Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischen Störungen. Eine Beurteilung von bestehenden Konzepten zur Stigma-Bewältigung aus Sicht der Sozialen Arbeit


Bachelorarbeit, 2020

75 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Menschen mit psychischen Störungen in Deutschland
1.1 Definition und Klassifikation psychischer Störungen
1.2 Prävalenz psychischer Störungen
1.3 Ätiologie psychischer Störungen
1.4 Therapie psychischer Störungen

2. Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischen Stö­rungen
2.1 Terminologie: Stigma, Stigmatisierung, Diskriminierung
2.2 Stigma-Konzept
2.3 Stigma-Prozess
2.4 Arten von Stigmatisierung
2.4.1 Öffentliche Stigmatisierung
2.4.2 Selbststigmatisierung
2.5 Mediale Darstellung von psychischen Störungen
2.6 Auswirkungen von Stigmatisierung

3. Konzepte zur Überwindung von Stigmatisierung
3.1 Bekämpfung von Stigmatisierung auf öffentlicher Ebene
3.2 Bewältigung von Selbststigmatisierung auf individueller Ebene

4. Beurteilung der Konzepte aus Perspektive der Sozialen Arbeit
4.1 Definition Soziale Arbeit
4.2 Kriterien zur Beurteilung der Konzepte
4.3 Beurteilung der Konzepte

5. Diskussion

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Verwendete Gesetzestexte

Abstract

Stigmatisierung und Diskriminierung stellen ein enormes Problem für Menschen mit psychischen Störungen dar. Nicht-Inanspruchnahme von Behandlungsangebo­ten, soziale Exklusion und verringerte Lebensqualität zählen zu den Folgen und stellen für die Betroffenen extreme Belastungen dar. Stigmatisierung und negative Vorurteile über Menschen mit psychischen Störungen existieren jedoch immer noch in unserer Gesellschaft.

Diese Bachelorthesis erforscht wie Stigmatisierung und Diskriminierung gegen­über Menschen mit psychischen Störungen bekämpft werden können. Dazu wurden die bereits existierenden Konzepte zur Bekämpfung von Stigmatisierung erforscht und aus Sicht der Sozialen Arbeit bewertet. Dazu wurde folgende Forschungsfrage gestellt: „Welche Konzepte zur Bewältigung von Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Störungen existieren bereits und wie sind diese aus Sicht der So­zialen Arbeit zu bewerten?“

Dabei wurden hinsichtlich der sozialarbeiterischen Perspektive verschiedene Be­wertungskriterien entwickelt. Die Bewertung der Konzepte zeigt, dass diese in vie­len Punkten dem Handeln der Sozialen Arbeit entsprechen. Jedoch zeigte sich die Evaluation als größte Schwachstelle der Antistigma-Konzepte. Basierend auf den Ergebnissen stellt sich die Verwendung der Konzepte, nach Optimierung der Schwachstellen, im Rahmen der Sozialen Arbeit als sinnvoll dar. Soziale Arbeit sollte sich an der Arbeit in Antistigma-Konzepten beteiligen und muss die Bekämp­fung von Stigmatisierung zur Aufgabe haben.

Einleitung

Der Rückzug von Freunden, die Absage für den neuen Arbeitsplatz, Zukunfts­ängste, die Ablehnung für die Mietwohnung, das Nicht-Ernstnehmen bei medizini­schen Problemen, Leistungsverweigerung, die Gespräche hinter dem Rücken, der Mord begangen durch den Geisteskranken - all das sind Charakteristika und Aus­wirkungen von Stigmatisierung und Diskriminierung. (Grausgruber 2005: 19) All das ist Realität für Menschen mit psychischen Störungen in Deutschland.

Psychische Störungen gehören weltweit zu den häufigsten Gesundheitsstörungen. (Scherr 2016: 3) In Deutschland sindjährlich ca. 27,8% der Bevölkerung von einer psychischen Störung betroffen. Das sind ca. 17,8 Millionen Menschen. (DGPPN 2019: 1) Trotz der enormen Häufigkeit von psychischen Störungen werden diese noch stark tabuisiert. (Finzen 2013: 9) Die Ausgrenzung von Betroffenen ist ein Phänomen, welches sich durch die Geschichte von psychischen Störungen zieht. (Gaebel et al. 2005: 1) Auch aktuell stellen Stigmatisierung und deren Auswirkun­gen noch ein großes Problem für Menschen mit psychischen Störungen dar. (Finzen 2013: 9)

Diese Entwicklungen zeigen sich auch in einer Studie von Angermeyer et al. inner­halb welcher Einstellungen der Bevölkerung in Deutschland gegenüber Menschen mit psychischen Störungen in den Jahren 1990 und 2011 verglichen wurden. Dabei zeigt sich, dass Stigmatisierung und negative Einstellungen sich entweder nicht ver­ändert oder sogar verstärkt haben. (Angermeyer et al. 2013: 151) Bisher konnte das Stigma, welches psychischen Störungen anlastet, also nicht nachhaltig bewältigt und bekämpft werden. (Gühne et al. 2019: 60) Die Auswirkungen von Stigmatisie­rung sind dabei verheerend: Nicht-Inanspruchnahme von Behandlungs- und Hilfs­angeboten, soziale Exklusion und schlussendlich verringerte Lebensqualität sind nur ein Bruchteil davon. (Rüsch/Berger 2019: 826)

Durch die immensen Auswirkungen, die aus Stigmatisierung und Diskriminierung resultieren, und die hohe Anzahl an Betroffenen in Deutschland weist das Thema eine enorme Relevanz für die Soziale Arbeit auf. Es sollte daher als soziale Prob­lemlage angesehen werden, die durch die Soziale Arbeit betrachtet und bearbeitet werden sollte. Aufgrund der Tragweite dieser Problematik und dem bereits beste­henden Forschungsinteresse durch vorangegangene Hausarbeiten wurde das Thema für diese Bachelorthesis gewählt.

Das Ziel dieser Bachelorthesis ist es die Bekämpfung von Stigmatisierung und Dis­kriminierung und die dazu bestehenden Konzepte zu erforschen und diese aus Per­spektive der Sozialen Arbeit zu bewerten, um die Forschungsfrage: „Welche Kon­zepte zur Bewältigung von Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Störun­gen existieren bereits und wie sind diese aus Sicht der Sozialen Arbeit zu bewer­ten?“ beantworten zu können. Zur Beantwortung der Fragestellung und um die Re­levanz der Problemstellung zu veranschaulichen soll zunächst die aktuelle Situation von Menschen mit psychischen Störungen in Deutschland skizziert werden. Um ein Verständnis für die Thematik zu schaffen werden im ersten Kapitel Definition (1.1), Häufigkeit (1.2), Ursachen (1.3) und Behandlung (1.4) psychischer Störungen be­handelt. Das zweite Kapitel dieser Bachelorthesis konzentriert sich auf die Stigma­tisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischen Störungen. Hier wird sich zunächst definitorisch mit den Begriffen auseinandergesetzt (2.1) und das Stigma-Konzept (2.2) vorgestellt. Aber auch der Prozess (2.3) und die verschiede­nen Formen der Stigmatisierung (2.4) sollen thematisiert werden, um den Vorgang und die Ebenen der Stigmatisierung nachvollziehen und mögliche Schnittstellen für Antistigma-Konzepte identifizieren zu können. Danach wird sich auf die mediale Darstellung von psychischen Störungen (2.5) konzentriert und die Auswirkungen für Betroffene (2.6) sollen herausgearbeitet werden, um die Relevanz und den In­terventionsbedarf für diese Problemlage aufzuzeigen. Anschließend sollen in Kapi­tel drei die verschiedenen bereits bestehenden Konzepte zur Bewältigung von öf­fentlicher (3.1) und individueller Stigmatisierung (3.2) vorgestellt werden, um diese zu charakterisieren und eine nachfolgende Beurteilung zu ermöglichen. Da die Konzepte aus Perspektive der Sozialen Arbeit analysiert werden sollen, erfolgt im vierten Kapitel zunächst eine Definition von Sozialer Arbeit (4.1). Anschließend soll, basierend auf der definitorischen Auseinandersetzung mit der Profession der Sozialen Arbeit, die Entwicklung der Bewertungskriterien stattfinden (4.2), um ab­schließend die Konzepte beurteilen zu können (4.3) und die Ergebnisse zu disku­tieren (5). Im Fazit (6) werden dann die zentralen Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst, um hiermit die Fragestellung zu beantworten und einen Ausblick über den Umgang mit den Ergebnissen und die Bedeutung dieser für die Soziale Arbeit zu geben.

Innerhalb dieser Bachelorthesis erfolgt die Verwendung des Begriffs der „psychi­schen Störung“ anstatt der „psychischen Krankheit/Erkrankung“. Innere und äußere Welt befinden sich in einem Spannungsfeld zueinander, welches es für jedes Indi­viduum zu balancieren gilt. Wenn psychische Störungen als (temporärer) Verlust dieser Balance bzw. als gestörter Ausgleich zwischen innerer und äußerer Welt be­trachtet werden, wird deutlich aus welchem Grund hier der Begriff der psychischen Störung favorisiert wird. Bei einer psychischen Störung handelt es sich um aus der Balance gebrachte Verhältnisse, einen „gestörten“ oder gehinderten Ausgleich, eine Disharmonie aufgrund von gestörten Verhältnissen. (Bock et al. 2014: 41) Der Be­griff der „Störung“ meint im psychiatrischen Kontext nicht etwa Abweichungen oder Anomalien, sondern eher individuelle, soziale oder berufliche Einschränkun­gen. (Clausen/Eichenbrenner 2016: 172) Bereits durch die Differenzierung in „psy­chisch gesund“ oder „psychisch krank“ erfolgt eine Kategorisierung und in Folge dessen Exklusion von Menschen mit psychischen Störungen. Diese Bezeichnungen suggerieren, dass Menschen mit einer psychischen Störung zu einer andersartigen Minderheit gehören, welche sich grundlegend von der restlichen Bevölkerung un­terscheidet. Auf diese Weise finden bereits durch die gewählten Begrifflichkeiten Etikettierung und Separierung von Menschen mit psychischen Störungen statt. (Rüsch/Berger 2019: 823) Deswegen wurde in dieser Bachelorthesis der nach Ein­schätzung am wenigsten stigmatisierende Begriff der „psychischen Störung“ ge­wählt.

1. Menschen mit psychischen Störungen in Deutschland

Um die Situation von Menschen mit psychischen Störungen in Deutschland näher zu beleuchten, soll in diesem Kapitel beantwortet werden, was unter dem Begriff „psychische Störung“ verstanden wird, wie psychische Störungen entstehen, wie viele Menschen in Deutschland betroffen sind und welche Therapiemöglichkeiten es gibt.

1.1 Definition und Klassifikation psychischer Störungen

Einleitend befasst sich diese Bachelorthesis mit der Definition des Begriffs der „psychischen Störung“ und der Klassifikation dieser. Dies ist zum Verständnis der Thematik von elementarer Bedeutung.

Zunächst ist es wichtig zu erwähnen, dass keine einheitliche Definition für den Be­griff der „psychischen Störung“ existiert. Es handelt sich bei psychischen Störun­gen um dem aktuellen Stand der Forschung entsprechende temporär genutzte Kon­strukte. (Wittchen/Hoyer 2011: 8) Diese Konstruktionen sind nicht mehr als künstliche Begriffe für eine komplexitätsreduzierte Realität, also ein Versuch die enorme Vielfalt psychischer Störungen zusammenzufassen. (Bock et al. 2014: 41) Von einer psychischen Störung oder Störung generell wird meist gesprochen, wenn Menschen aufgrund dieser nicht mehr in der Lage sind ihren alltäglichen Anforde­rungen gerecht zu werden. Diese meist massiven Beeinträchtigungen hindern die Betroffenen dann persönliche, gesellschaftliche oder normative Ziele zu erfüllen und führen zum subjektiven Empfinden unter der Störung zu leiden. (Wittchen/Ho- yer2011: 8)

„Psychische Störungen und Krankheiten manifestieren sich in unterschiedlichen Graden von Leidensdruck und Funktionsstörungen und zwar in der Art und Weise, wie Gefühle erlebt und geäußert werden; wie gedacht, geurteilt und gelernt wird; wie man sich verhält und wie das körperliche Erleben und Empfinden beeinflusst werden“ (Bosshard et al. 2013: 24)

Diese Definition von Bosshard et al. spiegelt die Diversität von psychischen Stö­rungen und den individuellen Einfluss, welchen diese auf ein Individuum und des­sen Empfinden haben, wider. Wie bereits durch die Definition konstatiert, äußern sich psychische Störungen in Form von Symptomen, welche sowohl auf emotiona­ler, gedanklicher und wahrnehmender Ebene als auch in Verhalten, Körperlichkeit und dem individuellen Empfinden auftreten. (Bosshard et al. 2013: 24) Das bedeu­tet: Psychische Störungen können sich auf vielfältige Art und Weise, beispielsweise als Störungen der Kognition, der Regulation von Emotionen oder innerhalb des Verhaltens eines Individuums, äußern. (Falkai/Wittchen 2018: 26)

Wie bereits erwähnt handelt es sich bei psychischen Störungen um ein Konstrukt. Dabei werden nicht nur die psychischen Vorgänge, sondern das gesamte menschli­che Handeln, der soziokulturelle Hintergrund und biologische Gesichtspunkte mit­einbezogen. (Wittchen/Hoyer 2011: 9)

Innerhalb der Definition und Klassifikation trittjedoch immer wieder eine Proble­matik auf, denn die Grenzen zwischen „psychischer Gesundheit und Krankheit“1sind fließend und schwer definierbar. (Wittchen/Hoyer 2011: 9) Aufgrund der Tat­sache, dass sich nur schwer eine Grenze zwischen „psychischer Gesundheit und Krankheit“ ziehen lässt, werden psychische Störungen vor allem anhand von Dysfunktionalität definiert. (Gazzaniga et al. 2017: 806) Psychische Störungen las­sen sich also nicht nur an abweichenden Gedanken, Emotionen oder Handlungs­weisen festmachen, sondern an solchen, die dysfunktional sind. Die Diagnosekrite­rien für fast alle psychischen Störungen geben daher vor, dass mindestens ein Be­reich des Lebens (Arbeit, soziales Umfeld etc.) der betroffenen Person einge­schränkt sein muss. (Gazzaniga et al. 2017: 806) Diese Einschränkung bzw. Dys­funktionalität ist entscheidend dafür, ob spezielle Gedanken, Gefühle oder Hand­lungsweisen als psychische Störungen definiert werden oder nicht. (Gazzaniga et al. 2017: 806)

Aktuell werden psychische Störungen anhand von zwei international verwendeten Klassifikationssystemen rubriziert. Zum einen handelt es sich dabei um das fünfte Kapitel (Kapitel V) der ICD (International Classification of Diseases and Related Health Problems) der Weltgesundheitsorganisation (WHO), zum anderen um das DSM-V (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) der American Psychiatric Association (APA). (Deloie 2017: 212ff., DIMDI) Seit 2000 ist die ICD in ihrer 10. Auflage für Deutschland verbindlich und ärztliche Verordnungen müs­sen auf ICD-10-Diagnosen basieren. (Bosshard et al. 2013: 22) Innerhalb dieser beiden Klassifikationssysteme werden die Art und das Ausmaß der vorhandenen Symptome und der Verlauf der Störung zur Klassifikation verwendet. (Zimmer­mann 2017a: 63) Beide Klassifikationssysteme weisen nur geringe Unterschiede in Diagnosekategorien und Definitionen auf. (Wittchen 2011: 41) Innerhalb dieser de­skriptiven Klassifikationsmodelle wird in Anlehnung an den diagnostischen Pro­zess beschrieben, welche Auffälligkeiten, Beschwerden und Verhaltensweisen (physiologisch, motorisch, sozial, kognitiv, affektiv) sich als Symptom einordnen lassen und welche spezifischen Kombinationen von Symptomen (Syndrom) auftre­ten. (Wittchen 2011: 37) Zur Definition von Störungen müssen unterschiedliche Aspekte beachtet werden, unter anderem die Einheitlichkeit von Symptomen und Syndromen, die Ätiologie, die Pathogenese und die Differentialdiagnose. Psychi­sche Störungen werden nach diesen sogenannten nosiologischen Kriterien charak­terisiert. Durch diese Klassifizierung ist die Zuweisung einer Diagnose, das Ablei­ten eines potentiellen Verlaufs und das Einschätzen von hypothetischen Risiken und Komplikationen möglich. Darüber hinaus verschafft eine eindeutige Diagnose Betroffenen auch Entlastung, da es sich nicht mehr um ein „unbekanntes Leiden“, sondern um eine potentiell behandelbare Diagnose handelt. (Wittchen 2011: 34)

Generell lässt sich sagen, dass das Verständnis von psychischer Gesundheit und Krankheit immer auch durch die in einer Gesellschaft oder Kultur verankerten Wert- und Normvorstellungen beeinflusst wird. Deswegen sind die Begriffe von psychischer „Gesundheit“ und „Krankheit“ nicht klar definiert bzw. schwer zu dif­ferenzieren. (Zimmermann 2017a: 63) Es ist jedoch von besonderer Bedeutung zu erwähnen, dass nie der ganze Mensch von einer psychischen Störung betroffen ist. In jedem Fall sind „ungestörte“ bzw. gesunde Teile des Individuums vorhanden. (Bosshard etal.2013: 24)

Der Begriff der psychischen Störung ist häufig problematisch, da fachliche und all­tagssprachliche Bedeutung sich unterscheiden. Die Diagnose einer psychischen Störung bzw. der Begriff per se kann zu negativen sozialen Implikationen führen. Gerade bei schweren psychischen Störungen wie Schizophrenie ist bereits der Be­griff stark mit Stigmata belastet und für Betroffene häufig mit stigmatisierenden und gesellschaftlichen Nachteilen verbunden. (Wittchen/Hoyer 2011: 9)

1.2 Prävalenz psychischer Störungen

Wie bereits erwähnt sind die Grenzen zwischen „psychischer Gesundheit und Krankheit“ fließend und eine Differenzierung und Definition von psychischer Stö­rung ist nur schwer möglich. (Wittchen/Hoyer 2011: 9) Das führt dazu, dass auch die Ermittlung der Anzahl an Menschen mit einer psychischen Störung kompliziert ist. Große Feldstudien für ganze Bevölkerungen stellen sich als äußerst aufwendig dar und auch die Zahlen der Krankenkassen sind nicht valide, da die Betroffenen ohne Zugang zum Behandlungssystem nicht berücksichtigt werden können. (Zim­mermann 2017a: 67) Jedoch existieren einige epidemiologische Feldstudien, wel­che zur Orientierung dienen. (Möller/Laux 2015: 14)

Zur Häufigkeit von psychischen Störungen in Deutschland lässt sich sagen, dass die 1-Jahresprävalenz von psychischen Störungen in Deutschland bei ca. 28% liegt. Das bedeutet im Testzeitraum von einem Jahr erfüllen im Durschnitt ca. 28% der deutschen Bevölkerung die Kriterien einer psychischen Störung. (Möller/Laux 2015: 15) Die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland des Robert- Koch-Instituts zeigte, dass fast jedes dritte weibliche und jedes vierte männliche Individuum in Deutschland bereits von einer psychischen Störung betroffen gewe­sen ist. Am häufigsten sind dabei in Deutschland Angststörungen mit 15,3% und affektive Störungen, wie z.B. Depressionen mit 9,3%. Den Untersuchungen zu Folge leiden zu einem beliebigen Zeitpunkt der Erhebung (Punktprävalenz) in Deutschland 10-20% der Bevölkerung unter einer psychischen Störung. (Möl- ler/Laux2015: 15)

Wenn die 1-Jahresprävalenz in verschiedene Altersgruppen differenziert wird, zeigt sich, dass gerade jüngere Menschen zwischen 18 und 34 Jahren den größten Anteil an Betroffenen ausmachen. Mit 36,7% zählen jüngere Menschen zur größten Gruppe Betroffener einer psychischen Störung. (Jacobi et al. 2014: 81f.) Psychische Störungen manifestieren sich also meist in der Adoleszenz bzw. imjungen Erwach­senenalter. (Finzen 2013: 64) Zu weiteren soziodemografischen Unterschieden zählt vor allem der sozioökonomische Status: Menschen mit einem niedrigeren so­zioökonomischen Status sind mit 37,9% am häufigsten von psychischen Störungen betroffen. (Jacobi etal.2014: 82f.)

Wie bereits erwähnt zählen vor allem Depressionen zu den häufigsten psychischen Störungen. Durchschnittlich erleiden 16% aller Menschen im Laufe ihres Lebens eine Depression. Weltweit sind jährlich ca. 5-7% der Bevölkerung von einer De­pression betroffen. (Hammer/Plößl 2015: 85f.) Depressionen zählen zu den psychi­schen Störungen, die geringere Aversion und mehr Verständnis bei Außenstehen­den auslösen. Anders als bei schweren psychischen Störungen, wie Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörungen, sind die Reaktionen oft empathischer, da es für Au­ßenstehende leichter ist sich in diese Gefühlslage hineinzuversetzen. Jedoch sinken Empathie und Verständnis auch für „leichtere“ psychische Störungen wie Depres­sionen mit Dauer und Ausgeprägtheit der Störung. (Zimmermann 2017b: 95f.)

Besonders interessant an den Ergebnissen dieser epidemiologischen Feldstudien ist, dass neben schweren psychischen Störungen, wie z.B. Schizophrenie oder Psycho­sen, „leichtere“ psychische Störungen wie Depressionen oder Angststörungen ver­mehrt auftreten. (Möller/Laux 2015: 15) Anders als angenommen ist jedoch keine Zunahme an psychischen Störungen aufgetreten, sondern die gestiegene Anzahl an Diagnosen psychischer Störungen resultiert aus der Enttabuisierung und damit ver- bundenenBehandlungsinitiierung. (Möller/Laux2015: 14f.)

Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosoma­tik und Nervenheilkunde (DGPPN) haben sich diese Zahlen kaum verändert. Auch 2019 lässt sich noch von einer Prävalenz von ca. 27,8% pro Jahr in Deutschland ausgehen. Das bedeutet jährlich sind ca. 17,8 Millionen Menschen in Deutschland von einer psychischen Störung betroffen. (DGPPN 2019: 1) Von diesen ca. 17,8 Millionen Menschen mit einer psychischen Störung nehmenjedoch lediglich 18,9% pro Jahr Kontakt zu einem Leistungsanbieter auf, obwohl das deutsche Gesund­heitssystem im Vergleich zu anderen Gesundheitssystemen keine bzw. geringe fi­nanzielle Barrieren aufweist. (Mack et al. 2014: 293, 301) Vorurteile innerhalb der Bevölkerung und Stigmatisierung lassen sich als Gründe dafür vermuten.

Dabei zählen psychische Störungen und Verhaltensstörungen mit 11,4 % zur viert­größten und somit einer der bedeutendsten Störungsgruppen bezogen auf den Ver­lust gesunder Lebensjahre aufgrund von Krankheit in Deutschland. (Plass et al. 2014: 634) Psychische Störungen senken nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Lebenserwartung. Eine Studie von Walker et al. ergab, dass die Lebenser­wartung von Menschen mit psychischen Störungen im Vergleich zur Allgemeinbe­völkerung 10 Jahre niedriger ausfällt. (Walker et al. 2015: 340f.) Psychische Stö­rungen machen den größten Anteil der Ursachen für Arbeitsunfähigkeit aus. (Gaz- zaniga etal. 2017: 805)

Insgesamt lässt sich sagen, dass psychische Störungen in diversen Formen äußerst häufig auftreten. Bei den meisten dieser Störungen handelt es sich jedoch um sol­che, die nicht so stark ausgeprägt sind. Die „schwereren“ Störungen treten zwar seltener auf, stellen aber für Betroffene und Angehörige in Form von Symptomatik und Folgen der Störung meist eine sehr starke Belastung dar. (Zimmermann 2017b: 113)

1.3 Ätiologie psychischer Störungen

Um psychische Störungen zu verstehen, muss man deren Ätiologie betrachten. Ä­tiologie ist die Lehre der Ursachen psychischer Störungen. Innerhalb der Ätiologie werden unter anderem die Faktoren, welche zur Entstehung einer psychischen Stö­rung beitragen, und deren Zusammenspiel untersucht. (Gazzaniga et al. 2017: 803) Die meisten psychischen Störungen haben nicht nur eine Ursache, sondern sind multifaktoriell bedingt. Häufig handelt es sich um ein Zusammenspiel von körper­lichen, genetischen, seelischen und sozialen Einflussfaktoren, welche schlussend­lich zur Entstehung von psychischen Störungen beitragen. (Zimmermann 2017a: 64)

Um das Entstehen von psychischen Störungen verstehen zu können, müssen also sowohl biologische als auch psychosoziale Einflüsse in die Erklärungsansätze mit­einbezogen werden. (Hammer/Plößl 2015: 15) Aus diesem Grund handelt es sich bei den Modellen zur Entstehung von psychischen Störungen um multifaktorielle Modelle, in welchen das Zusammenspiel und die Wechselwirkungen aller Faktoren untereinanderberücksichtigtwerdenmüssen. (Hammer/Plößl 2015: 15)

Eines dieser Modelle ist das Vulnerabilitäts-Stress-Modell nach Zubin und Spring. (Zubin/Spring 1997) Das Modell basiert auf der Annahme, dass gewisse Faktoren zu einer erhöhten Vulnerabilität bei Menschen führen, welche dann in Kombination mit Stress und weiteren Einflüssen zur Entwicklung einer psychischen Störung füh­ren. (Wittchen/Hoyer 2011: 21f.) Das Modell wurde zunächst nur für schizophrene Störungen entwickelt, lässt sichjedoch mittlerweile als allgemein gültig betrachten und dient zur Erklärung der Majorität an psychischen Störungen. (Hammer/Plößl 2015:16)

Der Begriff der Vulnerabilität bedeutet in diesem Kontext, dass ein Mensch eine gewisse Prädisposition besitzt eine spezifische Störung zu entwickeln. (Ham­mer/Plößl 2015: 16) Vulnerabilität bezieht sich auf die psychologische, organische und soziale Reaktion eines Individuums im Umgang mit Anforderungssituationen. (Wittchen/Hoyer 2011: 21f.) Sie variiert von Mensch zu Mensch und kann durch organische und psychosoziale Faktoren und im Erwerb des individuellen Lebens­verlaufs oder durch genetische Veranlagung beeinflusst werden. (siehe Abb. 1) (Hammer/Plößl 2015: 16) Bei organischen Faktoren handelt es sich vor allem um genetische Belastungsdispositionen, aber auch äußere Einflüsse wie z.B. ein kom­plizierter Schwangerschaftsverlauf zählen zu den „angeborenen“ organischen Fak­toren. Zu erworbenen organischen Faktoren gehören körperliche Traumata, Sub­stanzmissbrauch oder körperliche Erkrankungen. Psychosoziale Faktoren im Sinne von nachteiligen Lebens- und Entwicklungsbedingungen spiegeln sich in kritischen Ereignissen oder frühen Belastungssituationen wider. (Hammer/Plößl 2015: 16f.)

Es muss betont werden, dass Vulnerabilität alleine nicht zum Auftreten einer psy­chischen Störung führt. Im Zusammenspiel mit einer Auslösesituation (Belastung, Stress) kann sichjedoch eine pathogene Dynamik entfalten. (Wittchen/Hoyer 2011: 22) In Verbindung mit Stressfaktoren kann sich diese Vulnerabilität also zu einer psychischen Störung entwickeln, wenn durch den Einfluss von Stress eine kritische Grenze überschritten wird. (Hammer/Plößl 2015: 16) Stress bedeutet in diesem Zu­sammenhang die Summe aller biologischen, sozialen und psychologischen Anfor­derungssituationen, bei denen ein Individuum eine Anpassungsreaktion erbringen muss, um die spezifische Situation zu bewältigen. (Wittchen/Hoyer 2011: 22) Das Überschreiten dieser kritischen Grenze und die daraus resultierende Entstehung ei­ner psychischen Krise passieren meist, wenn nicht ausreichend protektive Faktoren oder Ressourcen vorhanden sind. Schutzfaktoren bzw. Ressourcen haben also einen großen Einfluss auf die Entwicklung und den Verlauf einer psychischen Krise. (Hammer/Plößl 2015: 16) Aufgrund dessen wurde das Modell auch zum Vulnera­bilitäts-Stress-Bewältigungs-Modell erweitert. (Nuechterlein/Dawson 1984: 300) Abbildung 1 zeigt eine Darstellung in Anlehnung an das Modell.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungs-Modell in Anlehnung an (Hammer/Plößl 2015: 17) (Jensen et al. 2014: 76ff.)

Das Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungs-Modell greift also die Erkenntnis auf, dass die Entstehung bzw. die Entwicklung einer psychischen Störung entscheidend durch den Einfluss von Risiko- und Schutzfaktoren für den Umgang mit Anforde- rungs- bzw. Belastungssituationen beeinflusst wird.

Risikofaktoren gefährden die erfolgreiche Bewältigung einer Situation und stehen häufig in Zusammenhang mit Vulnerabilität, wohingegen Schutzfaktoren eine po­sitive Bewältigung der Situation fördern. Schutzfaktoren werden häufig zur Fähigkeit der Resilienz eingeordnet. Residenz ist die Kompetenz trotz extremer Belastungen wie erhöhter Vulnerabilität, Risikofaktoren und negativer Lebensein­flüsse, angepasst und perspektivisch zu agieren. Zu Schutzfaktoren zählen vertrau­ensvolle Beziehungen (social support), Kontakt zu peers, eine Vielzahl an sozialen Fähigkeiten und positive soziale und sozioökonomische Voraussetzungen. (Witt- chen/Hoyer 2011: 22)

Das Vulnerabilitäts-Stress -Modell legt dar, dass die Entstehung einer psychischen Störung nur im Wechselspiel von Vulnerabilität, sei es genetisch, biographisch oder andersartig erworben, und situativen Auslösern abläuft. Das bedeutet, dass weder Belastungssituationen noch organische oder genetische Elemente alleine die Ent­stehung einer psychischen Störung auslösen. Es handelt sich immer um ein kom­plexes Zusammenspiel von mehreren Aspekten: genetische Faktoren können höchstenfalls zur Anfälligkeit für psychische Störungen prädisponieren und Stress kann nur zu einer psychischen Störung führen, wenn eben diese Anfälligkeit bzw. Vulnerabilität existiert. (Baumeler/Philipp 2019: 157)

1.4 Therapie psychischer Störungen

Nach der Erläuterung von Definition, Häufigkeit und Entstehung von psychischen Störungen erfolgt nun die Ausarbeitung der Behandlungsansätze und -möglichkei­ten.

Zunächst ist es von Bedeutung zu betonen, dass es sich bei der Behandlung von psychischen Störungen meist um einen langfristigen Prozess handelt. Innerhalb der Therapie von psychischen Störungen soll Linderung und Reduktion der Symptome erfolgen, damit Betroffene wieder im Alltagsleben agieren können. (Gazzaniga et al. 2017: 875) Das Ziel ist es, die Behandlung so lange fortzuführen bis Lebenskri­sen überwunden, Symptome verschwunden, höhere Lebenszufriedenheit entstan­den und Konflikte geklärt wurden und die Behandlung dann beendet werden kann. (Gazzaniga etal.2017: 875)

Aufgrund der unterschiedlichen Faktoren, die eine psychische Störung hervorrufen können, und den diversen Folgen für Betroffene kommen meist verschiedene Be­handlungsmethoden, Berufsgruppen und Institutionen zum Einsatz. Abhängig von der Schwere und der Dauer der Störung setzt sich das Behandlungsangebot aus un­terschiedlichen Elementen und Akteuren zusammen, welche behandelnd, beratend und begleitend tätig werden. (Zimmermann 2017b: 105) Des Weiteren sollte die Behandlung, wenn gewünscht und umsetzbar, auch die Angehörigen miteinbezie­hen. (Zimmermann2017b: 105)

Zu einem der ersten und wichtigsten Schritte für die Behandlung von psychischen Störungen zählt die Information der Betroffenen über Diagnose und Therapiemög­lichkeiten in für die Betroffenen angemessener Sprache und Form. (Zimmermann 2017b:104)

Es existieren verschiedene Behandlungsansätze zur Therapie psychischer Störun­gen, welche sich in zwei verschiedene Kategorien separieren lassen: psychologi­sche und medizinische Ansätze. (Gazzaniga et al. 2017: 875) Bei den psychologi­schen Ansätzen handelt es sich um die Psychotherapie. (Gazzaniga et al. 2017: 875) Zu den medizinischen Ansätzen zählen in erster Linie psychopharmakologische In­terventionen, aber z.B. auch der Einsatz von elektrischer Gehirnstimulation. (Gaz­zaniga et al. 2017: 876) Die Wahl der Therapieform beruht dabei auf Schwere und Art der Symptome und Störung und der Motivation und Entscheidung der Betroffe­nen. (Gazzaniga etal. 2017: 875) bezeichnen

Die medikamentöse Behandlung ist ein zentraler Aspekt in der Behandlung von schweren psychischen Störungen. (Zimmermann 2017b: 105) Bei einer medika­mentösen Behandlung gilt es nach Stellung der Diagnose die Symptome zu identi­fizieren, die durch die Medikation positiv verändert werden sollen. Daraufhin wird ein Wirkstoff, welcher diese Symptomatik beeinflusst, ausgewählt. In der Regel handelt es sich bei der medikamentösen Behandlung also nicht um die Behandlung der Störung per se, sondern um die Behandlung der Symptomatik. (Zimmermann 2017b:106)

Die Wirkungsweise, der zur Behandlung von psychischen Störungen verwendeten Medikamente, ist noch nicht komplett nachvollziehbar, jedoch ist bekannt, dass durch sie die Konzentration der Neurotransmitter - der Botenstoffe - die zur Infor­mationsübermittlung und -verarbeitung im Gehirn dienen, verändert wird. Bei eini­gen Syndromen lässt sich die Erhöhung bzw. Verringerung der Neurotransmitter im Gehirn nachweisen. (Zimmermann 2017b: 107) Psychopharmaka sind die Me­dikamente, welche zur Therapie von psychischen Störungen verwendet werden. (Gazzaniga et al. 2017: 888) Die Wirkungsweise von Psychopharmaka erfolgt über die Veränderung der Neurochemie im Gehirn. Dabei erfolgt die Verstärkung oder Verminderung der Wirkung spezieller Neurotransmitter, indem Aktionspotentiale gehemmt werden und die synaptische Transmission im Gehirn verändert wird.

(Gazzaniga et al. 2017: 888) Das Ziel des Einsatzes von Psychopharmaka ist also die Wiederherstellung von ausgeglichenen Verhältnissen der Neurotransmitter im Gehirn. (Zimmermann2017b: 107)

Es existieren drei Hauptkategorien von Psychopharmaka: Anxiolytika, Antidepres­siva und Antipsychotika. (Gazzaniga et al. 2017: 888) Anxiolytika, auch Tranquili­zer, kommen in der kurzfristigen Behandlung von Angstzuständen zum Einsatz. Bei Antidepressiva handelt es sich um die Medikamente, welche zur Behandlung von Depression verwendet werden. Antipsychotika, auch Neuroleptika, werden zur Therapie von Schizophrenie und anderen Störungen, die von Psychosen begleitet werden, eingesetzt. (Gazzanigga et al. 2017: 888f.)

Die medikamentöse Behandlung von psychischen Störungen stellt immer auch eine Herausforderung dar, da die Psychopharmaka ebenso starke erwünschte, wie starke unerwünschte Wirkungen aufweisen und deshalb eine Abwägung von Vor- und Nachteilen der Behandlung erfolgen muss. (Zimmermann 2017b: 105)

Generell ist es wichtig zu betrachten, dass jede Störung unterschiedlich verlaufen kann. Nebenwirkungen von Medikamenten und der Erfolgsfaktor bzw. das An­schlagen einer Psychotherapie variieren zwischen verschiedenen Individuen. (Zim­mermann 2017a: 64)

Neben der medikamentösen Behandlung von schweren psychischen Störungen ist vor allem Psychotherapie von großer Bedeutung. (Paulitsch/Krawautz 2019: 54) Im Rahmen der Behandlung von psychischen Störungen spielen sowohl in der statio­nären als auch in der ambulanten Behandlung psychotherapeutische Gespräche eine wichtigeRolle. (DGPPN2019: 1)

Die psychotherapeutische Behandlung erfolgt in Form von unterschiedlichen psy­chologischen Methoden und kommunikativen Interventionen. Das Ziel von Psy­chotherapie ist es die Symptomatik zu mindern und die Persönlichkeitsstruktur zu beeinflussen. Auch die Förderung der persönlichen Entwicklung und Gesundheit von Betroffenen ist innerhalb der Behandlung zentral. (Paulitsch/Krawautz 2019: 55) Innerhalb der Psychotherapie erfolgt die planmäßige und zielgerichtete Anwen­dung von verbalen und nonverbalen Interventionen basierend auf theoretischen Konstrukten bezüglich psychischer Gesundheit und Verhaltenstheorie. (Pau­litsch/Krawautz 2019: 55) Um dies wirksam umsetzen zu können, ist es von Be­deutung, dass die Beziehung zwischen Therapeutinnen und Betroffenen auf Ver­trauen basiert. (Paulitsch/Krawautz 2019: 55) Innerhalb der Psychotherapie wird größtenteils die Auffassung vertreten, dass Symptome und Leidenszustände durch Selbstreflexivität, Förderung von Einsicht, Stärkung von Kommunikation, Ein­flussnahme auf Verhalten, Erkennen und Mitteilen von Emotionen und das Wahr­nehmen von Konflikten beeinflusst werden können. (Paulitsch/Krawautz 2019: 56) Generell zielen psychotherapeutische Interventionen auf die Veränderung von Denk-, Gefühls- und Handlungsmustern ab. (Gazzanigga et al. 2017: 877)

Häufig werden auch Selbststigmatisierung und der Umgang mit Stigma innerhalb der psychotherapeutischen Behandlung thematisiert und bearbeitet. (Rüsch 2010: 287ff.)

Neben der psychopharmakologischen Behandlung und der Psychotherapie gehört die Soziotherapie zu einem der wichtigsten Behandlungsverfahren von psychischen Störungen und stellt einen sozialen Behandlungsansatz dar. Der Begriff Soziothe­rapie beschreibt die Gesamtheit aller Vorgehensweisen, welche sich auf das soziale Umfeld und die Interaktion von Betroffenen konzentrieren. Schwere psychische Störungen stellen auch immer ein soziales Problem für Betroffene und deren An­gehörige dar. (Paulitsch/Krawautz 2019: 65) Soziotherapeutische Verfahren sollen Einfluss auf die soziale Situation der Betroffenen nehmen. Das soziale Netzwerk und interpersonelle Kontakte beeinflussen die Entwicklung von psychischen Stö­rungen maßgeblich. Aufgrund dessen soll ein sozialer Abstieg aufgehalten, ge­bremst oder sogar verhindert werden. Innerhalb von Soziotherapie soll mit Hilfe von sozialen Aktivitäten die Förderung von Kommunikationsfähigkeit und eigen­verantwortlichem Handeln erfolgen. (Paulitsch/Krawautz 2019: 65) Ein weiterer großer Bestandteil von Soziotherapie ist die psychiatrische Rehabilitation mit dem Ziel, Menschen mit psychischen Störungen wieder in die Gesellschaft einzuglie­dern. Diese Wiedereingliederung erfolgt in Form einer geregelten Tagestruktur, Er­werbstätigkeit und Beschäftigung. (Paulitsch/Krawautz 2019: 65) Häufig sind vor allem Sozialarbeiterinnen an soziotherapeutischen Maßnahmen beteiligt. Dabei leisten sie Unterstützung bei existenzsichernden Maßnahmen sowie materiellen, so­zialen undberuflichenUnterstützungen. (Paulitsch/Krawautz2019: 65)

Da es sich bei psychischen Störungen um Störungen handelt, welche eine hohe Komplexität und Diversität aufweisen (Falkai/Wittchen 2018: 26), und diese sich durch vielfältige Auslöser und Ursachen entwickeln können, kommen wie bereits erläutert meist verschiedene Behandlungsmethoden zum Einsatz. (Zimmermann 2017b:105)

Die unten aufgeführte Tabelle (Tab. 1) stellt das Zusammenspiel der erläuterten Behandlungsansätze anhand des Vulnerabilitäts-Stress-Modells, welches als Erklä­rungsansatz für psychische Störungen dient (siehe Kap. 1.3), dar. Die Therapie mit Psychopharmaka kann beispielsweise dazu beitragen, dass genetische und körper­liche Faktoren beeinflusst und abgemildert werden. (Pauls 2013: 78) Da genetische Prädispositionen alleine meist nicht die Entstehung einer psychischen Störung be­dingen, sondern das Zusammenwirken von Vulnerabilität und Stressfaktoren dazu führt, dass sich eine pathogene Dynamik entwickelt (Baumeler/Philipp 2019: 157), werden innerhalb der Psychotherapie vor allem der Umgang mit Stress und Belas­tungssituationen bearbeitet und lebensgeschichtliche Faktoren behandelt. (Pauls 2013: 78) Innerhalb der Soziotherapie sollen weitere Stressoren wie Probleme mit dem sozialen Umfeld und Alltagsprobleme angegangen werden. (Pauls 2013: 78) Wie in der Tab. 1 ersichtlich sind die Grenzen jedoch fließend, welche Therapie­form welche Ursache speziell angreift und eine Kombination von unterschiedlichen Behandlungsformen ist meist effektiv. (Gazzanigga et al. 2017: 875)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Vulnerabilitäts-Stress-Modell und therapeutische Hilfen, in Anlehnung an (Bäuml 1994: 33)

2. Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischen Stö­rungen

Um ein Verständnis für die Entwicklung von Stigmatisierung und die aus ihr resul­tierende Diskriminierung zu schaffen, müssen zunächst die zugrundeliegenden Pro­zesse bzw. Grundlagen vermittelt und erläutert werden. Nur wenn Wissen und Ver­ständnis über die zugrundeliegenden Theorien, Prozesse und Auswirkungen von Stigmatisierung existieren, dann ist auch eine Beurteilung der verschiedenen Kon­zepte zur Bekämpfung bzw. Bewältigung von Stigmatisierung möglich.

2.1 Terminologie: Stigma, Stigmatisierung, Diskriminierung

Um Stigmatisierung überhaupt bekämpfen bzw. bewältigen zu können, muss zu­nächst einmal ein Verständnis für die Begrifflichkeiten Stigma, Stigmatisierung und Diskriminierung geschaffen werden. Dazu sollen diese nun definiert und näher erläutert werden.

Im Kontext von Stigmatisierung wird meist die soziologische Bedeutung für den Begriff des Stigmas verwendet. (Finzen 2013: 37) Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit zunächst eine soziologische Definition herangezogen. Im Wörterbuch der Soziologie findet man unter Stigma:

„Stigma (lat.= Brand-, Schandmal), physisches, psychisches oder soziales Merkmal, durch das eine Person sich von allen übrigen Mitgliedern einer Gruppe (oder der Gesellschaft) negativ unterscheidet und aufgrund dessen ihr soziale Deklassierung, Isolation oder sogar allg. Verachtung droht (Stigmatisierung)“ (Hartfiel/Hillmann 2007: 864)

Bei einem Stigma handelt es sich also um ein Merkmal eines Individuums, welches zur Abgrenzung von einer Gruppe bzw. der Gesellschaft führt. Neben der inhaltli­chen Bedeutung des Begriffs Stigma geht die Definition bereits auf die aus der Stig­matisierung resultierenden negativen Folgen für Betroffene ein: soziale Deklassie­rung, Isolation und allgemeine Verachtung. Im zweiten Teil der Definition werden Gruppen benannt, welche von Stigmatisierung betroffen sind, unter anderem auch: „psychischKranke“. (Hartfiel/Hillmann2007: 864)

Laut Gaebel et al. handelt es sich bei einem Stigma um ein Charakteristikum eines Individuums, welches dem Individuum negative stereotype Eigenschaften attestiert und zur Abgrenzung von der Gesellschaft führt. (Gaebel et al. 2005: 1) Es muss also betont werden, dass es sich bei einem Stigma nicht um eine negative Eigen­schaft einer Person selbst handelt, sondern ein Stigma entsteht durch negative Be­urteilungen und die daraus resultierende Diskriminierung anderer Personen. (Olk 2017: 994) Gegensätzlich zurursprünglichen Bedeutung als „Brand- oder Schand­mal“ handelt es sich also bei einem Stigma nicht um eine bestimmte Eigenschaft. Nur durch negative Zuschreibungen kann eine Eigenschaft zu einem Stigma wer­den. (Hartfiel/Hillmann2007: 864) (Olk2017: 994)

In Folge dessen handelt es sich bei Stigmatisierung also um den Prozess in welchem ein solches Merkmal wahrgenommen, benannt und mit negativen Stereotypen und unerwünschten Attributen verbunden wird. Daraufhin erfolgt dann die Abgrenzung und Diskriminierung der/des Stigmaträger*in (Link/Phelan 2001: 367f.) Laut Wör­terbuch der Sozialen Arbeit ist mit Stigmatisierung der:

„Prozess gemeint, in dessen Verlauf bestimmte (äußere) Merkmale von Personen oder Per­sonengruppen mit negativen Bewertungen (Vorurteilen, Stereotypen) belegt und die derart klassifizierten Individuen in eine Randgruppen- oder Außenseiterposition gedrängt wer­den“ (Olk 2017: 994)

Wenn aus der Stigmatisierung daraufhin Konsequenzen im Verhalten gezogen wer­den, kommt es zur Diskriminierung der Betroffenen. (Rüsch/Berger 2019: 824) Bei Diskriminierung handelt es sich laut Wörterbuch der Soziologie um: „Diskriminierung (von lat. discriminare = unterscheiden), Ungleichbehandlung, im sozio- log. Sinne, ungleiche, herabsetzende Behandlung anderer Menschen nach Maßgabe be­stimmter Wertvorstellungen oder aufgrund unreflektierter, z.T. auch unbewusster Einstel­lungen, Vorurteile und Gefuhlslagen. Der Begriff Diskriminierung erhält seine soziale Re­levanz erst unter Bezug auf die in einer Gesellschaft postulierten spezifischen Gleichheits- bzw. Gleichbehandlungsgrundsätze.“ (Hartfiel/Hillmann 2007: 155)

Bei Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischen Störun­gen handelt es sich demnach um deren gesellschaftliche soziale Beurteilung. Durch diese Beurteilung erfolgt die Legitimation von diskriminierenden Handlungen und daraus resultierend die limitierte gesellschaftliche und soziale Teilhabe von Be­troffenen. (Von Kardorff2010: 279)

Innerhalb dieser Bachelorthesis wird sich auf das Stigma-Konzept von Erving Gof- fman konzentriert. Aufgrund dessen wird nun die von ihm verwendete Definition von Stigma erläutert.

Goffman beginnt seine Ausführungen über Stigma und Stigmatisierung mit dem Ursprung des Stigma-Begriffs. Dieser entstammt ursprünglich dem Griechischen und diente als Hinweis auf körperliche Merkmale, welche ungewöhnliche oder schlechte Eigenschaften bzw. den schlechten moralischen Zustand eines Individu­ums offenbaren sollten. (Goffman 2016: 9) Ein Stigma erfüllte also den Zweck, jemanden zu kennzeichnen und somit für jeden ersichtlich zu machen, dass diese Person negative Eigenschaften in sich trägt und gemieden werden sollte. (Goffman 2016: 9) Im Ursprung handelte es sich bei einem Stigma also um ein „Zeichen“, ein „Brand- bzw. Schandmal“. (Grausgruber 2005: 19) (Hartfiel/Hillmann 2007: 864) Laut Goffman findet der Begriff des Stigmas immer noch Anwendung in seiner ursprünglichen Bedeutung, wobei er heutzutage eher in Bezug auf die Unehre eines Individuums anstatt auf körperliche Attribute verwendet wird. (Goffman 2016: 9) Nach Goffman bezieht sich der Begriff des Stigmas auf eine Eigenschaft, die für den/die Träger*in zutiefst diskreditierend ist. (Goffman 2016: 11)

[...]


1Trotz der Tatsache, dass sich innerhalb dieser Bachelorthesis für den Begriff der psychi­schen Störung entschieden wurde, taucht der Begriff von psychischer Krankheit oder Er­krankung häufig in der einschlägigen Literatur auf. Aus diesem Grund wurden die Be- grifflichkeiten, gerade im Kontext von Gesundheits- und Krankheitsverständnis, teilweise trotzdem aus den Originalquellen übernommen, um die semantische Bedeutung nicht zu verändern.

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischen Störungen. Eine Beurteilung von bestehenden Konzepten zur Stigma-Bewältigung aus Sicht der Sozialen Arbeit
Hochschule
Fachhochschule Dortmund
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
75
Katalognummer
V1224872
ISBN (Buch)
9783346654373
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stigmatisierung Diskriminierung Soziale Arbeit Psychische Erkrankungen Psychische Störungen
Arbeit zitieren
Eva Berg (Autor:in), 2020, Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit psychischen Störungen. Eine Beurteilung von bestehenden Konzepten zur Stigma-Bewältigung aus Sicht der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1224872

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