Seit mittlerweile über 30 Jahren befassen sich Wissenschaftler und Entwicklungsforscher mit dem Phänomen, dass in den Ländern der dritten Welt ein zunehmender Anteil der Bevölkerung ein Einkommen aus wirtschaftlichen Aktivitäten erzielt, die sich außerhalb des ‚modernen‘ bzw. ‚formellen‘ Sektors abspielen. Dieser ökonomische Bereich des ‚informellen‘ Sektors definiert sich also durch eine Negativabgrenzung vom ‚formellen‘ Sektor, der für die Entwicklungsländer nach Maßstab der Industrieländer, die Lohnarbeit in multinational organisierten Unternehmen, im Bereich staatlich-öffentlicher Dienste und im weltmarktorientierten Teil der Landwirtschaft umfasst (vgl. Feldmann 1992, S.14).
Schon die Abgrenzung eines andersartigen ökonomischen Bereichs aus Sicht der hochentwickelten Staaten der Erde ist jedoch insofern problematisch, daß dabei der Eindruck vermittelt werden kann, daß der informelle Sektor eine Abweichung vom Normalfall darstellt. Daß eine solche Sichtweise durchaus gewollt war, zeigen die unterschiedlichen entwicklungspolitischen Handlungsstrategien, die je nach wirtschaftstheoretischem Betrachtungsansatz für die Zukunft des informellen Sektors erarbeitet wurden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: der informelle Sektor als Residualkategorie
2. Informelle Aktivitäten als eigenständiger Wirtschaftssektor
3. Die Förderung des informellen Sektors als entwicklungspolitisches Konzept
4. Die Abgrenzungskriterien des informellen Sektors
5. Kritische Durchleuchtung des Entwicklungsansatzes der ILO
6. Alternative entwicklungspolitische Strategien und Perspektiven der Förderung
7. Struktur und Bedeutung des informellen Sektors
8. Fallstudie 1: Abfallwirtschaft und informeller Sektor in der City of Calcutta
8.1 City of Calcutta
8.2. Das Müllproblem in Calcutta
8.3 Modelle des informellen Wertstoffhandels in der City of Calcutta
8.3.1 Formelle und informelle Merkmale der Unternehmen
8.3.1.1 Unternehmensstruktur
8.3.1.2 Kapitalausstattung und Finanzierungsmöglichkeiten
8.3.1.3 Liefer- und Absatzbedingungen
8.3.1.4 Verwertung des akkumulierten Kapitals
8.3.2 Formelle und informelle Merkmale der einzelnen Unternehmen
9. Fallstudie 2: Formelle und informelle Fremdenverkehrssektoren in Pattaya, Thailand
9.1. Fremdenverkehr in Pattaya
9.2. Pattayas formeller Tourismussektor
9.2.1 Große Luxushotels
9.2.2 Kleinere Beherbergungsbetriebe
9.2.3 Vergnügungs- und Unterhaltungsstätten
9.2.4 Souvenirartikel
9.3 Pattayas informeller Tourismussektor
9.3.1 Nahverkehr
9.3.2 Vermietungen an Touristen
9.3.3 Kleinhandel
9.3.4 Prostitution
9.4 Staatliche Behandlung des formellen und des informellen Sektors
9.5 Schlussfolgerung
10. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Struktur, Bedeutung und Entwicklungschancen des informellen Sektors in den Metropolen des Südens. Zentrale Forschungsfrage ist dabei, wie dieser Bereich, der sich durch eine Negativabgrenzung vom formellen Sektor definiert, ökonomisch zu bewerten ist und welche entwicklungspolitischen Förderstrategien sinnvoll sind, um die Lebensbedingungen der dort tätigen Menschen zu verbessern, ohne dabei den Sektor lediglich zu instrumentalisieren.
- Charakterisierung und Abgrenzung des informellen Sektors als "Residualkategorie".
- Kritische Analyse von entwicklungspolitischen Konzepten der ILO zur Förderung des informellen Sektors.
- Untersuchung der vielfältigen Verflechtungen zwischen formeller und informeller Wirtschaft.
- Detaillierte Fallstudien zur Abfallwirtschaft in Calcutta sowie zum Tourismussektor in Pattaya, Thailand.
- Diskussion über menschenzentrierte vs. sachzentrierte Förderansätze zur Armutslinderung.
Auszug aus dem Buch
8.3.2.1 Müllsammler
Müllsammler arbeiten an frei zugänglichen Müllhaufen und Abfallcontainern unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Sie fangen sich deshalb auch sehr oft Krankheiten ein, da sie eigenständige Unternehmer sind, besitzen sie aber keine Krankenversicherung. 60% der Müllsammler sind Kinder und 30% Frauen und die Alphabetisierungsrate ist sehr gering. Nur wenige der Müllsammler arbeiten mehr als 7h am Tag, da sich die meisten andere Erwerbsquellen erschlossen haben. Trotz der unattraktiven Arbeit sind viele aus finanziellen Gründen darauf angewiesen und hoffen, dass ihre Kinder mal eine andere Arbeit bekommen können. Die Arbeit der Müllsammler ist zwar sehr arbeitsintensiv, jedoch nicht sehr produktiv. Der Zustand des gesammelten Mülls ist oft so miserabel, dass sie dafür nicht viel bekommen oder die Müllsammler müssen ihn in mühseliger Arbeit auf den Strassen reinigen. Sie besitzen nämlich keine Lagerhallen oder einen Arbeitsplatz. Sehr verlässliche Müllsammler werden an ihren Abnehmer gebunden und erhalten dafür Kredite und finanzielle Unterstützung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: der informelle Sektor als Residualkategorie: Führt in die Problematik des informellen Sektors ein, der sich als "Residualkategorie" definiert und dessen Heterogenität eine präzise Abgrenzung sowie wissenschaftliche Analyse erschwert.
2. Informelle Aktivitäten als eigenständiger Wirtschaftssektor: Analysiert die historische Entstehung informeller Aktivitäten als Reaktion auf Bevölkerungswachstum und das Unvermögen des formellen Sektors, ausreichend Lohnarbeit zu bieten.
3. Die Förderung des informellen Sektors als entwicklungspolitisches Konzept: Behandelt die Umorientierung entwicklungspolitischer Strategien seit den 70er Jahren durch die ILO mit dem Ziel der Armutsbekämpfung durch direkte Förderung des informellen Sektors.
4. Die Abgrenzungskriterien des informellen Sektors: Erläutert die sieben klassischen Merkmale des informellen Sektors nach dem Kenia-Report der ILO von 1972 zur operationalen Definition.
5. Kritische Durchleuchtung des Entwicklungsansatzes der ILO: Hinterfragt kritisch, ob die Förderung des informellen Sektors tatsächlich zur Armutslinderung beiträgt oder lediglich als "moderne Verwaltung der Armut" fungiert.
6. Alternative entwicklungspolitische Strategien und Perspektiven der Förderung: Stellt verschiedene theoretische Ansätze (Modernisierungstheorie, Dependenztheorie, Neoliberalismus) und deren Konsequenzen für die Förderung des informellen Sektors gegenüber.
7. Struktur und Bedeutung des informellen Sektors: Gibt einen Überblick über die typischen Tätigkeitsfelder, die ökonomische Bedeutung und die Rolle sozialer Netzwerke im informellen Sektor.
8. Fallstudie 1: Abfallwirtschaft und informeller Sektor in der City of Calcutta: Analysiert anhand von Calcutta, wie informeller Wertstoffhandel das Müllproblem in einer Megacity adressiert, und untersucht die unterschiedlichen Hierarchiestufen dieses Systems.
9. Fallstudie 2: Formelle und informelle Fremdenverkehrssektoren in Pattaya, Thailand: Untersucht das konfliktäre Nebeneinander von formellen Großstrukturen und informellen Dienstleistern im Tourismus sowie die staatliche Bevorzugung ersterer.
10. Literaturverzeichnis: Listet die für die Arbeit herangezogene wissenschaftliche Fachliteratur und Berichte auf.
Schlüsselwörter
informeller Sektor, Entwicklungsökonomie, Residualkategorie, ILO, Armutsbekämpfung, Wirtschaftsgeographie, Calcutta, Abfallwirtschaft, Pattaya, Tourismussektor, staatliche Regulierung, soziale Netzwerke, Kleinstgewerbe, Kapitalakkumulation, Arbeitsplatzbeschaffung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Struktur, Bedeutung und die ökonomische Rolle des informellen Sektors in den Metropolen des Südens sowie die Chancen und Schwierigkeiten seiner entwicklungspolitischen Förderung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Definition des informellen Sektors, dessen Verflechtungen mit der formellen Wirtschaft, die Rolle staatlicher Interventionen sowie die praktische Anwendung an den Beispielen Abfallwirtschaft und Tourismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob der informelle Sektor eine eigenständige Dynamik zur Armutslinderung besitzt und wie entwicklungspolitische Förderstrategien gestaltet sein müssen, um die betroffenen Akteure direkt zu unterstützen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch fundierte Analyse, die bestehende wirtschaftswissenschaftliche Literatur und Entwicklungskonzepte kritisch aufarbeitet und durch zwei spezifische Fallstudien illustriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine kritische Durchleuchtung des ILO-Entwicklungsansatzes, die Diskussion alternativer theoretischer Strategien, eine Analyse der Struktur informeller Tätigkeiten sowie die detaillierte Untersuchung der Fallbeispiele aus Calcutta und Pattaya.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere: informeller Sektor, Residualkategorie, Entwicklungspolitik, ILO, Armutsbekämpfung, Wirtschaftsgeographie sowie das Spannungsfeld zwischen formaler Regulierung und informeller Überlebensstrategie.
Wie unterscheiden sich die Hierarchiestufen des Wertstoffhandels in der Fallstudie Calcutta?
Die Hierarchiestufen reichen von informellen Müllsammlern und ambulanten Aufkäufern ohne soziale Absicherung bis hin zu Zwischenhändlern, deren Geschäftsgebaren zunehmend formelle Merkmale aufweist.
Welchen Einfluss hat die staatliche Politik auf den informellen Tourismus in Pattaya?
Der Staat bevorzugt den formellen Sektor (Großhotellerie) durch Infrastrukturmaßnahmen und Regulierung, was dazu führt, dass informelle Akteure wie Taxifahrer oder Strandverkäufer zunehmend verdrängt werden oder ihre Konkurrenzsituation verschärft wird.
- Quote paper
- Viola Fritz (Author), Steffen Hemberger (Author), 2003, Der informelle Sektor in den Metropolen des Südens: Struktur, Bedeutung und Entwicklungschancen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12275