Die vorliegende Arbeit möchte die von Wolfgang Iser entwickelte wirkungsästhetische Theorie skizzieren. Dabei beziehe ich mich vor allem auf die in den 1960er und 70er Jahren ausgearbeiteten, zuerst in seiner Konstanzer Antrittsvorlesung Die Appellstruktur der Texte im Jahre 1969 formulierten und in seinem 1976 erschienenen Buch Der Akt des Lesens systematisierten Grundlagen einer Theorie, die Iser bis zu seinem Tod Anfang 2007 – entsprechend der sich verändernden geistes-wissenschaftlichen Diskurslandschaft – fortwährend weiterentwickelt hat. Nach einer Einordnung in den literaturwissenschaftlichen Bezugsrahmen soll die isersche Theorie durch Fokussierung auf grundlegende Konzepte wirkungsästhetischer Theoriebildung wie Leerstelle, impliziter Leser, Textrepertoire und -strategien in ihren Grundzügen dargestellt werden. Die Arbeit wird mit einem kurzen Ausblick auf die Weiterentwicklung der Wirkungsästhetik ab den 1980er Jahren ihren Abschluss finden.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Verortung der Wirkungstheorie im literaturwissenschaftlichen Bezugsrahmen
2. Theoretische Grundlagen der iserschen Wirkungsästhetik
2.1 Die Leerstelle – Unbestimmtheit als Kommunikationsbedingung
2.2 Das Textrepertoire – Verweisfunktion des Nicht-Identischen
2.3 Die Textstrategien – Erfassen und Auffassen
2.4 Der Lesevorgang als Erfahrung des Textes
3. Schlussbemerkung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit skizziert die von Wolfgang Iser entwickelte wirkungsästhetische Theorie, indem sie den Fokus auf die Interaktion zwischen Text und Leser sowie die Konstituierung von Sinn während des Lesevorgangs legt.
- Grundlagen der iserschen Wirkungsästhetik und deren Einordnung in den literaturwissenschaftlichen Diskurs.
- Analyse zentraler Konzepte wie Leerstelle, impliziter Leser und Textrepertoire.
- Untersuchung der Textstrategien als Steuerungselemente für den Rezeptionsprozess.
- Bedeutung des Lesevorgangs als aktiver Prozess der Sinnerzeugung und Erfahrungskonstitution.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Leerstelle – Unbestimmtheit als Kommunikationsbedingung
Iser bemerkt, dass die Beziehung zwischen Text und Leser von prinzipiell asymmetrischer Natur ist: „There is no common code between transmitter and receiver governing the way in which the text is to be processed; at best, such a code is to be established in the reading process itself“ (Iser 2006: 64). Er stellt weiter fest, dass „die von fiktionalen Texten entworfenen Gegenständlichkeiten nicht jene allseitige Bestimmtheit [besitzen], die den realen Gegenständen zukommt; sie sind mit Unbestimmtheitsbeträgen durchsetzt“ (Iser 1994: 45). Beim Übertragungsvorgang, durch den der Text in der Vorstellung des Lesers konstituiert wird, kann es sich also nicht um eine einfache Abbildung textuell widergespiegelter Wirklichkeit handeln.
Damit sich jedoch der Text in das Bewusstsein des Lesers entsprechend einer interaktiven Beziehung übersetzen kann, ist es sogar notwendig, dass dieser von einem gewissen Anteil an Unbestimmtheitsstellen durchsetzt ist: Die Beteiligung des Lesers könnte sich gar nicht entfalten, wenn ihm alles vorgesetzt würde. Und das bedeutet doch, daß sich der formulierte Text über Andeutungen und Suggestionen in das von ihm Nicht-Gesagte, aber dennoch Gemeinte abschattet. Denn erst hier kommt die Einbildungskraft des Lesers zu ihrem Recht; der geschriebene Text stattet sie mit Anweisungen aus, sich das vorzustellen, was er selbst verschweigt (Iser 1979: 59).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung bettet die wirkungsästhetische Theorie Wolfgang Isers in den literaturwissenschaftlichen Bezugsrahmen der Konstanzer Schule ein und definiert das Ziel der Arbeit, zentrale Konzepte dieser Theorie darzustellen.
2. Theoretische Grundlagen der iserschen Wirkungsästhetik: Dieses Kapitel erläutert die philosophischen Wurzeln der Theorie bei Ingarden und Husserl und definiert das literarische Werk als Wirkungspotential, das erst durch den Leseprozess konkretisiert wird.
2.1 Die Leerstelle – Unbestimmtheit als Kommunikationsbedingung: Hier wird die zentrale Bedeutung der Unbestimmtheit für den Kommunikationsprozess zwischen Text und Leser herausgearbeitet, die als Antriebsenergie für die Konstitution von Sinn fungiert.
2.2 Das Textrepertoire – Verweisfunktion des Nicht-Identischen: Der Abschnitt behandelt, wie literarische Texte aus der Alltagswirklichkeit bekannte Normen selektieren und diese durch Entpragmatisierung in einen neuen, ästhetischen Kontext überführen.
2.3 Die Textstrategien – Erfassen und Auffassen: Dieses Kapitel beschreibt, wie der Text durch die Organisation von Vordergrund-Hintergrund-Beziehungen sowie das Zusammenspiel von Thema und Horizont den Leseprozess lenkt.
2.4 Der Lesevorgang als Erfahrung des Textes: Es wird analysiert, wie der Leser als „wandernder Blickpunkt“ durch Protentionen und Retentionen ständig neue Sinnhorizonte erschließt und so den ästhetischen Gegenstand hervorbringt.
3. Schlussbemerkung und Ausblick: Die Arbeit schließt mit einer Würdigung der Wirkungsästhetik als innovativem Modell, das den Paradigmenwechsel von einer ontologischen Bedeutungssuche hin zur dialogischen Interaktionsanalyse vollzog.
Schlüsselwörter
Wirkungsästhetik, Wolfgang Iser, Rezeptionstheorie, Konstanzer Schule, Leerstelle, Impliziter Leser, Textrepertoire, Textstrategien, Lesevorgang, Sinnkonstitution, Ästhetische Erfahrung, Fiktionalität, Literaturwissenschaft, Kommunikation, Perspektivität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit bietet einen systematischen Überblick über die von Wolfgang Iser begründete Wirkungsästhetik, die die literaturwissenschaftliche Aufmerksamkeit vom Autor auf den Prozess der Lektüre verlagert.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Rolle des Lesers, die Kommunikationsstruktur zwischen Text und Leser sowie die Mechanismen, durch die ein literarischer Text Bedeutung im Bewusstsein des Rezipienten generiert.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die grundlegenden Konzepte Isers – insbesondere die Leerstelle, das Repertoire, den impliziten Leser und die Textstrategien – zu erläutern und deren Zusammenwirken im Leseprozess aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende theoretische Textanalyse der zentralen Werke von Wolfgang Iser, insbesondere „Der Akt des Lesens“, und nutzt Ansätze der Phänomenologie und Systemtheorie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die theoretischen Säulen der Wirkungsästhetik, wie das Zusammenspiel von Vordergrund und Hintergrund oder die Dynamik von Protention und Retention während des Lesens, detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Wirkungsästhetik, Sinnkonstitution, Leerstelle und die dialektische Beziehung zwischen Text und Leser geprägt.
Warum ist das Konzept der Leerstelle so entscheidend?
Die Leerstelle fungiert als notwendiges „Scharnier“, da sie den Leser zur aktiven Sinnerzeugung zwingt und so den Text erst erfahrbar und interpretierbar macht.
Wie unterscheidet sich Isers Ansatz von klassischen Interpretationsnormen?
Während klassische Ansätze nach einer einzigen „wahren“ Bedeutung suchen, versteht Iser Literatur als dynamisches Wirkungspotential, das Raum für die individuelle und intersubjektive Konstituierung von Sinn lässt.
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- Kristin Zettwitz (Author), 2008, Die wirkungsästhetische Theorie Wolfgang Isers, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123003