Als letztem Verbot des Dekalogs kommt dem Begehrensverbot eine Sonderstellung zu, da es den Dekalog abschließt und nach dem Lesen oder Hören dessen mehr nachwirkt als alle anderen Gebote. Thematisch bezieht sich das Begehrensverbot seinem Namen nach auf das Begehren. Doch wird man der vollen Bedeutung gerecht, wenn das Verbot auf den Umstand des Begehrens reduziert wird? Wenn man im Begehren die Grundlage allen menschlichen Übels sieht und so seine Aufnahme im Dekalog nicht nur rechtfertigt, sondern auch hervorhebt als das Grundverbot? Auf den ersten Blick fällt neben der Erweiterung "begehren" zu dem für die Dekalogverbote charakteristischen "du sollst nicht" vor allem die Formulierung "deines Nächsten" ins Auge, welche sich durch mehrfache Wiederholung hervorhebt. Das lässt auch den Laien erkennen, dass es sich nicht nur um das bloße Begehren, sondern auch um das zwischenmenschliche Verhältnis von einer Person zu seinen Mitmenschen drehen muss. Doch was genau wird dem Menschen in Bezug auf seine Mitmenschen und das Begehren verboten? Im Kontext dieser Frage geraten die unterschiedlich angeordneten und ausgeführten Objektreihen ins Blickfeld. Doch wieso gibt es zwei unterschiedliche Reihenfolgen und Ausführungen? Und wieso gibt es überhaupt zwei Fassungen des Dekalogs und somit des Begehrensverbots?
Diese Fragen sollen in der folgenden Arbeit näher betrachtet werden. Im ersten Teil steht vor allem der ursprüngliche Sinn des Verbots im Vordergrund. Es sollen in diesem Zusammenhang vorrangig die Verbwahl und die Objektreihen betrachtet werden. Nicht davon zu trennen ist die Frage nach der primären Dekalogfassung, wobei zu ihrer Klärung auf verschiedene konkurrierende Forschungspositionen eingegangen werden soll. Außerdem soll in diesem Zusammenhang, um selbst zu einer Entscheidung zu kommen, ein kurzer synoptischer Vergleich der beiden Fassungen der Begehrensverbote (Ex 20,17 und Dtn 5,21) vorgenommen werden. Im zweiten Teil der Arbeit wird das Begehrensverbot dahingehend untersucht, ob und wie es im Alten und Neuen Testament aufgegriffen wird. Wichtig ist dies, um zu klären, ob in diesen Bezugsnahmen die intendierte Bedeutung getroffen oder abweichend rezipiert wird. Auch im letzten Punkt der Arbeit ist die Bedeutung des Begehrensverbots zentral. Es soll darauf eingegangen werden, ob das Verbot heute noch Bedeutung besitzt und wenn ja, wie es in der modernen Welt/Gesellschaft gedeutet werden könnte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Bedeutung des Begehrensverbots
2.1 Bedeutung im Kontext des Alten Testaments
2.2 Wirkungsgeschichte des Begehrensverbots in der Bibel
2.3 Gegenwartsbezug des Begehrensverbotes
3. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den ursprünglichen Sinn des Begehrensverbots (Ex 20,17 und Dtn 5,21) unter Berücksichtigung der philologischen Unterschiede zwischen den Dekalogfassungen und analysiert dessen Wirkungsgeschichte in der Bibel sowie die heutige Relevanz und Interpretationsmöglichkeiten dieses Gebots.
- Synoptischer Vergleich der Dekalogfassungen
- Philologische Untersuchung der Verben und Objektreihen
- Analyse der innerbiblischen Bezüge im Alten und Neuen Testament
- Diskussion der zeitgenössischen Relevanz in einer wertpluralen Gesellschaft
- Theologische Verankerung des Schutzes des Nächsten
Auszug aus dem Buch
2.1 Bedeutung im Kontext des Alten Testaments
Im folgenden Kapitel soll die Bedeutung herausgearbeitet werden, welche für das Begehrensverbot ursprünglich intendiert war. Dafür ist die Frage nach der primären Dekalogfassung unentbehrlich. In der Forschung existieren verschiedene Ansätze, wobei man drei grundlegende Muster unterscheiden kann. Die erste Gruppe, zu denen zum Beispiel A. Lemaire und J. Vincent gehören, geht von der Existenz eines Urdekalogs aus, auf den beide Fassungen (Ex 20 und Dtn 5) zurückgehen. Dessen Anfangsform weicht von den im AT überlieferten Dekalogfassungen ab: er bestand aus exakt 10 Verboten, die alle als Gottesrede formuliert waren und keine Begründungen/Entfaltungen enthielten. Dieser Urdekalog sei immer mehr verschiedenen Interessen angepasst und somit verändert wurden: der Elohist habe zuerst den Dekalog in Ex 20 eingearbeitet, von dort aus habe ihn der Jehowist „deuteronomisiert“, Deuteronomium habe ihn nach Dtn 5 übernommen und habe ihn dort erweitert, daraufhin habe ihn der Pentateuchredaktor in Ex 20 bearbeitet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der Zehn Gebote ein, thematisiert das Begehrensverbot als Abschluss des Dekalogs und stellt die Forschungsfragen bezüglich der Fassungen und des ursprünglichen Sinns.
2. Die Bedeutung des Begehrensverbots: Dieses Kapitel analysiert philologisch die Unterschiede zwischen Ex 20,17 und Dtn 5,21, untersucht Bezüge im Alten und Neuen Testament und beleuchtet die aktuelle Relevanz des Gebots.
3. Zusammenfassung und Ausblick: Das abschließende Kapitel fasst die zentralen Ergebnisse zur Primärfassung des Exodusdekalogs zusammen und diskutiert weitere Ansatzpunkte für die zukünftige Forschung.
Schlüsselwörter
Begehrensverbot, Zehn Gebote, Dekalog, Altes Testament, Neues Testament, Ex 20,17, Dtn 5,21, Nächstenliebe, Existenzgrundlage, Wirkungsgeschichte, Ethik, Bibel, Schuld, Eigentum, Sozialkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der exegesischen Untersuchung des biblischen Verbots des Begehrens, wie es in den Zehn Geboten (Dekalog) formuliert ist.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Vergleich der Dekalogfassungen, den philologischen Merkmalen der hebräischen Verben sowie der biblischen und gegenwärtigen Relevanz des Gebots.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den ursprünglich intendierten Sinn des Begehrensverbots zu identifizieren und zu klären, wie sich dieser über verschiedene biblische Epochen bis in die Moderne entwickelt hat.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit nutzt schwerpunktmäßig die historisch-kritische Methode, inklusive eines synoptischen Vergleichs der Dekalogtexte und einer Analyse der Wirkungsgeschichte.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die literarische Entstehung des Begehrensverbots, die Bedeutung des Eigentumsschutzes, die Auslegung durch Jesus und Paulus sowie die moderne ethische Debatte diskutiert.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Das Werk ist durch Begriffe wie Dekalog, Exegese, Begehrensverbot, Existenzgrundlage und theologische Ethik geprägt.
Welche Bedeutung kommt der Unterscheidung zwischen den Begriffen "begehren" und "verlangen" im Hebräischen zu?
Die Arbeit diskutiert, ob die Verwendung unterschiedlicher Verben (chmd vs. awah) in den Fassungen bloße stilistische Variation ist oder tiefere rechtliche bzw. intentionale Unterschiede in Bezug auf Tat und Gesinnung markiert.
Wie bewertet die Arbeit die moderne Aktualität des Dekalogs?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass der Dekalog zwar eine dauerhafte theologische Relevanz als Regelwerk besitzt, aber die historisch-konkreten Aspekte (z.B. Frau als Besitz) heute als überholt anzusehen sind.
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- Anonym (Author), 2020, Die Bedeutung des Begehrensverbots (Ex 20,17 und Dtn 5,21). Ursprüngliche Intention und Wirkungsgeschichte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1235884