Kindheitskonzepte in der Literatur des hohen und späten Mittelalters


Magisterarbeit, 2004
80 Seiten, Note: 2,75

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kindheit

3. Ariès’ Thesen

4. Der epische Kindheitsdiskurs
4.1. Häufige Funktionen von epischen Kindheitsgeschichten und das literarische Muster des hero pattern
4.2. ‚Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht’
4.2.1. Autor und Werk
4.2.2. Die Kindheitsdarstellung von Alexander
4.2.3. Züge des hero pattern im Alexanderlied
4.2.4. Alexanders Kindheitsdarstellung und die Thesen von Ariès
4.3. ‚Kudrun’
4.3.1. Autor und Werk
4.3.2. Die Kindheitsgeschichte von Hagen
4.3.3. Züge des hero pattern in der Kindheitsgeschichte von Hagen
4.3.4. Kindheitsdarstellung in der ‚Kudrun’ und die Thesen von Ariès
4.4. ‚Parzival’ von Wolfram von Eschenbach
4.4.1. Autor und Werk
4.4.2. Die Kindheitsgeschichte von Parzival
4.4.3. Züge des hero pattern in der Kindheitsgeschichte von Parzival
4.4.4. Kindheitsdarstellung im ‚Parzival’ und die Thesen von Ariès

5. Pädiatrischer Kindheitsdiskurs
5.1. Der Fürstenspiegel des Aegidius Romanus
5.1.1. Zum Autor und Werk
5.1.2. Kindheit in ‚De regimine principum’
5.1.3. Diskussion

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ein Bewusstsein für Kindheit hat es im Mittelalter nicht gegeben. Zu dieser Erkenntnis kommt Philippe Ariès in seinem 1975 veröffentlichten Buch ‚Geschichte der Kindheit’[1].

In einer beinahe 600 Seiten umfassenden Abhandlung untersucht er die soziale, rechtliche und kulturelle Entwicklung der Familie und der Erziehung aus der Sicht eines Historikers und Soziologen. Er betrachtet dabei den Zeitraum vom 13. bis zum 19. Jahrhundert. Aufgrund von Untersuchungen, die er hauptsächlich an bildlichen und ikonographischen Darstellungen vornimmt, schließt er auf die historische Wirklichkeit und konstatiert: 1. Im Mittelalter hat es kein Bewusstsein für Kindheit als eigenen Lebensabschnitt gegeben (vgl. Ariès, Kindheit, S. 93). 2. Der mittelalterliche Mensch hat keine bewusste Wahrnehmung für kindliche Besonderheiten gehabt, die das Kind vom Erwachsenen unterscheidet (vgl. ebd., S. 209). 3. Es gab im Mittelalter keine emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern (vgl. ebd., S. 98). 4. Die mittelalterliche Gesellschaft hatte keine Vorstellung von Erziehung und war sich nicht bewusst, dass man Kinder erziehen muss (vgl. ebd., S. 559-561).

Die Thesen von Philippe Ariès gelten allgemein als widerlegt, und ihnen ist besonders von Historikern widersprochen worden. Hier sei stellvertretend der Historiker und Soziologe Klaus Arnold genannt, der das Thema Kindheit anhand von archäologischen Funden, ikonographischen Quellen, Fachliteratur, Urkunden und Chroniken untersucht hat. In seinem Aufsatz ,Kindheit im europäischen Mittelalter’[2] vertritt er die Meinung, dass die bildliche Darstellung von Kindheit kaum als Abbild der Realität angesehen werden könne. Sie besitze, da sie häufig in religiösem Zusammenhang entstanden sei, nahezu ausschließlich normativen Charakter. Die Art der Darstellung habe erheblich zur Fehleinschätzung beigetragen, das Kind sei im Mittelalter nur als ein verkleinerter Erwachsener gesehen worden. Auch aus literaturwissenschaftlicher Sicht sind die Behauptungen von Philippe Ariès fragwürdig und zu prüfen.

Folgende Magisterarbeit ist ein Versuch, herauszuarbeiten, ob die von Ariès vertretenen Thesen auch unter Berücksichtigung von volkssprachlicher Literatur des hohen und späten Mittelalters haltbar sind oder ob sich anhand der vorliegenden Texte vielleicht ein anderes Bild für das Kindheitsverständnis dieser Epoche zeigt. Interessant ist zu betrachten, welche Schlussfolgerungen - im Sinne einer historischen Anthropologie - man aus den Texten für das Kindheitsverständnis dieser Zeit ziehen kann.

Um die Thesen von Ariès zu überprüfen, sollen in der vorliegenden Magisterarbeit Kindheitsgeschichten in der deutschen Literatur des hohen und späten Mittelalters untersucht werden. Als Untersuchungsgegenstände dienen drei fiktive Texte und eine pädagogische Schrift des Mittelalters. Im Einzelnen sind dies: ‚Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht’[3] in der Straßburger Fassung, das Heldenepos ‚Kudrun’[4], das höfische Versepos ‚Parzival’[5] von Wolfram von Eschenbach und eine Übersetzung des zweiten Buches des Fürstenspiegels ‚De regimine principum’ des Priesters und Philosophen Aegidius Romanus mit dem Titel ‚Von der Sorge der Eltern für die Erziehung ihrer Kinder’[6]. Dabei können die Texte nur exemplarisch verstanden werden.

Im Rahmen eines epischen und eines pädiatrischen Kindheitsdiskurses soll betrachtet werden, ob und wie Kindheit und Kindlichkeit in Texten des hohen und späten Mittelalters von den einzelnen Autoren thematisiert werden. Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: Um eine theoretische Grundlage zu geben, wird zunächst kurz der Begriff Kindheit erläutert und näher definiert. Danach werden die Thesen von Ariès im Einzelnen genauer vorgestellt, und anschließend wird das so genannte hero pattern dargelegt, das laut Uwe und Gunhild Pörksen als literarisches Muster charakteristisch für epische Kindheitsgeschichten ist.[7]

Daraufhin folgt eine detaillierte Vorstellung der epischen Kindheitsgeschichten – vorangestellt werden jeweils Informationen zu Autor und Werk. Unter Berücksichtigung des hero pattern wird für jeden Text herausgearbeitet, inwiefern er Aussagen enthält, die für die Beurteilung des damaligen Kindheitsbildes in Bezug auf Ariès’ Thesen relevant sind. Nach Einführung in die Texte zeigt eine Analyse, ob die Thesen von Ariès haltbar sind oder ob die vorgestellten Kindheitsgeschichten diesen widersprechen.

Im Anschluss wird die pädagogische Schrift von Aegidius Romanus vorgestellt und im Hinblick auf die Thesen von Ariès untersucht. In einem Schlusswort zeigt sich, welche Erkenntnis man abschließend für das Kindheitsverständnis des Mittelalters aus den Texten ableiten kann.

2. Kindheit

Der Begriff Kindheit ist nicht ganz unproblematisch, da es unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, welchen Zeitraum die Kindheit im Leben eines Menschen umfasst. Im engeren Sinne ist die Kindheit „der erste Lebensabschnitt im menschlichen Lebenslauf vor Jugend und Erwachsenwerdung“[8]. Gemeint sind damit die Jahre von der Geburt bis zum siebten Lebensjahr. Einige pädagogische Wörterbücher hingegen fassen Kindheit als den Zeitraum von der Geburt bis zum Beginn der Geschlechtsreife auf.[9] Hier ist ungefähr das Alter bis zum 14. Lebensjahr gemeint.

Im Fürstenspiegel von Aegidius Romanus wird Kindheit in zwei Phasen aufgeteilt, die jeweils sieben Jahre betragen. Die Phase der Kindheit schließt dort ebenfalls mit 14 Jahren ab. Es wird zwischen der Infantia, dem Kleinkindalter, und der Pueritia ’, dem Knabenalter, eines Kindes unterschieden.

In der mittelalterlichen volkssprachlichen Literatur wird Kindheit laut Ariès auch nicht einheitlich aufgefasst. Manche Autoren verstehen Kindheit als die Lebensphase bis zum Alter von etwa sieben Jahren, also entsprechend der Infantia, in anderen Fällen wird aber auch die Pueritia mit eingeschlossen. Manchmal ist auch die Adoleszenz, die vom 14. bis zum 21. Lebensjahr reicht, unter dem Begriff Kindheit mit einbezogen. Kindheit definiert sich dann, in Abgrenzung an die Bezeichnung vir, als einwesentlich längerer Zeitraum. Kindheit ist somit ein sehr ungenauer Begriff, der sich bis zum 18. Jahrhundert mit dem der Adoleszenz vermischt. Im Schullatein verwendete man unterschiedslos die Begriffe puer und adolescens nebeneinander (vgl. Ariès, Kindheit, S. 82).

Agnes Geering sagt in Bezug auf die Dauer von Kindheit:

Schwierig ist es, die richtige Grenze für Kindheit zu ziehen, da das Wort ‚kint’ im Mittelhochdeutschen einen viel weiteren Begriff ausdrückt als heute und der junge Mann wie die Jungfrau häufig noch Kind genannt werden. Die Jahre der Kindheit im engeren Sinne schwanken zwischen sieben und zwölf, aber viel später erst geschah die Wehrhaftmachung, aus der sich die swertleite, der Ritterschlag, im Fortgang des Mittelalters entwickelte.[10]

Bis zu dieser Grenze, also bis zur Schwertleite bzw. im Fall Parzivals bis zum Abschluss seiner Ausbildung bei Gurnemanz, soll im Folgenden die Kindheitsund Jugendgeschichte der Helden verfolgt werden.

3. Ariès’ Thesen

Nachstehend werden die Thesen, die in der Einleitung kurz erwähnt wurden, im Einzelnen vorgestellt und mit Textstellen belegt.

These 1

Ariès stellt fest, im Mittelalter habe es kein Bewusstsein für Kindheit als eigenen Lebensabschnitt gegeben.

Er begründet seine Aussage so:

Bis zum 17. Jahrhundert kannte die mittelalterliche Kunst die Kindheit entweder nicht oder unternahm doch jedenfalls keinen Versuch, sie darzustellen. Es fällt schwer zu glauben, daß diese Tatsache der Ungeschicklichkeit oder Unfähigkeit der Künstler zuzuschreiben ist. Man sollte eher annehmen, daß in jener Welt kein Platz für Kindheit war. [...] Mit den anderen hellenistischen Themen verschwand auch die Kindheit aus der Ikonographie, und wie schon die archaischen Epochen vor dem Hellenismus, so weigerte sich auch die Romantik, der Kindheit spezielle Merkmale zuzugestehen. [...] Das bedeutet zweifellos, daß die Menschen des 10. und 11. Jahrhunderts dem Bild von der Kindheit keine Beachtung schenkten, daß es für sie kein Interesse, ja nicht einmal Realität besaß. (Ariès, Kindheit, S. 92f.)

Ariès folgert daraus:

Das legt den Gedanken nahe, daß Kindheit nicht nur in der ästhetischen Darstellung, sondern auch in der Lebenswirklichkeit nur eine Übergangszeit war, die schnell vorüberging und die man ebenso schnell vergaß. (ebd.)

These 2

Ariès behauptet weiter: Der mittelalterliche Mensch hat keine bewusste Wahrnehmung für kindliche Besonderheiten gehabt, die das Kind vom Erwachsenen unterscheiden.

Die mittelalterliche Gesellschaft, die wir zum Ausgangspunkt gewählt haben, hatte kein Verhältnis zur Kindheit; das bedeutet nicht, daß die Kinder vernachlässigt, verlassen oder verachtet wurden. Das Verständnis für die Kindheit ist nicht zu verwechseln mit der Zuneigung zum Kind; es entspricht vielmehr einer bewußten Wahrnehmung der kindlichen Besonderheiten, jener Besonderheit, die das Kind vom Erwachsenen kategorial unterscheidet. Ein solches bewußtes Verhältnis zur Kindheit gab es nicht. Deshalb gehörte das Kind auch, sobald es ohne die ständige Fürsorge seiner Mutter, seiner Amme oder seiner Kinderfrau leben konnte, der Gesellschaft der Erwachsenen an und unterschied sich nicht länger von ihr. (ebd., S. 209)

These 3

Aus der Schrift von Ariès lässt sich eine dritte These ableiten: Es gab im Mittelalter keine emotionale Bindung zwischen Eltern und Kindern. Als Grund dafür gibt Ariès an: Man konnte sich nicht zu sehr an etwas binden, was man aufgrund einer sehr hohen Kindersterblichkeitsrate als potentiellen Verlust betrachtete (vgl. ebd., S. 98).

These 4

Viertens behauptet Ariès, die mittelalterliche Gesellschaft habe keine Vorstellung von Erziehung gehabt, und erst mit dem 17. Jahrhundert entwickelte sich ein Verständnis dafür, dass Erziehung bei Kindern notwendig ist:

Die mittelalterliche Zivilisation hatte die paideia der Alten vergessen und wußte nichts von der Erziehung der Modernen. Dies ist das wesentliche Faktum: sie hatte keine Vorstellung von Erziehung. Heute hängt unsere Gesellschaft vom Erfolg ihres Erziehungssystems ab und weiß dies. Sie hat ein Erziehungssystem, eine bestimmte Vorstellung von Erziehung und ist sich ihrer bewußt. [...] Unsere Welt ist von den physischen, moralischen und sexuellen Problemen der Kindheit geradezu besessen. Ein derartiges Interesse kannte die mittelalterliche Kultur einfach nicht, weil es aus ihrer Sicht überhaupt keine Probleme gab: das Kind nahm sofort nach der Entwöhnung oder wenig später ganz selbstverständlich seinen Platz an der Seite der Erwachsenen ein. [...] Man stellte nun [gemeint ist das 17. Jahrhundert] fest, daß das Kind nicht für das Leben reif ist, daß man es einer speziellen Einflußnahme [...] unterwerfen mußte, ehe man es in die Welt der Erwachsenen entläßt. (ebd., S. 559-561)

4. Der epische Kindheitsdiskurs

4.1. Häufige Funktionen von epischen Kindheitsgeschichten und das literarische Muster des hero pattern

Bevor man die epischen Kindheitsgeschichten vorstellt und in Bezug auf die Thesen von Ariès untersucht, muss man zunächst erwähnen, dass es sich bei vielen Kindheitsgeschichten in mittelhochdeutschen Epen nicht um Texte handelt, deren Inhalt historische Fakten wiedergibt, sondern um fiktive Geschichten. Diese weichen teilweise sehr von ihren ursprünglichen Quellen ab und sind oftmals spätere Zusätze bereits bestehender Heldengeschichten (vgl. Pörksen, Geburt, S. 276). Die Kindheitsgeschichte von Kudruns Großvater Hagen wurde z.B. nachträglich dem Epos ‚Kudrun’ zugefügt und ohne eine konkrete Vorlage gedichtet.[11] Die Kindheitsgeschichte von Parzival wurde von Wolfram von Eschenbach frei von seiner ursprünglichen Quelle gestaltet.[12] Bei der Jugendgeschichte von Alexander liegt der Fall etwas anders. Dieser Text ist nicht rein fiktiv, da es sich beim Alexanderlied um einen Antikenroman handelt. Das heißt, der Text ist nicht frei erfunden, sondern sein Stoff ist aus der Geschichte entnommen. Er basiert auf historischen Fakten, wurde aber mediaevalisiert, d.h. an mittelalterliche Verhältnisse angepasst. Dadurch werden historische Fakten mit fiktiven Elementen vermischt.[13] Die Kindheitsund Jugendgeschichte von Alexander ist zwar an die historische Biographie des Helden angelehnt, in die Geschichte wurden aber sagenhafte Elemente, z.B. Wunder, die Alexanders Geburt begleiten u.Ä. literarisch eingebaut. Es handelt sich somit um einen pseudohistorischen Roman, dem viele fiktionale Elemente eingeschrieben wurden.

Da die Texte größtenteils fiktiv sind oder zumindest fiktive Elemente enthalten und dazu oftmals erst später an die Heldengeschichte angefügt wurden, kann man sich fragen, aus welchem Grund die Texte geschaffen wurden. Uwe und Gunhild Pörksen formulieren in ihrem Aufsatz ‚Die ‚Geburt’ des Helden in mittelhochdeutschen Epen und epischen Stoffen des Mittelalters’ diesbezüglich die Vermutung, dass die Kindheitsgeschichten verfasst wurden, weil sich die Frage nach der Herkunft des Helden stellt, wenn jemand als solcher hervortritt (vgl. Pörksen, Geburt, S. 276): „Die Helden der mittelalterlichen Literatur sprengen das normale irdische Maß und bedürfen einer Erklärung.“ (ebd.) Otto Rank äußert sich ähnlich: „Der Anstoß dazu ist offenbar das Staunen über die Erscheinung des Helden, dessen außergewöhnlichen Lebensgang sich das Volk nur von einer so wundersamen Kindheit eingeleitet denken kann.“[14] Agnes Geering bestätigt diese Vermutung in ihrer Betrachtung ‚Die Figur des Kindes in der mittelhochdeutschen Dichtung’. Sie stellt fest, dass die Kinder und ihre Geschichten in der epischen Literatur häufig eine Aufgabe übernehmen.

Mit [einem] sich allmählich steigernden Interesse an dem Entwicklungsgang des Menschen gewinnt das Kind in der Literatur eine ganz neue Bedeutung; es dient der Dichtung nicht [...] als bloßer Schmuck, sondern wird zu einem notwendigem Bestandteil des Ganzen, indem die spätere Geschichte des Helden von seiner Kindheit abhängig wird und nur eine Übersicht über seinen ganzen Entwicklungsgang das rechte Verständnis für ihn gewähren kann.[...] Meist entspricht dem Übeltäter ein böses Kind, dem Heiligen meist ein heiliges, dem Herrscher oder Kämpfer meist ein Wunderkind. (Geering, Figur, S. 2)

Auch für U. und G. Pörksen haben die Kindheitsgeschichten in mittelhochdeutschen Epen eine erzählerische Funktion. Als übereinstimmende Funktion von Kindheitsgeschichten nennen sie: (1) Legitimation des Helden aus seiner Herkunft; (2) Zug der Antizipation; (3) Aufweisen der Besonderheit des späteren Helden durch ungewöhnliches Aufwachsen und (4), umgekehrt, Aufwertung des Helden durch seine, dem Stoff oft erst später zugefügten Jugendgeschichte (vgl. Pörksen, Geburt, S. 259- 276). Die Kindheitsgeschichten in epischen Stoffen werden also häufig für den Fortgang der Geschichte funktionalisiert.

Es scheint nicht nur so, als hätte die überwiegende Anzahl von Kindheitsgeschichten eine bestimmte Aufgabe für die Gesamtgeschichte, sondern darüber hinaus lässt sich aktuellen Forschungsergebnissen zufolge feststellen, dass die Kindheits- und Jugendgeschichten der Helden in mittelhochdeutschen Epen und epischen Stoffen des Mittelalters immer nach einem ähnlichen Muster gestaltet werden.[15] Parallelen im Aufbau von Heldenviten, gerade in Bezug auf die Kindheit und Jugend, wurden in der Forschung früh erkannt. Dies hat dazu geführt, dass unter anderem Johann Georg Hahn 1876 in seinen ‚Sagwissenschaftlichen Studien’[16] ein Schema erstellt hat, in dem er griechische, persische, indische, römische und germanische Heldenviten vergleichend einander gegenüberstellte. Dabei hat er 13 charakteristische Züge im Leben von Helden erkannt und die Feststellung gemacht, dass sich zwar nicht in jeder Heldenvita alle 13 Züge wiederfinden, dass es dennoch aussieht, als läge den Heldenviten ein archetypisches Muster zugrunde. Zu ähnlichen Ergebnissen ist 1934 Lord Raglan bei seiner Untersuchung an antiken Heldenviten gekommen. In seinem Aufsatz ‚The Hero of Tradition’[17] hat auch er „certain types of incidents“ (ebd., S. 212) festgestellt, die sich in beinahe allen Geschichten wiederfinden. Er entwarf das so genannte hero pattern, ein Schema, welches 22 immer wiederkehrende Motive enthält. 1980 haben sich Gunhild und Uwe Pörksen die Forschungsergebnisse von Lord Raglan zunutze gemacht, wobei sie sein hero pattern speziell auf die Kindheitsund Jugendgeschichten mittelalterlicher Helden anwandten und abwandelten. Sie haben bei ihren Untersuchungen an mittelhochdeutschen Epen und epischen Stoffen des Mittelalters herausgefunden, dass sich in den von ihnen untersuchten Texten häufig die folgenden elf Motive und Motiv- Verknüpfungen zeigen. Die Kindheitsgeschichten beinhalten oft:

die (in der Regel) hohe Abkunft [des Helden] (1), die ungewöhnliche Zeugung [des Helden] (2), Träume und Weissagungen [in Bezug auf die Geburt des Helden] (3), verborgene Geburt [des Helden] (4), Verwaisung [des Helden] (5), Gefahren im frühesten oder späteren Kindesalter (6), wunderbare Rettung [des Helden] (7), Aufwachsen [des Helden] in ungemäßer Umgebung (8), Offenbarung von Tugenden (und Untugenden) (9), entscheidendes Hervortreten [des Helden] (10), Erfahren von Namen und Herkunft (11). (Pörksen, Geburt, S. 263) U. und G. Pörksen bemerken, dass es sich auch bei ihrem Heldenschema um ein sehr variables handelt und dass sich nicht in jeder Kindheitsgeschichte alle Züge wiederfinden. Alle Züge des hero pattern haben „als gemeinsamen Nenner [...] auf die Besonderheit des Helden und auf seine besondere Bestimmung hinzuweisen“(ebd., S. 276).

Daraus kann man ableiten, dass, wenn mittelalterliche Kindheitsgeschichten Elemente des hero pattern enthalten, diese oft funktionalisiert werden, um die Außergewöhnlichkeit des Helden und seiner Vita zu profilieren. Somit wird in diesen Geschichten selten eine gewöhnliche Kindheit beschrieben, sondern im Normalfall eine Kindheit, die sich von konventionellen Kindheitsverläufen abhebt.

Anja Russ stellt ihrem Buch ‚Kindheit und Adoleszenz in den deutschen Parzivalund Lancelot-Romanen’ heraus, dass „das ‚hero-pattern’ [...] keine Hinweise auf den Eigenwert geben [kann], den die Kindheit im jeweiligen Werk hat“ (Russ, Kindheit, S. 307). Im Gegenteil: „Eine [...] Leistung des ‚hero pattern’ besteht darin, dass der Aufweis des archetypischen Musters zur überzeugenden Distanzierung von dem Verständnis von Kindheitsgeschichten als Abbild historischer Realität beiträgt.“ (Russ, Kindheit, S. 305)

Folgendes muss man also bedenken, wenn man die Thesen von Ariès unter Hinzuziehung epischer Kindheitsgeschichten überprüfen möchte: Wenn der Erzähler bei der Gestaltung einer Kindheitsgeschichte ausschließlich Motive des hero pattern nutzt, deren gemeinsamer Nenner ja ist, die Außergewöhnlichkeit eines Kindes und seiner Vita zu profilieren, erhält man oft keine realistische Kindheitsdarstellung, sondern man bekommt die Geschichte eines Kindes präsentiert, das sich von anderen Kindern unterscheidet und abhebt. Diese Kindheitsgeschichten sind dann nicht unbedingt brauchbar, um ein neutrales Bild für das Kindheitsverständnis im Mittelalter zu erhalten, weil sie kein Abbild der historischen Realität sind. Aus diesem Grund muss man bei der Untersuchung der Kindheitsgeschichten insbesondere darauf achten, ob neben den Elementen des Heldenschemas noch Beschreibungen zur Kindheit vorhanden sind oder ob dem hero pattern in Bezug auf Kindheit zusätzlich etwas eingeschrieben ist. Dies ist wichtig, weil sich die Thesen von Ariès gerade nicht durch den Nachweis des mythologisch-literarischen hero pattern widerlegen lassen, sondern nur durch das, was der Leser oder der Zuhörer zusätzlich über die Kindheit des Helden erfährt.

Es soll in den folgenden Texten untersucht werden, ob auch diese epischen Kindheitsdarstellungen Merkmale des sonst allgemein typischen Heldenschemas aufweisen und ob dem hero pattern zusätzliche Aussagen bezüglich Kindheit eingeschrieben sind. Denn wie gesagt, geben nur die Aspekte in der Kindheitsdarstellung, die nicht funktionalisiert sind, um zur Verherrlichung des Helden beizutragen oder um den erwachsenen Heros zu erklären, Aufschluß darüber, wie das tatsächliche Kindheitsverständnis im Mittelalter gewesen sein könnte.

Im Folgenden sollen die Kindheitsgeschichten von Alexander, Hagen und Parzival vorgestellt werden. Im Vordergrund soll die Frage stehen, ob sich in den Texten Indizien finden lassen, die eventuell die Thesen von Ariès bestätigen oder diesen widersprechen.

4.2. ‚Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht’

4.2.1. Autor und Werk

Zum Autor[18]

Über den Autor des ältesten deutschen Alexanderromans ist wenig Biographisches bekannt, jedoch wird sein Leben auf die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert. Zu seinem Stand gibt er im Eingangsgebet seiner fragmentarischen ‚Tobias’ -Dichtung und im ‚Alexanderlied’ selbst Auskunft. Im vierten Vers heißt es: „iz tihte der paffe Lamprecht“ (AL 4) Die Bezeichnung „paffe“ (ebd.) weist ihn als einen lateinisch Gebildeten am Hofe aus. Lamprecht gilt als der erste deutsche Dichter, der sich mit der Rezeption antiker Stoffe beschäftigte. Aufgrund seiner moselfränkischen Mundart wird vermutet, dass er aus dem Trierer oder Kölner Raum stammte.

Zum Werk

Der erste mittelalterliche volkssprachliche Alexanderroman ist der von Alberich von Bisaçon in Altfranzösisch abgefasste ‚Roman d’Alexandre’. Er erschien um etwa 1120 und geht auf eine lateinische Bearbeitung des griechischen Alexanderromans aus dem Jahr 300 n.Chr. zurück. Um 1155/60 wurde der ‚Roman d’Alexandre’, von dem nur 105 Verse erhalten sind, durch den Pfaffen Lamprecht aus dem Provenzalischen in moselfränkischem Dialekt ins Deutsche übertragen. Im Original erhalten ist das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht nicht. Es gibt jedoch drei Bearbeitungen. Nach ihren Aufbewahrungsorten unterschieden werden: der ‚Vorauer Alexander’, der ‚Straßburger Alexander’ und der ‚Basler Alexander’. Das Alexanderlied in der Straß- burger Fassung soll, weil es die einzige vollständige Fassung des Textes ist, in dieser Arbeit untersucht werden.

Der ‚Straßburger Alexander’ stammt etwa aus dem Jahr 1187 und ist in einer rheinfränkisch-hessischen Handschrift enthalten. Er gilt als der älteste vollständige Alexanderroman in deutscher Sprache, umfasst 7330 Reimpaarverse und ist, verglichen mit dem ‚Vorauer Alexander’, in Bezug auf Sprache und Metrik modernisiert. Inhaltlich verfolgt er die biographische Struktur der Alexandergeschichte und lässt sich in folgende Abschnitte gliedern:

Die Jugendgeschichte (Vers 37-508), welche für diese Arbeit relevant sein wird, den Perserkrieg (durch eine Lücke im Text erst ab Vers 959-4057), den Krieg gegen Porus (Vers 4058-4761), die Orientabenteuer (Vers 4762-6596), den Paradieszug und die Umkehr, die Friedensherrschaft und den Tod (Vers 6597-7278) sowie den Epilog (Vers 7279-7302).

Lamprechts Alexander hat kaum gewirkt, was sich daran zeigt, dass sich die späteren Alexanderromane auf lateinische Quellen und nicht auf Lamprecht stützen. Dennoch hat er eine Bewegung zur Rezeption der Alexanderromane in Gang gesetzt.

Es gibt eine Reihe weiterer deutscher Bearbeitungen des Alexanderstoffes, die allerdings nicht auf das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht, sondern direkt oder indirekt auf die Tradition der beiden lateinischen Übertragungen des griechischen Alexanderromans und auf eine Bearbeitung von Quintus Curtius Rufus zurückgehen. Genannt seien hier das Fragment ‚Alexander’ von Rudolf von Ems, begonnen um 1235/1240, ‚Alexander’ von Ulrich von Etzenbach (um 1284), ‚Alexander’ von Seifrit (vollendet vor 1397), der ‚Große’ oder ‚Werningeroder Alexander’ (vollendet vor 1397), die Prosafassungen ‚Großen Seelentrost’ aus dem 14. Jh. der ‚Alexander’ (um 1400) von Meister Wichwolt und ‚Alexander’ von Johannes Hartlieb (nach 1450). Neben dem Alexanderlied existiert vom Pfaffen Lamprecht noch das Gedicht ‚Tobias’, welches um 1135/40 entstanden ist.

4.2.2. Die Kindheitsdarstellung von Alexander

Die Kindheitsgeschichte von Alexander ist in mehrere Einheiten unterteilt und reicht von Vers 37–508. Sie beginnt mit einer Darstellung über seine Herkunft. Dann folgen jeweils eine Episode über seine Geburt, sein Äußeres und sein Wesen, seine Ausbildung und Erziehung und die so genannte Buzival-Episode, in deren Anschluss er die Schwertleite erhält und somit erwachsen ist.

Die Herkunft des Helden

Bevor die Schilderung der Kindheitsund Jugendgeschichte Alexanders beginnt, wird vom Erzähler zunächst der spätere Herrscher Alexander vorgestellt.

Im Prolog, in dem der Verfasser zunächst seine Treue gegenüber der Vorlage von Alberich von Bisaçon beteuert, sowie in den dann folgenden Zeilen wird Alexander als kluger und erfolgreicher Eroberer beschrieben. Aus Authentizitätsgründen belegt der Erzähler seine Behauptungen mit einer Textstelle aus dem Buch der Makkabäer, in dem das Leben und Wirken Alexanders bezeugt ist. Verhältnismäßig umfangreich wird die Einzigartigkeit des Herrschers Alexanders des Großen hervorgehoben. Von Alexander wird gesagt, dass ihm „ne gelîche nehein ander“ (AL 48). Niemand sei so „rîche“ (AL 40) gewesen, habe in Schlachten oder Kämpfen so viele Länder gewonnen und Könige bezwungen oder so viele Herzöge und Fürsten erschlagen (vgl. AL 41-46) wie der „wunderlîche“ (AL 47) Alexander. Mit dieser Bemerkung wird der Herrscher, der gleichermaßen über kämpferische Vollkommenheit, Tapferkeit und Weisheit verfügt, auch als wilder und gewalttätiger Mensch beschrieben, wobei dieser Aspekt aber nicht in den Vordergrund gerückt wird. Nach den generellen Aussagen über den Herrscher Alexander wird dieser speziell in Bezug auf die Könige Griechenlands mit dem Superlativ „allirhêriste man“ (AL 51), als der Erhabenste unter ihnen bezeichnet, und der Erzähler nennt ihn mit dem ebenfalls biblisch bezeugten Salomon in einem Atemzug. Er räumt allerdings ein, dass, da Alexander im Gegensatz zu Salomon Heide ist, ein Vergleich der beiden nicht wirklich zulässig sei. Obwohl aus dem Text nicht ganz ersichtlich wird, ob er Alexander mit Salomon auf eine Stufe stellen möchte, da die Verse 66-82, wie Barbara Haupt meint, eventuell auch als Abwertung des Heiden Alexander verstanden werden können[19], wird eine enge Verbindung zwischen dem christlichen Herrscher Salomon und dem heidnischen Herrscher Alexander hergestellt. Dadurch wird Letzterer aufgewertet und sein hoher Rang dem vorwiegend christlichen Publikum verdeutlicht. Die Vorwegnahmen der Charakterisierung des Helden hat zur Folge, dass dem Leser bewusst gemacht wird, dass es sich bei Alexander nicht um einen gewöhnlichen Menschen, sondern um einen Helden handelt, der sich von anderen Menschen abhebt.

Nach der Beschreibung des erwachsenen Alexander wird über dessen Herkunft berichtet. Dabei greift Lamprecht zwei divergierende Versionen auf. Mit der Äußerung:

„noch sprechint manige lugenêre,/ daz er eines gouchelêres sun wêre“ (AL 83f.) nimmt er zunächst Bezug auf antike Textvorlagen, nach welchen der ägyptische König Nectanebus mit Hilfe von Zauberlist Alexanders Mutter geschwängert haben soll, weist diese Behauptung dann aber als „lugenmêre“ (AL 89) zurück und entkräftet sie mit der umfangreichen Darstellung über Alexanders genealogische Abstammung. Durch das Aufgreifen der Nectanebus-Version erreicht der Erzähler dreierlei: er hält die in der Antike beschriebene außergewöhnliche Herkunft und Zeugung Alexanders präsent, verleiht ihr etwas Geheimnisvolles und nimmt sie zum Anlass, um dadurch besonders effektvoll seine genealogischen Darstellung von Alexanders Herkunft darzulegen. Nach Lamprecht ist Alexander nicht der Sohn eines Zauberers, sondern von hoher Abkunft und der Nachkomme einer mächtigen königlichen Herrscherdynastie (AL 88). Ihm wird also in Übereinstimmung mit dem hero pattern eine hohe Abkunft bescheinigt.

Die Dynastie, von der Alexander abstammt, ist „hêrlîch,/ ubir al Kriechland gwaldich“ (AL 93f.) und zeichnet sich durch eine besondere Brutalität aus (vgl. AL 99ff.). Alle seine männlichen Vorfahren werden als mächtige und erfolgreiche Könige beschrieben, wobei sich besonders Alexanders gleichnamiger Onkel durch Unbeugsamkeit und Siegeswillen auszeichnet. Die Schilderung des Onkels mütterlicherseits ist aus zwei Gründen relevant. Zum einen verkörpert er als enges Familienmitglied neben Vater und Großvater die männlichen Werte der Familie, und zum anderen käme ihm nach einem eventuellen Tod des Vaters traditionell die Rolle des Erziehers zu. Sowohl der Onkel mütterlicherals auch der Großvater väterlicherseits und Alexanders Vater stimmen mit dem erwachsenen Alexander in zentralen Wesenszügen überein. Genau wie in den Versen 37-49 bei der Beschreibung des erwachsenen Alexanders das Hauptgewicht auf die militärische Seite seiner Herrschaftsausübung gelegt wird, ist dies auch der Schwerpunkt bei der Präsentation seiner männlichen Verwandten.

Die Darstellung von Alexanders Mutter Olympia beschränkt sich darauf, auf ihre adelige Abstammung hinzuweisen und mit dem Vers „di trûch einen vil hêrlîchen lîb“ (AL 108) ihre Schönheit hervorzuheben, die in vielen literarischen Texten des Mittelalters als äußerliches Merkmal einer inneren Vollkommenheit funktionalisiert wird und als untrügliches Zeichen adeliger Abstammung gilt.[20] Bei der Genealogie Alexanders fällt besonders auf, dass sich die Beschreibung seiner männlichen Verwandten nahezu ausschließlich darauf beschränkt, ihre kämpferischen Leistungen und ihre Gewaltbereitschaft hervorzuheben. Dies scheint der für die Dynastie wesentliche Charakterzug zu sein. Als Nachkomme dieser Dynastie ist dieser Wesenszug auch in Alexander angelegt. Seine spätere Gewaltbereitschaft und seine kämpferischen Fähigkeiten erklären sich also bereits aus seiner Genealogie heraus.

Der soziale Stellenwert eines Menschen war im Mittelalter primär durch die Geburt bestimmt. Alexander wird in eine Herrscherdynastie hineingeboren und ist als einziger männlicher Nachfahre von Olympia und Philippus dadurch zum Herrscher prä- destiniert. Sein späterer Herrscheranspruch wird an dieser Stelle zweifach legitimiert. Er begründet sich zum einen durch das gültige Erbrecht und zum anderen durch die militärische Vortrefflichkeit der Familie.

Alexanders Geburt

Als Nächstes gibt der Erzähler Informationen zur Geburt des Helden, wobei er erneut ein Element aufgreift, das für die Kindheitsgeschichte von Helden üblich ist. Nach Erkenntnis von U. und G. Pörksen ist ein typischer Zug des hero pattern, dass die Geburt von Helden häufig von Weissagungen begleitet wird. Dies ist auch bei Alexander der Fall. Seine Geburt ist von einem Erdbeben, einem starken Unwetter sowie einer Sonnenfinsternis begleitet (vgl. AL 129-138), was darauf hinweist, dass ein großer Herrscher in die Welt eintritt. Christoph Mackert bemerkt hierzu:

Die mirakelhafte Außergewöhnlichkeit der berichteten Ereignisse stellt [...] – gerade angesichts des völligen Fehlens jeder Erklärung - eine implizite Aufforderung dar, ihr Auftreten in ursächliche Verbindung mit der Geburt des Helden zu bringen. Und dies um so mehr, als astronomische Phänomene und Naturkatastrophen im Mittelalter kaum je als bloßer Sensationsfall aufgenommen, sondern als ein über sich hinausweisender, zeichenhafter Vorgang verstanden wurden.[21]

Um zu zeigen, dass es sich bei Alexander nicht um einen gewöhnlichen Menschen handelt, greift der Erzähler für die Darstellung von Alexanders Geburt ein Motiv auf, das häufig mit Christi Tod in Zusammenhang gebracht und als ein von Gott gesandtes Zeichen gedeutet wird. Die Beschreibung des Naturphänomens wird dazu genutzt, um auf die Auserwähltheit des Kindes hinzuweisen und es von den anderen Menschen abzugrenzen. Es ist offensichtlich, dass der Autor mit der Darstellung eines Naturschauspiels genauso eine Aufwertung seines Helden beabsichtigt, wie dies auch in anderen Texten, z.B. bei Pilatus oder Karl dem Großen geschieht, wo in Anlehnung an biblische Erzählungen Naturphänomene mit der Geburt von Helden in Zusammenhang gebracht und funktionalisiert werden.

Alexanders Äußeres und sein Wesen

Im Anschluss an die Geburtsszene wird Alexanders Äußeres beschrieben. Auch dieses ist, verglichen mit dem normaler Kinder, ungewöhnlich.

Bei seiner Beschreibung des Kindes folgt Lamprecht mehr oder weniger konsequent dem schematischen Aufbau der descriptio personarum, welche auf den lateinischchristlichen Schriftsteller Sidonius zurückgeht und sich wie ein roter Faden durch die ganze Epik und Lyrik des Mittelalters zieht.[22] Der Erzählabschnitt beginnt mit der Feststellung: „Nû ne vereischetih ê nie noh sint/ alsus geborn nie nehein kint.“ (AL 139f.) Alexander war somit nicht nur ein einzigartiger Herrscher, sondern auch schon ein einzigartiges Kind. Der Erzähler legt also auch hier wieder das Gewicht darauf, Alexanders Besonderheit hervorzuheben. Eines der markantesten Merkmale des Kindes ist sein unglaubliches körperliches Wachstum, was gleich nach der Geburt seine körperliche Überlegenheit zum Ausdruck bringt. Binnen drei Tagen erreicht er die körperliche Reife, die Kinder sonst erst nach drei Monaten aufweisen, und Alexander ist nach drei Monaten bereits so groß wie andere Kinder mit drei Jahren. Seine späteren kriegerischen Leistungen werden somit schon durch das schnelle Wachstum des Neugeborenen angekündigt. Laut Klaus Arnold scheint für die Autoren wie für das Publikum der literarischen Lebensläufe „nicht die Entwicklung des Kindes, sondern seine möglichst früh erkennbare Entwicklung zum Helden im Vordergrund zu stehen“[23]. Dies ist offensichtlich auch in dieser Geschichte der Fall. Die Außerordentlichkeit Alexanders wird zudem dadurch herausgestellt, dass er körperlich nicht wie ein typischer Königssohn, sondern wie ein Mischwesen beschrieben wird. Für die Körperdarstellung kombiniert der Erzähler tierische und höfische Merkmale. Bei der Beschreibung des Kopfes greift der Erzähler auf Tiervergleiche zurück. Alexander hat die äußerlichen Merkmale eines Fisches, eines Drachen, eines Löwen und eines Greifen, wobei jedes der Tiere bzw. Fabelwesen eines der vier Elemente Wasser, Feuer, Erde und Luft symbolisiert. Der Fisch steht für die Herrschaft über das Wasser, der Löwe für die Herrschaft über die Erde, der Drache für die Herrschaft über das Feuer und der Greif für die Herrschaft über die Lüfte. Alexander vereint damit optisch die wesentlichen Merkmale dieser Wesen in sich, was ausdrückt, dass Alexander von Geburt an die körperlichen Anzeichen seiner künftigen Weltherrschaft in sich trägt und daher einmal mehr zum Herrscher vorherbestimmt ist. „Strûb unde rôt was ime sîn hâr,/ nâh eineme vische getân./ den man in den mere sehet gân“ (AL 150-152). Sein rotes struppiges Haar ist zudem so kraus wie „eines wilden lewen locke“ (AL 154), was vermutlich andeuten soll, dass auch sein Mut visuell angezeigt wird. Des Weiteren hat er ein gelb-feuriges Drachenund ein schwarzes Greifenauge. Das Drachenauge „quam von den sachen:/ dô in sîn mûter bestunt ze tragene;/ dô quâmen ir freislîche bilide ingagene geeiner“ (AL 160-163). Es ist also die optische Widerspiegelung eines Drachentraums seiner Mutter. Lamprecht greift an dieser Stelle ein Motiv aus der antiken Traumliteratur auf, wonach der Drachentraum einer Schwangeren auf die Geburt eines großen Herrschers hindeutet[24], und benutzt es für eine erneute Erhöhung seines Helden. Somit wird Alexanders Geburt nicht nur von kosmischen Zeichen begleitet, sondern sie wird bereits im Vorfeld durch einen Traum angekündigt.

Alexanders restlicher Körper entspricht dem für das Mittelalter gängigen Schönheitsideal, wobei dieser aber nicht wie der Körper eines Kindes, sondern eher wie der eines Erwachsenen anmutet.

Sîn hals was ime wol geschaffin, sîn brust starc und wol offin,

sîne arme wâren ime von grôzer maht. [...]

sîn bûch ne was ime nit ze lanc noh ze breit. […]

beide ubir vûze und ubir bein

rîterlîch er ze tale schein. (AL 167-179)

Durch die Tiervergleiche wirkt Alexanders Kopf äußerst hässlich, was nach mittelalterlicher Vorstellung ein Anzeichen für moralische Verdorbenheit ist (vgl. Mackert, Alexandergeschichte, S. 133). Das rote Haar signalisiert zudem Hinterlist und Jähzorn.[25] Als Erwachsener wird sein schlechter Charakter, der optisch schon im Kindesalter in ihm angelegt ist, offenbar, wenn er z.B. nach seinem Sieg über Tyrus in der Stadt wütet und dort alle Bewohner tötet, weil sich ihm diese Stadt widersetzt hat. Dem Schema der descriptio personarum folgend wird als nächstes Alexanders Wesen beschrieben, welches, wie schon seine optische Erscheinung, sehr zwiespältig ist. Ein auf spätere Taten vorausdeutender negativer Zug von ihm, der durch seine roten Haare unterstützt wird, ist, dass er schon als Kind, wenn ihm etwas nicht passt, wie ein Wolf schaut, der über sein Essen wacht (vgl. AL 145-148). Darin läßt sich eine Anspielung auf eine gefährliche Wildheit und abgründige Gewaltbereitschaft Alexanders sehen (vgl. Mackert, Alexandergeschichte, S. 134). Auf der anderen Seite hat er als Kind viele positive Eigenschaften, die für Kinder untypisch sind und ihn wie einen Puer-Senex[26] erscheinen lassen. Diese positiven Eigenschaften dominieren bei Alexander. Er ist gastfreundlich, großzügig und hilfsbereit (vgl. AL 181-189). Trotz seines jungen Alters distanziert er sich bewusst von „tumben“ (AL 185) Leuten, was der traditionellen Idealvorstellung entspricht, dass sich ein Herrscher nur an die Vortrefflichen halten und schlechten Ratgebern nicht folgen soll (vgl. Bumke, Höfische, S. 384). Des Weiteren ist seinem Wesen „stæte“ (vgl. AL 256 ), Unbestechlichkeit und Wahrheitsliebe immanent (vgl. AL 256-261), wobei Letztere, eine eigentlich positive Charaktereigenschaft, derart übersteigert ist, dass er einen seiner Lehrer in übereilter Selbstjustiz tötet, weil dieser ihn angelogen hat. Auch dies ist wieder eine Vorrausdeutung auf den negativen Zug der unmâze, der sich durch sein gesamtes Erwachsenenleben zieht.

Der Erzähler legt bei Alexanders Charakterbeschreibung den Schwerpunkt darauf, ihn schon als Kind wie einen Erwachsenen erscheinen zu lassen, der viele wichtige Herrschertugenden und weitestgehend positive Attribute aufweist. Noch vor jeder Ausbildung verhält er sich wie ein großer Fürst (vgl. AL 187-189), was dafür spricht, dass ihm gewisse Herrschertugenden angeboren sind. Sein größtenteils vorbildliches Verhalten wird allerdings durch seine unmâze überschattet.

[...]


[1] Vgl. Ariès, Philippe: Geschichte der Kindheit. München 1975, S. 92f.

[2] Vgl. Arnold, Klaus: Kindheit im europäischen Mittelalter. In: Zur Sozialgeschichte der Kindheit. Hg. v. Jochen Martin und August Nitschke. Freiburg im Breisgau 1986 (Veröffentlichungen des Institutes für Kultur, Anthropologie e.V., Bd. 4. Kindheit Jugend und Familie), S. 443-468.

[3] Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht. Straßburger Alexander. Hg. v. Irene Ruttmann. Darmstadt 1974. Im Folgenden werden Zitate aus diesem Werk unter Verwendung der Sigle „AL“ nachgewiesen.

[4] Kudrun. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch hg. v. Karl Stackmann. Tübingen 2000 (Altdeutsche Textbibliothek, Bd. 115).

[5] Wolfram von Eschenbach: Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Berlin, New York 1999. Im Folgenden werden Zitate aus diesem Werk unter Verwendung der Sigle „Prz“ nachgewiesen.

[6] Aegidius Romanus de Colonna: Von der Sorge der Eltern für die Erziehung ihrer Kinder. In: Pädagogische Schriften. Übersetzt und mit biographischen Einleitungen und erläuternden Anmerkungen versehen von Michael Kaufmann u.a. Freiburg im Breisgau 1904 (Bibliothek der katholischen Pädagogik, Bd. 15), S.24-63.

[7] Vgl. Pörksen, Gunhild und Uwe: Die ‚Geburt’ des Helden in mittelalterlichen Epen und epischen Stoffen des Mittelalters. In: Euphorion 74 (1980), S. 257-286.

[8] Arnold, Klaus: Kind. I: Westliches Europa. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 5. München 1991, Sp.1142-1145.

[9] Vgl. Schaub, Horst / Zenke, Karl: Wörterbuch Pädagogik. München 2000, S. 315 – 317.

[10] Geering, Agnes: Die Figur des Kindes in der mittelhochdeutschen Dichtung. Zürich 1899, S. 7.

[11] Vgl. Punkt 4.3.1.

[12] Vgl. Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach. Stuttgart / Weimar 1997, S. 48.

[13] Vgl. Lienert, Elisabeth: Deutsche Antikenromane des Mittelalters. Bremen 2001, S. 27 (Grundlagen der Germanistik, Bd. 39).

[14] Rank, Otto: Der Mythos von der Geburt des Helden. Versuch einer psychologischen Mythendeutung. Leipzig / Wien 1909 (Schriften zur angewandten Seelenkunde, 5. Heft), S. 81.

[15] Siehe u.a. Pörksen, Geburt, S. 257-286 und Russ, Anja: Kindheit und Adoleszenz in den deutschen Parzivalund Lanzelot-Romanen. Hohes und spätes Mittelalter. Stuttgart / Leipzig 2000.

[16] Hahn, Johann Georg: Sagwissenschaftliche Studien. Jena 1876.

[17] Lord Raglan: The Hero of Tradition. In: Folklore 45 (1934), S. 212-231.

[18] Zu Autor und Werk vgl. Lienert, Antikenromane, S. 20-46.

[19] Barbara Haupt behauptet: „Das Lob Salomons, des in der christlichen Tradition fest eingebundenen alttestamentarischen Herrschers, bedeutet für das Lob des antiken Helden Alexander eine Einschränkung.“ Haupt, Barbara: Alexander, die Blumenmädchen und Eneas. In: ZfdPh 112 (1993), S. 1-45, hier S. 27.

[20] Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München 2002, S. 423.

[21] Mackert, Christoph: Die Alexandergeschichte in der Version des ‚Pfaffen’ Lamprecht. Die frühmittelhochdeutsche Bearbeitung der Alexanderdichtung des Alberich von Bisinzo und die Anfänge weltlicher Schriftepik in deutscher Sprache. München 1999 (Beihefte zur Poetica, Heft 23), S. 121.

[22] Brinkmann, Henning: Zu Wesen und Form mittelalterlicher Dichtung. Darmstadt 1979, S. 65.

[23] Arnold, Klaus: Kind und Gesellschaft in Mittelalter und Renaissance. Beiträge und Texte zur Geschichte der Kindheit. Paderborn / München 1980, S. 66.

[24]Vgl. Bumke 1997, Wolfram, S. 41 und Mertens, Volker: Der deutsche Artusroman. Stuttgart 1998, S.110.

[25] Im ‚Ruodlieb’ aus dem 11. Jh. wird vor Rothhaarigen wegen ihrer Neigung zu extremem Jähzorn gewarnt. Vgl. Knapp, Fritz Peter: Ruodlieb. Mittellateinisch und deutsch. Stuttgart 1977, Vs. 452f.

[26] Laut Agnes Geering gibt es zwei Typen von Kindern in epischen Texten des Mittelalters. Zum einen den Typ des Puer-Senex, den Alexander verkörpert, und zum anderen den Dümmling, den Parzival widerspiegelt (vgl. Geering, Kind, S. 18).

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Kindheitskonzepte in der Literatur des hohen und späten Mittelalters
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,75
Autor
Jahr
2004
Seiten
80
Katalognummer
V123249
ISBN (eBook)
9783640280278
ISBN (Buch)
9783640283750
Dateigröße
969 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kindheitskonzepte, Literatur, Mittelalters
Arbeit zitieren
Katja Pabst (Autor), 2004, Kindheitskonzepte in der Literatur des hohen und späten Mittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123249

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