Das Rätsel vom Ursprung der Sprache bzw. der Sprachfähigkeit eines Menschen ist eine Fragestellung aus Psychologie und Sprachwissenschaft, welche schon seit der Antike hinterfragt und meist kontrovers diskutiert wird. Dabei haben sich im Laufe der Geschichte zwei grundverschiedene Ansichten diesbezüglich herauskristallisiert.
Bei der Untersuchung hinsichtlich dieser Divergenz befinden wir uns mitten in der u.a. von Danny Steinberg so charakterisierten nature-nurture Kontroverse, welche sich mit der elementaren Frage auseinandersetzt, ob der Mensch von Geburt an ohne jegliches Vorwissen auf diese Erde kommt oder aber, ob jedem Menschen von Beginn an eine Art „biologische Grundausstattung“ mit in die Wiege gelegt wird.
Urvater der nativistischen Lehre ist Noam Chomsky, dessen Forschungsergebnisse, welche zum Teil mit seinem Kollegen Steven Pinker gemeinsam erarbeitet hatten. Diese waren später die Basis für Steven Pinkers Buch „The Language Instinct“, welches als Grundlage meiner Hausarbeit zu sehen ist. Steven Pinker ist ein kanadischer Linguist und Psychologe, der als Professor an der Havard Universität ebenso wie Chomsky auch am MIT, dem Massachusetts Institut of Technology, doziert.
In der nun folgenden Arbeit werde ich mich auf eine Spurensuche begeben und untersuchen, in wieweit Steven Pinker mit seinem 1994 veröffentlichte Buch eine, die ganze Menschheit betreffende, Wahrheit ausgesprochen hat, oder ob solcherlei Theorien faktisch in das Reich der Träume und Wunschvorstellungen einiger weniger zu zählen sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung in die Thematik
3. „Sprachinstinkt“ nach Steven Pinker
4. Verifikation der „Sprachinstinkt“-Theorie
5. Falsifikation der “Sprachinstinkt”-Theorie
6. Durchbruch in der Genforschung
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die von Steven Pinker aufgestellte Hypothese des „Sprachinstinkts“ und hinterfragt kritisch, ob Sprachfähigkeit als angeborene biologische Grundausstattung zu verstehen ist oder primär auf Lern- und Erfahrungsprozessen basiert.
- Nature-nurture-Kontroverse in der Linguistik
- Die Theorie der Universalgrammatik und des Sprachorgans
- Empirische Untersuchung von Pidgin- und Kreolsprachen
- Analyse der KE-Familie und genetischer Sprachdefekte (SLI)
- Gegenpositionen aus der empiristischen Forschung
Auszug aus dem Buch
3. „Sprachinstinkt“ nach Steven Pinker
Wenden wir nun unser Augenmerk im Folgenden auf Steven Pinker und den von ihm erstmals wissenschaftlich eingeführten Begriffs des „Sprachinstinkts“.
Als früherer Kollege von Noam Chomsky ist es nicht verwunderlich, dass Pinker in seiner Monographie „The Language Instinct“ von 1994 einige Ideen und Konzepte Chomskys aufgreift, um diese dann mit seinen eigenen Vorstellungen zu ergänzen und die Forschung auf dem Gebiet der Kognitionslinguistik voranzubringen. Diese Weiterentwicklung äußert sich besonders deutlich in der etwas radikal-nativistischen Theorie, dass die Fähigkeit eines Menschen zu sprechen lokalisierbar innerhalb miteinander verbundener Strukturen des Gehirn von uns allen vorhanden sei, und diese somit als biologische „Grundausstattung“ einem jeden Menschen in die Wiege gelegt sei. Dabei konzentriert sich Pinkers keineswegs auf eine bestimmte Sprache und dessen Strukturen, sondern stellt fest, dass mit allem Lernen, Anwenden und Verstehen von sprachlichen Zeichen ein von Geburt an vorhandener Instinkt einhergehen muss, welcher auf biologisch-neuronaler Ebene bei jedem menschlichen Lebewesen vorhanden ist.
Dabei geht Pinker davon aus, dass dieses Sprachorgan Resultat eines evolutionären Prozesses sei, welcher sich seinen Vorstellungen nach aus den darwinistischen Grundprinzipien herausgebildet und weiterentwickelt habe. Nach Darwin würden sich bei einer evolutionären Entwicklung stets nur diejenigen Gene durchsetzen, die sich am Besten an die Umgebung und die damit verbundenen, oftmals ambivalenten Anforderungen anzupassen verstehen. Darüber hinaus hatte Darwin schon 1871 vermutet, dass der Sprachfähigkeit eines Menschen möglicherweise tatsächlich ein Instinkt zu Grunde liegen könnte. Damit wäre Sprache nicht einfach nur die Erfindung von Menschen innerhalb eines Kulturkreises, sondern vielmehr das Produkt eines Instinktes, welcher in jedem Menschen vorhanden ist und nur darauf wartet, entfesselt zu werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Nature-nurture-Kontroverse und die wissenschaftliche Ausgangslage zum Thema Spracherwerb.
2. Einführung in die Thematik: Gegenüberstellung von Empirismus und Nativismus sowie Erläuterung des behavioristischen vs. kognitionslinguistischen Ansatzes.
3. „Sprachinstinkt“ nach Steven Pinker: Darstellung der Kernkonzepte Pinkers, insbesondere der Idee des angeborenen Sprachorgans und des evolutionären Ursprungs der Sprache.
4. Verifikation der „Sprachinstinkt“-Theorie: Analyse von Pidgin- und Kreolsprachen sowie der Untersuchung der KE-Familie als Belege für eine genetische Fundierung der Sprache.
5. Falsifikation der “Sprachinstinkt”-Theorie: Kritische Auseinandersetzung mit Pinkers Thesen durch Gegenargumente von Sprachwissenschaftlern wie Stefan Schaden und Geoffrey Sampson.
6. Durchbruch in der Genforschung: Betrachtung neuerer molekularbiologischer Erkenntnisse zum FoxP2-Gen und dessen Bedeutung für die menschliche Sprachfähigkeit.
7. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Würdigung der Debatte und Plädoyer für einen vermittelnden Standpunkt zwischen biologischer Anlage und sozialem Einfluss.
Schlüsselwörter
Sprachinstinkt, Steven Pinker, Noam Chomsky, Nativismus, Empirismus, Universalgrammatik, Pidgin, Kreolsprache, Sprachorgan, Genetik, FoxP2, Spracherwerb, Kognitionslinguistik, SLI, nature-nurture
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Debatte über den Ursprung menschlicher Sprache, insbesondere der Kontroverse zwischen der Theorie eines angeborenen Sprachinstinkts und der Auffassung von Sprache als erlerntes, kulturelles Phänomen.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die nativistischen Theorien Steven Pinkers, die Analyse der KE-Familie, die Entwicklung von Pidgin- zu Kreolsprachen sowie die Rolle der Genetik für die Sprachfähigkeit.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob die Hypothese eines biologisch verankerten „Sprachinstinkts“ nach Steven Pinker wissenschaftlich haltbar ist oder ob sie durch empirische Gegenpositionen widerlegt werden kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es handelt sich um eine Literaturanalyse, die zentrale kognitionslinguistische Theorien mit empirischen Fallstudien (Pidgin/Kreol, KE-Familie) und neuesten genetischen Forschungsergebnissen konfrontiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Nativismus-Theorie, deren Verifikation durch Fallbeispiele, die kritische Falsifikation durch andere Linguisten und den Einbezug der modernen Genforschung.
Welche Schlagworte charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Sprachinstinkt, Universalgrammatik, genetische Prädisposition, nature-nurture-Debatte und Spracherwerbsbiologie.
Wie steht der Autor zur KE-Familie?
Der Autor hinterfragt die von Pinker gezogenen Schlüsse aus der KE-Familie kritisch und weist darauf hin, dass die vermeintliche isolierte Sprachstörung komplexer ist, als Pinker es darstellt.
Was ist das zentrale Fazit zur Debatte?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Wahrheit vermutlich in der Mitte liegt: Während eine biologische Anlage die Grundlage bildet, darf der Einfluss der Umwelt und des sozialen Kontextes nicht vernachlässigt werden.
- Quote paper
- Florian Fromm (Author), 2008, Der "Sprachinstinkt" nach Steven Pinker. Wahrheit oder Lüge?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122572