Normalität und ihre Grenzen

Ein dynamisches Spannungsfeld in der Sonderpädagogik


Seminararbeit, 2008

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Normalismus nach Jürgen Link
2.1 Diskursanalyse
2.2 Normalität und Normativität
2.3 Dynamik im Spannungsfeld der Normalitätsgrenzen
2.4 Zwei Formen normalistischer Strategien
2.5 Verwendung für den Bereich Sonderpädagogik

3. Linus Bopp
3.1 Bopps „Allgemeine Heilpädagogik“
3.2. Normalismust nach Linus Bopp
3.3 Zusammenfassung

4. Karl Heinrichs Grundlegung der Heilpädagogik
4.1 Gegenüberstellung von Erziehung – Bildung – Heilung
4.2 Von der Herleitung des „Anormalen“ aus dem „Normalen“
4.3 Zusammenfassung

5. Die Normalitätstheorie aus konstruktivistischer Sicht

6. Resümee

Literatur

1. Einleitung

Eines der spannendsten Themen im Bereich der Sonder-/Heil- und Behindertenpädagogik ist die vieldiskutierte und komplexe Frage nach „Normalität“. In verschiedenen anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Philosophie, Soziologie, Geschlechterforschung, Medizin wurde diese Thematik ebenfalls aufgegriffen. Abgesehen von den Schwierigkeiten, eine einheitliche, statische, allgemeingültige Definition für den Begriff „Normalität“ zu finden, ist es vor allem eine ethisch-sensible Frage mit praktischen Auswirkungen, wie z.B. der, dass Menschen aufgrund von Eigenschaften oder unterschiedlichen Entwicklungen, Stigmata, mit einem Etikett versehen werden, welches sie in einen Bereich am Rande der Gesellschaft platziert, also ausserhalb dessen, was allgemein als „Normal“ bezeichnet wird. Hierbei stellt die praktizierte Rassenhygiene im 2. Weltkrieg eines der extremsten Ausmaße kultureller bzw. individueller Ausgrenzung und Vernichtung unserer Weltgeschichte dar. Die radikale allumfassende Kategoriesierung jener Zeit in „normal“ und „abnormal“ führte nach dem Ende des Nationalsozialismus in Deutschland zu einer heilpädagogischen / sonderpädagogischen Tabuisierung dieser Begrifflichkeiten. Jedoch war und ist der Terminus „normal“, oder Bezeichnungen, die alles außerhalb des „Normalen“ beschreiben, bis in die heutige Zeit nicht wegzudenken.

Vor allem in den letzten drei bis vier Jahrzehnten wurde das Thema wieder verstärkt politisch aufgegriffen, später dann wissenschaftlich untersucht und diskutiert. Ein erster allgemeingesellschaftlicher und wissenschaftstheoretischer Umriss von „Normalität“ gelang dem Literaturwissenschaftler und Interdiskurstheoretiker Jürgen Link in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Für die Sonderpädagogik jedoch ist vor allem die Theorie des Konstruktivismus von Bedeutung, um Behinderung als einen Teil des gesellschaftlich „nicht Normalen“ ausfindig zu machen und dann determinieren zu können, um Ausgrenzung entgegenzusteuern.

In unserer Arbeit möchten wir uns mit der Theorie des Begriffes Normalität, seiner Entwicklung und Verwendbarkeit, speziell für den Bereich der Sonderpädagogik auseinandersetzen. Dafür nehmen wir Einblick in die Diskussion der Begrifflichkeiten Anfang des vorigen Jahrhunderts, in die Auseinandersetzung mit Normalität und Behinderung auf konstruktivistischer Ebene und versuchen, mögliche Bezüge zur wissenschaftstheoretischen Aufarbeitung durch Jürgen Link herzustellen. Als Orientierung diente uns die Frage, inwieweit sich Grenzen von Normalität im Bereich der Sonder- (früher Heil-/Behindertenpädagogik) verändert haben und wie dies die Stellung von Menschen mit Beeinträchtigungen innerhalb der Gesellschaft beeinflußte.

In unserer historischen Analyse beziehen wir uns auf zwei weniger populäre Wissenschaftler der Heilpädagogik des beginnenden 20. Jahrhunderts, auf Linus Bopp und Karl Heinrichs. Wir haben diese beiden Diskursvertreter für unsere Arbeit gewählt, da sie sich in etwa zeitgleich (als deutsche Wissenschaftler, während der Vorkriegszeit) mit der Normalismusfrage der Heilpädagogik befassten und doch aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln die o. g. Thematik interpretierten.

Zu Beginn wollen wir uns im nachfolgenden Kapitel mit der Entwicklung der Normalitätstheorie von Link und deren Verwendung im Bereich der Sonderpädagogik / Heilpädagogik auseinandersetzen.

2. Normalismus nach Jürgen Link

In diesem Kapitel möchten wir einige Aspekte der Normalismustheorie von Jürgen Link darstellen, die uns bei der Verwendung in der vorliegenden Untersuchung für den Vergleich mit anderen Texten sinnvoll erscheinen. Wir beziehen uns auf diese Theorie, da sie aus unserer Sicht die grundlegendste theoretische Aufarbeitung zur Normalitäts- Thematik darstellt.

Seine Theorie ist nicht bezogen auf „die Geschichte spezieller Normalitäten“ (vgl. Link 2006, 21). Er untersucht Normalität als allgemeingesellschaftliche Querschnittskategorie und bezeichnet seine Arbeit selbst als „prägnante kulturwissenschaftliche Analyse und kulturwissenschaftliche Rekonstruktion“ (vgl. ebd.).

Nach Link ist die Frage und das Streben nach dem Normalen ein Kennzeichen der industrialisierten, westlichen Zivilgesellschaft, beginnend im 18. Jahrhundert.

Mit Normalismus bezeichnet er den „eng vernetzten Komplex aus diskursiven Konzepten und Modellen. Dieser Komplex umfaßt sowohl spezialdiskursive (wissenschaftliche) als auch praktisch-gesellschaftliche Verfahren der „Normalisierung“ - im Sinne des Normal- Machens, der Produktion und Reproduktion von Normalitäten.“(vgl. ebd., 20).

2.1 Diskursanalyse

Zunächst erarbeitete Link eine Typologie der Diskurse über Normalität. Er traf Unterscheidungen zwischen Elementar-, Spezial-, und Interdiskurs (ebd., 19) und setzt diese innerhalb des grossen gesellschaftlichen Normalisierungskomplex zueinander in Beziehung (ebd., 20).

Im Spezialdiskurs finden Normalismus- bezogene Termini für ein spezielles wissenschaftliches Fachgebiet und seine spezialisierten Fachleute Anwendung. Innerhalb dieses Fachdiskurses wiederum werden mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden fachspezifische Normalitäten produziert. Dazu gehören einerseits sämtliche statistische Verfahren, die Erarbeitung eines statistischen Durchschnitts und seiner Abweichungen. Dazu gehören andererseits aber auch Methoden der Normalisierung, der Anpassung von Abweichendem an Durchschnittliches eines Fachgebietes, z.B. Therapie in Medizin oder Psychologie.

Im Interdiskurs werden diese spezifischen Normalitäten aufgegriffen, verarbeitet und in gesellschaftlich- kulturelle Vorstellungen als Querschnittkategorie integriert. Normalismusrelevante Begriffe werden in einer allgemeinverständlichen Sprache dargestellt, miteinander verglichen und voneinander abgegrenzt. Spezifisches Fachwissen über Normalität und Abweichung wird auf allgemeinverständlicher Basis zum Ausdruck gebracht. Der Interdiskurs enthält somit sowohl Komponenten des Elementar- als auch des Spezialdiskurses.

Als Elementardiskurs bezeichnet Link den alltäglichen Umgang mit Begriffen wie normal oder unnormal. Sie werden als subjektive Wertung oder beschreibender Ausdruck eines angenommenen allgemeinen Verständnisses (Genaueres siehe 2.2) verwendet, ohne näher abgegrenzt, genau definiert oder beschrieben zu werden. Als grundlegende Orientierungen dienen nach Link die im Spezial- und Interdiskurs produzierten kulturell-querschnittkategorialen Vorstellungen (Link2006, 20).

2.2 Normalität und Normativität

Nach Link besteht eine grundlegende Unterscheidung im Verständnis von Normalität und Normativität, welche jedoch in den Diskursen teilweise vermischt oder ignoriert wird und infolgedessen, wie z.B. im Bereich der Sonderpädagogik, zu Missverständnissen führen kann (s.ebd., 33-35).

Normativität könnte auch als vorschreibende Regelhaftigkeit bezeichnet werden. Norm gilt als Handlungsregel, gegen deren Verstöße Sanktionen eingeleitet werden können, ist also ein juristisch oder ethisch relevanter Begriff. Abweichungen können als Normbruch oder Normverstoß bezeichnet werden. Normen dienen der Aufrechterhaltung von Werten, welche dem menschlichen und zwischenmenschlichen Handeln beigemessen werden. Normative Aussagen können also direkt oder indirekt bewertende Urteile über das Handeln von Subjekten beinhalten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Normalität und ihre Grenzen
Untertitel
Ein dynamisches Spannungsfeld in der Sonderpädagogik
Hochschule
Universität Erfurt  (Sonder- und Sozialpädagogik)
Veranstaltung
Allgemeine Sonderpädagogik
Note
1,0
Autoren
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V123195
ISBN (eBook)
9783640289004
ISBN (Buch)
9783640289233
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit liefert eine sehr beeindruckende und aufschlussreiche Auseinandersetzung mit verschiedenen wissenschaftlichen Theorien des Begriffs "Normalität", seiner historischen Entwicklung und Verwendbarkeit.
Schlagworte
Normalität, Grenzen, Allgemeine, Sonderpädagogik
Arbeit zitieren
Ariane Wolfram (Autor:in)Katharina Köber (Autor:in), 2008, Normalität und ihre Grenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123195

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