Anhand des filmischen Beispiels Vertigo von Alfred Hitchcock möchte ich versuchen, die Dynamik der Depression verständlicher zu machen. Zwar handelt es sich bei diesem Film um ein Stück Fiktion. Doch sind die Motive der Psychoanalyse unverkennbar. Zum einen ist das Verhalten des Protagonisten Scottie meiner Meinung nach ein Musterbeispiel für die eben genannten Affekte. Auf der anderen Seite kann man aus dem Konzept des Filmes auf bestimmte Facetten der Psyche Hitchcocks schließen. Die zentrale Frage, die ich in Bezug auf dieses Thema aufwerfen möchte ist: Kann man annehmen, dass der Protagonist Scottie am Ende des Filmes von seiner Depression befreit ist, oder wird er vermutlich wieder in einen melancholischen Zustand verfallen? Wenn man die Konzepte für Trauer und Melancholie genauer unter die Lupe nimmt, was ich im Folgenden tun möchte, könnten beide Möglichkeiten in Frage kommen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Trauerprozesse – bewusst und unbewusst
2. Trauer
2.1. Das freud'sche Konzept
2.2. Trauerarbeit – Chancen und Probleme
3. Melancholie
3.1. Das freud'sche Konzept
3.2. Manie als eine Form der Überwindung
4. Vertigo
4.1. Ein melancholisches Meisterwerk
4.2. Psychoanalytische Hintergründe
4.3. Hitchcock – zwischen Leid und Obsession
5. Schluss: Der innere Kampf mit ungewissem Ausgang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychodynamischen Prozesse von Trauer und Melancholie auf Basis der freudschen Konzepte und überträgt diese Analyse auf das filmische Werk „Vertigo“ von Alfred Hitchcock. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, ob der Protagonist Scottie am Ende des Films seine Depression erfolgreich überwinden kann oder ob eine Rückkehr in den melancholischen Zustand wahrscheinlich ist.
- Grundlagen der freudschen Trauer- und Melancholietheorie
- Analyse der vierphasigen Trauerarbeit nach Verena Kast
- Interpretation der psychologischen Motive in Alfred Hitchcocks „Vertigo“
- Untersuchung des Protagonisten Scottie als Fallbeispiel für affektive Störungen
- Verhältnis zwischen dem Regisseur Hitchcock und seinen Frauenbildern
Auszug aus dem Buch
4.2. Psychoanalytische Hintergründe
„Vertigo“ ist der medizinische Begriff für ein Schwindelgefühl, oder, allgemeiner, den Zustand von Konfusion und Desorientierung (vgl. Harris/Lasky 1980, 149). Und so trifft der Filmtitel sowohl auf die Überwindung der Höhenängste als auch auf das Motiv der Trauerverarbeitung zu. Der Sog des Abgrunds findet sich auf der einen Seite als Leitmotiv durch den Blick in Tiefe wieder und auch durch die Selbstmordneigungen Madeleines. Der Zuschauer hat durch die Kombination von Zoom und Kamerafahrt ebenfalls Teil an dem Schwindelgefühl. Die Treppe wird zu einer Spirale. Sie kreist – wie die Gedanken (vgl. Fründt 1986, 194).
In Vertigo geht es um einen schwachen, höhenangstgeplagten Mann, der aufgrund seiner mangelnder Reife einen Partner braucht, der diese Lücken füllt. Seine ehemalige Schulfreundin Midge stellt daher zu Beginn des Filmes eine gute Stütze in Scotties Leben dar. Sie redet wie eine Mutter mit ihm und geht auf seine Bedürfnisse ein. Sie verkörpert sozusagen Scotties Über-Ich, das ihn in gewisser Weise kontrolliert. Damit fällt Midge eine zentralere Rolle zu, als man anfänglich denken mag. Sie beobachtet, dass Madeleine Scotties Haus verlässt und schiebt ihm einen Zettel unter der Tür durch, weil er sich nicht meldet. Sie versucht immer wieder, Scotties Aufmerksamkeit zu gewinnen, malt sich selbst als Charlotta Valdes und kümmert sich auch in der Nervenklinik um ihn.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Trauerprozesse – bewusst und unbewusst: Die Einleitung führt in die Problematik von Depression und Trauer ein und erläutert die Relevanz der psychoanalytischen Perspektive für das Filmverständnis.
2. Trauer: Dieses Kapitel definiert die normale Trauerreaktion nach Freud und stellt den Prozess der Trauerarbeit in vier Phasen dar.
3. Melancholie: Hier wird der Melancholiebegriff von Freud als pathologische Form der Trauer mit Ich-Verlust und aggressiven Komponenten analysiert sowie die Manie als Überwindungsversuch kurz beleuchtet.
4. Vertigo: Dieses Hauptkapitel verbindet die theoretischen Grundlagen mit Hitchcocks Film und untersucht dabei psychoanalytische Motive sowie die Charakterentwicklung des Protagonisten.
5. Schluss: Der innere Kampf mit ungewissem Ausgang: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und diskutiert das offene Ende des Films hinsichtlich der psychischen Verfassung der Hauptfigur.
Schlüsselwörter
Trauer, Melancholie, Depression, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Alfred Hitchcock, Vertigo, Trauerarbeit, Höhenangst, Identifikation, Objektverlust, Über-Ich, Narzissmus, Affektive Störung, Filmpsychologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die psychologischen Phänomene von Trauer und Melancholie, wie sie von Sigmund Freud definiert wurden, und wendet diese Theorien auf die Filmhandlung von Hitchcocks „Vertigo“ an.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die Psychoanalyse (Trauer und Melancholie), die psychologische Filmanalyse sowie die Charakterzeichnung im Werk von Alfred Hitchcock.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Publikation?
Das Ziel ist es, die Dynamik der Depression am Beispiel des Protagonisten Scottie nachzuvollziehen und zu klären, ob am Ende des Films von einer Heilung oder einem Rückfall in die Melancholie auszugehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es wird eine literaturgestützte psychoanalytische Filmanalyse angewandt, die freudsche Konzepte mit filmwissenschaftlichen Beobachtungen kombiniert.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung durch Freud und Kast, eine detaillierte Filmanalyse von „Vertigo“ sowie eine Betrachtung der Rolle Hitchcocks und der filmischen Inszenierung von Frauenbildern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Kernbegriffe umfassen Trauer, Melancholie, Psychoanalyse, psychische Störungen, Filmpsychologie und die spezifische Identitätskrise des Protagonisten Scottie.
Wie deutet die Autorin die Rolle von Midge im Film?
Midge wird nicht nur als Freundin, sondern als Verkörperung von Scotties Über-Ich gesehen, die versucht, ihm Halt zu geben, während er sich in eine neurotische Obsession verliert.
Was bedeutet der Titel „Vertigo“ in diesem psychologischen Kontext?
Der Titel wird als Synonym für Konfusion, Desorientierung und den psychischen Schwindel verstanden, den die Charaktere bei der Verarbeitung ihrer Verluste und Ängste erleben.
Wie bewertet die Arbeit das offene Ende von Vertigo?
Die Arbeit lässt das Ende bewusst offen und argumentiert, dass sowohl eine rationale Überwindung des Traumas als auch ein Rückfall in die Depression gleichermaßen psychologisch begründbar sind.
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- Karoline Ahlemann (Author), 2007, Wenn Trauer das Ich zerstört , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/122911