Theodor Fontane schrieb seinen Roman Effi Briest mit Unterbrechungen in den Jahren von 1889 bis 1894. Der Vorabdruck erschien von Oktober 1894 bis zum März 1895 in der Deutschen Rundschau, ebenfalls im Jahr 1895 folgte die Buchausgabe des Romans, der bei Lesern und Kritikern eine hohe Gunst gewann.
Stofflich beruht der Roman auf einer wahren Ehebruchsgeschichte in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Damals beging Elisabeth von Ardenne, die Gattin des Freiherren Armand von Ardenne, einen Ehebruch mit dem Düsseldorfer Amtsrichter Emil Hartwich, woraufhin dieser im Duell mit Ardenne fiel.
Der Roman handelt von der jungen adeligen Effi von Briest, die sich mit 17 Jahren mit dem ebenfalls adeligen 38jährigen Jugendfreund ihrer Mutter, Geert von Innstetten, verheiratet. Ihr Leben in der preußischen Provinz mit dem Landrat ist geprägt von Langeweile und Vernachlässigung durch ihren Ehemann. Das Fehlen von Intimität und Sinnlichkeit sowie das Nichtzustandekommen menschlicher Beziehungen führen schließlich, gepaart mit einem von Innstetten inszenierten Spuk, zum Ehebruch Effis mit Major Crampas. Die Konsequenz dieser Tat, die nach über sechs Jahren ans Licht kommt, ist die Scheidung von Innstetten und die Verbannung aus der Gesellschaft. Crampas stirbt im Duell mit Innstetten. Effi erkrankt schließlich schwer und stirbt im Alter von 29 Jahren auf dem Anwesen ihrer Eltern.
In meiner Arbeit möchte ich die Gründe für das Scheitern der Ehe zwischen Effi und Innstetten genauer beleuchten. Dabei werde ich besonders auf die Bedeutung des Chinesenspuks eingehen, die meiner Meinung nach einen Drehpunkt des Romans darstellt und somit auch großen Einfluss auf den Fehltritt Effis hat. Fontane selber hat in einem Brief an Viktor Widmann die wichtige Bedeutung des Chinesen im Roman herausgestellt:
„Sie sind der erste, der auf das Spukhaus und den Chinesen hinweißt; ich begreife nicht, wie man daran vorbeisehen kann, denn erstlich ist dieser Spuk, so bilde ich mir wenigstens ein, an und für sich interessant, und zweitens, wie Sie hervorgehoben haben, steht die Sache nicht zum Spaß da, sondern ist Drehpunkt für die ganze Geschichte.“
Zwar relativiert Fontane selber die Bedeutung des Spuks zuerst dadurch, dass er ihn nur als interessant erachtet. Das Motiv des spukenden Chinesen zieht sich jedoch durch den gesamten Roman und offenbart ein dichtes Verweisungsnetz, weshalb ich es als zentral ansehe und die Verstrickung der Romanfiguren mit dem Spuk genauer untersuchen möchte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Chinesenspuk
2.1. Das Chinesenbild in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts
2.2. Der Chinese als Angstbild Effis
2.3. Der Chinese als Symbol der Begierde
3. Ursachen für das Scheitern der Ehe
3.1. Verzahnung der Ehebruchsgeschichte mit dem Chinesenmotiv
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Scheitern der Ehe zwischen Effi Briest und Geert von Innstetten unter besonderer Berücksichtigung des zentralen Chinesenmotivs. Dabei wird analysiert, wie dieses Motiv von einem Instrument der psychologischen Kontrolle zu einem Symbol für Effis unterdrückte Bedürfnisse und letztlich zum Ehebruch transformiert wird.
- Die soziale Konstruktion der Ehe im 19. Jahrhundert
- Die Funktion des Chinesenspuks als pädagogisches Machtmittel
- Transformation des Chinesenmotivs: Vom Angstbild zum Symbol der Begierde
- Die psychologische Abhängigkeit Effis von gesellschaftlichen Normen
Auszug aus dem Buch
2. Der Chinesenspuk
Der Chinese wird bereits im sechsten Kapitel eingeführt. Noch auf der Kutschfahrt zu ihrem zukünftigen Haus berichtet Innstetten, aus welch unterschiedlichen Nationalitäten sich die Bevölkerung Kessins zusammensetzt. Effi ist angenehm überrascht und entgegnet, sie habe ein kleines Nest erwartet und finde „eine ganz neue Welt hier. Allerlei Exotisches. [...] vielleicht einen Neger oder einen Türken oder vielleicht sogar einen Chinesen.“
Innstettens Antwort bestätigt Effis Vermutung: „Auch einen Chinesen. Wie gut du raten kannst. Es ist möglich, dass wir wirklich noch einen haben, aber jedenfalls haben wir einen gehabt; jetzt ist er tot und auf einem kleinen eingegitterten Stück Erde begraben, dicht neben dem Kirchhof. Wenn du nicht furchtsam bist, will ich dir bei Gelegenheit mal sein Grab zeigen; es liegt zwischen den Dünen, bloß Strandhafer drum rum und dann und wann ein paar Immortellen, und immer hört man das Meer. Es ist sehr schön und sehr schauerlich.“(49)
In dieser Aussage sind einige Vorausdeutungen enthalten. Obwohl das Grab des Chinesen sehr idyllisch, zwischen den Dünen gelegen, geschildert wird und das Rauschen des Meeres allgegenwärtig ist, spricht Innstetten sofort auch das Schauerliche an, das dem Grab des Chinesen anhaftet. Gleichzeitig gibt Innstetten Anhaltspunkte, dass der Chinese immer noch gegenwärtig ist, obwohl sein Tod lange zurückliegt. Zuerst spricht er davon, dass es möglich sei, dass noch ein Chinese in Kessin leben könnte, andererseits implizieren die unvergänglichen Immortellen am Grab, dass zumindest der Geist des Chinesen in die Gegenwart hineinreicht. Generell haben die Immortellen in den Werken Fontanes aber auch eine symbolische Bedeutung und kündigen Einsamkeit und Sterben an.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Entstehungsgeschichte des Romans ein und formuliert das Ziel, die Ursachen für das Scheitern der Ehe unter Fokus auf das Chinesenmotiv zu untersuchen.
2. Der Chinesenspuk: Dieses Kapitel analysiert das historische Chinesenbild sowie die Entwicklung des Motivs im Roman von einem Angstmittel des Ehemanns bis hin zu einem Symbol für Effis verbotene Sehnsüchte.
3. Ursachen für das Scheitern der Ehe: Der Abschnitt beleuchtet die gesellschaftlichen und persönlichen Diskrepanzen zwischen Effi und Innstetten, die eine erfolgreiche Ehe von Beginn an unmöglich machen.
3.1. Verzahnung der Ehebruchsgeschichte mit dem Chinesenmotiv: Hier wird aufgezeigt, wie der Chinesenspuk untrennbar mit dem Handlungsverlauf des Ehebruchs verbunden ist und die psychologische Entwicklung Effis widerspiegelt.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Scheitern der Ehe aufgrund der unüberbrückbaren Charakterunterschiede und des Drucks gesellschaftlicher Konventionen unausweichlich war.
Schlüsselwörter
Theodor Fontane, Effi Briest, Chinesenspuk, Ehe, Ehebruch, gesellschaftliche Normen, Preußen, Geert von Innstetten,Major Crampas, Angstbild, Begierde, Naturkind, Psychologie, Literaturanalyse, 19. Jahrhundert
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Gründe für das Scheitern der Ehe der Romanfigur Effi Briest und untersucht dabei, welche zentrale Rolle das Motiv des „Chinesenspuks“ für die Entwicklung der Charaktere und den Handlungsverlauf spielt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die gesellschaftlichen Erwartungen an den preußischen Adel, die Ehe als soziale Institution, die psychologische Dynamik zwischen Effi und Innstetten sowie die symbolische Bedeutung des Fremden.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Innstetten den Spuk instrumentalisiert, um Effi zu kontrollieren, und wie sich diese Dynamik durch den Ehebruch mit Major Crampas verkehrt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Romans, gestützt auf fachwissenschaftliche Sekundärliteratur zu Fontane und zeitgenössische kulturelle Kontexte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Chinesenmotiv und eine Untersuchung der Heiratsmotive sowie der charakterlichen Diskrepanzen zwischen dem Ehepaar.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Chinesenspuk, Ehebruch, gesellschaftliche Konventionen, psychologische Abhängigkeit und der Kontrast zwischen „Naturkind“ und „Prinzipienreiter“.
Welche Bedeutung kommt dem Chinesenmotiv in Kessin zu?
In Kessin dient der Spuk zunächst als „Angstapparat“, mit dem Innstetten seine Ehefrau in einer Position der Abhängigkeit halten will.
Wie verändert sich die Wahrnehmung des Chinesen durch Effi im Laufe des Romans?
Was anfänglich als Angst auslösendes, fremdes Schreckgespenst wahrgenommen wird, wandelt sich für Effi durch die beginnende Affäre zu einem Symbol der eigenen Begierde und Freiheit.
Warum betont der Autor die „Verzahnung“ zwischen dem Spuk und dem Ehebruch?
Die Verzahnung ist deshalb wichtig, da der Chinesenspuk als ein roter Faden durch den Roman führt; erst mit dem Tod des Liebhabers Crampas verliert das Motiv seine Funktion als treibende Kraft in der Ehebruchsgeschichte.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit über die Rolle des Ehemanns Innstetten?
Innstetten wird als Prinzipienreiter gezeichnet, der seinen Beruf über menschliche Bedürfnisse stellt und damit die Einsamkeit seiner Frau sowie das spätere Scheitern der Ehe maßgeblich mit verursacht.
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- David Zinnecker (Author), 2006, Der Einfluss des Chinesenspuks auf das Scheitern der Ehe in Theodor Fontanes Roman Effi Briest, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122487