Über Anna Katharina Hahns: „Ermislauh“ – Erzählstrategien in Relation zum thematischen Fokus


Hausarbeit, 2008

32 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Darstellung der Geschichte in der Zeit: Der Analepsenkreis

3. Die Funktion der Erzählsituation in „Ermislauh“

4. Die Figurendarstellung und – konstellation
4.1. Rainer
4.2. Bärbel
4.3. Die Ermislauher Dorfgemeinschaft

5. Die Darstellung der NS-Symbolik in der Erzählung
5.1. „Sauber habt ihr’s gemacht“ – Die sprachliche Widerspiegelung der nationalsozialistischen Werte
5.2. „Das Geisterdorf auf der Alb“ – Die Darstellung des Ortes Ermislauh

6. Fazit

Bibliografie

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit zu Anna Katharina Hahns Erzählung „Ermislauh“ sollen die angewendeten Erzählstrategien in ihrer Relation zum thematischen Fokus des Umgangs mit den Wertvorstellungen des Nationalsozialismus in heutiger Zeit dargestellt und analysiert werden. Da sich in der Erzählung zahlreiche Erzählstrategien eröffnen, muss sich diese Arbeit aufgrund des Umfangs auf einige, zentrale Interpretationsebenen beschränken.

Einleitend soll zunächst die zeitliche Darstellung der Geschichte in der Erzählung aufgezeigt und die Bedeutung des analeptischen Kreismodells für den Verlauf der Geschichte beleuchtet werden. Anschließend wird die Erzählsituation in „Ermislauh“ definiert und die Funktion des personalen Erzählers sowie der gewählten Perspektive der internen Fokalisierung erläutert. Daran anknüpfend werden die wichtigsten Figuren der Erzählung gründlich analysiert und in ihren Beziehungen untereinander betrachtet. Da die Figurenanalyse zentral in Bezug auf den unterschiedlichen Umgang mit der NS-Thematik ist, wird dieses Kapitel besonders ausführlich dargestellt. Im letzten Kapitel soll schließlich die NS-Symbolik im Text interpretiert werden. Da es auch hier eine Vielzahl an Deutungsebenen gibt, soll sich die Darstellung auf zwei wesentliche Aspekte begrenzen. Im Fazit werden die Ergebnisse der einzelnen Kapitel dann noch einmal zusammengefasst und deren inhaltliche Verknüpfung herausgestellt, sowie eine mögliche Sinndeutung der Erzählung dargestellt.

Anna Katharina Hahns Erzählband „Kavaliersdelikt“ erschien erstmals 2004 im Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Innerhalb dieses Erzählbandes, der „die Abgründe des neuen Jahrtausends“[1] als roten thematischen Faden hat, wurde die Erzählung „Ermislauh“ veröffentlicht.

Die Begrifflichkeiten der vorliegenden Arbeit stützen sich auf die narratologischen Einführungen Martinez/Scheffels (72007), Schmids (22008) und Vogts (71990).

2. Die Darstellung der Geschichte in der Zeit: Der Analepsenkreis

Die Erzählung „Ermislauh“ besteht aus einer Haupterzählung, die chronologisch aufgebaut ist und den Tagesablauf auf dem Ermislauher Friedhof beschreibt. Sie hat einen zeitlichen Umfang von lediglich einem Tag.[2] Diese Basiserzählung wird im Laufe des Textes insgesamt durch fünf anachronische Rückwendungen[3] unterbrochen, die in ihrer Reichweite und ihrem Umfang jeweils stark variieren und die zum Einen zur näheren Einführung und Charakterisierung der Figuren sowie ihrer Beziehungen untereinander dienen, zum Anderen die Basiserzählung komplettieren. Zeitlich werden die Analepsen von der Basiserzählung durch den Wechsel des Erzähltempus vom Präsens ins Präteritum markiert. Interessant und auffällig ist vor allem der Aufbau der Rückwendungen, der im Folgenden näher betrachtet werden soll.

Die Gegenwartserzählung beginnt zeitlich etwa am frühen Nachmittag an einem Sonntag im Oktober 1990.[4] Die erste Rückwendung setzt mit einer geringen Reichweite ein - Rainer erinnert sich an die Begrüßung „vorhin, [...] an der Kirche“ (Hahn 2004: 7) -, geht aber innerhalb der Rückwendung bis ins Jahr 1944 zurück („Ein harter Mann, gefallen 1944 bei Warschau.“ Ebd.: 8). In dieser ersten Analepse werden die Stiegle-Frauen, Karlena und Omma, eingeführt und charakterisiert (vgl. ebd.: 8). Im Hinblick auf die zentrale Thematik ist hier auffällig, dass die NS-Zeit bereits in der ersten Rückwendung zumindest indirekt erwähnt wird (s.o.).

Die zweite Analepse erfolgt sogleich nach einer kurzen Überleitung zurück in die Gegenwart auf dem Friedhof (vgl. ebd.: 8). Die Reichweite geht zurück bis zu dem Tag, an dem sich Rainer und Bärbel kennen gelernt haben (vgl. ebd.: 9 f.). Inhaltlich bietet diese Analepse weitere wichtige Hintergrundinformationen: Der Leser wird in Bärbels familiären Hintergrund sowie in ihre ehemalige Wohnsituation eingeführt (vgl. ebd.: 9), das Aufeinandertreffen von Rainer, Mutsch und Omma wird beschrieben, Rainers Charakter (das einzige Mal in der Erzählung überhaupt) direkt erläutert[5] und das bereits erwähnte Kennenlernen Bärbels und Rainers wird dargestellt (vgl. ebd.: 8-10).

In der dritten Rückwendung (vgl. ebd.: 12 f.) wird Bärbels Figur ausführlicher charakterisiert sowie Karlenas Vergangenheit übersichtartig thematisiert. Darüber hinaus wird hier die innige Beziehung der drei Stiegle-Frauen – Omma, Karlena und Bärbel – betont („[...] das hat Mutsch schon als Kind mit mir gemacht. [...] Omma hat ihr das beigebracht [...].“ Ebd.: 12). Zeitlich reicht die Analepse bis in Karlenas Kindertage zurück („[...] Mutsch war als zehnjähriges Mädchen aus dem Kaff weggezogen.“ Ebd.: 13).

Die vierte Rückwendung (vgl. ebd.: 13-15) beschreibt die Autofahrt Rainers und Bärbels nach Ermislauh, der zeitliche Abstand zum gegenwärtigen Moment der Erzählung beträgt also nur wenige Stunden. Inhaltlich stellt diese Analepse vor allem die Beziehung zwischen Rainer und Bärbel sowie die Verschiedenheit ihrer Charaktere in den Vordergrund.

In der fünften Rückwendung schließlich (vgl. ebd.: 17-20) wird der Fußweg vom Auto nach Ermislauh dargestellt. Neben weiteren, indirekten Informationen zu Bärbels und Rainers Charakteren, werden in dieser letzten Analepse eine Beschreibung des Dorfes Ermislauh und seiner Umgebung sowie die Wirkung, die es auf Bärbel und Rainer hat, dargelegt. Zeitlich schließt die Rückwendung fast nahtlos an den Beginn der ersten Rückwendung an (vgl. „Vorhin, bei der Begrüßung an der Kirche [...].“ Ebd.: 7 ; „Fast erleichtert hatte Bärbel ihn auf das Gelächter und Geschwätz zugeführt, das vom Kirchplatz her durch das Dorf drang.“ Ebd.: 20).

Eine Auffälligkeit zeigt sich hier beim verwendeten Tempus: Sind die Analepsen der Erzählung bisher konsequent im Präteritum geschrieben, findet in der fünften Rückwendung plötzlich ein Tempuswechsel statt: „Die Stille war bedrückend. Man erwartet hier ein bißchen [sic!] Geklapper, Radiogedudel, Motorengeräusche, Stimmen.“ (Ebd.: 19) Der unerwartete Einschub des Präsens sowie die Verwendung des deiktischen Adverbs „hier“ vermitteln den Eindruck des Hier und Jetzt, der Leser wird unmittelbar in die dargestellte Szene hineingezogen. Auf die Funktion dieser stilistischen Auffälligkeit wird jedoch in Kapitel 5 dieser Arbeit noch detailliert eingegangen.

Lämmert zufolge dienen Rückwendungen allgemein betrachtet der „Ausweitung der Gegenwartshandlung durch Hineinnahme von Vergangenheit“ (Vogt 1990: 119). Die fünf dargestellten Analepsen lassen sich ihrer Funktion nach jedoch noch genauer differenzieren:

Die ersten drei Analepsen sind eingeschobene Rückwendungen, genauer gesagt Rückschritte, die Vogt zufolge dazu dienen, „die besondere >Geschichte< eines Gegenstandes oder einer Person bis zu ihrem Eintritt in die Handlung in mehr oder weniger großen Schritten“ (ebd.: 122) nachzuzeichnen. In der vorliegenden Erzählung wird in diesen Analepsen die Vorgeschichte Rainers und der drei Stiegle-Frauen dargelegt (vgl. „[...], das war der Lauf der Geschichte.“ Hahn 2004: 13) und die Beziehungen, die diese Figuren untereinander haben, werden beleuchtet. Somit wird der Leser an den Gegenwartstag der Erzählung auf dem Friedhof herangeführt und ist erst durch den Informationsgehalt der Analepsen wirklich befähigt, die Figuren in ihrem Verhalten zu interpretieren.

Die letzten beiden Analepsen unterscheiden sich in ihrer Funktion von den ersten drei: Sie vervollständigen den Gegenwartstag, indem sie die Autofahrt nach Ermislauh und den Spaziergang durch das Dorf beschreiben, also zeitlich unmittelbar an den Beginn der Basiserzählung anschließen. Somit handelt es sich hier um aufbauende Rückwendungen, die „die zum Verständnis einer Situation nötigen Kontextangaben und Informationen“ (Vogt 1990: 120) liefern.

Gemeinsam ist den Rückwendungen die Funktion der Eröffnung weiterer Interpretationsebenen, die die Basiserzählung allein nicht bereitstellen würde. So lassen sich z.B. Aussagen über die jeweiligen Ansprüche Bärbels und Rainers an ihre Beziehung machen, über die Bedeutung der Familie und der Mutterrolle, und dem Leser wird ein tieferes Verständnis der verschiedenen Charaktere ermöglicht.[6]

Der Aufbau der Analepsen ist sehr elegant: Zum Einen sind sie nicht nur anachronisch (vgl. ebd.: 118), sondern kreisförmig angeordnet. Beginnend am Gegenwartstag, über das erste Zusammentreffen von Rainer, Mutsch und Omma, die Beschreibung des Kennenlernens von Bärbel und Rainer, die Autofahrt nach Ermislauh, bis hin zum Spaziergang zum Treffpunkt lässt sich ein zeitlicher Kreis nachzeichnen, von der jüngsten Vergangenheit (des Gegenwartstages), zur jüngeren Vergangenheit bis in die entferntere Vergangenheit und schließlich wieder zurück zur jüngsten Vergangenheit. Innerhalb der einzelnen Analepsen ist die zeitliche Reichweite sehr groß (vgl. z.B. die erste Analepse, s.o.), dennoch gelingt bei jeder Rückwendung der Wechsel zurück zur Basiserzählung perfekt: Gegenwart und Vergangenheit werden durch die häufige Verwendung von deiktischen Zeit- und Ortadverbien geschickt miteinander verwoben, sodass eine große Textkohärenz entsteht. So wird z.B. in der ersten Rückwendung ein fließender Übergang geschaffen, indem die analeptische Einführung der Figur Omma durch das deiktische Adverb „Im Moment“ direkt an das Hier und Jetzt der Basiserzählung angeknüpft wird (vgl. „Die sogenannte Omma ist weit über achtzig. Sie hat das alles noch getan, als Frau des Stieglebauern. [...] Im Moment stutzt die Omma einen stattlichen Wacholder [...].“ Hahn 2004: 8).[7]

Der Analepsenkreis schließt sich mit der inhaltlichen Anknüpfung der letzten Analepse an die erste nahtlos. Die zeitliche Darstellung der Geschichte zeichnet sich also sowohl auf der Ebene der Wechselbeziehung zwischen Basiserzählung und Rückwendungen als auch auf der Ebene der Gesamtdarstellung des Analepsenkreises durch eine homogene Textkohärenz aus.

3. Die Funktion der Erzählsituation in „Ermislauh“

Die Erzählung „Ermislauh“ wird von einem heterodiegetisch-extradiegetischen (bzw. primären nicht-diegetischen) Erzähler (vgl. Schmid 2008: 89) vermittelt, der die Geschichte überwiegend aus einer fixierten internen Fokalisierung erzählt, d.h. die Fokalisierung bleibt „durchgängig auf die Wahrnehmung einer einzelnen Figur beschränkt“ (Martinez/Scheffel 2007: 66). Die Geschichte wird aus Rainers Sicht erzählt, was von Beginn an an vielen Textstellen deutlich wird (vgl. z.B.: „Schon wieder dieses Wort: Mutter. [...] Es war ihm noch nie so aufgefallen, [...].“ Hahn 2004: 7 f., „[...], aber es scheint sie nicht zu stören.“ Ebd.: 11). Auch „das Fehlen jeglichen Hinweises auf das Äußere der Figur“ (Martinez/Scheffel 2007: 65) weist auf eine Mitsicht des Erzählers hin: Im Gegensatz zu allen anderen Figuren, die äußerlich sehr genau aus Rainers Perspektive beschrieben werden (vgl. Hahn 2004: 8, 10, u.a.), erfährt der Leser über Rainers Erscheinungsbild fast nichts.[8]

An diesen Beispielen wird bereits deutlich, dass im verwendeten Modus der Erzählung „nicht die Perspektive eines Erzählers, der aus einem zeitlichen Abstand heraus erzählt, ordnet und bewertet, sondern die Wahrnehmungsperspektive einer am erzählten Geschehen unmittelbar beteiligten Figur“ (Martinez/Scheffel 2007: 50) im Vordergrund steht. Es handelt sich hierbei also um die überwiegende Verwendung des dramatischen Modus (vgl. ebd.: 49), bei dem „die Illusion einer unmittelbaren Nähe zum erzählten Geschehen entsteht.“ (Ebd.: 47) Die interne Fokalisierung bewirkt eine „scheinbare Abwesenheit einer das Erzählte vermittelnden narrativen Instanz“ (ebd.: 50), wodurch der Leser unmittelbar – durch Rainers Augen - in das Geschehen involviert ist.

„Der Eindruck der unmittelbaren Präsenz“ (ebd.: 50) wird durch die in der Erzählung häufig verwendete autonome direkte Figurenrede (vgl. ebd.: 51) noch verstärkt: Nur an vereinzelten Stellen wird die Figurenrede durch v erba dicendi direkt eingeleitet (vgl. „>Ich möcht so gern die Emmi finden<, keucht sie.“ Hahn 2004: 15; „>Die Birnenallee führt uns direkt nach Ermislauh hinein<, las Bärbel vor.“ Ebd.: 18, u.a.), überwiegend wird auf eine solche Einleitung jedoch verzichtet.

Die häufige Verwendung der direkten Rede trägt aber nicht nur zur szenischen (und damit unmittelbaren) Präsentation der Geschichte bei; auch im Hinblick auf die Figurencharakterisierung hat sie eine entscheidende Funktion: Durch die direkte Rede gewährt der Erzähler seinen Figuren viel Stimme, d.h. die Aussagen der Figuren werden nicht durch eine narrative Instanz gefiltert und damit auch verfremdet, sondern unverfälscht wiedergegeben, wodurch ein hoher Grad an Authentizität erreicht wird. Zu beachten ist hierbei jedoch, dass „die Selbständigkeit der Figurenrede [...] nur scheinbar [ist], in Wirklichkeit bleibt in der Rede der Figur die sprechende Instanz [...] der Erzähler“ (Schmid 2008: 255). Weiter weist Schmid darauf hin:

Auch wenn ein zu authentischer Wiedergabe fremder Rede befähigter Erzähler die Figurenreden inhaltlich zuverlässig wiedergibt [...], wird allein schon die Auswahl einzelner Abschnitte aus dem Kontinuum der Reden und Gedanken der Figur und die Nicht-Auswahl anderer der Wiedergabe eine gewisse Narrationalität verleihen. (Ebd.: 155 f.)

D.h., die Auswahl der in der Erzählung wiedergegeben Repliken der Figuren erfüllt einen bestimmten Zweck, der Erzähler steht nur vermeintlich neutral im Hintergrund; so ist es zum Beispiel in der Rede Bärbels auffällig, dass fast alle ihre Repliken direkte oder indirekte Imitationen der Rede ihrer Mutter und Oma sind. Auf diese Weise wird Bärbel vom Erzähler entlarvt und vorgeführt (vgl. hierzu Kapitel 4.2).

Dem Leser werden in der Erzählung also zwei verschiedene Arten der Figurencharakterisierung geboten: Zum Einen werden die Figuren durch Rainers Perspektive gefärbt dargestellt (vgl. z.B. „Kleidung in verschiedenen Braun- und Grauabstufungen, rotes Gesicht, die Nase leicht ins Bläuliche changierend, kleine Augen hinter den etwas schmierigen Brillengläsern.“ Ebd.: 21), zum Anderen charakterisieren sie sich durch ihre direkte Rede selbst (vgl. z.B. „>Ja, Gretl, ohne dich und die Emmi, da hätt manches Fest arg arm ausgesehen. All die Zöpf und Kuchen! Und die Flagge sogar gebügelt, das hat net jede gemacht.<“ Ebd.: 22).

Auch die Präsentation der Gedankenrede vermittelt den Eindruck einer sehr geringen Distanz zwischen Erzähler und Figur: Durch die Verwendung der erlebten Rede (vgl. Martinez/Scheffel 2007: 58) werden Rainers Gedanken und Gefühle – scheinbar – ungefiltert wiedergegeben. Ein Beispiel ist die Darstellung von Bärbels und seiner ersten Begegnung:

„Bärbel stand in der Schlange an Kasse vier, Rainer war kurz für den Kollegen mit der schwachen Blase eingesprungen. Burger mit Seelachs und Salat, dazu Cola Light, keine gefüllten Schmalzkuchen à la americaine, auch kein Eisbecher mit Karamelschmiere und Smartie-Garnitur. [...] Natürlich verrechnete er sich, zu ihren Ungunsten.“ (Hahn 2004: 9f.)

An Ausdrücken wie „kurz“, „Karamelschmiere“ und „natürlich“ sowie an der undistanzierten Wiedergabe von Bärbels Bestellung wird die Nähe des Erzählers zur Figur – trotz der Wiedergabe von Rainers Gedanken in der dritten Person - besonders deutlich.

Die gewählte Perspektive des Erzählers hat aber noch eine weitere Funktion: Durch die interne Fokalisierung Rainers wird die Außenseiterposition dieser Figur, die kritische und zynische Distanz, die Rainer gegenüber den übrigen Figuren hat, verdeutlicht. Ein Beispiel soll dies zeigen:

Die Brille hatte Karlena schließlich enttarnt, ein buntgoldenes Designergestell großstädtischen Ursprungs, und eine Locke fliedergetöntes Haar, die verrätersich unter dem eng gebundenen Tuch hervorkroch. Ihre Hände hingegen paßten [sic!], wie sie aus den engen Blusenärmeln wuchsen. Es war ihm noch nie so aufgefallen, aber heute, ohne das ewig klingelnde Armband mit dem gefaßten [sic!] Hirschzahn, [...] hatte Karlena Bauernhände [...]. (Hahn 2004: 8)

Zwar wäre hier auch ein auktorialer Erzähler in der Lage gewesen, Karlena in ihrer äußeren Erscheinung zu beschreiben, doch dann hätte der Effekt der Vorführung ihrer lächerlichen Verkleidung einen Teil seiner Wirkung eingebüßt. Die scheinbar wertfreie Haltung des Erzählers und die Räumung des Feldes zugunsten der Bewertung durch eine Figur entfaltet eine wesentlich nachhaltigere Wirkung beim Leser als die plakative Wertung einer allwissenden narrativen Instanz.

Durch den gewählten Modus der Erzählung wird somit eine besondere Nähe des Lesers zur Figur Rainer geschaffen; der Leser wird geradezu gezwungen, sich mit Rainer zu identifizieren, mit ihm zu sehen, zu fühlen, zu denken und zu zweifeln. Der innere Kampf der Figur, auf den im Kapitel der Figurenanalyse in dieser Arbeit noch eingegangen wird, wird für den Leser durch die interne Fokalisierung nicht nur sichtbar, sondern vor allem spürbar. Die Funktion und Intention einer solch starken Identifikation mit der Figur wird deutlich, wenn der Blick von der mikroanalytischen, individuellen Ebene, d.h. von der spezifischen und situationsgebundenen Problematik Rainers auf dem Friedhof, hin zur makroanalytischen, gesellschaftlichen Ebene wechselt, auf der die zentrale Thematik des Wegschauens abstrahiert und verallgemeinert werden kann, sich also der Leser selbst angesprochen fühlen muss.

Dennoch muss darauf verwiesen werden, dass die Fokalisierung nicht durchgängig homogen ist; es gibt einige Textstellen, bei denen sich die Perspektive nicht eindeutig bestimmen lässt. An zwei Passagen soll dies exemplifiziert werden:

Auf Seite 11 der Erzählung wird der Ermislauher Friedhof sehr genau beschrieben. Es ist nicht eindeutig feststellbar, ob hier aus Rainers Perspektive berichtet wird oder ob der Erzähler in eine Nullfokalisierung gewechselt hat. Für die Einhaltung der internen Fokalisierung Rainers spricht der Kontext dieser Textpassage: Rainer steht neben Bärbel auf dem Friedhof und beobachtet die Frauen bei der Arbeit. Er registriert zwar die begeisterten Aufschreie, sobald der Grabstein eines Bekannten entdeckt wird, doch interessiert er sich generell wenig für die Ermislauher und ihr „Heimatgeschwafel“ (ebd.: 20), sodass die Vermutung durchaus nahe liegt, dass er gedanklich abschweift, sich die Gegend genauer ansieht und erst durch Bärbels Fluchen aus seinen Gedanken gerissen wird (vgl. ebd.: 11).

Doch die Begrifflichkeiten sind hier für eine eindeutige perspektivische Einordnung ambivalent: Zum Einen lässt der Ausdruck „Weihnachtsgutsle“ (ebd.: 11) auf den personalen Erzähler schließen, der mit ironischem Unterton aus Rainers Sicht auch an anderer Stelle von „Bärbele aus Ermislauh mit ihrem Schäufele“ (ebd.: 12) spricht, zum Anderen ist es eher unwahrscheinlich, dass Rainer die Kirche als „Gotteshaus“ (ebd.: 11) bezeichnen würde, klingt dies doch eher nach einem rhetorischen Kunstgriff, um Wortwiederholungen zu vermeiden. Darüber hinaus sprechen Rainers mangelnde botanische Kenntnisse (vgl. „>Was ist denn ein Riedbaum? Bärbel, ich bin kein Botaniker [...].< Ebd.: 15; „Ein paar Vögel, die Rainer nicht kannte, zwitscherten in den verwilderten Hecken.“ Ebd.: 18) gegen die genaue Benennung der Pflanzen (vgl. „Dicke Holunderbüsche, enorm ausgewachsene Lebensbäume und Zypressen“ und „Schnurgras“; ebd.: 11). Fraglich ist auch, ob Rainer aus seiner Perspektive in der Lage ist zu erkennen, dass der Wetterhahn auf der Turmspitze „schwarzgrün oxidiert [...]“ (ebd.: 11) ist.

Eine ähnlich unklare Perspektive wird bei der Beschreibung von Rainers beruflichem Aufstieg deutlich (vgl. ebd.: 9): Die sehr ironisch anmutende Beschreibung seiner Karriere lässt Zweifel daran aufkommen, ob Rainer sich selbst mit soviel Ironie wahrnimmt. Obwohl er den anderen Figuren mit sehr viel Zynismus begegnet (z.B. „Zumal er Bärbel, Karlena und die Omma nur einmal in einer Kirche gesehen hat, zur obligatorischen Christmette, hektisch im geliehenen Gesangsbuch blätternd, mit Gänsefett im Mundwinkel.“ Ebd.: 17), verweist sonst keine Textstelle in der Erzählung auf Selbstironie.

An diesen beiden Beispielen sollte bereits deutlich geworden sein, wie schwierig sich die genaue perspektivische Zuordnung im Text teilweise gestaltet. Jedoch verweisen die sehr subtilen Andeutungen auf einen auktorialen Erzähler in diesen Textpassagen auf die Funktion und Existenz einer heterodiegetischen Erzählerinstanz: Durch die aufgrund der Ambivalenz dieser Textstellen kaum wahrnehmbaren perspektivischen Entfremdungen des Erzählers von Rainer wird eine kritische Distanz auch zu dieser Figur ermöglicht.[9] Diese handwerklich sehr kunstvolle Erzählstrategie ermahnt den Leser, dass „der Erzähler [...] im Erzählwerk als Bedeutungsgeber immer präsent“ (Schmid 2008: 138) ist, unabhängig davon, ob er seine Wertungsposition explizit zeigt.

4. Die Figurendarstellung und – konstellation

In diesem Kapitel sollen die Figuren der Geschichte benannt, charakterisiert und ihre Beziehungen untereinander – besonders im Hinblick auf den thematischen Fokus - erläutert werden.

Zu den realen Figuren gehören Rainer und Bärbel sowie die Ermislauher Dorfgemeinschaft, die von Schorsch Hämmerle und Trudel Fröschle repräsentiert wird und zu der für die vorliegende Analyse auch Mutsch (bzw. Karlena) und Omma (bzw. Gretl) Stiegle gezählt werden. Von den irrealen Figuren sind besonders Emmi, Karl Kienzle und Emil Bethler im Hinblick auf die NS-Thematik von Bedeutung.[10]

Die realen Figuren lassen sich unter verschiedenen Aspekten gruppieren. Zum Einen stehen Rainer und Bärbel als dritte Generation der ersten Generation der Ermislauher Dorfgemeinschaft gegenüber. Zum Anderen wird auch die Antagonie Stadt/Land hier deutlich: Während Rainer und Bärbel moderne Stadtmenschen sind, kommt die Prägung des traditionellen Landlebens bei den Ermislauhern deutlich zum Vorschein.[11] Eine Sonderstellung nimmt Karlena ein, die zwischen den beiden genannten Kontrasten einzuordnen ist: Sie gehört der zweiten Generation an und hat lediglich ihre ersten zehn Lebensjahre in Ermislauh verbracht (vgl. Hahn 2004: 13).[12]

Die Bedeutung des Gegensatzpaares Stadt/Land und besonders der drei Generationen ist zentral in Bezug auf den Umgang mit der NS-Zeit, worauf an einem späteren Punkt dieser Arbeit noch detailliert eingegangen wird.

Weitere wichtige und zu analysierende Figurenkonstellationen sind die Beziehung Rainers und Bärbels sowie das Verhältnis der drei Stiegle-Generationen, Bärbel, Mutsch und Omma.

Die Ermislauher Dorfgemeinschaft wird im Folgenden als eine figurale Gruppe aufgefasst und analysiert, da sie – wie auch Rainer und Bärbel – gewisse Werte verkörpert und eine Einzelinterpretation der Figuren nicht maßgebend für die Sinndeutung der Erzählung ist.

[...]


[1] Zitat Buchrücken Hahn 2004.

[2] Aus den verschlüsselten Zeitangaben im Text lässt sich der Zeitpunkt des Erzählbeginns zwischen 12.00-15.00 Uhr rekonstruieren. Vgl. hierzu: „Komm, es ist gleich zwölf, wir müssen zum Treffpunkt“ (Hahn 2004: 20); „Vorhin, bei der Begrüßung [...].“ (Ebd.: 7); „[...], die vor drei Stunden aus dem hellblauen Reisebus geklettert sind [...].“ (Ebd.: 21).

[3] Im Folgenden wird das narratologische Bezeichnungsvokabular Vogts (1990) und Martinez/Scheffels (2007) verwendet. Die Begriffe „Analepse“ und „Rückwendung“ werden synonym gebraucht.

[4] Vgl. hierzu: „[...] spießen sich in den zugigen blauen Oktoberhimmel.“ (Hahn 2004: 7); „Und heute, kurz nach der Eröffnung des ersten Moskauer McDonald’s, [...].“ (Ebd.: 13); „Mit Bedauern dachte er an ihr sonntägliches Ritual [...].“ (Ebd.: 15).

[5] Vgl. hierzu auch Kapitel 4.1 dieser Arbeit.

[6] Vgl. hierzu auch Kapitel 4 dieser Arbeit.

[7] Vgl. weitere Beispiele hierzu: „Bärbel plaudert mit der Alten, die ihre Kanne inzwischen abgestellt hat [...].“ (Hahn 2004: 13); „Inzwischen hat Bärbel es geschafft, den Stein freizulegen.“ (Ebd.: 15).

[8] Lediglich an einer Stelle der Erzählung wird Rainer in einem kurzen Satz aus der (von ihm vermuteten) Sicht der Ermislauher beschrieben: „[...], der Stadtfratz mit der Brille, [...].“ (Hahn 2004: 16).

[9] Man beachte hierzu, dass auch Rainers Figur in harscher Kritik steht (vgl. Kapitel 4.1).

[10] Als „irreal“ werden die Figuren in diesem Zusammenhang bezeichnet, weil sie bereits tot sind und daher nicht aktiv am Geschehen beteiligt sind.

[11] Vgl. hierzu auch die Charakterisierung der Ermislauher (Kapitel 4.4).

[12] Obwohl Karlena die oben genannte Grenzstellung einnimmt, wird ihre Figur ebenfalls in der Figurenanalyse der Ermislauher Dorfgemeinschaft in Kapitel 4.3 behandelt, da sie dieselben Werte verkörpert.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Über Anna Katharina Hahns: „Ermislauh“ – Erzählstrategien in Relation zum thematischen Fokus
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Germanistik II)
Veranstaltung
Seminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
32
Katalognummer
V123333
ISBN (eBook)
9783640280711
ISBN (Buch)
9783640284016
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anna, Katharina, Hahns, Erzählstrategien, Relation, Fokus, Seminar
Arbeit zitieren
Nele Hellmold (Autor), 2008, Über Anna Katharina Hahns: „Ermislauh“ – Erzählstrategien in Relation zum thematischen Fokus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123333

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