Wilhelm von Ockhams Moralphilosophie. Die Freiheit Gottes und die des Menschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

14 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

I. Einleitung

II. Die Begriffe der Kontingenz, Notwendigkeit 4 und Freiheit nach Wilhelm von Ockham
2.1. Kontingenz
2.2. Notwendigkeit
2.3. Freiheit

III. Ockhams Lehre von der Freiheit Gottes
3.1. Die doppelte Allmacht Gottes
3.2. 1st Gott ein Willkurherrscher?

IV. Die Freiheit des Menschen nach Ockham

V. Fazit

I. Einleitung

Wilhelm von Ockham wurde 1287 oder fruher im englischen Ockham (Sussex), in der Grafschaft Surrey geboren und starb 1347 in Munchen.1 Als Anhanger des Franziskaner-Ordens und Philosoph des spaten Mittelalters gilt er als Vordenker, Erneuerer, Revolutionar und entscheidender Mitwirker der damaligen Umbruchszeit. Ockham zahlt zu den wenigen mittelalterlichen Philosophen, dessen Name und Schriften auch in unserer Zeit immer noch haufig thematisiert werden. Dies lasst sich durch den Bekanntheitsgrad des, nach ihm benannten, Sparsamkeitsprinzips - Ockham's razor - begrunden, welches ein von ihm postulierter Grundsatz wissenschaftlicher Okonomie ist.2 Er verfasste auBerdem zahlreiche Schriften zur Logik, Politik, Theologie, Sozialphilosophie, Wissenschaft und Metaphysik, in welchen er sich oftmals durch seine Uberlegungen als „modernus“ charakterisierte: Er verfolgte bereits Denkansatze, die sich in den kommenden Jahrhunderten als neue Struktur erwiesen und die sogenannte „Neuzeit“ mitbegrundeten.3 So legte Ockham bereits im „finsteren Mittelalter“4 die Grundsteine der neuzeitlichen Freiheitsidee.

Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sind ausgewahlte Schriften Ockhams zu Theologie und Ethik, welche seine Uberlegungen im Bereich der Freiheitslehre als Gegenstandsbereich haben.5 Ziel dieser Arbeit ist es Wilhelm von Ockhams Reflexionen und seine Beweisfuhrung zur Freiheit Gottes und der des Menschen herauszuarbeiten und nachzuvollziehen. AuBerdem sollen Zusammenhange zwischen den unterschiedlichen Thesen und Begriffen geknupft werden. Die inhaltliche Gliederung dieser Arbeit ist wie folgt aufgebaut: Kapitel zwei widmet sich der Bestimmung grundlegender Begriffe in Ockhams Lehre von der Freiheit. Im Zentrum dieser Arbeit stehen Kapitel drei und vier: Sie thematisieren Ockhams Uberlegungen zur Freiheit Gottes und der des menschlichen Willens. Im Fazit wird schlieBlich das Ergebnis der Untersuchung vorgestellt.

Vor dem Arbeiten mit Ockhams Texten gilt es jedoch zu beachten, dass Ockham in erster Linie ein glaubiger Franziskanermonch und Theologe war, der zwischen seinen philosophischen und politischen Texten vor allem theologische Themen in seinen Schriften behandelte. Grund dafur ist, das damals noch stark ineinandergreifende Verhaltnis von Philosophie und Theologie, welches es nahezu unmoglich macht den philosophischen vom theologischen Ockham zu trennen.6

II. Die Begriffe der Kontingenz, Notwendigkeit und Freiheit nach Wilhelm von Ockham

Die beiden Termini Notwendigkeit und Kontingenz sind in mehreren Texten Ockhams von zentraler Bedeutung. „Bevor die funktionale Bedeutung dieses Gegensatzes in den verschiedenen theologischen und philosophischen Disziplinen, z.B. in der Gotteslehre und in der Erkenntnistheorie, bestimmt werden kann“7, ist es notwendig erst Ockhams Verstandnis des Kontingenz- und Notwendigkeitsbegriffes zu definieren. Im Rahmen dieser Arbeit wird dieser Bestimmung noch der Begriff der Freiheit hinzugefugt.

Wilhelm von Ockham stellt in seinem Sentenzenkommentar, Quaestio 6, folgende Frage: „Erfreut sich der Wille kontingent und frei am letzten Ziel?“8. Der Frage nach der Willensfreiheit des Menschen schickt Ockham die Begriffserklarungen der Kontingenz und Freiheit voraus, die fur das Verstandnis seiner Uberlegungen unerlasslich sind. Erst in seinem sechsten Quodlibet macht er dann zusatzlich eine Unterscheidung zwischen zwei Notwendigkeitsbegriffen. Ockhams Verstandnis dieser drei Begrifflichkeiten sollen in den folgenden Kapiteln anhand von ausgewahlter Textstellen9 vorgestellt werden.

2.1. Kontingenz

Die Beschaftigung mit dem Thema „Kontingenz“ reicht weit zuruck. Der Begriff selbst entstammt, einer aus der Spatantike geformten, Latinisierung der aristotelischen Auffassung und Begriffe der Moglichkeit.10 Noch bis in die spatscholastischen Debatten zur Schopfungstheologie blieb die Bedeutungszuweisung des spatantiken Kontingenzbegriffes als ein Mogliches, unverandert. Mit der aktiven Unterscheidung der beiden Begriffe contingens und possibile wird in der Spatscholastik - oder bereits fruher - eine neue Auffassung des Kontingenzbegriffes vorherrschend: Er bezeichnet nun nicht mehr ein Mogliches, sondern ein Wirkliches, welches jedoch in keiner Hinsicht notwendig ist.11

In diesem geistigen Umfeld stellt Ockham in seiner sechsten Quaestio des Sentenzenkommentar zwei unterschiedliche Arten von Kontingenz vor: In der ersten Weise vermag „keine Zweitursache (...) eine Wirkung zu erzielen, wenn nicht die schlechthin erste Ursache, namlich Gott, unmittelbar helfend hinzutritt.“12 Alles, was seiner Moglichkeit nach eine Wirkung hervorzurufen vermag, ruft diese kontingent hervor. Gott namlich konnte bewirken, dass es diese Wirkung nicht herbeifuhrt. Es besteht keine unbedingte Notwendigkeit des Zusammenhangs von Ursache und Wirkung, denn Gott gilt als grundsatzliche Erhaltungsursache der Welt und aller in ihr enthaltenen Dinge.

Fur das weitere Verfahren wird ausschlieBlich die zweite Unterscheidung des Kontingenzbegriffes benotigt. Hier wird sie als Undeterminiertheit einer Fahigkeit im Hinblick auf gegensatzliche Moglichkeiten verstanden. Kontingenz ist das Vermogen, eine Wirkung „ebenso nicht hervorzurufen wie hervorzurufen, so daB es von seiner Natur her auf keines von beiden festgelegt ist.“13 In der Kontingenz liegt also die Moglichkeit, dass alles innerhalb der Seinswirklichkeit und sie selbst jederzeit auch anders beschaffen sein konnen.

2.2. Notwendigkeit

In der Antike wurde die Notwendigkeit im Zusammenhang mit der Wirklichkeit erklart. So schrieb Aristoteles: „Alles, was ist, ist, wenn es ist, notwendig; und alles, was nicht ist, ist wenn es nicht ist, notwendig nicht.“14 Ockham scheint mit seinem Kontingenzbegriff bereits gegen diese Aussage zu argumentieren und auch sein Verstandnis von Notwendigkeit unterscheidet sich von der aristotelischen Theorie. So unterscheidet er zwischen zwei unterschiedlichen Arten von Notwendigkeit: Erstere wird als absolute Notwendigkeit verstanden, da aus dem Wahrsein ihres Gegenteils ein Widerspruch hervorgehen wurde. Er fuhrt hier den Beispielsatz „Gott ist“ an, welcher einer absoluten bzw. unbedingten Notwendigkeit entsprechen muss. Der Widerspruch entsteht hier nicht nur durch die Aussage, dass dieser Satz falsch ist, sondern auch durch das Behaupten, dass ihr Gegenteil der Wahrheit entspricht.

In einer zweiten Verstandnisweise besteht die Notwendigkeit „aufgrund einer Voraussetzung“15. Sie charakterisiert sich durch die bedingte Notwendigkeit eines Relativsatzes, wobei beide Satzglieder - Vordersatz und Schlussfolgerung - stets kontingent sind. Der Satz „Wenn Joe Biden gewahlt wird, wird er Prasident sein“ erweist sich, trotz seiner kontingenten Einzelteile, als notwendig. Die Tatsache, dass Joe Biden gewahlt wird ist, nur kontingenterweise der Fall, sodass aufgrund der kontingenten Pramisse die ganze Ableitung kontingent wahr sein muss. Wenn die Folgerung eines solchen Satzes notwendig ist, so gilt diese als Notwendigkeit aufgrund einer Voraussetzung.16

2.3. Freiheit

Wilhelm von Ockham misst dem Begriff der Freiheit drei unterschiedliche Bedeutungen zu: Im ersten und dem „ihr am wenigsten eigenen Sinn“17 stellt er die Freiheit dem Zwang gegenuber. Auf diese Weise kann Freiheit der Vernunft zu kommen: Im Gegensatz zu dem Tier, der reinen Materie bzw. alles was als getrieben oder rein passiv zu charakterisieren ist, ist das vernunftbegabte Wesen befreit

[...]


1 Vgl. Beckmann, Jan P.: Wilhelm von Ockham. In: Beck'sche Reihe, Denker. Bd. 533. C.H. Beck, 1996. S.19.

2 Vgl. Kaufmann, Matthias: Begriffe, Satze, Dinge. Referenz und Wahrheit bei Wilhelm von Ockham. In: Vivarium. Volume 34, Issue 1. Brill Verlag 1993. S.2.

3 Vgl. Krings, Hermann: Woher kommt die Moderne? Zur Vorgeschichte der neuzeitlichen Freiheitsidee bei Wilhelm von Ockham. In: Zeitschrift fur philosophische Forschung (1987). Bd. 41, H. 1. S.4.

4 Ebd.

5 Die fur diese Arbeit relevanten Texte sind: Quodl. VI q. 1 [Ockham 2000: 67-75]. Quodl. VI q. 2, q. 4 Ockham 2000: 159-171. Sent. d. 1, q. 6 [Ockham 2000: 124-139].

6 Vgl. Jan P. Beckman 1996: S.13.

7 Perler, Dominik: Predestination, Zeit und Kontingenz. Philosophisch-historische Untersuchungen zu Wilhelm von Ockhams 'Tractatus de praedestinatione et de praescientia Dei respectu futurorum contingentium'. In: Bochumer Studien zur Philosophie. Bd. 12. B.R. Gruner Publishing Company, 1988. S.126.

8 Ockham, Wilhelm: Texte zu Theologie und Ethik. lateinisch - deutsch. Hg. v. Leppin, Volker/Muller, Sigrid. Stuttgart: Reclam, 2000. S.125.

9 Quodl. VI q. 1. [Ockham 2000: 67-75]. Quodl. VI q. 2, q.4. [Ockham 2000: 159-171]. I Sent. d. 1 q. 6. [Ockham 2000: 125-139].

10 Vgl. Vogt, Peter: Kontingenz und Zufall. Eine Ideen- und Begriffsgeschichte. Berlin: Akademie Verlag, 2011. S.12.

11 Vgl. Ebd. S.21.

12 Ockham 2000: S.327.

13 Ockham 2000: S.127.

14 Vgl. Schrocker, Hubert: Das Verhaltnis der Allmacht Gottes zum Kontradiktionsprinzip nach Wilhelm von Ockham. In: Veroffentlicheungen des Grabmann-Institutes zur Erforschung der mittelalterlichen Theologie und Philosophie, 49. Akademie Verlag, 2003. S.26. Zitat: Aristoteles: Perihermeneias 9 (18a 23-24).

15 Ockham 2000: S.161.

16 Vgl. Ebd.

17 Ebd. S.127.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Wilhelm von Ockhams Moralphilosophie. Die Freiheit Gottes und die des Menschen
Hochschule
Universität zu Köln  (Philosophie)
Veranstaltung
Grundfragen der Praktische Philosophie
Note
2,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
14
Katalognummer
V1223235
ISBN (Buch)
9783346649645
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gott, Freiheit, Mensch, Philosophie, Mittelalter, Wilhelm von Ockham, Moral, Ethik, Moralphilosophie
Arbeit zitieren
Liz Meyers (Autor:in), 2021, Wilhelm von Ockhams Moralphilosophie. Die Freiheit Gottes und die des Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1223235

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