Der ‚Titurel’ Wolframs von Eschenbach nimmt innerhalb der mittelalterlichen Epik in mehrfacher Hinsicht eine besondere Stellung ein. Zum einen ist es der Fragmentcharakter, der auch in der Lektüre immer wieder Rätsel aufgibt, zum anderen ist es seine sprachliche Vielschichtigkeit, die zuweilen den Eindruck des Verschlüsselten hinterlässt. Und nicht zuletzt die Thematik der höfischen Minne, die am Beispiel der jungen Liebenden Sigune und Schionatulander vorgeführt wird, macht das Werk zu einem der meistbeachteten seiner Zeit. Diese Minnebeziehung wird auch in vier bedeutenden Szenen des wolframschen Parzival, den sogenannten Sigunebegegnungen, am Rande thematisiert. Sigune betrauert in diesen Szenen den Tod ihres geliebten Schionatulander, sodass der ‚Titurel’ eine Art nachgeschobene Vorgeschichte dieser Szenen darstellt.
Die vorliegende Arbeit soll das Verhältnis zwischen dem ‚Titurel’ und dem ‚Parzival’, am Beispiel intertextueller Bezüge beleuchten. Ausgehend von einer allgemeinen, literatur- und sprachwissenschaftlichen Annäherung an den Intertextualitätsbegriff sollen dessen Besonderheiten im Bezug auf das mittelalterliche Literaturverständnis erläutert werden. Die Untersuchung intertextueller Bezüge soll dabei anhand zentraler Themenkreise und wesentlicher Strukturmerkmale erfolgen, die gleichsam nur eine Auswahl an möglichen Untersuchungsgegenständen darstellt.
Die Schwerpunkt der Untersuchung liegt dabei stets auf der Frage, was der Erfahrungshorizont des ‚Parzival’ für das Verständnis des ‚Titurel’ leisten kann und wo die Grenzen einer Rezeption unter intertextuellen Gesichtspunkten liegen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zum Intertextualitätsbegriff
2.1 Allgemeine Begriffsdeutungen
2.2 Intertextualität in mittelalterlicher Literatur
3 Zur Intertextualität im ‚Titurel’
3.1 Intertextualität in Form und Struktur – Wolframs Erzählkonzept im ‚Parzival’-Kontext
3.1.1 Die Prologizität der Titurel-Strophen
3.1.2 Das Bogen-Motiv als Mittel der Perspektiverweiterung
3.2 Intertextualität in den Handlungssequenzen
3.2.1 Die Sigunehandlung
3.2.2 Zu den Minneexkurse
3.2.3 Die Gahmuret-Handlung – Zur Intertextualität der Amflise-Figur
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen Wolframs von Eschenbach ‚Titurel’ und seinem ‚Parzival’ unter dem Fokus intertextueller Bezüge. Dabei wird analysiert, wie der ‚Titurel’ als Werk das Vorwissen aus dem ‚Parzival’ nutzt, um narrative Strategien, Charakterdarstellungen und Minnekonzepte zu reflektieren, zu erweitern oder kritisch zu hinterfragen.
- Grundlagen des Intertextualitätsbegriffs in der Literaturwissenschaft und Mediävistik.
- Die formale und strukturelle Intertextualität im Kontext von Wolframs Erzählkonzept.
- Die Funktion der Sigune-Figur als tragisches Bindeglied zwischen beiden Werken.
- Die Analyse der Minneexkurse als Mittel der Perspektivierung und Erzählerkommentierung.
- Die Rolle der Amflise-Figur als intertextuelles Symbol für tragische Liebe.
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Das Bogen-Motiv als Mittel der Perspektiverweiterung
Sowohl im ‚Parzival’, auch im ‚Titurel’ verwendet der Erzähler das Symbol des Bogens für ein Gleichnis. So vergleicht der Erzähler im wolframschen ‚Titurel’ die Minne mit einem Bogen. (Tit.65.1-4)
65 ,Frouwe, ich hân vernomen von wîben unt von mannen, minne kann den alten, den iungen sô schuzlîchen spannen, daz si mit gedanken sêre schiuzet. Si triffet âne wenken, daz fliuget, daz loufet, daz gêt, daz fliuzet.’
Die plausibelste Deutung dieses Gleichnisses steuert Helmut Brackert bei. Der Bogen, so Brackert, könne in diesem Gleichnis für den Liebenden stehen, der von der Minne gespannt werde. Die Gedanken und Gefühle des Liebenden können demnach als Pfeil interpretiert werden, der von der Minne abgeschossen, die Liebe in einem anderen Menschen entfachen könne. Der Erzähler wählt hier das Bogenmotiv auch, um auf die verletzende Wirkung aufmerksam zu machen, die der Minne innewohnen kann. Zudem wird durch die Interpretation der Minne als personifizierten Bogenschützen, die liebende Person als Werkzeug oder Instrument der Minne dargestellt. Den Liebenden selbst wird also eine eher passive Rolle zugewiesen. Der mittelalterliche Hörer wird bei diesem neuerlichen „Bogengleichnis“ unweigerlich an die bekannte Stelle aus dem ‚Parzival’ erinnert. Das „Bogengleichnis“ ist eine der bedeutendsten Stellen im wolframschen ‚Parzival’, die über das Erzählkonzept Wolframs Aufschluss gibt. (Pz.241.8-30)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Besonderheiten des ‚Titurel’ ein und definiert das Ziel der Arbeit, das Verhältnis zum ‚Parzival’ anhand intertextueller Bezüge zu beleuchten.
2 Zum Intertextualitätsbegriff: Dieses Kapitel erläutert literaturwissenschaftliche Grundlagen der Intertextualität und deren spezifische Anwendung auf die mittelalterliche Literatur.
3 Zur Intertextualität im ‚Titurel’: Hier werden die konkreten intertextuellen Verknüpfungen zwischen ‚Titurel’ und ‚Parzival’ analysiert, wobei besonders das Erzählkonzept und die Handlungssequenzen im Fokus stehen.
3.1 Intertextualität in Form und Struktur – Wolframs Erzählkonzept im ‚Parzival’-Kontext: Dieses Unterkapitel untersucht, wie Wolfram durch formale und strukturelle Referenzen, wie etwa den Prolog oder Metaphern, eine kritische Auseinandersetzung mit dem ‚Parzival’ führt.
3.1.1 Die Prologizität der Titurel-Strophen: Die Analyse der Eingangsstrophen zeigt auf, wie diese als konzeptionelle Einleitung oder sogar Gegenentwurf zum ‚Parzival’ fungieren.
3.1.2 Das Bogen-Motiv als Mittel der Perspektiverweiterung: Dieses Kapitel vergleicht das Bogen-Gleichnis in beiden Werken und arbeitet heraus, wie Wolfram damit Minnekonzepte und Erzählstrategien reflektiert.
3.2 Intertextualität in den Handlungssequenzen: Dieser Abschnitt beleuchtet, wie spezifische Erzählstränge des ‚Titurel’ durch Referenzen auf den ‚Parzival’ eine zusätzliche, tragische Dimension erhalten.
3.2.1 Die Sigunehandlung: Die Sigune-Figur wird als zentrales Element analysiert, das durch ihren vorbekannten tragischen Ausgang im ‚Parzival’ das Verständnis des ‚Titurel’ prägt.
3.2.2 Zu den Minneexkurse: Die Minneexkurse werden als Raum für Erzählerkommentare identifiziert, die über die erzählte Realität hinausgehen und eine kritische Distanz zum Minneverständnis im ‚Parzival’ ermöglichen.
3.2.3 Die Gahmuret-Handlung – Zur Intertextualität der Amflise-Figur: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Amflise als schattenhafte Figur mit tragischer Konnotation den intertextuellen Zusammenhang zwischen den Werken verstärkt.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Intertextualität im ‚Titurel’ ein Ausdruck von Wolframs komplexem Erzählkonzept ist und dem Leser eine Perspektivenvielfalt bei der Interpretation bietet.
Schlüsselwörter
Intertextualität, Wolfram von Eschenbach, Titurel, Parzival, Mittelalterliche Literatur, Minne, Erzählkonzept, Sigune, Bogengleichnis, Amflise, Gattung, Réécriture, Literaturwissenschaft, Epik, Rezeption
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literarische Verhältnis zwischen Wolframs von Eschenbach Werken ‚Titurel’ und ‚Parzival’ unter dem Aspekt der Intertextualität.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen intertextuelle Bezüge in Form, Struktur und Inhalt, insbesondere die Darstellung von Minne und das tragische Schicksal bestimmter Figuren.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie das Vorwissen aus dem ‚Parzival’ genutzt wird, um den ‚Titurel’ zu strukturieren und interpretatorisch in einen Kontext zur bekannten Erzählwelt zu setzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Kategorien der Intertextualität, um spezifische Textstellen und Motive vergleichend zwischen den beiden Werken zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in formale Strukturanalysen (wie den Prolog oder das Bogengleichnis) und die Untersuchung spezifischer Handlungsstränge, wie die Sigune-Handlung, die Minneexkurse und die Gahmuret-Amflise-Beziehung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Intertextualität, Minne, Erzählkonzept, Sigune, Bogengleichnis, Amflise und die Gattung des mittelalterlichen Epos.
Wie unterscheidet sich die Darstellung der Sigune in ‚Titurel’ und ‚Parzival’?
Während Sigune im ‚Parzival’ als tragische Figur im Begegnungskontext mit Parzival auftritt, dient der ‚Titurel’ als nachgeschobene Vorgeschichte, die ihr Schicksal genealogisch und motivisch vertieft.
Welche Funktion hat das Bogengleichnis in Wolframs Werken?
Das Bogengleichnis dient als erzählerisches Mittel, um nicht nur die Dynamik der Minne zu beschreiben, sondern auch das eigene Erzählkonzept Wolframs zu reflektieren und sich von zeitgenössischen Autoren abzugrenzen.
- Arbeit zitieren
- Carsten Mogk (Autor:in), 2006, Der ‚Titurel’ Wolframs von Eschenbach im Fokus der intertextuellen Bezüge zum ‚Parzival’, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123099