Das Stereotyp der jüdischen Mutter

Die Projektion von Schuld und Differenz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Stereotyp: Was kennzeichnet eine jüdische Mutter?
2.1 Die jüdische Mutter als inter- und intraethnisches Stereotyp: Die diskursive Projektion von Schuld und Differenz

3. Schlussbetrachtung und Exkurs: die Jewish American Princess (JAP)

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit soll das Stereotyp der jüdischen Mutter beleuchten, wie es nach Ende des 2. Weltkriegs in der amerikanischen Gesellschaft populär wurde und bis in die 1970er Jahre in zahlreichen Filmen, Romanen und durch Stand-Up Comedians bedient wurde. Danach sollte das Stereotyp von dem der JAP, der unverheirateten „Jewish American Princess“ abgelöst werden.

Die Entstehensprozesse und -mechanismen, die zur Popularisierung des Stereotyps der jüdischen Mutter führten, sollen im Laufe dieser Arbeit herausgearbeitet werden. Dabei soll das Stereotyp als Projektionsfläche für Ressentiments von Nichtjuden gegenüber Juden aber auch intraethnisch für Ängste der jüdischen Minderheit selbst, bedingt durch das stärkere Vordringen der Juden in die gehobene amerikanische Mittelschicht, plausibel dargestellt werden. Grundvoraussetzung für die Entstehung des Stereotyps war demnach die veränderte sozio- ökonomische Gesamtsituation der sich im Umbruch befindlichen amerikanischen Gesellschaft nach 1945 und der damit verbundene Aufstieg von Juden in gesellschaftliche und wirtschaftliche Sphären, in denen sie bislang nicht oder nur in sehr eingeschränktem Maß anzutreffen waren. Dies meint sowohl die wellenartige Ansiedlung in bis dato mehrheitlich nichtjüdischen Vororten, als auch die Etablierung in typisch mittelständigen Berufsklassen bis hin zur generellen Übernahme der Lebensstandards der Mittelschicht.

Bevor ich weiter auf die gesellschaftlich-diskursiven Mechanismen eingehen werde, die das Stereotyp hervorgebracht haben, will ich zunächst eine inhaltliche Einkreisung dessen, was unter einer jüdischen Mutter zu verstehen ist, vorausschicken.

2. Das Stereotyp: Was kennzeichnet eine jüdische Mutter?

„ If they were wives they spent too much money. They were insatiably demanding as mothers, wanting more success and attention. They would not let their children, principally theirs sons, go into the world as ‘normal’ “ .1 Das Stereotyp betrifft jüdische Frauen der zweiten Generation, die in Amerika geboren wurden und ist von der jüdischen Mutter des osteuropäischen Schtetls abzugrenzen:2

She [the American Jewish Mother] was not the Yiddishe Mama of the Old World, to whom immigrants longingly turned with sentimental songs and harsh comparisons to American sweethearts and wives. Rather, this representation of New World prosperity was an American-born Jewish Mother who pushed, wheedled, demanded, constrained, and was insatiable in her expectation and her wants. The guilt induced by the Old World was not her siren song; rather she demanded loyalty to herself and her impossible New World expectations (Prell 1999: 143).

Dabei ist zunächst zu bemerken, dass dem Stereotyp etwas Janusköpfiges innewohnt, da der Typus der jüdischen Mutter in ihrer Rolle als Mutter in einem Punkt von dem der jüdischen Mutter als Ehefrau abweicht. So hegt Letztere übersteigerte Erwartungen und Ansprüche in puncto wirtschaftlicher Erfolg und Status der Familie, womit sie Kinder und Ehemann unter Druck setzt.3 Als Mutter wiederum erstickt sie ihre Familie gleichzeitig mit übersteigerter Zuwendung, insbesondere in Form von Essen, aber auch durch ihre übertrieben-neurotischen Ängste und beschränkenden Vorschriften gegenüber den Kindern. Im Gegenzug fordert sie uneingeschränkte Loyalität und Liebe, wobei sie in ihrer Rolle als Mutter diesen Anspruch so geschickt verpackt, dass er nie direkt geäußert wird und somit die Konstruktion der sich aufopfernden Mutter, die zuvörderst gibt und wenig nimmt, aufrechterhalten wird. Die unterschwelligen Forderungen sind allerdings derart maßlos, dass sie von Kindern und Mann nicht erfüllt werden können, wodurch die Mutter mit Vorwürfen und Selbstmitleid reagiert (vgl. a.a.O.: 143).4 Hier zeigt sich der manipulative Charakter dieser mütterlichen „Liebe“, die oftmals als verschlingend empfunden wird,5 ruft sie doch omnipräsente Schuldkomplexe gegenüber der Mutter hervor:

As an excessive giver, she never wanted or received anything directly, but she was highly manipulative. Her name was synonymous with guilt, her second attribute. Her demands were impossible to meet because she wanted what usually seemed impossible to give – total loyalty (ebd).

Darüber hinaus attestiert man der jüdischen Mutter aufgrund der Einfältigkeit ihrer Ansichten eine gewisse Weltfremdheit und Naivität, was wiederum im Widerspruch zu ihrer Fähigkeit zur Manipulation zu stehen scheint.6 Stereotypen müssen allerdings keinem Anspruch auf Kohärenz standhalten, vielmehr diente gerade das Klischee der jüdischen Mutter bzw. Ehefrau als Quelle allgemeiner Belustigung und wurde neben Romanen und Theaterstücken auch durch die Fuß fassenden Massenmedien und Unterhaltungsindustrie in Film und Fernsehen, aber insbesondere auch durch – zumeist jüdische – Stand-Up Comedians propagiert (vgl. a.a.O.: 146).

Das Erzeugen von Schuldkomplexen stellt jedoch das Kernstück des Stereotyps dar und wird für die unnatürliche Beziehung zwischen der Mutter und ihren Kindern sowie für die Übertragung neurotischer Verhaltensweisen von der Mutter auf ihre Nachkommen verantwortlich gemacht.7 Insbesondere die Beziehung zwischen Mutter und Sohn wird vor dem Hintergrund des Stereotyps als besonders negativ und problembeladen dargestellt.8 So hindert die Mutter ihren Sohn daran, erwachsen zu werden und sich aus dem Einflusskreis der Mutter zu befreien – und sich letztlich für eine andere Frau und damit gegen die eigene Mutter zu entscheiden. Dies erreicht sie durch Vorschriften, Kritik an seiner Lebensweise und „Erziehung“ zur Unselbständigkeit, indem die Mutter unter Vorspiegelung wohlwollender mütterlicher Zuneigung für alles sorgt, was der Sohn – ihrer Meinung nach – benötigt und nicht benötigt. Dies wird besonders durch das Essen symbolisiert, das sie dem Sohn als Ausdruck ihrer Liebe fortwährend aufdrängt. Der Vater bzw. Ehemann tritt gegenüber der dominierenden Mutter gänzlich in der Hintergrund, sodass sich die Mutter vor dem Hintergrund des schweigendem, schwachen und machtloser Vaters um so dominanter abzeichnet: „When the father appeared, it was often as a passive foil to the monster wife. Mother/Wife dominated the scene“ (Prell 1999: 143).9

Erens (1984: 366) beschreibt die typisch amerikanisch-jüdische Familie, wie sie in den Filmen der 70er Jahre porträtiert wurde, wie folgt:

The Jewish Mother appears as overprotective, meddlesome, dominating, and suffocating. The Jewish Father is portrayed as weak and unmanly (in many family films he is not even present) or as overbearing and vulgar. Jewish children fare no better than their parents. The Jewish son is presented as a Neurotic Man-Child – dependent, self-centered, oversexed and immature. Only in his professional accomplishments does he achieve a degree of dignity. The Jewish daughter in the comedies and light dramas of the seventies is even more inept than her brother – awkward and gross, obsessed with marriage and sex, the consummate Ugly Duckling.10

Interessanterweise wird dieses nicht gerade schmeichelhafte Bild des jüdischen Familiendaseins auch und insbesondere von Komikern Schriftstellern und Filmemachern jüdischer Herkunft in ihrem künstlerischem Schaffen aufgegriffen und propagiert. Es handelt sich damit nicht nur um eine von außen zugeschriebene Projektion antisemitischer Klischees, sondern ebenso um eine Reaktion auf solche, weshalb das Stereotyp gleichzeitig als intraethnisches zu bezeichnen ist. Im Folgenden sollen nun sowohl inter- als auch intraetnische Mechanismen diskursiver Zuschreibung analysiert werden.

2.1 Die jüdische Mutter als inter- und intraethnisches Stereotyp: Die diskursive Projektion von Schuld und Differenz

„Gentiles blamed Jewish children, and by extension, their families. Jews blamed Jewish women“.11

Prell stellt klar heraus, dass das Aufkommen des Stereotyps der jüdischen Mutter eng mit den sozialen Umwälzungen verknüpft ist, welche im Amerika der Nachkriegszeit stattfanden, und die durch den Aufstieg vieler Juden in die Mittelschicht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von jüdischem Leben in den USA grundlegend und nachhaltig verändert haben:

„Deconstructing her [the Jewish mother’s] power and significance reveals the anxieties of postwar life that were brought on by a fundamental transformation in American Jewish experience” (Prell 1999: 151). Der Vorstoß in die Mittelschicht brachte einen engeren Kontakt zwischen Juden und Nichtjuden mit sich, der die wellenartige Abwanderung vieler Juden in die bis dato nichtjüdisch geprägten Vororte noch verstärkte. Trotz der größeren Offenheit der mehrheitlich weißen protestantisch-angelsächsichen Mittelschicht gegenüber der jüdischen Minderheit kursierten weiterhin antisemitische Vorurteile, die besonders in den Vororten einen neuen Austragungsort diskursiver Zuschreibung fanden (vgl. a.a.O. 157f.). Diese Vorurteile wurden wiederum intraethnisch und zwischengeschlechtlich auf die jüdische Frau bzw. Mutter als Ursache für deren fortwährende Existenz projiziert: „The Jewish Mother/Wife came to embody the demands of mobility and the parochialism that kept Jews out of the world they sought“ (a.a.O.: 158).

Die Vorurteile, die Juden von nichtjüdischer Seite zugeschrieben wurden, gründeten auf einer als unveränderlich angenommen Differenz, welche vor allem auf unterschiedliche Wertvorstellungen zurückgeführt wurde (vgl. a.a.O.: 160). Dies betraf vor allem die Einstellung zu Geld und Reichtum, einen allgemein attestierten Materialismus und Hedonismus, abweichende Vorstellungen von Kindererziehung sowie ganz generell die Feststellung fehlender Kultiviertheit (vgl. Prell 160f.). Dabei projizierten nichtjüdische Angehörige der Mittelschicht ihre eigenen Ängste bezüglich eines wandelndem Wertesystems im Amerika der Nachkriegszeit auf die jüdischen Neuankömmlinge im Mittelstands- und Vorstadtparadies: „As strangers in the postwar paradise Jews found themselves serving as icons for many of the criticisms of American life-permissiveness, indulgence, and a focus on consumption“ (a.a.O.: 162). Zwar wurden Juden unterstellt, sie unterminieren durch ihre inhärente Differenz und Unfähigkeit zur Anpassung das traditionelle amerikanische Wertesystem, in Wahrheit wurde diese jedoch durch die gesellschaftlichen Umwälzungen selbst untergraben. Die jüdische Minderheit innerhalb der Mittelschicht verhielt sich im Gegensatz zur subjektiv attestierten Differenz sehr „angepasst“, d.h. der suburbanen Mittelstandsnorm entsprechend: „In fact their [the Jew’s] behaviors – consumption, child orientation, and increasing freedom for adolescents – were typical of suburban life, not the exception” (ebd.).

Trotz der großen Ähnlichkeit zwischen jüdischem und nichtjüdischem Verhalten und Alltagsleben wurden Juden als „anders“ wahrgenommen und waren insbesondere in den Vorstädten Gegenstand sozialer Diskriminierung.12 Dabei verinnerlichten die Juden die von außen attestierte Differenz: „Their similarity to their neighbors only intensified their own discomfort as stubbornly different while being oddly the same“ (a.a.O.: 169). Die jüdische Mutter wurde zu dieser Zeit zum Sinnbild der Differenz stilisiert13 und trug deshalb die Schuld für die

[...]


1 Prell 1999: 163.

2 Vgl. Hyman (1995: 126): „Immigrant and second- generation writers celebrated immigrant Jewish mothers as the physical and psychological supporters of their families. The stereotypical image of the ‘Yiddishe Mamma’ was a romanticized model of self-sacrifice for her children and a marvel of domestic wizardry.“ Vgl. auch a.a.O.: 129f.

3 Vgl. a.a.O.: 146: „In the persona of the Wife, this Jewish gender representation was associated aggressively with wanting and demanding. Status, success, and suburbanization were some of the demands she placed upon her husband. The Jewish Mother was less forthright than the imagined Jewish Wife in her demands, but each embodied a version of wanting.“

4 Die Mutter fühlt sich von ihren Kindern auch tatsächlich betrogen, da die Liebe, die sie aufopfernd investiert, nicht in dem erwarteten Umfang bzw. auf die gewünschte Art und Weise erwidert wird. Aus psychologischer Sicht erklärt sich diese Beziehung wie folgt: „[…] the supermothers, the martyrs, the self-sacrificing women who have devoted their lives to their children, […] can legitimately expect their children to be more devoted to them, more considerate of them, bring them more satisfaction, than would otherwise be the case. The literature on the Jewish mother quite clearly portrays her as this type of supermother, this supermother is especially likely to be severely affected if her children fail to meet her needs, either by not making what she considers ‘good’ marriages, or by not achieving the career aspirations she has for them, or even by not phoning her every day. The moral debt […] results in the child's feeling guilty. Therefore, if his mother does become depressed, he is particularly vulnerable, and he may expiate his guilt by becoming the ‘good’ child again. […] Not only is the traditional Jewish mother overinvolved with or overidentified with her children, obtaining narcissistic gratification from them, but the children are viewed as simultaneously helpless without the mother's directives and powerful – able to kill the mother with ‘aggravation’” (Bardwick 1972: 137).

5 Vgl. das entsprechende Kapitel in Prell 1999 (142-176), das bezeichnenderweise mit „Strangers in Paradise: The Devouring Jewish Mother“ betitelt ist.

6 „The mother […] engages in a brilliant tactical maneuver designed to engender feelings of guilt, inadequacy, and failure in her offspring. This isn't necessarily deliberate or even conscious on her part; it is what she is programmed to do. An encounter with her is essentially a series of moves in a game that only she can win: no one can please her, and the greater the effort to do just that, the more certain the failure will be.“ (Raskin 1993: 94)

7 Wie allgegenwärtig dieser Aspekt bei der Konstruktion der Stereotype auch heutzutage noch ist, zeigt die Bezeichnung „the Jewish mother technique“ in einem 2002 erschienenem Buch, das die Zusammenhänge von Depressionen und Schuld psychoanalytisch untersucht. Diese „Technik“ wird nach der Exemplifizierung durch einen Dialog zwischen Lenny und seiner jüdischen Mutter, in welchem Letztere in ihrem Sohn Schuldgefühle heraufbeschwört, weil er lieber mit seiner Freundin als mit seiner Mutter das Abendessen einnimmt, wie folgt beschrieben: „What Lenny's mother is doing is what we all do sometimes. We display our suffering for another to see, presumably for that other who is causing the suffering. This makes the other feel guilty; it has a better than even chance, depending on one's technique, of getting the other to change his or her behavior” (Keen 64).

8 Nichtsdestotrotz existieren auch negative Beschreibungen der Mutter-Tochter-Beziehung, die jedoch weitaus weniger häufig thematisiert wird. So beurteilt Carter (1993: 50) die übermächtige Kontrolle der Mutter über das Leben ihrer Tochter, wie sie in dem Roman „Passover“ der jüdischen Autorin Sheila Schwartz dargestellt wird, als derart gewaltsam, dass diese schließlich Selbstmord begeht, um der Mutter zu entfliehen.

9 Vgl. auch Erens (1984: 205): „Whereas once the Jewish father was admired and feared and the Jewish mother cherished and honored, now the father is an insignificant relative lacking the tragic stature of the Pathetic Patriarch, but nonetheless a figure of love and pity. The mother, on the other hand, emerges as a strong force within the family. It is she who makes decisions and determines the path her children will take. When the children rebel, it is against the mother that they set their resistance.“

10 Vgl. auch a.a.O.: 205f.

11 Prell 1999:164.

12 Vgl. a.a.O.: 168: „Jews were like other people but they were also conscious of their differences, and yet they barely found articulate form in their day-to-day lives. Whether it was the mass media or the unkind comments of school chums, their acculturation and access to mainstream live was always tinted by their experience of difference. At best being different created a sense of uncertainty and discomfort.“

13 Vgl. a.a.O.: 163: „Above all, the Jewish Mother/Wife marked difference.“

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Stereotyp der jüdischen Mutter
Untertitel
Die Projektion von Schuld und Differenz
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V123004
ISBN (eBook)
9783640271320
ISBN (Buch)
9783640271467
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judentum, Judaistik, Kulturwissenschaft, Cultural Studies, Frauen
Arbeit zitieren
Kristin Zettwitz (Autor), 2008, Das Stereotyp der jüdischen Mutter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123004

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