„I´ve been dancing in very narrow spaces. […] The most crushing spaces. The
most punishing spaces. That was tough going. Very difficult. […] But
sometimes the space opened and became light, sometimes it opened and I
was so light, and when you feel so light you can dance till dawn“.1
A Kind of Alaska ist in vielerlei Hinsicht ein Stück, das im
Gesamtkontext von Harold Pinters OEvre eine Sonderstellung einnimmt. Die
Gründe dafür lassen sich bereits in der Entstehungsgeschichte finden. Zum
ersten Mal in seinem literarischen Schaffen nannte Pinter die
Inspirationsquelle für sein Stück, indem er in der Personenübersicht der
gedruckten Fassung eine kurze Einleitung voranstellte. Darin erklärt er, dass
er mit A Kind of Alaska auf Oliver Sacks’ Awakenings zurückgreift; einem Werk,
in dem der englische Neurologe medizinische Studien und Krankheitsbilder
von Patienten dokumentiert, die in den 1920er und 1930er Jahren an
Encephalitis Lethargica, der so genannten „Schlafkrankheit“ erkrankten.
Dieses epidemische Leiden, dessen Ursache weitestgehend unbekannt ist,
führte bei den betroffenen Patienten zu Symptomen wie starker körperlicher
Erschöpfung, Diplopie, Psychosen und im schlimmsten Fall zu komatösen
Zuständen, d.h. Bewegungs- und Sprachunfähigkeit. Erst in den 1960er
Jahren wurde es durch den medizinischen Fortschritt möglich, die Patienten
aus ihrem „Schlaf“ zu wecken und eine gewisse, oft nur sehr kurz andauernde
Besserung zu erzielen. Eine solche Krankheitsgeschichte ist es, die der
Situation Deborahs in A Kind of Alaska als Modell dient. Von besonderer
Relevanz ist hierbei jedoch nicht nur der Stoff als solcher, sondern vielmehr
der Umstand, dass die inhaltlichen Aspekte eines pinterschen Stückes
erstmals exakt in einen zeitlichen Kontext gestellt, ja fast datiert werden
könnten. Anders als in den Stücken aus Pinters früherer Schaffensphase, gibt
es für A Kind of Alaska einen konkreten temporalen Rahmen, der nicht erst
von den Rezipienten implizit zu erschließen ist oder über den nur vage
spekuliert werden kann, sondern den der Autor explizit nennt.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Freiheit und Determination in A Kind of Alaska
2.1. Hornbys Dominanz und Deborahs Widerstand
2.2. Das Verhältnis von Deborah und Hornby vor dem Hintergrund der hegelschen Herr-Knecht-Dichotomie
3. Zum Problem der Identitätsfindung
3.1. Das Spiegelstadium nach Jacques Lacan
3.2. Deborahs Identitätsproblematik aus psychoanalytischer Sicht
4. Schlussbemerkungen
5. Quellen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Spannungsfeld zwischen Freiheit und Identität in Harold Pinters Stück "A Kind of Alaska". Ausgehend von der Krankheitsgeschichte der Protagonistin Deborah wird analysiert, wie diese versucht, sich der instrumentalisierenden Dominanz ihres Pflegers Hornby zu entziehen und eine eigene, subjektive Realität zu bewahren.
- Die Machtdynamik in der Beziehung zwischen Deborah und Hornby.
- Anwendung der hegelschen Herr-Knecht-Dichotomie auf das Stück.
- Psychoanalytische Betrachtung der Identitätsfindung anhand von Lacans Spiegelstadium.
- Die symbolische Bedeutung von Krankheit, Körperlichkeit und Sprache.
- Kritische Auseinandersetzung mit bisherigen feministischen Forschungsansätzen.
Auszug aus dem Buch
2.1. Hornbys Dominanz und Deborahs Widerstand
A Kind of Alaska beginnt mit Erwachen. Deborah, die als Jugendliche für 29 Jahre in eine Art Koma, zumindest aber in einen sehr tiefen Schlaf gefallen war, erwacht im Körper einer erwachsenen Frau, allerdings ohne das Wissen, nun 45 Jahre alt und kein Teenager mehr zu sein. Während dieser drei „nicht gelebten“ Jahrzehnte war Deborah in der Obhut und Pflege des ehemaligen Ehemanns ihrer Schwester Pauline, Hornby. Er war auch derjenige, der Deborah mit einer Injektion von L-Dopa wieder aufweckte. Von einigen Pinter-Forschern wird dieses Verhalten als „a doctor’s devotion to the service of humanity” gelesen, doch wie sehr diese Interpretation die Realität des Stückes verfehlt, lässt sich bereits an den ersten Sätzen des Einakters erkennen. Nachdem Deborah aufgewacht und intuitiv davon überzeugt ist, dass etwas mit ihr und um sie herum passiert (Something is happening., S. 5), reagiert Hornby mit folgenden Fragen: Do you know me? (S. 5), Do you recognise me? (S. 5), Do you know who I am? (S. 6) und Who am I? (S. 6). Dies sind letztlich Fragen, mit denen er seine eigene Person in den Fokus rückt und auf diese Weise einen wichtigen Perspektivwechsel einleitet. Während Hornby neunundzwanzig Jahre lang derjenige war, der sein Handeln, seine Aufmerksamkeit, seine gesamte Existenz auf eine andere Person ausrichtete, aus welchen Motiven auch immer, versucht er nun den Vorgang umzukehren und Deborah dazu zu bewegen, sich auf ihn zu konzentrieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung bettet das Stück in Pinters Gesamtwerk ein, stellt die medizinische Inspirationsquelle vor und skizziert die methodische Zielsetzung der Arbeit.
2. Freiheit und Determination in A Kind of Alaska: In diesem Kapitel wird das ungleiche Machtverhältnis zwischen Deborah und Hornby analysiert und mithilfe der hegelschen Philosophie auf die gegenseitige Abhängigkeit und das Scheitern von Herrschaftsstrukturen untersucht.
3. Zum Problem der Identitätsfindung: Hier wird der Identitätsprozess der Protagonistin durch die psychoanalytische Brille von Jacques Lacans Spiegelstadium betrachtet, um die Spaltung zwischen innerem und äußerem Ich zu verdeutlichen.
4. Schlussbemerkungen: Die Ergebnisse werden zusammengeführt, wobei betont wird, dass Deborahs Rückzug in ihre eigene Welt als bewusster Akt der Selbstbehauptung gegenüber gesellschaftlicher Fremdbestimmung zu verstehen ist.
5. Quellen: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Harold Pinter, A Kind of Alaska, Identität, Freiheit, Macht, Herr-Knecht-Dialektik, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Jacques Lacan, Spiegelstadium, Psychoanalyse, Feminismus, Dominanz, Subjektspaltung, Körperlichkeit, Drama.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Einakter-Stück "A Kind of Alaska" von Harold Pinter im Hinblick auf die zentralen Themen Identitätsfindung und Freiheit der Protagonistin Deborah.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Machtdynamik in zwischenmenschlichen Beziehungen, dem Einfluss von Krankheit auf die Selbstwahrnehmung sowie der soziopolitischen und psychologischen Interpretation von Unterdrückung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll hinterfragt werden, wie Deborah durch ihren Widerstand gegenüber dem dominanten Hornby ihre eigene Identität bewahrt und inwieweit ihr Verbleib in einer inneren Welt eine Form von Freiheit darstellt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Autorin nutzt literaturwissenschaftliche Textanalyse kombiniert mit philosophischen Modellen von G.W.F. Hegel (Herr-Knecht-Dialektik) und psychoanalytischen Ansätzen von Jacques Lacan (Spiegelstadium).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Machtverhältnisse zwischen den Charakteren sowie eine tiefgehende Untersuchung der Identitätsproblematik unter Berücksichtigung der Spaltung des Ichs.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Macht, Identität, Herr-Knecht-Dichotomie, Spiegelstadium, Determinismus, psychische Spaltung und gesellschaftliche Fremdbestimmung.
Wie bewertet die Autorin die feministischen Interpretationen des Stücks?
Die Autorin setzt sich kritisch mit einseitigen feministischen Lesarten auseinander und argumentiert, dass diese oft den psychologischen Prozess der Protagonistin und Hornbys eigenes Scheitern vernachlässigen.
Welche besondere Bedeutung kommt dem Spiegelmotiv im Stück zu?
Das Spiegelmotiv dient als Metapher für die problematische Identitätsfindung, wobei der Blick in den Spiegel die Konfrontation mit einem fremden, von außen definierten Ich symbolisiert.
- Arbeit zitieren
- Claudia Wannack (Autor:in), 2007, "Dancing in narrow spaces" - Freiheit und Identität in Harold Pinters "A Kind of Alaska", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122171