Der Satellitensender Al-Jazeera


Seminararbeit, 2005
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsangabe

I. Einleitung

II. Die Geschichte Al – Jazeera´s

III. Die Struktur des Senders

IV. Funktion von Medien nach Kai Hafez
1. Demokratietheoretische Funktion von Medien
2. Funktion von Medien in der arabischen Welt

V. Al – Jazeera in der internationalen Wahrnehmung
1. Der demokratische Anspruch
2. Das Propagandaforum Al – Jazeera

VI. Die Beziehungen zwischen westlichen und islamischen Medien
1. Problematik und Gründe
2. Konsequenzen
3. Lösungsvorschläge

VII. Fazit

VIII. Bibliographie

I. Einleitung

Seit dem 11. September 2001 hat die Welt sich verändert. Seitdem nimmt man einen anfangs kleinen, unauffälligen Satellitensender zur Kenntnis, mehr noch: dieser Sender hat die Welt, zumindest die Welt der Medien, noch einmal verändert. Es gibt keinen anderen Satellitensender, der je die Menschen auf der ganzen Welt so fasziniert hätte. Aber es hat ja auch kein anderer solche Arbeit geleistet wie der Sender aus Qatar. Überall war nur Lob zu hören, jeder war begeistert von dem kritischen Journalismus, den Al – Jazeera als Vorreiter im Nahen und Mittleren Osten unterstützte. Doch seit einiger Zeit mehren sich die Stimmen, die dem Satellitenkanal die Dinge vorwerfen, die er selbst gerne den westlichen Besatzern des Irak und vormals Afghanistans zur Last legt: Subjektivität; Einseitigkeit; Propaganda; Populismus; terroristische Verbindungen; undemokratisches Verhalten; Verzerrung der arabischen Realität im Westen.

Liegen diese Stimmen richtig? Ist Kritik berechtigt, nötig oder sogar unverzichtbar? Diesen Fragen soll in der vorliegenden Seminararbeit nachgegangen werden. Nach einer kurzen historischen Einführung in das Thema und einer Beschreibung der strukturellen Eigenheiten Al – Jazeera´s wird die Funktion von westlichen und arabischen Medien untersucht, um eine auf Al – Jazeera zutreffende Definition zu finden. Der Beleuchtung des Senders in der internationalen Wahrnehmung soll ein Vergleich westlicher und arabisch – islamischer Medien folgen. Die Arbeit wird abgeschlossen mit der Verortung Al – Jazeera´s im Kontext der zuvor gewonnenen Erkenntnisse.

Für diese Seminararbeit wurden größtenteils die Theorien und Forschungsergebnisse von Professor Dr. Kai Hafez, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Erfurt, herangezogen.

II. Die Geschichte Al – Jazeera´s

Al – Jazeera wurde 1996 durch den Emir von Qatar, Sheik Hamad bin Khallifa Al Thani, per Dekret gegründet. Al Thani hatte ein Jahr zuvor die Macht von seinem Vater übernommen und bemühte sich nun, den Staat Qatar zu modernisieren, was unter anderem an der Veränderung der Medienlandschaft sichtbar wurde. Noch vor der Gründung des staatlich unabhängigen Senders schaffte Al Thani das Informationsministerium Qatars ab, bis dato zuständig für Zensur, Radio und Fernsehstationen und für die Festlegung der Qualitätsstandards der Presse ( El-Nawawy / Iskandar 2002). Für den neuen Sender wurde jegliche Einmischung in die Sendegestaltung seitens des Staates untersagt. Als Startkredit erhielt Al – Jazeera ca. 140 Millionen US – Dollar, die die ersten fünf Jahre finanzieren sollten. Noch im Jahre 2000 allerdings wurden durch Werbung, Verkauf von Programmen und Exklusivbildern lediglich 15 % der Ausgaben wieder eingenommen; für 2001 erwartete Al Thani einen Anstieg auf 40 – 60 %. De facto ist der Sender jedoch auch heute noch abhängig von der Finanzierung durch Al Thani.

Al – Jazeera sollte auch dem Image seines kleinen Heimatstaates auf die Sprünge helfen. Der Emir wollte den Sender zu einer Art „Bollwerk für Demokratie und westliche Werte“ machen und somit sowohl die Bedeutung Qatars gegenüber den mächtigen Nachbarstaaten wie z. B. Saudi – Arabien steigern als auch durch Demokratisierung des Landes den Schutz der USA und Großbritanniens zu erhalten (Thörner 2001).

Die Chancen auf eine starke oder sogar führende Position des neuen Senders standen 1996 mehr als gut. Im selben Jahr scheiterte ein Joint Venture zwischen der BBC und Orbit Communications, einem privaten arabischen Konzern mit Verbindungen zum saudischen Königshaus; deren gemeinsames SendeprojektBBC Arabic Newsscheiterte an unüberwindbaren Differenzen zwischen den beiden Konzernen. Das war die Chance für Al – Jazeera: der Sender übernahm fast alle der zuvor beiBBC Arabic Newsbeschäftigten Journalisten, so das er von vorne herein über gut ausgebildete Mitarbeiter verfügte, die zudem über die nötigen Sprachkenntnisse verfügten und sich in der Region auskannten. Die nach BBC – Leitlinien ausgebildeten Journalisten brachten dazu noch ihren „editorial spirit, freedom and style“( El-Nawawy 2003) mit, was sicherlich mit zu dem großen Erfolg von Al – Jazeera führte.

Die ersten Schritte hin zu internationaler Bekanntheit machte Al – Jazeera 1998 mit der Live Berichterstattung aus Bagdad über die Operation „Desert Fox“ der Alliierten. Zu erhöhter Beachtung seitens der ausländischen Medienlandschaft kam es jedoch erst zwei Jahre später, als der Sender über die zweite Intifada der Palästinenser seit September 2000 berichtete. Al – Jazeera zeigte ganz klar und deutlich die israelischen Übergriffe auf Palästinenser, was dem Sender besondere Bewunderung anderer arabischer Staaten einbrachte. Auf der anderen Seite war Al – Jazeera der erste arabische Sender, der Gespräche und Interviews mit israelischen Politikern und Offiziellen führte, was dem Sender den Vorwurf einbrachte, ein Agent für die CIA und den israelischen Geheimdienst Mossad zu sein (El-Nawawy 2003). Trotz aller nachfolgender Ereignisse der letzten Jahre hat das Thema Israel – Palästina für die Verantwortlichen von Al – Jazeera nie an Bedeutung verloren und fand sich stets unter den „hot spots“ der Nachrichten (Meiering 2003).

Seit September 2001 gibt es wohl niemanden mehr, der Al – Jazeera nicht kennt oder nicht von dem Sender gehört hat. Seit dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York berichtete Al – Jazeera von vorderster Front über den „Kampf gegen den Terror.“

Seine Berichterstattung aus Afghanistan konnte von keiner anderen Fernsehstation übertroffen werden, da nur Al – Jazeera ein Büro in Kabul betrieb und als einziger Sender Korrespondenten vor Ort wusste. Alle anderen Sender waren auf die Bilder und Reportagen Al – Jazeera´s angewiesen, da sie erst später die Möglichkeit hatten, selbst aus Afghanistan zu berichten. Diese exklusive Position des arabischen Senders wurde gekrönt durch die Ausstrahlung eines Videobandes von Osama bin Laden, dem Führer Al – Qaida´s, das für weltweite Aufregung sorgte. Im Laufe der nächsten Zeit sendete Al – Jazeera mehrere solcher Videos, die dem Sender jedes Mal zugespielt wurden.

Als die USA und ihre „Koalition der Willigen“ im Frühjahr 2003 den Irakkrieg begannen, war es der Sender aus Qatar, der vor Ort berichtete und das Leid und das Elend der irakischen Zivilbevölkerung zeigte und durch die Ausstrahlung von Bildern toter und gefangener Soldaten der Alliierten weltweit die Gemüter erhitzte. Seither ist Al – Jazeera der führende Satellitensender in der arabischen Welt.

III. Die Struktur des Senders

Seit 1996 ist aus dem kleinen, arabischen Fernsehsender der erfolgreichste Satellitenkanal des gesamten Nahen und Mittleren Ostens geworden. Al – Jazeera ist die Haupt – Nachrichtenquelle für Millionen von Menschen, hat weltweit ca. 750 Beschäftigte und betreibt Büros in 31 Ländern. Zwar verfügen nahezu 100 % der arabischen Bevölkerung über Fernsehgeräte, die Ausrüstung für Satellitenempfang ist jedoch recht ungleichmäßig verteilt.

Al – Jazeera ist daher „nur“ in 35 Millionen Haushalten per Satellit empfangbar; hier geht der Deutschland - Korrespondent Al - Jazeera´s, Aktham Suliman, allerdings von ca. 140 Millionen Zuschauern aus, denn „…in arabischen Familien gibt es doch nicht nur einen Zuschauer pro Satellitenanschluss.“(Newlin, Christiane B., Das Parlament Jg. 53, S. 15). Seit September 2001 ist die Zuschauerzahl auf 70 % der arabischen Bevölkerung mit Satellitenempfang gestiegen; die Abonnentenzahl ist, ebenfalls seit 2001, um 300% angewachsen. Leider nicht verfügbar sind Daten zur genauen Zuschauerverteilung auf die Länder des Nahen Ostens, so das zu belegen gewesen wäre, ob es Unterschiede bei den Zuschauern Al – Jazeera´s zwischen eher westlich orientierten und eher islamistischen Ländern gibt; man kann allerdings sagen, das Al – Jazeera in Jordanien ca. ein Viertel aller Haushalte erreicht (Stand 2001), im Libanon ca. 16 % (2001), in Oman über ein Drittel (1999) und in Saudi – Arabien ca. 37 % (Stand unbekannt; Meiering 2003).

Während sich das Programm 1996 noch auf nur sechs Stunden täglich belief, sendet Al – Jazeera mittlerweile im arabischen Raum 24 Stunden nonstop.

Das Motto Al – Jazeera´s lautet: „The opinion and the other opinion“. Daran kann auch die Vielfalt der vorhandenen Sendungen gemessen werden. Al – Jazeera legt Wert auf verschiedene Formate und setzt unter anderem auf ein im arabischen Raum ganz neues Format: die Talkshow. Die von Al – Jazeera ausgestrahlten Talkshows haben Titel wie „The Opposite Direction“ oder „More Than One Opinion“. Die Moderatoren dieser Shows versuchen, ihre Gäste gezielt zu provozieren und anzustacheln; das Hauptanliegen ist, beide beziehungsweise alle Meinungen der Gäste darzustellen. Außerdem werden zuvor nicht besprochene Fragen gestellt, um so die Talkgäste zu spontanen Äußerungen zu bringen. Erstmalig sind auch Beteiligungsmöglichkeiten für Zuschauer: sie können durch live ins Studio geschaltete Anrufe und Fragen Einfluss auf das Geschehen während eines Interviews nehmen; so hat jeder die Chance, sich aktiv einzumischen und seine Meinung öffentlich zu äußern, eine Selbstverständlichkeit in westlichen Augen, aber in einer Region, in der Politik bis dato hinter verschlossenen Türen und unter Ausschluss der Zivilbevölkerung stattfand, eine absolute Sensation. Die Moderatoren der Shows sind trotz allen Anheizens der Stimmung und der Gemüter bemüht, dem Zuschauer die Gesamtheit der Sichtweisen aufzuzeigen. Al Kasim, Moderator der Talkshow „More Than One Opinion“, erklärt dazu: „ My show is providing a forum for people to present this argument, as well as for the opposite to defend against it. And for the first time in many years, Arab citizens have the opportunity to judge for themselves.”(El-Nawawy / Iskandar 2002).

Neben den zahlreichen Fernsehsendungen, Reportagen und Nachrichten per Satellit gibt es auch noch die Internetseite von Al – Jazeera. Sie ist in arabisch und englisch verfügbar, während die Fernsehprogramme ausschließlich in arabischer Sprache zu sehen sind. Auf der englischsprachigen Seite Aljazeera.net werden vier Quellen für Online – Information zur Verfügung gestellt: News, Knowledge, Channel, Business; außerdem gibt es regelmäßig Berichte und Nachrichten aus dem kulturellen Sektor. Die Journalisten von Al – Jazeera folgen bei der redaktionellen Arbeit den Leitmotiven „objectivity, accuracy and a passion for truth“ (vgl. englishaljazeera.net). Ansonsten bietet die Homepage keine Besonderheiten: etwas über die Geschichte Al – Jazeera´s, Wetterdaten und natürlich Werbung für verschiedene Veranstaltungen etc.

IV. Funktion von Medien nach Kai Hafez

Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über die Funktion von Medien in demokratischen Gesellschaften und eine Anwendung derselben auf arabische Medien gegeben werden.

1.Demokratietheoretische Funktion der Medien

Medien in entwickelten westlichen Demokratien werden als objektive Informanten definiert. Praktisch ist es dem Fernsehen allerdings erst dann möglich, die öffentliche Agenda ausgewogen zu gestalten, wenn der dafür notwendige demokratische Handlungsrahmen vorhanden ist. Damit ist die Legitimität der Regierung gemeint, die Abwählbarkeit derselben, die Existenz von politischen Parteien und die dadurch erfolgende Nutzung der Medien als öffentliches Meinungsbildungsinstrument. Hierbei ist der wichtigste Faktor die Objektivität, die mindestens als „normative Orientierung“ (Hafez 2004, S. 17) vorhanden sein muss, um die Berichterstattung der Medien zu legitimieren. Zwar ist prinzipiell jedes Medium existenzberechtigt, solange es geltendes Recht befolgt, doch haben extrem subjektive Medien für die öffentliche Meinungsbildung so gut wie keine Bedeutung. Die Meinung des entsprechenden Mediums selbst soll im Idealfall möglichst keine Rolle spielen, ist also eine Nebenfunktion.

Die politische Transformationsforschung hat sich bislang nur sehr wenig mit dem Fernsehen beschäftigt, weswegen die oben erläuterte Funktion auch nicht mit erreichten Forschungsergebnissen übereinstimmt. Die wichtigen Medien in der Erforschung von Systemwechseln autoritärer Regimes sind so genannte „Kleine Medien“ wie Internet, Presse und sogar Boulevardpresse; allerdings bedienen diese Medien meistens nur kleinere Eliten und nicht die große Masse.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Satellitensender Al-Jazeera
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V122626
ISBN (eBook)
9783640276707
ISBN (Buch)
9783640277605
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Satellitensender, Al-Jazeera
Arbeit zitieren
Magdalena Wolf (Autor), 2005, Der Satellitensender Al-Jazeera, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122626

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