Verschiedene Autoren haben in den letzten Jahren versucht, die Wählerschaft rechtspopulistischer Parteien durch die klassischen objektiven Kriterien sozialer Schichtung, wie Bildung, Einkommen und Beruf zu erklären. Diese Ansätze konnten durchweg nicht erklären, warum die Stimmen für rechtspopulistische Parteien aus unterschiedlichen Bevölkerungsteilen kamen.
Die These dieser Arbeit ist es, dass die Präferenz für die Wahl einer rechts-populistischen Partei nicht allein auf eine bestimmte Konstellation klassischer objektiver Kriterien sozialer Schichtung zurückzuführen sein kann, sondern diese Präferenz aus einer bestimmten Konstellation objektiver und subjektiver Kriterien entstehen kann. Dafür soll das zur Verfügung stehende Milieu-Modell, ergänzt um die von VESTER U.A. herausgearbeiteten Typen gesellschaftspolitischer Grundeinstellungen (Politikstile) , verwendet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Wissen über die soziale Struktur der Wähler rechtspopulistischer Parteien
2. Definition rechtspopulistischer Parteien
3. Milieutheorie als Erklärungsansatz
4. Charakterisierung von Politikstilen und ihrer Affinität zu rechtspopulistischen Parteien
4.1 Die Untersuchungen von Vester u.a.
4.2 Politikstile
4.2.1 Die Enttäuscht-Apathischen
4.2.2 Die Enttäuscht-Aggressiven
4.3 Die Nachfrageseite nach rechtspopulistischer Politik
4.4 Die Angebotsseite rechtspopulistischer Politik
5. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern gesellschaftliche Grundeinstellungen (Politikstile) als sozialstruktureller Erklärungsansatz für die Wahl rechtspopulistischer Parteien dienen können, da klassische Schichtungsmodelle hierfür an Erklärungskraft verloren haben.
- Analyse des Wahlverhaltens rechtspopulistischer Parteien jenseits klassischer sozialer Schichtung.
- Erweiterung der Milieutheorie um subjektive Politikstile nach Vester u.a.
- Identifikation der "Enttäuscht-Apathischen" und "Enttäuscht-Aggressiven" als relevante Wählergruppen.
- Untersuchung der Nachfrage- und Angebotsseite rechtspopulistischer Politik.
- Bewertung der Rolle von Problemlösungskompetenz und Ressentiments bei rechtspopulistischen Wahlerfolgen.
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Die Enttäuscht-Apathischen
Mit rund 13,4 Prozent der Befragten stellen die Enttäuscht-Apathischen die viert größte Gruppe in der Auswertung von VESTER U.A. Die Enttäuscht-Apathischen sind die eigentlichen Modernisierungsverlierer. Sie sind – mit dem niedrigsten Bildungsniveau aller Befragten – vor allem Erwerbslose, Rentner, un- und angelernte Arbeiter, Vor- und Facharbeiter und ausführende Angestellte. Mitglieder der Gruppe der Enttäuscht-Apathischen beziehen niedrige und mittlere Einkommen und entstammen dem Traditionellen Arbeitermilieu (TRA), dem Kleinbürgerlichen Arbeitnehmermilieu (KBL) und dem Leistungsorientierten Arbeitnehmermilieu (LEO, in Abbildung 1 nicht gesondert ausgewiesen).
VESTER U.A. stellen für die Enttäuscht-Apathischen ein "fatalistisches Gesellschaftsbild dar", das durch eine gesellschaftliche Dichotomie von "unten und oben" oder "arm und reich" gekennzeichnet ist. Mitglieder der Gruppe der Enttäuscht-Apathischen haben überdurchschnittlich Abstiegs- und Zukunftsängste. 73,7 Prozent der Befragten dieser Gruppe geben an, dass Politik "Männersache" sei (Durchschnitt: 34,5 Prozent). Es herrschen "wohlstandschauvinistische" (VESTER U.A.) Abgrenzungen gegenüber Ausländern vor.
Fast alle Befragten dieser Gruppe (96,7 Prozent bei einem Durchschnitt von 66,7 Prozent) geben an, dass in der Politik selten etwas geschehe, was dem "kleinen Mann" nützt. In ihrer Enttäuschung und Resignation, so schreibt VESTER, ziehen sie sich lieber ins Privatleben zurück. Statt lautstarker Interessensbekundung, etwa in der Form von Protest, Demonstrationen, Leserbriefen o.ä. bevorzugen die Enttäuscht-Apathischen den Rückzug ins Private. "Die Politiker sollen regieren und den Bürger in Ruhe lassen" meinen 86,7 Prozent der Befragten bei einem Durchschnitt von 50,9 Prozent. Hinsichtlich der Parteipräferenzen denken 84,7 Prozent, dass es egal sei, welche Partei man wählt, da sich ohnehin nichts ändern werde (Durchschnitt 53,2 Prozent).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Wissen über die soziale Struktur der Wähler rechtspopulistischer Parteien: Darstellung der Forschungslücke und Unzulänglichkeit klassischer sozialstruktureller Ansätze zur Erklärung des rechtspopulistischen Wahlverhaltens.
2. Definition rechtspopulistischer Parteien: Erarbeitung einer Phänomenologie rechtspopulistischer Parteien unter Berücksichtigung ihrer systemkritischen Ausrichtung und autoritären Organisation.
3. Milieutheorie als Erklärungsansatz: Kritische Würdigung der Milieutheorie und Feststellung einer Distanz zwischen politischen Eliten und Wähler-Milieus.
4. Charakterisierung von Politikstilen und ihrer Affinität zu rechtspopulistischen Parteien: Einführung des Konzepts der Politikstile nach Vester u.a. zur präziseren Analyse von Wahlpräferenzen.
4.1 Die Untersuchungen von Vester u.a.: Erläuterung der methodischen Grundlage der verwendeten Untersuchung zu Milieus und Politikstilen.
4.2 Politikstile: Theoretische Einordnung der Politikstile als Präferenzmuster für Werte und Normen im Modernisierungskontext.
4.2.1 Die Enttäuscht-Apathischen: Detaillierte sozioökonomische und einstellungsbezogene Analyse dieses Politikstils als Modernisierungsverlierer.
4.2.2 Die Enttäuscht-Aggressiven: Charakterisierung dieser Gruppe durch Sozialdarwinismus, Frustration und den Ruf nach einer starken Führungspersönlichkeit.
4.3 Die Nachfrageseite nach rechtspopulistischer Politik: Synthese der Anforderungen von Modernisierungsverlierern an rechtspopulistische Parteien.
4.4 Die Angebotsseite rechtspopulistischer Politik: Überprüfung der Kriterien anhand aktueller Parteibeispiele wie der Schill-Partei und deren Nutzung von Ressentiments.
5. Schlussbemerkungen: Zusammenfassende Bewertung des Politikstil-Modells als ergänzender Ansatz zur Erforschung des rechtspopulistischen Wahlverhaltens.
Schlüsselwörter
Rechtspopulismus, Politikstile, Milieutheorie, Vester, Wahlverhalten, Modernisierungsverlierer, Enttäuscht-Apathische, Enttäuscht-Aggressive, soziale Schichtung, Parteipräferenz, Schill-Partei, Ressentiments, Problemlösungskompetenz, politische Repräsentation, Protestwahl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, warum Wähler rechtspopulistische Parteien wählen. Dabei wird analysiert, warum klassische soziale Merkmale wie Einkommen oder Bildung allein das Wahlverhalten nicht mehr erklären können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Milieutheorie, das Konzept der Politikstile, die Analyse von Wählergruppen und die Strategien rechtspopulistischer Parteien zur Mobilisierung von Wählern.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, durch die Ergänzung des Milieu-Modells mit Vester'schen Politikstilen einen neuen Erklärungsansatz für die Unterstützung rechtspopulistischer Parteien zu liefern.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine politikwissenschaftliche Sekundäranalyse empirischer Daten, insbesondere der Studien von Vester u.a., um soziale Einstellungen mit Wahlpräferenzen in Verbindung zu bringen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung, die Definition des Rechtspopulismus, die Detaillierung zweier spezifischer Politikstile sowie eine Untersuchung der Nachfrage- und Angebotsseite dieser politischen Strömung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Rechtspopulismus, Politikstile, Modernisierungsverlierer, soziale Milieus sowie die spezifischen Wählergruppen der Enttäuscht-Apathischen und Enttäuscht-Aggressiven.
Was unterscheidet die "Enttäuscht-Apathischen" von den "Enttäuscht-Aggressiven"?
Während die Apathischen auf Resignation und Rückzug ins Private setzen und oft zu Nichtwählern werden, äußern die Aggressiven ihren Protest lautstark, fordern "harte Männer" und sind stark durch einen sozialdarwinistischen Habitus geprägt.
Warum spielt die Schill-Partei eine wichtige Rolle in der Arbeit?
Sie dient als konkretes Beispiel, um zu zeigen, wie eine Single-Issue-Partei durch die Instrumentalisierung von Problemen wie Kriminalität und durch eine charismatische Führung eine Nachfrage bei den identifizierten Wählergruppen bedienen konnte.
- Arbeit zitieren
- Wolfgang Sender (Autor:in), 2001, Typen gesellschaftlicher Grundeinstellungen (Politikstile) als sozialstruktureller Erklärungsansatz für die Wahl rechtspopulistischer Parteien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122458