Feministische Aspekte in Marilynne Robinsons postmodernem Werk: Housekeeping


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung- Abriss über den postmodernen Feminismus .

2. Frauenbilder im Roman
2.1 Emanzipation und gesellschaftliche Grenzen- Frauen der 1920er/30er- Nona & Lily Foster
2.2 Sylvia Foster- stille Emanzipation.
2.3 Religion und weibliche Identität- Molly Foster .
2.4 Die Ehe: Möglichkeiten und Grenzen weiblicher Emanzipation - Helen Stone.
2.5 Sylvia Fisher- eine postmoderne Identität der Frau

3. Männer im Roman
3.1 Edmund Foster- Patriarchalische Leitfigur und Sinngebende Instanz
3.2 Ehe als Destruktion weiblicher Identität am Beispiel von Reginald und Helen Stone.
3.3 “Someone named Fisher”- postmoderne Simulation einer Partnerschaft

4. Archetypen
4.1 Ruth & Naomi- eine alternative Familienstruktur
4.2 Lot’s Frau- die namenlose Randidentität

5. Initiationsprozesse im Roman

6. Fazit

7. Bibliographie

1. Einleitung- Abriss über den postmodernen Feminismus

Ausgehend von den Entwicklungen innerhalb der Literatur- und Kulturwissenschaft der letzten Jahrzehnte ist der Feminismus bzw. die feministische Literaturwissenschaft in der Verpflichtung eine neue Richtung einzuschlagen, sich neu zu definieren. Seit Beginn der postmodernen Geistesströmung (Baudrillard, Foucault, Derrida), die das Subjekt und Identität als solche aus einer pluralistischen Sichtweise heraus in Frage stellen, ist es notwendig duale Betrachtung und klare Abgrenzungen des Ich’s zu überdenken.

Die feministische Literaturwissenschaft beschäftigt sich (u.a.) mit der Geschichte der (Geistes-)Wissenschaften, einer von Männern dominierten Domäne, die nach feministischer Auffassung das Bewusstsein der Menschen beeinflusst und die die Rolle der Frau manipuliert. So, heißt es, sei seit Beginn der Wissenschaft, der Aufklärung, die Frau und feminines Bewusstsein aus dem wissenschaftlichen Fokus ausgegrenzt und aus der Wissenschaftsarbeit ausgeschlossen worden. Dies ist der Ansatzpunkt der Feministischen Bewegung der 60er und 70er Jahre, die politisch, sozial und kulturell der Weiblichkeit Stimme verlieh und einen Geschlechterdiskurs in Bewegung setzte. Die Frau sei in der Verpflichtung ihre Rolle in der Gesellschaft selbst zu definieren, sich von patriarchalisch geformten Begrifflichkeiten und Rollenzuweisungen zu lösen, die männlich geprägte Geschichte und Kultur neu zu definieren um so einen Zustand der Gleichberechtigung anzutreiben, der die Rolle des Mannes, sowie der Frau neu definieren solle.

Der Feminismus, als auch die feministische Literaturwissenschaft hat seit den 60er und 70er Jahren eine enorme Entwicklung durchlaufen. Es sind vielfältige Strömungen entstanden, die hier nicht im Einzelnen ausgeführt werden können. Eines jedoch haben alle gemein: die Forschung nach den Unterschieden der Geschlechter, welche bislang nur in Abgrenzung zu dem jeweilig Anderen definiert worden ist. Biologisch betrachtet besteht an dieser Andersartigkeit kein Zweifel, doch literaturwissenschaftlich wird Geschlechtlichkeit und geschlechtspezifisches Bewusstsein zuweilen differenzierter betrachtet. Wenn das postmoderne Zeitalter nun von pluralistischen Identitäten spricht und von der Auflösung der dualistischen Kategorien, so scheint dem Feminismus der kommunikative Raum, die Diskursgrundlage genommen zu sein. Gender skepticism ist der derzeitige Forschungsansatz der feministischen Literaturwissenschaft, der nicht mehr totalisierend versucht auf Gegensätzen aufbauend Weiblichkeit zu etablieren, sondern vielmehr das Geschlecht als Analysekategorie in frage stellt. Generalisierungen in jeder Form werden abgelehnt und stattdessen werden in postmoderner Manier pluralisierend Fokussierungen von Unterschieden vorgenommen, um die aktuelle Position einzelner Identitäten zu bestimmen. Die Geschlechterdiskussion, wie auch das Selbst werden somit als dezentrierte, dynamische, und nicht als stabile, auf eine Entwicklung, ein Ziel ausgerichtete Konstrukte wahrgenommen.

Die beständige Aktivität der (nicht linearen) Selbstkonstitution macht nun die Identität des Subjekts aus. Mit anderen Worten, die Selbstorganisation der Subjekte als Lebensprojekt (ein Begriff, der eine langfristige Stabilität unterstellt; eine dauerhafte Identität des Lebensraumes, deren Dauer die eines Menschenlebens überschreitet, oder ihr zumindest entspricht) wird ersetzt durch den Prozess der Selbstkonstitution.[1]

Identität wird als Prozess verstanden, der individuell ist und durch mannigfaltige Aspekte angetrieben wird. Dieser Prozess ist ziellos und unspezifisch. Im Zusammenhang mit dem postmodernen Feminismus bedeutet dies, dass geschlechtliche Unterschiede hierbei als Aspekte des Individuums unter vielen anderen in den Hintergrund treten.

Nancy Fraser and Linda Nicholson, for example, urge feminists to adopt a ‘postmodern-feminist theory’ of identity, in which general claims about ‘male’ and ‘female’ reality are eschewed in favor of ‘complexly constructed conceptions...treating gender as one relevant strand among others, attending also class, race, ethnicity, age and sexual orientation.’[2]

Diese neue Definition von Feminismus bzw. gender skepticism, konzentriert sich auf verschiedenste Unterschiede im Individuum, und steht universellen Kategorisierungen und Abgrenzungen skeptisch gegenüber. Im Gegensatz zu den Bemühungen nach Abgrenzung des Femininen der 70er Jahre, scheinen diese nicht mehr notwendig und nicht mehr aktuell. Dies kann gesellschaftspolitisch und sozioökonomisch eine Gefahr darstellen, kann Rückschritt bedeuten. Dennoch ist Feminismus scheinbar andersartig nicht mehr mit der Postmoderne vereinbar. Eine Lebensphilosophie, welche sich nicht mehr auf kategorisierende Differenzen stützt, sich nicht mehr darum bemüht das Selbst in seiner Entwicklung zu erfassen, sondern vielmehr Identität als einen Prozess betrachtet, ist beweglich und grenzüberschreitend. Derrida beschreibt diese Entwicklung als “incalculable choreographies”. Susan Bordo argumentiert, dass dies eine Neuinterpretierung der Moderne unter neuen Vorsätzen sei. Das moderne Konzept der erkenntnistheoretischen Begrenzung des Selbst durch die Körperlichkeit, sei durch die postmoderne Unbestimmbarkeit des Selbst und der Identität substituiert worden, so dass aus der Modernen Idee nirgendwo zu sein, nun der postmoderne Traum überall zu sein entstanden sei.

The lust for finality is banished. The dream is of ‚incalculable choreographies,’ not the clear and distinct ‘mirrorings’ of nature, seen from the heights of ‘nowhere.’ But, I would argue, the philosopher’s fantasy of transcendence has not yet been abandoned: The historical specifics of the modernist Cartesian version have simply been replaced with a new postmodern configuration of detachment, a new imagination of disembodiment: a dream of being everywhere.[3]

Postmoderne Ansätze würden dem Körper neue Bedeutung beimessen, der als “vehicle of the human making and remaking of the world, constantly shifting locations capable of revealing endlessly new ‘points of view’ on things...” gesehen werden kann.

So bleibt festzuhalten, dass durch die Entscheidungsfreiheit und der nahezu unbegrenzten Auswahl an Informationen und Wegen dem Menschen erkenntnistheoretische Möglichkeiten offen gelegt sind, die individuell unterschiedlich und „ziellos“ sind, insofern auch keine gesellschaftliche oder gemeinnützige Gesamtentwicklung mehr darstellen, sondern vielmehr dem Menschen vielfältige Möglichkeiten der Identitätsschaffung offenbaren. Da jeder einzelne hierbei selektieren muss, kann man von einer neuen materiellen und geistigen Transzendenz reden; der Mensch nimmt selektiv Eindrücke aus seiner nahezu unbegrenzten geistigen und materiellen Umgebung auf und bewegt sich vielfältig in einem globalen Ideenreichtum, der theoretisch jedem zugänglich wäre, der allerdings aufgrund seiner Vielfältigkeit dazu führt, dass individuelle Identitäten entstehen. Bezogen auf feministische Ansätze bleibt abzuwarten, in welcher Form das Geschlecht als erkenntnistheoretische Analysekategorie überhaupt noch herangezogen werden kann. Es steht jedenfalls fest, dass den postmodernen Strömungen, wie auch den aktuellen feministischen Strömungen (wenn man diese noch als feministisch bezeichnen kann), eine neue Wahrnehmung von Identität zugrunde liegt. Beide Strömungen treffen sich in der Auflösung dualer Gegensätze, in der Suche nach einem neuen Identitätsbegriff und im differenzierten Geschlechtsbegriff. Man spricht in der aktuellen feministischen Literaturwissenschaft nicht mehr von femininen und maskulinen Subjekten, sondern eher von femininen Wahrnehmungen/Eigenschaften, die jedoch auch in maskuliner Figur in Erscheinung treten, oder von einem männlichen Autor vermittelt werden können. Durch die Durchlässigkeit des Subjekts, durch die Grenzüberschreitungen im Hinblick auf Wahrnehmung und Lokalisierung des „Ichs“, werden Männlichkeit und Weiblichkeit als Aspekte der Identität wahrgenommen, die erkenntnistheoretisch nicht mehr gewichtig sind.

Im vorliegenden Werk von Marilynne Robinson, spiegelt sich der Verlauf der femininen Wahrnehmung, bzw. des Feminismus wider und ich möchte im Folgenden näher auf feministische Aspekte dieses postmodernen Romans eingehen und in meinem Fazit zusammentragen, inwiefern die postmoderne feministische/feminine Strömung hier exemplarisch in ihrer Entwicklung erkennbar wird.

2. Frauenbilder im Roman

Die Frauen im Roman Housekeeping weisen unterschiedliche Möglichkeiten der weiblichen Entwicklung auf, welche man den unterschiedlichen Stadien des Feminismus zuschreiben kann. Die Geschichte spielt im Amerika der 50er, oder der frühen 60er Jahre.

Die ältere Generation bestehend aus Sylvia Foster und ihrer Schwestern, kann man mit den Anfängen der weiblichen Emanzipation in Verbindung bringen. Während Sylvia heiratet und, dem Weg ihres Mannes folgend, in der Kleinstadt Fingerbone häuslich wird, eine Familie gründet und sich mit den Aufgaben der Hausfrau und Mutter beschäftigt, bleiben ihre Schwestern, die in der Großstadt (Boston) leben unverheiratet und kinderlos. Diese Frauen spiegeln das Amerika der 1920er und 30er wieder, welches im Grunde zwei verschiedene Formen von weiblicher Bestimmung aufweist. In den Großstädten bot sich die Möglichkeit der Emanzipation, die bereits in den 1920ern (Bewegung der Suffregatten) ihre Anfänge hatte, als Frauen erstmals öffentlich eine legislative Gleichberechtigung forderten, Miniröcke trugen und in der Öffentlichkeit rauchten. Die traditionellen Rollenverteilungen wurden in der damaligen Zeit allerdings noch nicht angefochten, daher war emanzipierten Frauen, die sich nicht mit der traditionellen Rolle der Frau begnügen wollten, (kulturell bedingt) die Möglichkeit einer festen Beziehung oftmals vorenthalten. Dies ist damit zu erklären, dass die praktische soziale Gleichstellung der Frau noch an ihren Anfängen stand und die persönliche Freiheit der Frau oftmals mit der Idee der Ehe an ihre Grenzen stieß (literarische Beispiele dieses sozialen Scheiterns der Emanzipation bietet z.B. The Great Gatsby). Die andere Möglichkeit, die der stillen Emanzipation, findet man in der Figur der Sylvia Foster, welche zwar die damals kulturell geforderte Rolle der domestizierten Frau einnimmt, jedoch insgeheim mental autark und frei ist. So ist sie z.B. froh, dass sie nicht viel mit ihrem Mann teilen kann, und dass sie sich oft allein und unverheiratet fühlt.

In a month she would not mourn, because in that season, it had never seemed to her that they were married, she and the silent Methodist Edmund, who wore a necktie and suspenders even to hunt wildflowers ..., with a wordless and impersonal courtesy she did not resent because she had never really wished to feel married to anyone...

The rising of the spring stirred a serious, mystical excitement in him and made him forgetful of her..., but all the same it was then when she loved him best, as a soul all unaccompanied, like her own.[4]

Sie glaubt an einen linearen Lebensweg, an Vorbestimmtheit, und Tod wird bezeichnenderweise in ihrer Vorstellungsweise mit einem Haus verglichen, in dem alles was man im Leben verloren hat angestaut auf einen wartet.

That is to say that she conceived of life as a road down which one traveled [...] and that one’s destination was there from the very beginning, a measured distance away, standing in the ordinary light like some plain house where one went and was greeted by respectable people and was shown to a room where everything one had ever lost or put aside was gathered together, waiting.[5]

Die Bedeutungen des Hauses, welches ja, wie auch im Titel suggeriert wird, für Hausarbeit bzw. für die domestizierte Weiblichkeit steht, wird hier als „Haus“ des Todes geschildert. Als Symbol der letzten Ruhestätte, als Symbol des Todes wird an dieser Stelle suggeriert, dass die Identität der „Hausfrau“ eine Hüterin des toten Raumes, eine im Totenreich angesiedelte Figur darstellt. Tod, also das Ende des Identitätsprozesses, kann nur in Verbindung mit dem Prädestinationsglauben ertragen werden. Das Haus kann somit nur als Domäne weiblicher Existenz identitätsstiftend sein, als der religiöse Glaube an Prädestination und ein Fortbestehen im Jenseits unterstützend herangezogen werden.

[...]


[1] Zygmunt Bauman, Ansichten der Postmoderne (Hamburg; Berlin: Argument-Verlag, 1995), S.229

[2] Susan Bordo “Feminism, Postmodernism and Gender-scepticism“, Feminism/Postmodernism,ed. Linda Nicholson (New York, London: 1990, Routlege) S.139 (im Folgenden „Bordo“)

[3] Bordo, S.143

[4] M.Robinson, Housekeeping (New York:1980, Picador) p.17

[5] Robinson, S.9-10

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Feministische Aspekte in Marilynne Robinsons postmodernem Werk: Housekeeping
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Seminar für Anglistik/Amerikanistik)
Veranstaltung
Postmodern American Literature
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V123148
ISBN (eBook)
9783640288205
ISBN (Buch)
9783640288427
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feministische, Aspekte, Marilynne, Robinsons, Werk, Housekeeping, Postmodern, American, Literature
Arbeit zitieren
Jana-Katharina Müftüoglu (Autor), 2006, Feministische Aspekte in Marilynne Robinsons postmodernem Werk: Housekeeping, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123148

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