Als Alexander der Große 323 v. Chr. in Babylon starb, hinterließ der Sohn Philipps II. ein ausgedehntes, im kulturellen Sinne pluralistisches, nahezu aufgeblähtes Reich unter makedonischer Hegemonie, das aufgrund der Vakanz in der legitimierten Nachfolge nach dem Gesetz der Natur der Makedonenkönige, d.h. nach dem dynastischen Prinzip, rasch in Unruhe geriet. Aber gleichwohl hatte der Großkönig die Gestalt seiner Zeit verändert; ihm gelang die normative Verknüpfung von Politik, Kultur, Wissenschaft und Technik, dem Kriegswesen wie auch eine Symbiose von der Organisation des makedonischen Heeres mit seinen territorialen Zielen. Alexander der Große hatte auf diese Weise mehr als ein unitaristisches Reich geschaffen; er hatte die Geschichte der antiken Welt maßgeblich geprägt. Seit Droysen wird eben jener Einfluss Alexanders auf seine Nachwelt als Hellenismus bezeichnet. Das Wirken des makedonischen Großkönigs zum einen als auch die gesamtgesellschaftliche und -politische Metamorphose während und nach der Regentschaft Alexanders des Großen andererseits war nun nicht mehr mit den bestimmenden Charakteristika der so genannten klassischen Zeit vergleichbar. Territoriale Großreiche, Bundesorganisationen und multilaterale Bündnissysteme, die unmittelbare Orientierung an der Notwendigkeit der Kriegführung und sozialstrukturelle Veränderungen bildeten die neuen Ideale herrschaftlicher Ansprüche ab. Gerade diese Aspekte waren erste Bestimmungsfaktoren in der Implementierung und dauerhaften Manifestierung der frühhellenistischen, monarchisch geprägten Staaten, die kaum 20 Jahre nach Alexanders Tod infolge der Annahme der Königstitel durch die ándres diadechómenoi tàs hegemonías entstanden waren. Was aber begünstigte den raschen Aufstieg der ehemaligen philoi und somatophylax Alexanders? Wie war es ihnen gelungen, die königlich-herrschaftliche Graduierung des makedonischen Königshauses zu falsifizieren? Worin bestand die Legitimitätsgrundlage der frühhellenistischen Königtümer und wie kam es, dass das unitaristische Alexanderreich alsbald nach dem Tode des Großkönigs in separatistisch-pluralistische Einzelbereiche mit autonomen, völkerrechtlichen Charakteristika zerfiel?
Wenn Diodor in seiner Library of History von den Diadochen als basileús berichtet , die ihre Territorien als Preis des Krieges beherrschten, als seien die Ländereien „(…) mit dem Speer erworben (…).“
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die politische und gesellschaftliche Statuierung der ándres diadechómenoi tàs hegemonías und die Neuordnung von Babylon
2.1 Etymologie der Diadochen und die militär-politischen Positionen der Kommandeure als Bestimmungsfaktoren
2.2 Die Verteilung der Satrapien
3. Das dynamische Gleichgewichtssystem der Diadochen – Von dem Lamischen Krieg bis zur Regelung von Triparadeisos 320 v. Chr.
4. Die Unterwanderung der dynastischen Legitimität
4.1 Der Zweite Diadochenkrieg
4.2 Die Fehde in der makedonischen Königsfamilie
5. Der Dritte Diadochenkrieg – Gegenseitige Anerkennung der Herrscher und Beginn der Freiheitspropaganda
6. Die Diadochen als basileús – Charisma und Sieghaftigkeit als herrschaftliche Legitimitätsgrundlage
6.1 Der Götterkult des athenischen Volkes
6.2 Die Annahme der Königstitel der Diadochen seit 306 v.Chr. als Ausdruck militärischer Errungenschaften, der kultischen Verehrung und Kompensation von Sieglosigkeit
7. Von der Erneuerung des Korinthischen Bundes bis zur Schlacht bei Ipsos 301 v.Chr.
8. Schlussteil – Ergebnisse der Betrachtungen und Ausblicke auf die künftige Forschungsarbeit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Transformation des unitaristischen Alexanderreichs in pluralistisch-separatistische Diadochenreiche zwischen 323 v. Chr. und der Schlacht bei Ipsos 301 v. Chr. Im Fokus steht dabei die Analyse der Legitimierungsstrategien der Diadochen, wobei insbesondere die Rolle von Freiheitspropaganda, Heiratspolitik und kultischer Verehrung auf ihre Wirksamkeit zur Machtsicherung hin untersucht wird.
- Die Entwicklung von Machtstrukturen im frühhellenistischen Staatensystem.
- Untersuchung der dynastischen Vakanz und ihrer Auswirkungen auf die Positionierung der Kommandeure.
- Analyse der Rolle von Legitimitätsgrundlagen wie Charisma und Sieghaftigkeit bei der Annahme von Königstiteln.
- Bedeutung von Bündnissystemen und diplomatischen Manövern zur Stabilisierung der eigenen Herrschaft.
Auszug aus dem Buch
Die politische und gesellschaftliche Statuierung der ándres diadechómenoi tàs hegemonías und die Neuordnung von Babylon
Die Bezeichnung der Nachfolger Alexanders des Großen in den Kommandoposten des Heeres – den Diadochen – entstammt dem Griechischen diadéchomai, d.h. jemanden nachfolgen sowie diádochos, d.h. die Nachfolger. In der Betrachtung des Ausgleiches bzw. der Überwindung fehlender Herrschaftslegitimation wurde der Begriff der Diadochen wahrscheinlich von Hieronymos von Kardia geprägt, um den einflussreichen Interessenvertretern der konfligierenden Lager der makedonischen Fußtruppen und der Hetairenreiterei nach Alexanders Tode 323 v. Chr. eine Legitimitätsgrundlage zuweisen zu können. Tatsächlich bedarf es dazu einer gesellschaftlichen und vor allem einer politischen Statuierung der ándres diadechómenoi tàs hegemonías sowie einer Analyse deren Positionierung im Machtkonstrukt des makedonischen Heeres.
Aufgrund des dynastischen Hiatus der makedonischen Königsfamilie – Alexander der Große hinterließ keinen legitimen Nachfolger – konnten die Kommandeure der Truppen infolge ihrer hohen Stellung in dem diffizilen Machtgefüge nach Alexanders Tod sowohl Entscheidungsgewalt für sich beanspruchen als auch territoriale Forderungen stellen. Ihnen gemeinsam war dabei die fehlende Anerkennung der herrschaftlichen Ansprüche der makedonischen Königsfamilie; vielmehr handelten die Diadochen bereits unmittelbar nach dem Tode Alexanders nach ihren individuellen Interessenlagen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der Ausgangslage nach Alexanders Tod und Einführung in die Fragestellung zur Entwicklung frühhellenistischer Monarchien.
2. Die politische und gesellschaftliche Statuierung der ándres diadechómenoi tàs hegemonías und die Neuordnung von Babylon: Analyse der Etymologie und der administrativen Neuordnung, die als Grundlage für den Machtanspruch der Diadochen diente.
3. Das dynamische Gleichgewichtssystem der Diadochen – Von dem Lamischen Krieg bis zur Regelung von Triparadeisos 320 v. Chr.: Untersuchung der politischen Spannungsfelder und der Stabilisierungsversuche durch präventive Eingriffe in die Machtverhältnisse.
4. Die Unterwanderung der dynastischen Legitimität: Aufarbeitung der Konflikte, die durch den Übergang von traditionellen dynastischen Ansprüchen zu individuellen Herrschaftssicherungsmaßnahmen entstanden.
5. Der Dritte Diadochenkrieg – Gegenseitige Anerkennung der Herrscher und Beginn der Freiheitspropaganda: Betrachtung der Entstehung von Bündnissystemen und der gezielten Instrumentalisierung der Freiheit griechischer Städte zur Machtlegitimation.
6. Die Diadochen als basileús – Charisma und Sieghaftigkeit als herrschaftliche Legitimitätsgrundlage: Analyse der Überhöhung der Diadochen durch Götterkulte und die Bedeutung des Königstitels als Symbol militärischer Erfolge.
7. Von der Erneuerung des Korinthischen Bundes bis zur Schlacht bei Ipsos 301 v. Chr.: Analyse des Scheiterns antigonidischer Hegemoniebestrebungen und der Neuordnung der Mächteverhältnisse.
8. Schlussteil – Ergebnisse der Betrachtungen und Ausblicke auf die künftige Forschungsarbeit: Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse bezüglich der Transformation zur Monarchie und Identifizierung zukünftiger Forschungsdesiderate.
Schlüsselwörter
Diadochen, Alexander der Große, Hellenismus, Machtlegitimation, Satrapien, Basileus, Freiheitspropaganda, Unitarismus, Pluralismus, Herrschaftslegitimität, Triparadeisos, Antigonos Monophthalmos, Eumenes von Kardia, Demetrios Poliorketes, Königstitel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Phase nach dem Tod Alexanders des Großen, in der sich das einheitliche Reich in eigenständige, von den Diadochen geführte Königreiche aufspaltete.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen gehören die dynastische Vakanz, die Rolle der militärischen Kommandeure, die Entwicklung politischer Legitimitätsgrundlagen und die instrumentelle Nutzung von Propaganda.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Klärung, wie aus dem unitaristischen Reich pluralistische Strukturen entstanden und welche Faktoren (wie Charisma oder militärischer Erfolg) diese Machtübernahme legitimierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine detaillierte Quellenanalyse antiker Geschichtsschreiber wie Diodor, Plutarch und Appian, ergänzt durch moderne Forschungsergebnisse der Geschichts- und Sozialwissenschaften.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch von der Neuordnung von Babylon über die verschiedenen Diadochenkriege bis hin zur Schlacht bei Ipsos, wobei die jeweiligen Herrschaftskonstrukte analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Diadochen, Legitimation, Basileus, Freiheitspropaganda, Hellenismus und Machtvakuum.
Wie bewertet der Autor den Übergang vom "Einheitsreich" zum " pluralistischen Staatensystem"?
Der Prozess wird als eine Verschiebung von der dynastischen Erbfolge hin zu einer charismatischen Herrschaft beschrieben, in der militärischer Erfolg die zentrale Legitimitätsquelle bildete.
Welche Rolle spielte die "Freiheitspropaganda" bei den Diadochen?
Sie diente als politisches Instrument, um sich als Bewahrer griechischer Freiheitsideale zu inszenieren und damit sowohl Legitimität bei der Bevölkerung zu gewinnen als auch Gegner politisch zu isolieren.
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- Holger Skorupa (Author), 2008, ándres diadechómenoi tàs hegemonías, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122781