Man möchte schreiben. Man möchte literarisch sein und doch darf man nicht aus den Augen verlieren, dass man wissenschaftlich und objektiv über einen Aspekt eines Schriftstellerinnenlebens diskutieren soll. Man muss argumentieren. Man muss Gedanken nachvollziehbar entwickeln und stichhaltig begründen. Das Folgende ist keine Inszenierung und kein poetischer Erguss. Es enthält keine subjektiven Eindrücke und keine pathetischen Anekdoten. Man muss schreiben und wissenschaftlich bleiben, denn „was hat der Mensch dem Menschen Größeres zu geben als Wahrheit?“ (F. Schiller).
Gegenstand dieser Seminararbeit ist ein Aspekt aus dem Werk von Vicki Baum. Zum Großteil ihre Autobiographie Es war alles ganz anders - eine unvollendete Selbstinszenierung voller Lebensgeschichten, realen Begebenheiten und Erinnerungen. Diese Geschichte ihres Lebens ist der Ausgangspunkt für den literaturwissenschaftlichen Ansatz und die Fragestellung, die diese Seminararbeit bestimmen wird, nämlich den Schein, Glanz und Glamour, den diese Schriftstellerin in einigen Romanen und rund um ihre Person mittels Ironie und Trivialität inszeniert, zu entlarven bzw. sichtbar zu machen.
Hier wird ein weiterer wissenschaftlicher und exemplarischer Versuch unternommen den Mythos, dass Vicki Baum eine Trivial- und Unterhaltungsautorin sei, ein Stück weit zu zertrümmern oder auch einfach nur den Blick auf Teile ihres Lebens und Werkes zu erweitern - keineswegs durchweg neu oder innovativ, aber wichtig um eben der Wahrheit willen . Die Prämisse bzw. der Ausgangspunkt für diese Forschungsfrage ist das mit zunehmendem Alter der Autorin immer massivere, kritischere Verhältnis zu den Vereinigten Staaten.
Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung zum Thema
2. Hollywood. Los Angeles. Vicki Baums ironisch-kritischer Blick
3. Wahrheit finden & Inszenierung entschlüsseln: Vicki Baums Amerikakritik
3.1. Sekundärliteratur im Blick: The Mustard Seed (dt. Kristall im Lehm)
4. Es war alles ganz anders. Erinnerungen - Zwischen Wahrheit & Inszenierung (Autobiographie)
4.1. Exkurs: Philosophischer Ansatz die Wahrheit eines Kunstwerkes zu ergründen (T.W. Adornos Ästhetikbegriff)
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis der Schriftstellerin Vicki Baum zu den Vereinigten Staaten, wobei der Fokus auf der Diskrepanz zwischen öffentlicher Inszenierung und persönlicher Wahrnehmung liegt. Ziel ist es, den Mythos der reinen Unterhaltungsautorin zu hinterfragen und die Amerikakritik in ihrem literarischen sowie autobiografischen Werk durch das Aufzeigen ironischer Brechungen sichtbar zu machen.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen Schein, Glanz und der Realität im Hollywood-Kontext.
- Untersuchung der autobiografischen Inszenierung in "Es war alles ganz anders".
- Dekonstruktion des Bildes Vicki Baums als reine Trivialautorin durch narratologische Betrachtungen.
- Diskussion der Amerikakritik und des Gefühls der Heimatlosigkeit im Spätwerk ("The Mustard Seed").
- Anwendung des Adornoschen Ästhetikbegriffs zur Einordnung der Wahrheit in ihren Kunstwerken.
Auszug aus dem Buch
3. Wahrheit finden & Inszenierung entschlüsseln: Vicki Baums Amerikakritik
Das Bild der Vereinigten Staaten in dem literarischen Werk von Vicki Baum ist insoweit ein Besonderes, da sie sich zwar nach ihrer Heimat Europa durchaus sehnte und die kritische Auseinandersetzung mit Amerika nicht scheute, zugleich aber auch unheimlich in ihre Wahlheimat verliebt war (Ambivalenz).
Wer ihre Korrespondenz oder literarische Arbeit liest, wird sofort merken, daß [das] harmonische Leben nur oberflächlich war, daß sie im Wesen ‚europäisch’ geblieben ist und daß sie sich nach der Heimat sehnte. Diese Sehnsucht und die im Alter immer stärker werdende Kritik an ihrem amerikanischen Gastland betraf[en] vor allem die Natur und die Kultur. Im Gegensatz zu den Europäern wurden die Amerikaner [in ihren Romanen] als unkultiviert und oberflächlich dargestellt. Baum sehnte sich nach grünen Wiesen und Bergen, die sie aus ihrer Kindheit in Österreich so gut kannte und die in Kalifornien nicht vorhanden waren.
Es muss klar sein, dass gerade diese Sehnsucht und das Gefühl von Heimatlosigkeit bzw. „im Exil zu sein“ im Alter überhand nahm und vielleicht auch damit zusammenhängt, dass sie sich zunehmend einsamer fühlte. Diese Tatsachen lassen sich anhand zahlreicher Passagen in ihrer Autobiographie und auch ihrem Briefwechsel ablesen. Diesbezüglich ist auch anzumerken, dass Vicki Baum seit dem Spätsommer 1950 mit der Diagnose der Krankheit Leukämie leben musste und durch die Verheimlichung dessen vor ihrer Familie sich zusätzlich isolierte und abkapselte (Vgl: Kap. 4.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hinführung zum Thema: Einleitung in die wissenschaftliche Fragestellung, die den Schein der Glamourwelt in Baums Werk durch Ironie entlarven möchte.
2. Hollywood. Los Angeles. Vicki Baums ironisch-kritischer Blick: Analyse der Hollywood-Erfahrungen der Autorin und ihrer kritischen Auseinandersetzung mit der Traumfabrik.
3. Wahrheit finden & Inszenierung entschlüsseln: Vicki Baums Amerikakritik: Untersuchung der ambivalenten Amerikakritik Baums, geprägt von Sehnsucht nach Europa und wachsendem Gefühl der Heimatlosigkeit.
3.1. Sekundärliteratur im Blick: The Mustard Seed (dt. Kristall im Lehm): Diskussion des Romans "The Mustard Seed" als Allegorie auf das Ringen der Autorin um innere Balance und Identität.
4. Es war alles ganz anders. Erinnerungen - Zwischen Wahrheit & Inszenierung (Autobiographie): Analyse der Autobiographie als bewusstes literarisches Konstrukt, das versucht, Inventur zu machen und Mythen zu hinterfragen.
4.1. Exkurs: Philosophischer Ansatz die Wahrheit eines Kunstwerkes zu ergründen (T.W. Adornos Ästhetikbegriff): Anwendung von Adornos "Dialektik des Scheins" zur philosophischen Begründung, wie hinter der literarischen Inszenierung Baums eine tiefere Wahrheit liegt.
5. Schlussbemerkung: Resümee der Ergebnisse und Plädoyer für einen würdevollen Umgang mit der Autorin abseits der Etikettierung als Trivialautorin.
Schlüsselwörter
Vicki Baum, Amerikakritik, Hollywood, Autobiographie, Inszenierung, Trivialliteratur, Ironie, Exil, Identität, Theodor W. Adorno, Ästhetik, Schein, Wahrheit, Heimatlosigkeit, Menschen im Hotel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert das Werk von Vicki Baum und untersucht, wie sie in ihren Schriften und ihrer Autobiografie die Welt des Glamours und die Vereinigten Staaten reflektiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Ambivalenz des Exils, die Kritik an der Hollywood-Industrie und das Spannungsverhältnis zwischen literarischer Inszenierung und persönlicher Wahrheit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Vicki Baum von dem Stempel der reinen Trivialautorin zu befreien und durch eine wissenschaftliche Analyse ihre ironischen Techniken der "Entlarvung" aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die durch einen philosophischen Exkurs (Adorno) gestützt wird, um den Gehalt an "Wahrheit" in fiktionalen Texten zu ergründen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Baums Hollywood-Erfahrungen, ihre Amerikakritik, die Interpretation von "The Mustard Seed" als Allegorie sowie die kritische Hinterfragung ihrer Autobiografie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Hollywood, Ironie, Sozialmelodram, Exil, Selbstinszenierung, Identität und die Dialektik des Scheins.
Wie bewertet die Autorin Vicki Baum ihre Rolle in Hollywood?
Sie betrachtet Hollywood als "eisenhartes Geschäft" und kapitalistisches System, erkennt aber gleichzeitig, dass sie selbst Teil dieser Glamourwelt war und sich ihres Images als Image-Erzeugerin bewusst blieb.
Inwiefern hilft Adornos Philosophie beim Verständnis von Vicki Baums Werk?
Adornos "Dialektik des Scheins" erlaubt es, den scheinbaren Trivialcharakter von Baums Romanen als ästhetische Maske zu verstehen, hinter der sich eine bewusste Infragestellung der gesellschaftlichen Realität verbirgt.
Was bedeutet das "Doppelspiel" bei Vicki Baum?
Es bezieht sich auf ihre Fähigkeit, einerseits den Erwartungen des Massenmarktes an Glamour und Pathos zu entsprechen und andererseits durch Ironie und den Einsatz von "veristischen Formeln" eine kritische Ebene in ihre Romane einzubauen.
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- Thomas Ochs (Author), 2009, Vicki Baum zwischen Wahrheit und Inszenierung in den USA, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123561