Ursprung der Religion:

Tylors Animismus- und Schmidts Urmonotheismus-Theorie - eine Gegenüberstellung


Hausarbeit, 2006

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tylors Animismustheorie
2.1. Definition Animismus
2.2. Tylors Theorie zum Animismus und zum Ursprung der Religion
2.3. Kritik an Tylors Theorien

3. Schmidts Theorie des Urmonotheismus
3.1. Definition Urmonotheismus
3.2. Schmidts Theorie des Urmonotheismus
3.3. Kritik an Schmidts Theorie

4. Vergleich der beiden Theorien
4.1. Blickwinkel/ Einstellung
4.2. Ausgangsgangspunkt der Entwicklung
4.3. Beweisführung und die Bedeutung von survivals

5. Schlussfolgerung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Religion ist die Bestimmung des menschlichen Lebens

durch das Gefühl eines Bandes, das den menschlichen Geist

mit dem geheimnisvollen Geist vereint, dessen Herrschaft über die Welt

und über ihn selbst er anerkennt und mit dem er sich vereint fühlen möchte.“

(Réville, 1880: 34 zit. n. Durkheim 1984: 52)

Die Frage nach dem Ursprung der Religion ist vielleicht schon so alt wie die Frage nach dem Ursprung der Menschheit überhaupt. Verschiedene Theoretiker aus Ethnologie und Religionswissenschaft haben sich lange Zeit mit der Ursprungs-Frage beschäftigt und einige unterschiedliche Ansätze dazu veröffentlicht, meist auch im Zusammenhang mit der jeweiligen Epoche der Wissenschaft.

Zwei Ansichten möchte ich in dieser Arbeit gegenüberstellten: zum einen die Animismus-Theorie von Edward Burnett Tylor und das Konzept des Urmonotheismus von Pater Wilhelm Schmidt. Tylor gehört zu den rationalistisch evolutionistischen Theoretikern, Schmidt dagegen zu den Anhängern des Hochgottglaubens. Ich habe diese beiden Theorien zum Vergleich ausgewählt, da beide Ansätze seit ihrem Bestehen sehr scharf kritisiert wurden, jedoch nie komplett in Vergessenheit gerieten. Vor allem Tylors Ansicht zum Animismus findet immer wieder neue Anhänger, die andere Argumente für oder gegen seine These finden und somit die Diskussion immer wieder neu entfachen.

Ziel dieser Arbeit ist es, die zwei sehr kritisierten religionsgeschichtlichen Theorien darzustellen und im Vergleich ihre gegensätzlichen Einstellungen sowie mögliche Gemeinsamkeiten erkennbar zu machen. Die ersten beiden Teile stellen die Theorien dar. Im dritten Teil werden dann beide Hypothesen in verschiedenen Kategorien direkt gegenübergestellt. Die Vergleichspunkte habe ich so gewählt, dass sie über die Darstellung des ersten und zweiten Kapitels hinausgehen.

2. Tylors Animismustheorie

2.1. Definition Animismus

Der Begriff Animismus kommt von dem lateinischen Wort für Seele oder Atem, anima. Animismus wird als Fachbezeichnung in vielen Wissenschaftszweigen verwendet. Ein Beispiel ist die Entwicklungspsychologie, die darunter die kindliche Neigung zum „beseelen“ eines Gegenstands/ Objekts sieht.

In meiner Arbeit möchte ich auf den ursprünglich auf Religion bezogenen Gebrauch des Begriffs durch Tylor eingehen. Dort bezeichnet das Wort Animismus den Glauben, dass sowohl lebende als auch leblose Objekte eine Seele oder Persönlichkeit besitzen können (Bowie 2000: 14). Harris definiert zum Beispiel Animismus als “belief that inside ordinary, visible, tangible bodies there is a normally invisible, normally intangible being: the soul… each culture has its own distinctive animistic beings and its own specific elaboration of the soul concept” (Harris 1987: 256).

2.2. Tylors Theorie zum Animismus und zum Ursprung der Religion

Edward Burnett Tylor publizierte 1871 sein Monumentalwerk „Primitive Culture“ in welchem er sich, wie im Untertitel beschrieben, mit der Entwicklung von Mythologie, Religion, Philosophie, Kunst und Bräuchen der „Primitiven“ beschäftigte. Er veröffentlichte darin auch seine Theorie des Animismus, seiner Meinung nach der ersten Vorstufe in der Entwicklung zur Religion, welche er als „belief in Spiritual Beings“ (Tylor 1994 I: 383) definiert. Den aktiven Schritt zu einer Religion sieht er in der Neugierde und Wissbegierde aller Menschen: „Man’s craving to know the causes at work in each event he witnesses, the reasons why each state of things he surveys is such as it is and no other, is no product of high civilization, but a characteristic of his race down to its lowest stages” (Tylor 1994 I: 368f). Seine Animismus- Theorie sollte „vor Allem erklären, wie der Mensch zur Erkenntnis eines immateriellen Prinzips gelangt sei” (Thiel 1984; 21f).

Tylor führt die Entwicklung der Religion aus dem Atheismus auf zwei menschliche Phänomene zurück: zum einen der Traum, welcher im veränderten Bewusstseinszustand Menschen und Objekten mit menschlichen Eigenschaften erscheinen lässt und dem Selbst ermöglicht, den Körper während des Schlafs zu verlassen. Zum anderen der Tod, bei dem das Leben den Körper verlässt und der den weit reichenden Kontrast zwischen dem lebenden und leblosen Körper zum Vorschein bringt. Daraus entstand die Vorstellung von der Existenz eines Doppelgängers, einer Seele, die den Körper zeitweilig oder auch für immer verlassen kann. “Given the human soul, the extension of the soul concept to other animals was natural considering the primitive view of animals as not basically distinct from man” (Lowie 1952: 107). Das Konzept der Seele wurde so von dem Menschen auch auf Tiere und andere Objekte übertragen und als Animismus bezeichnet. Aus diesen verschiedenen „inneren Wesen“ wurden dann bedeutendere Geister und göttliche Kreaturen. Den Animismus kann man in zwei Sphären aufteilen: Zum einen die Seelen der Individuen, die nach dem Tod als Geister weiterexistieren und zum anderen die Geister, einschließlich den mächtigen Gottheiten. Letztere wurden immer mächtiger und allgegenwärtig und führten zum Polytheismus. Hierarchie unter den Gottheiten und langsames Verblassen der kleineren, unwichtigeren Geister und Götter führten dann allmählich zum Monotheismus, der für Tylor höchsten Entwicklungsstufe der Religion. Folglich ist die „idea of god […] an elaboration of the concept of ‘soul’“(Harris 1987: 256). Den Übergang von Glaube zum aktiven religiösen Handeln sieht Tylor darin, dass der “early man” erkannt hat, dass die Seele dem Körper überlegen war, schließlich überlebt sie den Körper und sie hat die physische Kraft, den Ort zu wechseln (z.B. im Traum). Aus dieser Erkenntnis entstand eine Bewunderung, die zur Verehrung führte und aus der dann später die Religion entstand (De Waal Malefijt 1968: 50).

2.3. Kritik an Tylors Theorien

Tylors Theorien wurden und werden auch immer noch sehr stark diskutiert und kritisiert. Hier möchte ich einen Teil der Kritik darstellen.

Tylors Auffassung nach ist der Animismus zur Erklärung menschlicher und natürlicher Phänomene entstanden. Dies wurde von vielen Anthropologen des 20. Jahrhunderts kritisiert, denn Religion beschränkt sich nicht nur auf die Erklärung weltlicher Erscheinungen, sondern erfüllt auch wichtige ökonomische, politische und psychologische Funktionen (Harris 1987: 256).

Die schärfste Kritik an allen intellektualistischen Theoretikern, so auch an Tylor, kam von Evans- Pritchard. Seiner Meinung nach griffen diese rationalistischen Gelehrten wegen fehlender realer Beweise auf ihren eigenen Verstand zurück und stellten sich die Frage „what they would have done had they been a ‚primitive’, how they would have rationalized the world“, dem von ihm so genannten „if I were a horse“ -Trugschluss (Bowie 2000: 16).

Wie bei den meisten evolutionistischen Theorien wird bei Tylors Animismus -Konzept der Eurozentrismus kritisiert. Darüber hinaus bemängelt man, dass Tylor gegenwärtige Gesellschaften benutzt, um auf den „Urzustand“ einer menschlichen Gemeinschaft zu schließen, ohne zu bedenken, dass diese Menschen nicht in der Zeit stehen geblieben sind und sich zeitlich genauso weit von diesem „Urzustand“ entfernt befinden wie er selbst.

Josef Franz Thiel (1984) kritisiert an Tylors Ansatz, dass dieser nie in einer außereuropäischen Gemeinschaft forschte, sondern seine Ideen nur am Schreibtisch entwickelte. Thiel beklagt, dass Tylor viele europäische Auffassungen in die „primitiven“ Gemeinschaften einfach hineinprojizierte, so auch „die Vorstellung von einer ‚geistigen Seele’ “, die es als „rein geistiges Prinzip“ in „Naturvölkern“ so nicht gibt (Thiel 1984: 22,23). Es existieren meist mehrere Psychen, die dennoch als unteilbare Einheit mit dem Körper gesehen werden. Nicht alle „Fetische“, so beanstandet er zusätzlich, lassen sich auf den Animismus zurückführen, welcher des Weiteren noch keine Religion ausmacht. Thiel bevorzugt eher den Begriff „Weltauffassung“ als Bezeichnung für den Animismus. (Thiel 1984: 23).

[...]

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Details

Titel
Ursprung der Religion:
Untertitel
Tylors Animismus- und Schmidts Urmonotheismus-Theorie - eine Gegenüberstellung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Ethnologie und Afrikastudien)
Veranstaltung
Vorlesung
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V122356
ISBN (eBook)
9783640275045
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ursprung, Religion, Vorlesung
Arbeit zitieren
Anna Ihle (Autor), 2006, Ursprung der Religion:, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122356

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