Fans unterwegs zu ihren Vorbildern. Eine Spurensuche im Internet

Auf der Suche nach sich selbst. Über Stars, Internet, Fans und die Fansite und ihre Bedeutung im Star–Fan–Verhältnis


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Vorwort: Stars und Fans wie Henne und Ei

B. „Hauptteil“
I. Bedeutung der Fans / Fan-Forschung / Fan-Modelle
1.1. Der pathologische Fan
1.2. Der aktive Fan – Cultural studies
^[s]+|[s]+$II. Gegenstand und Medium – Stars und Internet – Funktionen und Zusammenhänge
2.1. Der Star
2.2. Das Medium
2.2.1. Internet allgemein
^[s]+|[s]+$ 2.2.2. Internet und Fans
^[s]+|[s]+$ 2.2.2.1. Entstehen
^[s]+|[s]+$ 2.2.2.2. Bestehen
^[s]+|[s]+$III. Vereinigung: Die Fansite in Theorie und Analyse
^[s]+|[s]+$ 3.1. Theorie
3.1.1. Motive und Seitenaufbau nach Cech/Beatty
3.1.2. Bedeutungskonstruktion nach Mutzl
^[s]+|[s]+$ 3.1.3. Zusammenfassung
3.2. Analyse
^[s]+|[s]+$ 3.2.1. Offizielle Website http://www.pro-ben.de
3.2.1.1. Aufbau und Design
^[s]+|[s]+$ 3.2.1.2. Bedeutung
3.2.2. Echte Fansite http://engel-ben.webpark.sl
3.2.2.1. Aufbau und Design
^[s]+|[s]+$ 3.2.2.2. Bedeutung
^[s]+|[s]+$IV.Fazit

C. Nachwort

Literaturverzeichnis

Webseitenverzeichnis

Anlage

A. Vorwort

Was war zuerst da: Die Henne oder das Ei? – Unzählige Theorien lassen sich über diese Frage spinnen, die Problematik ist klar: Zwei Dinge, die voneinander abhängen, ohne Henne kein Ei, ohne Ei keine Henne.

Eine ähnliche Situation lässt sich auch in einem völlig anderen Bereich finden: dem Startum. Wer war hier zuerst: der Star oder der Fan? Schnell lässt sich erkennen, dass auch diese beiden Größen aufeinander bauen. Nach einem ganzen Seminar, in dessen Zentrum die Individualität des Stars stand, ist es deshalb an der Zeit, sich intensiver der Gegenseite zu widmen, der Basis des Startums: dem Fan. Denn wo kein Fan, da kein Star. Beide bedingen sich gegenseitig, wie schon der französische Wissenschaftler Edgar Morin sehr treffend erkannte: „The stars live on our substance – and we on theirs.“1

Als dritte entscheidende Größe soll in dieser Arbeit nun ein Medium zum Star – Fan – Verhältnis hinzutreten: das Internet. Als „Vermittler“2 kommt ihm eine besondere Rolle zu, die vor allem im Bezug auf die Produktivität des aktiven Fans behandelt werden kann. Deshalb wird diese Arbeit den Star und seine Individualität nur im weiteren Sinne betrachten, der Fokus liegt auf den bislang eher zu kurz gekommenen Fans. Im Zentrum stehen dabei ihre Aktivitäten im Internet, die Funktionen des Mediums allgemein und die Synthese aus Star- und Internetfunktionen in der Fansite. Anhand von Theorien und Analysen ausgewählter Fanpages werden spezifische Funktionen für die Fans herausgearbeitet.

B. Über Fans, Stars, Internet und die Fansite und ihre Bedeutung im Star – Fan – Verhältnis

I. Der Fan – Modelle, Forschung, Bedeutung

Im ersten Kapitel soll zunächst soll ein einführender Überblick über den Stand der derzeitigen Fanforschung gegeben werden, die geläufigsten Modelle und Ansätze werden hier vorgestellt. Es herrscht kein Anspruch auf Vollständigkeit, und nur auf allgemeine Ansätze zum Fantum wird eingegangen.

In der Wissenschaft lassen sich Betrachtungen zum Fan in zwei Richtungen unterscheiden: Entweder als passiver, krankhafter Konsument, der Fantum zur Kompensation von eigenen Schwächen benutzt, oder als aktives Mitglied einer Gemeinschaft, die selbst produktiv ist. Letzteres stammt vor allem aus der Schule der Cultural Studies.

1.1. Der pathologische Fan

Gerade im „allgemeinen Wissen“, aber auch in der Literatur findet sich das Konzept vom passiven Fan. Hier wird die „Henne-Ei-Frage“ ganz klar damit beantwortet, dass der Star zuerst existiert und der Fan ein Produkt des Star-Systems darstellt. Definiert nach dem Wortursprung zeichnet der Fran sich durch „ausschweifendes, übertriebenes, ans verrückte grenzendes Verhalten“ aus und wird deswegen als pathologisch betrachtet. 3

Die Wissenschaftlerin Joli Jenson hat den Diskurs über den pathologischen Fan in Ihrem Aufsatz Fandom as Pathology: The Consequences oft Characterization 4 untersucht und stellt fest, dass sich zusammenfassend zwei Arten von passiven Fans unterscheiden lassen.

Zum einen gibt es das so genannte „frenzied crowd member“ als Teil einer Menge, in der ohnehin etwas psychisch labilere Charaktere durch den Einfluss von Medien, Starindustrie, der Gesellschaft oder Gruppenzwang manipuliert werden. Sie werden zu unzurechnungsfähigen Massen, bei denen sich in der Rezeptionshaltung als Gruppe der Verstand auszuschalten scheint und die somit ganz in das Bild des „Opfers“ der Starindustrie passen. Beispiele für solches Fanverhalten zeigen in Extremform Groupies oder Hooligans.

Die zweite Gruppe von pathologischen Fans sind nach Jenson die so genannten „obsessed loners“. Der besessene Einsame versucht mit seinem Fantum reale Mängel zu kompensieren; er flüchtet in eine Traumwelt und ersetzt tatsächliche Beziehungen durch parasoziale, sucht nach Anerkennung und Teilhaben am Ruhm der Stars, weil er im echten Leben hier ein Defizit besitzt. Oft kommt es deshalb zur sozialen Isolation, die das Dilemma weiter verstärkt. Fansein gilt nach diesem Konzept als ein chronischer Versuch, das Fehlen von Selbstständigkeit und Gemeinschaft im realen Leben zu ersetzen. Es ist Ausdruck einer schwachen Identität und zeugt von fehlendem Selbstwertgefühl. Typisch ist dieses Verhalten deshalb in der Pubertät, da gerade junge Mädchen dort auf der Suche nach ihrer Identität und einer Positionierung im Leben sind. Stars liefern hier unterschiedliche Angebote an Werten, die sich die Fans zueigen machen können. Doch das pathologische Konzept sieht diesen Sachverhalt negativ, der Extremfall des besessenen Einsamen wäre beispielsweise ein Stalker.

Als Gründe für die Sicht auf den Fan als pathologisches Starprodukt sieht Jenson eine implizite Kritik am modernen Leben: Fantum wird als psychologisches Symptom einer sozialen Fehlfunktion betrachtet, es gibt eine nicht eingestandene Kritik an Moderne und Gesellschaft: Der „obsessed loner“ als entfremdetes Individuum in einer anonymen Masse, wo keiner sich um den anderen kümmert und das „frenzied crowd member“ als verletzliches Opfer der Massenverführung repräsentieren zwei zentrale Probleme der heutigen Gesellschaft. Des Weiteren trifft Jenson die Unterscheidung von „us“ und „them“: Fantum wird so zum „gefährlichen Anderen“, es findet eine Abgrenzung statt, die in vielen Fällen als Selbstschutz und Selbstberuhigung dient. Abschreckende Extreme werden zu herausragenden Beispielen erhoben und somit sind alle Fans als zumindest potenziell pathologisch zu verachten.

1.2. Der aktive Fan – Cultural Studies

Einen komplett entgegen gesetzten und viel positiveren Ansatz von Fantum vertreten unter anderem die Cultural Studies. Diese Wissenschaft versucht die grundlegende Frage zu beantworten: Was geht vor sich? 5 Kommunikationswissenschaftlerin Johanna Mutzl zitiert Grossbergs Definition, Cultural Studies, versuchten „zu erfassen, wie das Alltagsleben von Menschen durch und mittels der Kultur artikuliert wird“6. Nach Hepp sind drei Schlagwörter für die Cultural Studies bezeichnend: Kultur, Medien und Macht.7 Dabei wird als Kultur nicht nur Hochkultur, sondern auch Texte und Praktiken des täglichen Lebens, i.e. Populärkultur und somit auch Fankultur verstanden. 8 Mutzl schreibt: „Fans populärkultureller Produktionen werden im Rahmen der Cultural Studies mit ihren Anliegen ernst genommen und ihre Fankultur bzw. die Produktion neuer kultureller Formen als Ausdruck der Auseinandersetzung mit Kultur betrachtet.“9 Hepp sieht darüber hinaus Kultur als einen „konfliktäre[n] Prozess: ein von Macht geprägter, fragmentierter Zusammenhang.“10 Mit Ien Ang geht es den Cultural Studies demnach um „die widersprüchlichen und sich kontinuierlich vollziehenden sozialen Prozesse von kultureller Produktion, Zirkulation und Konsum.“11 Auf die Cultural Studies könnte weit näher eingegangen werden, es so aber hierbei bleiben und verwiesen werden auf fünf Schlagwörter, mit denen Hepp – in Anlehnung an Grossberg

– das Grundverständnis der Cultural Studies aufzeigen will: „erstens der radikalen Kontextualität, zweitens dem Theorieverständnis der Cultural Studies, drittens ihrem interventionistischen Charakter, viertens ihrer Interdisziplinarität und schließlich fünftens ihrer Selbstreflexion.“12

Nicht zuletzt wegen der Zentrierung auf „unterschiedliche Prozesse der Bedeutungskonstruktion“13 kommt dem Fan bei dieser Betrachtungsweise eine besonders aktive und produktive Rolle zu, die Ebenbürtigkeit zum Star wird hergestellt. Als Voraussetzung gilt eine Polysemie des Starimages 14 angenommen, die Bedeutungen entstehen erst in der Rezeption des Fans. Mutzl schreibt: „weder Inhalte noch Gemeinschaften [haben] von sich aus eine Bedeutung, sondern ihnen [wird] erst durch die Fans Bedeutung verliehen“. 15 Wissenschaftler wie Henry Jenkins verwenden deshalb den Begriff des „textual poachers“16, der durch Selektion und Konstruktion seinen eigenen Star produziert. Jenkins hebt auch die Bedeutung der

Fangemeinschaften hervor. Dieser Aspekt wird gerade in neuerer Forschungsliteratur immer zentraler und wird später bei der Analyse der Fansites noch auftauchen. Demnach handelt es sich um eine alternative soziale Vergemeinschaftung, die im Gegensatz zu pathologischen Ansätzen aber nicht negativ konnotiert ist, sondern im Gegenteil identitätsstiftend und im Idealfall produktiv.

Im Folgenden wird vor allem das Konzept des aktiven und produktiven Fans weiter verwendet. Bei der Analyse der Fansites kann man auf beide Ansätze stoßen, die Frage der Blickrichtung ist hier entscheidend. Weil der Schwerpunkt dieser Arbeit aber auf der Suche nach Fanproduktivität im Internet liegt, wird in erster Linie mit Theorien der Cultural Studies weitergearbeitet. 17

II. Gegenstand und Medium: Stars und Internet. Funktionen und Zusammenhänge

Wie nun dargelegt handelt es sich bei Fans um sowohl konsumierende wie auch produzierende Wesen. Für beide Tätigkeiten sind einerseits der Star als Gegenstand, andererseits (mindestens) ein Medium vonnöten. Das folgende Kapitel wird sich dementsprechend mit dem Gegenstand der Fanbegierde und vor allem einem Medium, nämlich dem Internet, beschäftigen. Die Gründe für die Konzentration auf das Internet in Abgrenzung zu TV, Printmedien oder Radio werden sich in den anschließenden Kapiteln erklären. Bei der Beschäftigung mit dem Star kann selbstverständlich keine allumfassende Analyse geführt werden, vielmehr geht es um konkrete Eigenschaften und Funktionen hinsichtlich des Fans.

2.1. Der Star

Wie ein Star entsteht, was es braucht, um ein Star zu werden und welche Eigenschaften einen Star ausmachen, soll an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden. Für diese Arbeit zentral ist vielmehr die Eigenschaft des Stars, als solcher vom Fan betrachtet zu werden. Dafür können unterschiedliche Ursachen bestehen und ebenso verschiedene Folgen auftreten.

Zunächst einmal ist der Star ein (wie bereits oben erwähntes) Konstrukt mit einem polysemen Deutungsangebot. Als „gemachtes Produkt der Starindustrie“ soll er den Fans gefallen, um durch deren Konsum wirtschaftlich rentabel zu bleiben und überleben zu können. Zentral beim Star-Fan-Verhältnis ist immer eine dialektische Spannung zwischen Distanz und Vertrautheit. Hier zeigt sich die große Rolle der Medien im Starsystem: Ohne sie wäre eben diese Spannung schwer beizubehalten. Gründe, weshalb Fans Fans sind, bestehen in der sozialen Attraktivität des Stars als unerreichbares Ideal auf der einen Seite und einer Similarität, die zur Identifikation aufruft, auf der anderen Seite. Stars geben Platz als Projektionsfläche für eigene Träume und Wünsche und liefern ein Werteangebot, aus dem der Fan seine personale Identität, im Sinne von Individualität , zusammensetzen kann. Weil eine personale Identität aus mehreren sozialen Identitäten zusammengesetzt wird, kann der Einzelne auch Fan mehrerer Stars sein; sie dienen in diesem Fall als Art der Symbolisierung gewisser Werte, als fixierte Ästhetik. Der Fan kann den Star somit (wenn auch unbewusst) zur eigenen Identitätskonstruktion benutzen, was – ganz im Sinne der Cultural Studies – als aktiver und produktiver Vorgang betrachtet werden darf.

Darüber hinaus bzw. im Verbindung damit kommt dem Star häufig eine weitere Funktion zu: Er sorgt dafür, dass um ihn und seine Werte herum eine Fangemeinschaft entsteht, die in vielen Fällen den Star nur mehr als Auslöser, nicht mehr als alleinigen Inhalt betrachtet. Hier treffen Gleichgesinnte aufeinander und der gegenseitige Austausch erweist sich zumeist als ebenfalls sehr aktiv und produktiv: sei es in Freundschaften, Projekten oder diversen Fanaktivitäten.

2.2. Das Medium

2.2.1. Das Internet allgemein

Die Entstehung des Internets begann 1969 mit dem ARPANet in Kalifornien. Seit 1993/94 wird das Internet in vielen technisch hoch entwickelten Regionen der Welt genutzt. 18 Analog zu den Fans wird auch das Internet manchmal mit alten stereotypen Vorstellungen belegt: Online-Communities beispielsweise seien negativ zu bewerten, weil sie lediglich als Ersatz für das wirkliche Leben dienten und die Menschen Gefahr liefen, ihre sozialen Kontakte zu verlieren und vor den Computern zu vereinsamen. 19 Doch wie bei den Fans gibt es zwar sicherlich solche Beispiele, diese sind aber lange nicht die Regel. Kulturwissenschaftlerin Bahl formuliert:

„Durch seine internationale Verfügbarkeit hat das Internet zeitlich und räumlich entgrenzende Wirkung. In seinen globalen Räumen verbringen weltweit verstreute NutzerInnnen trotz räumlicher Distanz und lokaler Verankerung in unterschiedlichen Zeitzonen über den Computer Zeit miteinander. Zeit und Raum scheinen jeglicher Bedeutung enthoben zu sein.“ 20

Ebenfalls parallel zur Fankultur sprechen Wissenschaftler auch von einer so genannten

„Netzkultur“, ausgehend davon, dass „in verschiedenen Computernetzen jeweils spezifische Teilnehmer-Populationen in charakteristischer Weise soziale Kommunikationsnetze bilden, spezifisches Wissen teilen, eigene Regeln, Gesetze, Gewohnheiten, Rituale, Mythen und künstlerische Ausdrucksformen etablieren.“21 Diese Feststellung führt direkt zum Zusammenhang Internet und Fans, wenn man Fans als eine der „spezifische[n] Teilnehmer-Population[en]“ betrachtet (vgl. 2.2.2).

Das vergleichsweise neue Medium ist noch immer am Wachsen und hat gegenüber den

„alten“ im Wesentlichen einen Unterschied: Es ist (die technischen Bedingungen vorausgesetzt) jedem zugänglich. Dies gilt nicht nur zur passiven Informationsaufnahme, sondern auch in umgekehrter Weise kann jeder im Internet Daten veröffentlichen. So kommt es dazu, dass das Internet zunehmend auch von Privatpersonen zur Selbstdarstellung oder Produktionsfläche genutzt wird. Veröffentlichungen, die in anderen Medien aus (meist) wirtschaftlichem Interesse heraus nicht denkbar wären, können im Internet ohne hohen finanziellen Aufwand der ganzen Welt zugänglich gemacht werden. Mutzl schreibt: „Kein anderes Medium stellt in ähnlicher Weise so vielen Menschen so viel Platz zur Verfügung, ihre eigene Meinung zu äußern, wie das Internet.“22

Hinzu kommt, dass auch das Internet gewisse Werte repräsentiert und Nutzer sich demzufolge mit diesen Werten identifizieren: Es gilt als schnell, neu, am Puls der Zeit, flexibel, ungebunden, offen und kommunikativ. Raum- und Zeitdimensionen können überwunden werden und aufgrund der mehrdirektionalen Nutzungsmöglichkeit, eignet es sich hervorragend als neues Kommunikationsmedium.

Die Hauptnutzung des Internets besteht in der Informationssuche, auch hier ist es anderen Medien aufgrund der jederzeit möglichen, zielgerichteten, umfangreichen und dem individuellen Wunsch entsprechenden Suchfunktionen überlegen.

2.2.2. Internet und Fans

Schon Jenkins erkannte die Eignung des Internets für Fankulturen: Es stellt für ihn eine ideale Grundlage des Austauschs und der Schaffung einer Fankultur dar. Mitglieder von Communities können auf den Ideen und Fantasien der anderen aufbauen, sie in ihre Texte 23 integrieren und so einen gemeinsamen Raum konstruieren. Das Internet biete somit ein „enormes Potenzial für die Schaffung einer vielfältigen und demokratischen Populärkultur, die eine Fülle von Möglichkeiten einer Teilnahme bietet.“24 Dabei liegt die Bedeutung des Internets im Zusammenhang mit Fantum in unterschiedlichen Bereichen.

2.2.2.1. Entstehen von Fans

Die Funktionen der Medien werden in nahezu allen Bereichen des Lebens immer bedeutender. Auch und gerade bei Fantum spielen sie eine große Rolle. Dies gilt auch schon bei der Entstehung von Fans. Nach einer Studie der Wissenschaftler Mike Steffen Schäfer und Jochen Roose gaben 40 Prozent aller befragten Fans an, ihr Objekt der Begierde über die Medien kennen gelernt zu haben. Dabei kann unterschieden werden zwischen medieninhärenten Fanobjekten und medienexternen Fanobjekten. Für erstere sind vor allem Film und Fernsehen geeignet, die Personen und Formate kreieren, die zu Stars gemacht werden. Printmedien und Internet hingegen eignen sich weniger für diese Art, hier findet in erster Linie eine Vermittlung von Stars aus anderen Medien, vor allem zum Beispiel Musik, statt. 25

2.2.2.2. Bestehen von Fans

Ein zweiter wichtiger Faktor kommt den Medien anschließend bei der Aufrechterhaltung des Fantums zu. Schäfer und Roose entwickeln die sehr passenden drei Funktionen von emotionalem Erleben des Stars oder integrativ-affektiver Funktion (nach Katz et el), der Nutzung als Informationsquelle oder kognitiver Funktion und als drittens Vernetzungshilfe zur sozialen Organisation oder interaktiver Funktion.

Ersteres, Medien zum Erlebnis des Fanobjekts, geschieht durch die gesamte Bandbreite der Medien, von Print über auditative, audiovisuelle bis hin zum plurimedialen Internet. So können räumliche, zeitliche, aber auch „gesellschaftliche“ Distanzen überwunden und eine Aufrechterhaltung der emotionalen Beziehung des Fans zum Star garantiert werden.

Auch als Informationsquelle kommen alle Medienformen zum Einsatz, das Internet besitzt allerdings einen zentralen und immer bedeutender werdenden Status. Informationen können hier jederzeit zielgerichtet und umfangreich ganz nach dem individuellen Suchwunsch abgerufen werden. Somit wird das Internet immer mehr zum Hauptinformationsmedium gerade für Fans. 26

Das mit Abstand wichtigste Medium ist das Internet aber vor allem in der dritten Funktion der Mediennutzung von Fans: Es sorgt für die Verbindung Gleichgesinnter und trägt dazu bei, dass große Fan-Communities entstehen. Dabei ist es den eindirektionalen Medien gegenüber klar im Vorteil: Vergemeinschaftung und Austausch können unabhängig von Ort und Zeit stattfinden und jeder kann ungeachtet seiner Position seine Meinung äußern. Es gibt kein „Oberhaupt“ wie bei den anderen Medien, das Internet ist für jeden zugänglich und jeder kann es nutzen, um selbst aktiv und produktiv zu werden. Genau hier entstehen die Fansites, kleine Kunstwerke, die wirtschaftlich unrentabel in anderen Medien kaum bestehen dürften. So verdrängen Internet-Communities auch zunehmend herkömmliche Fanclubs, zumindest nutzen auch diese mittlerweile das Medium zur Ausweitung. Eine face-to-face– Kommunikation ist zum Zweck des Austauschs über den gemeinsamen Star, zum Vergleich von Fankunst oder Debatten über Lieblingslieder überflüssig.

Den Medien und insbesondere dem Internet kommt eine Art „Dienstleisterfunktion“27 zu – so bedeutet es eine große Vereinfachung und damit auch Erweiterung der Fanlandschaften.

III. Vereinigung: Die Fansite

Im Folgenden werden nun die Nutzer, die Fans, und ihr Medium, das Internet, zusammengebracht und die Ergebnisse, Fansites, näher betrachtet. Zunächst sollen dabei verschiedene Ansätze vorgestellt und zu einem eigenen Modell von Fansitefunktionen vereint werden. Im zweiten Teil werden diese dann anhand einer Analyse ausgewählter Websites angewandt und überprüft.

3.1. Theorie

In der neueren Forschung gibt es diverse Untersuchungen von Fanproduktionen im Internet und ihren Funktionen für das Fan- und Starsystem. Im Folgenden werden zwei ausgewählte Ansätze vorgestellt und anhand derer Ergebnisse ein zusammenfassendes Modell entwickelt und erklärt, das anschließend auf seine Anwendbarkeit überprüft wird.

3.1.1. Zusammenhang zwischen Motiven und Seitenaufbau nach Cech/Beatty

In ihrer Studie „Fan Websites: Motives, Identification and Site Content“ untersuchten Maureen Cech und John Beatty im Jahr 2005 Musiker- und Schauspielerfansites und werteten Fragebögen aus, die sie den Webmastern der Seiten geschickt hatten. 28 Für diese Untersuchung ist vor allem ihre Befragung nach den Gründen der Fans, eine Website aufzubauen und am Leben zu halten, interessant. Zusammenfassend lassen sie sich in drei Bereiche aufteilen:

1. Ausdruck der Bewunderung für Star – „celebrity content“
2. Kommunikation mit anderen Fans – „fan content“
3. Ausdruck von Kreativität / Individualität – „creativity content“29

Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass ein Fan mehrere Gründe gleichzeitig hegt. Als zentral heben Cech und Beatty bei ihrer Studie aber den Zusammenhang zwischen diesen Motiven und dem Site Content, dem Aufbau der Seite, hervor:

„Celebrity content was identified by the overall amount of information and space devoted to the actor or musician, such as biography, filmography/discography, photo galleries, and audio/video.

Fan content was represented by the amount of interconnectivity found in items that measure the opportunity for connection to other fans, whether those connections are for the Webmaster (such as email, ICQ or AIM, guestbook, etc.) or for the viewer (such as message boards, chats, newsletters, etc.).

Creativity is the expressiveness of the site, meaning original work, such as fanfic or original images, as well as the overall sophistication and innovation of the Website in terms of the employment of basic aesthetic design principles and Web languages and tools, such as Macromedia Flash, CSS, and scripts” 30

Die Gründe für Webmaster, eine Fansite zu erstellen, spiegeln sich also deutlich im Aufbau: je nachdem, wo der Urheber seinen Schwerpunkt liegt, dementsprechend stimmt meist der Schwerpunkt in den Möglichkeiten der Website überein: Eine Seite, die Ausdruck der Bewunderung ist, hat übermäßig viele Informationen über den Star, eine Seite die zur Kommunikation mit anderen Fans dient, bietet viele Austauschmöglichkeiten und Platz für die Meinung der Besucher und eine Website, der es vor allem um das Ausleben von Kreativität geht und deren Webmaster sich auch selbst darstellen will, präsentiert sich in den meisten Fällen mit ausgefeilten Programmierungen, exklusiven Besonderheiten und eigenen Produktionen der Fans.

Cech/Beatty kommen bei ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass Fans nicht pathologisch, sondern intelligent, produktiv und kommunikativ sind und „creators, not simply absorbers of media.“31 Ihre Fansites können deshalb als wertvolle „portals of information, communication and expression“32 betrachtet werden. 33

3.1.2. Bedeutungskonstruktion nach Mutzl

Eine nicht nur auf die Erzeuger, sondern auch die Nutzer von Fansites bezogene Arbeit schreibt Johann Mutzl. In ihrer Dissertation über Fansites von Fans der Fernsehserie „Charmed“ entwickelt sie ausgehend von einer Analyse mehrerer hundert Websites ein Modell, welches das Fanerleben verdeutlicht und Formen möglicher Bedeutungskonstruktion aufdeckt 34 (vgl. Abb. 2). Es stellt in drei Ebenen die mögliche Teilnahme der Fans an den Onlinesozialwelten dar, wobei eine höhere Stufe eine tiefere nicht ausschließt, sondern auf der vorangehenden aufbaut.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Bedeutungskonstruktion nach Mutzl 35

Fansein im Internet findet demnach auf drei Ebenen statt: Mutzl verwendet die Begriffe

„Fanspace“, „Fanplace“ und „Fanstage“. 36 Grundsätzlich stellen „alle Fanwebsites einen „Fanspace“ [dar], auf einer möglichen zweiten oder dritten Ebene [können sie] allerdings auch einen „Fanplace“ oder „Fanstage“ zur Verfügung stellen.“37 Im Folgenden sollen die Bestandteile und Bedeutungen der einzelnen Ebenen genauer betrachtet werden.

Die erste Ebene, der „Fanspace“ gilt als „der weite Raum im Allgemeinen“. 38 Auf dieser Ebene sind Fans Besucher, die nicht aktiv in Erscheinung treten oder Kontakt mit anderen aufnehmen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Konsum der vorgefundenen Inhalte, daher ordnet Mutzl dieser Ebene auch die Tätigkeit „read“ zu. Die Hauptaufgabe des „Fanspace“ besteht darin, dem Besucher Informationen zu liefern, die der Fan sich lesend aneignen kann. Deshalb sind vor allem Elemente wie „Contact“ (im Sinne von Newslettern, Mailing lists etc., also eindirektionale Quellen), „Background“ (zum Beispiel Interviews, News, Lebensläufen etc.) und „Story“ (bezogen auf die Serie „Charmed“, kann aber auch bei Musiker- oder Schauspielerhomepages gefunden werden, im Sinne aktuellen Filmen / CDs, Discografien ua.) dieser Ebene zuzuschreiben, alles, bei dem der Besucher Informationen konsumieren kann.

Einen Schritt weiter geht die zweite Ebene, der „Fanplace“, die Orte bereitstellt, an denen die Fans ihre Fansozialwelt aufbauen können. „places“ sind nach Mutzl „Schnittpunkte sozialer Beziehungsgeflechte“, d.h. hier können die Anhänger des Stars in direkten Kontakt zueinander treten, „sich austauschen und virtuell treffen“. Charakteristische „Fanplace“-Elemente sind die Erweiterungen „Communication“ (Chat, Forum), „Specials“ (weitere, ausgewählte Zusatzinformationen, z.B: Exklusivinterviews, Fragebögen des Stars u.a.) und „Extras“ (Spiele, Tests, Galerien, Shops, Umfragen etc.). Hier wird Fans die Möglichkeit zu eigenem, aktiven Handeln gegeben, allerdings geschieht alles noch auf eine sehr unverbindliche, „spielerische und anonyme Weise“. Dementsprechend die Zuordnung des Verbs „play“. Hier wird also nicht mehr nach Informationen gesucht, der Schwerpunkt liegt vielmehr in der Kommunikation mit anderen Gleichgesinnten.

Die letzte Ebene ist die „Fanstage“. Zusätzlich zu den Inhalten der ersten beiden Bereiche finden sich hier Elemente, die zum „leben“ in der Fanwelt einladen und der Fan (s)eine virtuelle Identität aufbauen kann. „Fanfiction/-art“, „Rollenspiele“ und „Rangtitel“ (in Foren: je mehr Beiträge, desto höher der Rangtitel) ordnet Mutzl den Websites aus Ausdruck von „Fanstage“ zu. Gedanken und Emotionen der Fans werden hier eingebracht, es findet eine aktive Positionierung statt und gerade auch durch die „Fanfics“ steht kreative Fanproduktion im Zentrum. Mutzl betont die Bedeutung vom Spiel mit Identitäten, und bezeichnet die „Fanstage“ als einen „wertvollen Ort des Experimentierens, Erlebens und Lernens“. 39

[...]


1) Morin, Edgar, The stars, S.149

2) dieser Begriff trifft nur im weitesten Sinne angewandt zu, im Laufe der Arbeit wird sich herausstellen, dass es letztlich weniger auf Vermittlung zwischen Star und Fan, sondern vielmehr um andere Funktionen geht.

3) Interessant ist hier die Anmerkung des Kulturwissenschaftlers Andreas Hepp, der in seinem Buch Cultural Studies und Medienanalyse [HEP], S. 227, angibt, dass „Fan“ sich vom lateinischen „fanaticus“ ableitet. Das bedeutet wörtlich soviel wie „Tempeldiener“ und weist somit vielmehr auf die religiöse Wurzel von Fantum als auf fanatische Pathologie hin.

4) Jenson, Joli, “Fandom as Pathology: The Consequences of Characterization”, in: Lisa A. Lewis (Hg.), The Adoring Audience. Fan Culture and Popular Audience, S. 9-29.

5) Mutzl, Johanna, Die Macht von Dreien. Medienhexen und moderne Fangemeinschaften. Bedeutungskonstruktion im Internet [MUZ] , S.15, vgl. Lawrence Grossberg

6) ebd.

7) HEP 14

8) MUZ 16

9) MUZ 18

10) HEP 20 (mit Bezug auf Stuart Hall)

11) ebd

12) HEP 16, für nähere Ausführungen zu den einzelnen Begriffen siehe HEP 17-21.

13) MUZ 17 (mit Bezug auf Winter)

14) vgl. Luhmann, Niklas, „Individuum, Individualität, Individualismus“, in: ders., Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, S.149-258.

15) MUZ 19

16) vgl. HEP 228

17) Interessant ist, dass es mittlerweile auch vermittelnden Positionen gibt: Jenkins beispielsweise versucht klarzumachen, dass der Fan nicht als radikaler Anderer gesehen werden darf, sondern versucht werden muss, die komplexen Beziehungen zwischen Fankultur und Konsumentenkultur zu verstehen (vgl. HEP 234). Auch Matts Hills rät, den Fan nicht auf der einen oder der anderen Seite anzusiedeln, sondern ihn vielmehr an der Schnittstelle zu platzieren, an der er unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt ist, die ihn jeweils auf ihre Seite ziehen wollen. Vgl. Hills, Matt, Fan Cultures, London/New York 2002.

18) vgl. Döring, Nicola, Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen. [DÖR]S.1ff

19) MUZ 37

20) Bahl, Anke, Zwischen On- und Offline: Identität und Selbstdarstellung im Internet. S.77

21) vgl. DÖR 178

22) MUZ 162

23) im Sinne von Produktion

24) MUZ 37

25) Schäfer, Mike Steffen und Jochen Rosse, “Begeisterte Nutzer? Jugendliche Fans und ihr Medienumgang“, in: Schorb, Bernd (Hg.): merz – medien + erziehung, zeitschrift für medienpädagogik.

26) ebd.

27) vgl. Medienkonvergenz Monitoring: Interview zum Thema Fans und Medienkonvergenz; URL: http://www.medienkonvergenz-monitoring.de/index.php?id=1010

28) Beatty, Cech, Fan Websites: Motives, Identification and Site Content. URL: http://list.msu.edu/cgi- bin/wa?A2=ind0602a&L=aejmc&T=0&P=10367 (15.09.2006)

29) Platz 2 und 3 nach Auswertungsergebnis der Schauspielerfans; bei den Musikerfans sind Platz 2 und 3 knapp vertauscht. Platz 1 ist bei beiden Gruppen gleich

30) ebenda

31) ebenda

32) ebenda

33) angemerkt: Interessant ist auch die in dieser Studie gestellte Frage nach der Fan-Star-Beziehung, auf die die meisten Fans erstaunlich realistisch antworten: Sie sind sich bewusst, dass sie ihre Vorbilder nicht wirklich kennen und viele ziehen auch eine klare Grenze zwischen dem Star als öffentliche und Privatperson, wissen, dass sie „nur“ Fan einer Rolle sind.

34) vgl. MUZ ab 143

35) ebenda

36) Begriffwahl in Anlehnung an Doreen Massey, vgl. Exkurs zum Thema „Space und Place“: MUZ 146ff.

37) MUZ 146

38) MUZ 148

39) Zitate und Inhalte nach MUZ 148-152

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Fans unterwegs zu ihren Vorbildern. Eine Spurensuche im Internet
Untertitel
Auf der Suche nach sich selbst. Über Stars, Internet, Fans und die Fansite und ihre Bedeutung im Star–Fan–Verhältnis
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Theater- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar "Die Individualität des Stars"
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V122698
ISBN (eBook)
9783640270767
ISBN (Buch)
9783668093560
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
„The stars live on our substance – and we on theirs.“ (Edgar Morin)
Schlagworte
Fans, Stars, Internet, Identität, Vorbilder, Cultural Studies
Arbeit zitieren
stud. M.A. Brigitte Vordermayer (Autor), 2006, Fans unterwegs zu ihren Vorbildern. Eine Spurensuche im Internet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122698

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