Wenn im allgemeinen Sprachgebrauch von ‚Moral’ die Rede ist, betrifft das meist das sittliche (bzw. unsittliche) Verhalten des Einzelnen; allerdings scheint die Frage nach der Herkunft der ‚Moral’ oder besser nach ihrer Entstehung ohne konkrete Antworten auskommen zu müssen. Einer, der sich seit Jahren wissenschaftlich mit diesem Thema auseinandersetzt, ist Lawrence Kohlberg . Seine mittlerweile mehrfach modifizierte Theorie zur moralischen Entwicklung gilt in der pädagogischen sowie in der psychologischen Erkenntnisforschung als etabliert und dient als wesentliche Grundlage gegenwärtiger Ethologie.
Kohlbergs Theorie ist nicht inhaltsgebunden, das heißt, sie kann im Verlauf gesellschaftlicher Entwicklungen konstant angewendet werden; vielmehr dient sie als Entwicklungsmodell, das durch seine ‚Stufen-Darstellung’ gekennzeichnet ist. Diese Arbeit wird sich primär mit der Frage befassen, wie sich Stufen der moralischen Entwicklung ableiten lassen und welche Faktoren zu ihrer Entstehung beitragen. Grundlage für diese Untersuchung ist der Kohlberg-Text „Moralische Entwicklung“ von 1968.
Da Kohlberg sich die vorausgegangene Entwicklungstheorie Piagets zunutze macht, indem er darin gewonnene Erkenntnisse für seinen Theorieaufbau gebraucht, muss zu Beginn eben dieser Aspekt genau beleuchtet werden. Insbesondere soll herausgearbeitet werden, inwieweit Piagets Erkenntnisse einbezogen werden, aber auch was dabei von Kohlberg verworfen wird. Zudem muss selbstverständlich auf Kohlbergs Interpretation von ‚Moral’ eingegangen werden, wobei verschiedene Merkmale und deren Korrelation erklärt werden sollen. Erst nachdem dieses entsprechende Vorwissen gewährleistet ist, folgt die Beschreibung der Moralstufen im Einzelnen. Auch hier werden vorerst Begriffe geklärt und wichtige Faktoren der Moralentwicklung aufgezeigt. Zusätzlich soll eine kritische Auseinandersetzung mit der Stufentheorie Kohlbergs Bestandteil dieser Arbeit sein, wobei Host Heidbrinks Ausführungen zur moralischen Entwicklung als Gegendarstellung dienen sollen.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kohlbergs Orientierung an Erkenntnissen der Entwicklungstheorie Piagets
2.1 Direktive der moralischen Entwicklung nach Piaget
2.2 Universelle Applikation einiger Erkenntnisse Piagets
3. Wie versteht Kohlberg ‚Moral’?
3.1 Internalisierung
3.2 Situationsspezifische Faktoren
3.3 Die „Ich-Stärke“
3.4 Moralisches Handeln versus moralisches Wissen
4. Kohlbergs Stufentheorie
4.1 Was charakterisiert eine Stufentheorie und wo setzt sie an?
4.2 Notwendige Faktoren
4.3 Eine exemplarische Introduktion der Stufentheorie
4.4 Das Idealziel einer moralischen Entwicklung
5. Ist die Stufendarstellung irrelevant?
6. Resümee
7. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen von Lawrence Kohlbergs Stufentheorie der moralischen Entwicklung, indem sie deren Herleitung aus der Entwicklungspsychologie Piagets sowie die zentralen Einflussfaktoren der Moralbildung analysiert und kritisch hinterfragt.
- Verhältnis von Kohlbergs Theorie zu Piagets Entwicklungstheorie
- Konzeptualisierung von „Moral“ bei Kohlberg (Internalisierung und Ich-Stärke)
- Struktur der sechs moralischen Entwicklungsstufen
- Kritische Auseinandersetzung mit der Stufentheorie (u.a. nach Horst Heidbrink)
- Bedeutung kognitiver Fähigkeiten und sozialer Faktoren für den moralischen Reifeprozess
Auszug aus dem Buch
3.3 Die „Ich-Stärke“
Kohlberg sieht also für den Prozess der moralischen Entwicklung sowohl die Internalisierung von Regeln als auch die situativen Bedingungen als hauptsächliche Faktoren. Die Bedeutung eines weiteren letzten Merkmals fügt er zusätzlich an: Dieses basiert auf Untersuchungen zur Ehrlichkeit von Burton (S.13), welche Kohlberg zu der Auffassung gelangen lassen, dass dennoch – entgegen bisheriger Resultate – ein gewisser Anteil „allgemeine(r) Persönlichkeitsmerkmale“ zur Moralentwicklung beiträgt (S.13). Die sogenannte „Ich-Stärke“ (S.14) beschreibt neben Kontrollfunktionen für emotionale Aspekte und dezisiven Kriterien vor allem die Fähigkeit des Individuums zur Empathie (die Fähigkeit, die Reaktionen anderer auf die eigene Handlung vorauszusagen), Voraussicht (die Fähigkeit, langfristige Folgen der Handlung vorherzusehen), Beurteilungsvermögen (die Fähigkeit, Alternativen und Wahrscheinlichkeiten abzuwägen) und die Fähigkeit zum (Belohnungs-) Aufschub (also die Fähigkeit dazu, auf eine sofortige Reaktion zu verzichten und eine entfernter liegende, aber größere Belohnung der unmittelbaren, aber geringeren Belohnung vorzuziehen). (S.14)
Damit setzen diese Determinanten – da sie beiden inhärent sind – moralisches Handeln dem „klugen Handeln“ weitgehend gleich (S.13). Die „Ich-Stärke“ per se ist zwar ein allgemeiner Faktor der Persönlichkeitsentwicklung, durch sie können aber wichtige Erkenntnisse der moralischen Entwicklung herausgearbeitet werden. Wie auch die Situationskräfte ist sie grundsätzlich moralisch neutral (S.15). Unter ‚moralisch neutral’ versteht man hier Faktoren, die auch außerhalb der Notwendigkeit einer moralischen Betrachtungsweise Anwendung finden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die wissenschaftliche Bedeutung von Kohlbergs Theorie zur moralischen Entwicklung ein und umreißt die methodische Herangehensweise der Arbeit.
2. Kohlbergs Orientierung an Erkenntnissen der Entwicklungstheorie Piagets: Dieses Kapitel erläutert die Anlehnung Kohlbergs an Piaget sowie die kritische Abgrenzung hinsichtlich der moralischen Urteilsbildung bei Kindern.
3. Wie versteht Kohlberg ‚Moral’?: Hier werden die zentralen Bausteine des Moralverständnisses bei Kohlberg analysiert, darunter die Internalisierung, situationsspezifische Einflüsse und die Ich-Stärke.
4. Kohlbergs Stufentheorie: Das Kapitel detailliert die sechs Stufen der moralischen Entwicklung und diskutiert die notwendigen kognitiven Voraussetzungen sowie das angestrebte Idealziel.
5. Ist die Stufendarstellung irrelevant?: Eine kritische Würdigung der Stufentheorie unter Einbeziehung der Position von Horst Heidbrink, der den invarianten Stufencharakter infrage stellt.
6. Resümee: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der zentralen Entdeckungen und einer Bewertung der Bedeutung von Kohlbergs Theorie für die Erziehungswissenschaft.
7. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur Stufentheorie der Moralentwicklung.
Schlüsselwörter
Kohlberg, Moralische Entwicklung, Stufentheorie, Piaget, Internalisierung, Ich-Stärke, moralisches Urteil, Gerechtigkeit, Sozialisation, Moralentwicklung, kognitive Entwicklung, Rollenübernahme, Regelbefolgung, Ethik, Charakterbildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Hausarbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Stufentheorie der moralischen Entwicklung nach Lawrence Kohlberg und analysiert deren theoretische Fundierung sowie ihre Relevanz in der Erziehungswissenschaft.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen das Verständnis von „Moral“ nach Kohlberg, der Einfluss von Piagets Entwicklungstheorie, der Prozess der Internalisierung sowie die kritische Reflexion des Stufenmodells.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Ableitung der moralischen Entwicklungsstufen nachzuvollziehen, die Rolle externer und interner Faktoren aufzuzeigen und die wissenschaftliche Belastbarkeit des Modells zu prüfen.
Welche methodische Vorgehensweise liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Textanalyse der Arbeit „Moralische Entwicklung“ (1968) von Kohlberg, ergänzt durch einen Vergleich mit kritischen Positionen anderer Forscher.
Welche Aspekte werden im Hauptteil vertieft?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Vorläufer bei Piaget, die Definition von Internalisierung, die Bedeutung situativer Faktoren, die Rolle der „Ich-Stärke“ und die Beschreibung der sechs Entwicklungsstufen.
Welche Schlüsselbegriffe sind für das Verständnis essenziell?
Besonders relevant sind die Begriffe „Internalisierung“, „Stufenfolge“, „moralisches Urteilsvermögen“ und „Ich-Stärke“, da sie den Kern der moralischen Reifung bei Kohlberg beschreiben.
Was unterscheidet bei Kohlberg ein moralisches Urteil von einem neutralen Urteil?
Moralische Urteile zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich auf allgemeingültige, objektive und konsistente Prinzipien stützen, während neutrale Urteile (etwa ästhetische) diese moralische Verankerung nicht aufweisen.
Welche Kritik übt Horst Heidbrink an Kohlbergs Stufentheorie?
Heidbrink hinterfragt den invarianten Charakter der Stufenfolge und schlägt vor, moralische Entwicklung eher als kontinuierlichen Prozess denn als Abfolge separater Einheiten zu betrachten.
Warum spielt die „Ich-Stärke“ für Kohlberg eine so wichtige Rolle?
Die Ich-Stärke fungiert als Vermittler, der es dem Individuum ermöglicht, moralische Vorsätze trotz Versuchungen durch Empathie, Voraussicht und Belohnungsaufschub in die Tat umzusetzen.
- Arbeit zitieren
- M.A. Theresa Schmidt (Autor:in), 2004, Über Kohlbergs Stufentheorie zur „Moralische(n) Entwicklung“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122874