhebungstests.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören Mehrsprachigkeit, DaZ (Deutsch als Zweitsprache), institutionelle Diskriminierung, Schulerfolg und Sprachstanderhebung.
Wie unterscheidet sich die Bildungssituation in neuen und alten Bundesländern?
Die Arbeit zeigt, dass Kinder mit Migrationshintergrund in den neuen Bundesländern statistisch gesehen höhere Bildungsabschlüsse erreichen, was teilweise auf geringere ethnische Konzentrationen und andere Zuwanderungsgeschichten zurückgeführt wird.
Warum ist die Analyse des Verfahrens „Fit in Deutsch“ zentral?
Das Verfahren wird exemplarisch in Niedersachsen eingesetzt. Die Autorin prüft, ob dieses Screening-Tool als geeignetes Instrument zur frühen Erkennung und gezielten individuellen Förderung tatsächlich ausreicht.
- Arbeit zitieren
- Anne Posselt (Autor:in), 2008, Die Sprache als Schlüssel zum Bildungserfolg?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121993