Können subjektspezifische Intersektionalitätserfahrungen aufgrund sich widersprechender individuell und sozial relevanter Normen und Werte zu einer Instabilität in der Persönlichkeitsentwicklung führen?
In dieser Arbeit wird anhand der beispielhaften Charakteranalyse des teil-fiktiven Filmcharakters Don Shirley aus dem Film „Green Book“ der Frage nachgegangen, ob eine individuelle Ausprägung intersektional wirkender sozialer Differenzkategorien zu der Entwicklungsgefährdung einer stabilen Individualität führen kann. Wenn sie im Widerspruch zur protonormalistischen sozialen Umgebung und deren dominanter Differenzkategorien steht: Intersektionalität als Individuationsproblem?
Um diese Fragestellung zu beantworten, wird in dieser Hausarbeit u.a. mit Bezügen zu Theorien der Individuation, der Intersektionalität sowie zu Rassismus, Gruppenverhalten und moralischer Entwicklung gearbeitet.
Inhalt
1 Einleitung
2 Fragestellung
3 Theoretische Bezüge und Forschungsstand
4 Analyseperspektive
5 Deskriptive Darstellung des Untersuchungsgegenstandes
5.1 Gesellschaftliche Situation in den USA der 1960er
5.2 Zusammenfassung Filminhalt „Green Book“, Kurzvorstellung Filmcharakter D. Shirley
6 Analyse des Untersuchungsgegenstandes
6.1. Methodisches Vorgehen der Dokumentenanalyse
6.2 Ergebnisse der Dokumentenanalyse anhand gewählter Theorien
6.3 Dominante Diversitätskategorien nach der intersektionalen Mehrebenenanalyse
6.4. Zusammenführung der Analyseergebnisse
7 Tendenz der einzunehmenden bildungswissenschaftlichen Implikationen
8 Reflektierendes Fazit und Desiderata
10 Anhang
10.1 Sequenzprotokoll
10.2 Bündelung der Sequenzen nach Differenzkategorien
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern subjektspezifische Intersektionalitätserfahrungen aufgrund widersprüchlicher gesellschaftlicher Normen und Werte zu Instabilitäten in der Persönlichkeitsentwicklung, konkret zu einem Individuationsproblem, führen können. Anhand einer exemplarischen Charakteranalyse des Filmcharakters Don Shirley aus dem Spielfilm „Green Book“ wird analysiert, wie intersektional wirkende Differenzkategorien – wie Race, Klasse/Bildung und sexuelle Orientierung – auf der Identitätsebene mit den strukturellen Machtverhältnissen interagieren.
- Individuation im Spannungsfeld von Autonomie und sozialen Strukturen
- Intersektionalitätstheorie als Analysemittel für soziale Ungleichheit
- Rassismus und die Dynamik von Gruppenzugehörigkeit in den USA der 1960er Jahre
- Einfluss symbolischer Repräsentationen auf Identitätskonstruktionen
- Bildungswissenschaftliche Implikationen für eine reflektierte pädagogische Praxis
Auszug aus dem Buch
6.2 Ergebnisse der Dokumentenanalyse anhand gewählter Theorien
Die zugrundeliegende Fragestellung der DA war: welche Belege gibt es für die hier als relevant erachteten Theorien zu Individuation, Intersektionalität, Rassismus, Gruppenzugehörigkeit und Moral, welche in Kapitel 3 erläutert werden? Das zu untersuchende Dokument war der Film „Green Book“ aus dem Jahr 2018 von Peter Farrelly. Im Untersuchungsfokus standen Sequenzen, die Interpretationen bzgl. des teil-fiktiven Filmcharakters Don Shirley (DS) ermöglichen. Der Quellenkritik nach Mayring folgend, wurde in der DA berücksichtigt, dass der Film von einem US-amerikanischen Regisseur in den USA (Gegenstandsnähe und Herkunft des Dokuments) primär mit der Intention des finanziellen Gewinns produziert wurde. Auch könnte sekundär eine Aufarbeitung für die USA typische Ära der rassistischen Segregation intendiert sein. Der historische Filmhintergrund ist sinnstiftend für die Anlage des untersuchten Filmcharakters (äußere/ innere Merkmale)11. Aus der DA werden mit Hilfe der Sequenzprotokolle (s. Kapitel 10.1) unter Berücksichtigung der Fragestellung folgende Ergebnisse deutlich:
Belege zu Individuation, bzw. zu einer Störung derselben, finden sich u.a. in den Sequenzen (Sq.) 7 und 10, in welchen der Begleiter/Chauffeur Tony Vallelonga (TV) Aussagen über DS trifft, die ihn als traurig einschätzen. Auch der frequente Whiskey-Genuss (Sq. 3, 14, 29, 31) kann als Bewältigungshilfe für eine nicht gelingende Realitätsverarbeitung interpretiert werden. In Sq. 29 betrachtet DS sich selbst lange im Spiegel, was hier als wahrgenommene Diskrepanz von äußerer und innerer Realität interpretiert wird. In Sq. 31 nimmt DS direkt Bezug auf seine familiale und institutionelle Sozialisation durch Mutter und Konservatorium in Kontrast zu der äußeren Realität der Forderungen durch seinen Arbeitgeber/ sein Publikum, welche ihm nicht erlauben, klassische „weiße“ Musikstücke zu spielen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Erläutert die Relevanz der Untersuchung von Individuationsproblemen durch intersektionale Erfahrungen am Beispiel des Filmcharakters Don Shirley.
2 Fragestellung: Definiert die zentrale Forschungsfrage, ob intersektional wirkende Differenzkategorien zu einer Entwicklungsgefährdung einer stabilen Individualität führen können.
3 Theoretische Bezüge und Forschungsstand: Legt die theoretischen Grundlagen zu Individuation, Intersektionalität, Rassismus, Gruppenzugehörigkeit und Moral dar.
4 Analyseperspektive: Stellt das Modell der praxeologisch orientierten intersektionalen Mehrebenenanalyse nach Winker und Degele vor.
5 Deskriptive Darstellung des Untersuchungsgegenstandes: Bietet einen Überblick über die gesellschaftliche Situation in den USA der 1960er Jahre sowie eine Zusammenfassung des Filminhalts.
6 Analyse des Untersuchungsgegenstandes: Führt die Dokumentenanalyse durch und verknüpft die Ergebnisse der Mehrebenenanalyse mit den theoretischen Ansätzen.
7 Tendenz der einzunehmenden bildungswissenschaftlichen Implikationen: Reflektiert die Bedeutung der Erkenntnisse für Bildungsinstitutionen und die Sensibilisierung pädagogischer Fachkräfte.
8 Reflektierendes Fazit und Desiderata: Zieht ein kritisches Fazit zur Forschungsfrage und formuliert offene Forschungsbedarfe.
Schlüsselwörter
Individuation, Intersektionalität, Rassismus, Gruppenzugehörigkeit, Sozialisation, Identitätskonstruktion, Mehrebenenanalyse, Diskriminierung, Bildungswissenschaft, pädagogische Professionalität, Green Book, Don Shirley, soziale Ungleichheit, Moral, Diversität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Es geht um die Frage, ob und wie intersektionale Erfahrungen – also das gleichzeitige Wirken verschiedener Diskriminierungsformen – die stabile Entwicklung einer Persönlichkeit, die sogenannte Individuation, behindern oder stören können.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit verknüpft Konzepte der Sozialisationsforschung mit Theorien zur Intersektionalität, Rassismusforschung, Gruppensoziologie und moralischer Entwicklung, illustriert an einem fiktiven Filmcharakter.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Autorin untersucht, ob eine individuelle Ausprägung intersektional wirkender sozialer Differenzkategorien im Widerspruch zu einer normativen sozialen Umgebung die stabile Individualität gefährden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine Dokumentenanalyse nach Mayring angewandt, ergänzt durch eine intersektionale Mehrebenenanalyse nach Winker und Degele, um das Filmmaterial systematisch auf Belege für die genannten Theorien zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung, die Analyse des historischen Kontexts der 1960er USA im Film „Green Book“ und die detaillierte Auswertung der Filmszenen mittels der Mehrebenenanalyse.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Neben dem zentralen Begriff der Intersektionalität sind Individuation, Rassismus, soziale Differenzkategorien (Race, Klasse, Geschlecht), Machtverhältnisse und pädagogische Implikationen maßgeblich.
Wie genau lässt sich die „Individuationsproblematik“ bei Don Shirley festmachen?
Die Problematik zeigt sich in der Diskrepanz zwischen seiner hohen Bildung (Klasse) und der rassistischen Reduzierung auf seine Hautfarbe, was bei ihm zu einer bewussten Identitätskrise führt, die in der Schlüsselszene „Was bin ich?!“ gipfelt.
Welche Rolle spielt die „moralische Entwicklung“ nach Kohlberg in dieser Analyse?
Sie dient als Analyserahmen, um Shirleys Verhalten – etwa seine Zuvorkommenheit trotz Diskriminierung oder seinen Kampf gegen Ungerechtigkeiten – auf die postkonventionellen Stufen moralischen Urteilsvermögens einzuordnen.
- Quote paper
- Annette Andresen (Author), 2020, Intersektionalität als Individuationsproblem, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1225446