Seit ihrer Unabhängigkeitserklärung am 04.07.1776 – und damit seit Beginn ihres Bestehens – prägten und prägen die USA mit ihrer Politik das Bild der Welt. Dabei könnten die Auffassungen der verschiedenen Präsidenten darüber, was gut für die eigene Nation sei, kaum unterschiedlicher sein. Gründervater George Washington warnte in seiner ‚Farewell Address’ seine Landsleute ausdrücklich vor „entangling alliances“ und schlug damit den Weg des Isolationismus ein, dem Amerika lange Zeit treu blieb. Diese Grundeinstellung wich – gleichzeitig mit dem wirtschaftlichen und militärischen Erstarken der USA – einer anderen Auffassung. In seinen berühmt gewordenen `14 Punkten’ nahm der liberale Präsident Woodrow Wilson eine radikale Gegenposition zu Washington ein: Das Bekenntnis „The world must be made safe for democracy“ impliziert die Verpflichtung zu aktivem Engagement in der Weltpolitik. Wilson war der Vordenker des Völkerbundes, der größten anzunehmenden „Allianz“ überhaupt. Er setzte große Hoffnungen in dieses multinationale Experiment. Nach dem Scheitern des Völkerbundes, das u.a. durch Amerikas Absenz von der Organisation bedingt war – der Kongress hatte das Beitrittsgesuch Wilsons zum Völkerbund abgelehnt – , präsentierte sich die USA als „key supporter“ zur Geburtsstunde der UNO. Der Hauptsitz der UNO wurde auf New York festgelegt, die Charta stimmte mit den US-Interessen überein und die gesamte Organisation trug zu sehr großen Teilen die Handschrift Amerikas. 2003: Der Irak-Krieg. Die ganze Welt wurde Zeuge, wie die UNO beim Einmarsch der US-Truppen in den Irak tatenlos und ohnmächtig zusehen musste. Was war passiert? Wieso entfernten sich die USA soweit von den Vereinten Nationen, so dass dieses Verhältnis sogar als „vergiftet“ beschrieben wurde? Was war in der Zeit vor 2003 geschehen? Wo liegen die Chancen für die Zukunft? Die vorliegende Arbeit versucht Antworten auf diese wichtigen Fragen zu geben, indem sie drei prominente Beispiele der US-UN Beziehungen beleuchtet: Amerikas Austritt aus der UNESCO, seine Zurückhaltung von Finanzierungsgeldern und schließlich der Krieg gegen den Irak. Sie sollen exemplarisch Meinungen und Handlungsmuster offenlegen, die das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und den Vereinten Nationen prägen.
Inhaltsverzeichnis
A) Einleitung – Rückblick
B) Das zerrüttete Verhältnis zwischen USA und UNO
1. Der Austritt der Vereinigten Staaten aus der UNESCO
1.1. Vorstellung einer UN-Sonderorganisation: Die UNESCO
1.2. Die ideologische Determinante unter Präsident Reagan
1.3. Die Austrittserklärung der USA:
1.3.1. Unzufriedenheit mit dem NWIKO-Programm
1.3.2. Vorwurf der Politisierung
2. Die inkonsistente Zahlungsmoral der USA
2.1. Vorstellung des Finanzierungssystems der UNO
2.2. Die Entwicklung der Finanzierung bis 1999
2.3. Das Helms-Biden-Agreement
2.4. Hintergründe der amerikanischen Zahlungsverweigerung:
2.4.1. Die amerikanische Sicht auf die UNO: „Tyrannei der Mehrheit
2.4.2. Innenpolitische Machtspiele: Kongress vs. Administration
2.4.3. Zahlungsverweigerung als Druckmittel
3. Der Irak-Krieg: Ein neues Kapitel zwischen USA und UNO
3.1. Bush’s Bekenntnis zur „National Security Stragety“
3.2. Der Kampf um Resolutionen im Sicherheitsrat
3.3. „Exceptionalism“ als wichtiges Motiv für den US-Alleingang
3.4. Die UNO – für die USA obsolet geworden?
C) Schlussbemerkungen – Aussicht
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das ambivalente und teilweise zerrüttete Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und den Vereinten Nationen anhand exemplarischer Fallbeispiele. Das Ziel ist es, die tieferliegenden politischen Motive, Handlungsmuster und innenpolitischen Dynamiken zu analysieren, die das US-amerikanische Agieren gegenüber der Weltorganisation prägen.
- Der Austritt der USA aus der UNESCO als Ausdruck ideologischer Neuausrichtung.
- Die Instrumentalisierung finanzieller Beiträge als politisches Druckmittel ("withholding tool").
- Der Einfluss innenpolitischer Machtkonflikte zwischen Kongress und Administration auf die UN-Außenpolitik.
- Die Rolle des US-amerikanischen "Exceptionalism" bei der Rechtfertigung von Alleingängen wie im Irak-Krieg.
- Die Debatte um den potenziellen Bedeutungsverlust der UNO und deren fortbestehende Legitimationsfunktion für die USA.
Auszug aus dem Buch
1.2 Die ideologische Determinante unter Präsident Reagan
Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Jimmy Carter, konzentrierte sich Reagan voll und ganz auf die Zurückdrängung Moskaus (am deutlichsten wird dies in der „State of Union Adress“ von 1985 formuliert). Das gesamte Politikkonzept verpflichtete sich der bipolaren Rivalität zwischen den beiden Großmächten: Nur in dem Maße, in dem Entwicklungsländer den Führungsanspruch der USA befürworteten, erhielten sie auch Unterstützung von Amerika. Auch die Beförderung von Menschenrechten musste der antikommunistischen Agenda Vorrang einräumen. Diese rigorose Politik wurde durch die Reagan-Doktrin untermauert, welche Aktionen „nicht durch die moralische Qualität der Maßnahmen, sondern durch seine moralische Überlegenheit der Ziele“ legitimierte. Ein wichtiges Ziel der Reagan-Administration war die Wiederherstellung des durch Carter verloren geglaubten Selbstbewusstseins. Ihm – der Amerika darauf einschwor, dass seine besten Zeiten endgültig vorbei seien – wurde von der neuen Regierung die Schuld für das Versagen im Iran-Konflikt zugewiesen. Eine Politik der Schwäche und der Schüchternheit, könne und wolle man sich nicht weiterhin leisten, so die einhellige Meinung in Washington.
Mit der ideologischen Umorientierung änderte sich auch Amerikas Verhältnis zur UNO. Immer häufiger wurde „nicht nur die Effektivität des UN-Systems, sondern auch dessen Existenzberechtigung in Frage gestellt.“ Im Einklang mit der stärker werdenden Ablehnung der UNESCO (sowie der gesamten UNO) stand die Rückkehr zu nationalen Themen und ein verstärkter Individualismusanspruch. Eine Ideologie des dogmatischen Unilateralismus erlaubte es daher, Interessen alleine auf nationaler Ebene zu formulieren. Somit stellte der Rückzug auf die eigenen Wertevorstellungen gleichermaßen einen Rückzug aus der multilateralen Kooperation dar. Reagans stark neorealistisch gefärbte Auffassung, dass Selbsthilfe der sicherste Schutz für Amerikas Interessen sei, wurde von der neokonservativen UNO-Botschafterin Jeane Kirkpatrick geteilt.
Zusammenfassung der Kapitel
A) Einleitung – Rückblick: Die Einleitung skizziert den historischen Wandel der US-Außenpolitik von isolationistischen Anfängen hin zum aktiven Engagement und betrachtet die Entstehungsgeschichte der UNO im Kontext amerikanischer Interessen.
B) Das zerrüttete Verhältnis zwischen USA und UNO: Dieser Hauptteil analysiert kritisch das Spannungsfeld zwischen den USA und der UNO, unterteilt in die Themenbereiche UNESCO-Austritt, Finanzierungspolitik und Irak-Konflikt.
1. Der Austritt der Vereinigten Staaten aus der UNESCO: Dieses Kapitel erläutert, wie ideologische Differenzen und der Vorwurf der Politisierung der UNESCO unter der Reagan-Administration zum Austritt der USA führten.
2. Die inkonsistente Zahlungsmoral der USA: Hier werden die finanziellen Diskrepanzen untersucht, wobei die bewusste Kürzung von Beiträgen als politisches Machtmittel zur Reformerzwingung dargestellt wird.
3. Der Irak-Krieg: Ein neues Kapitel zwischen USA und UNO: Dieses Kapitel beleuchtet den Alleingang der USA im Irak unter Berufung auf die "National Security Strategy" und die daraus resultierende Belastung des Sicherheitsrates.
C) Schlussbemerkungen – Aussicht: Das Fazit fasst das Dilemma zwischen amerikanischer Dominanz und der Notwendigkeit einer regelbasierten Weltordnung zusammen und plädiert für eine beiderseitige Gesprächsbereitschaft.
Schlüsselwörter
Vereinte Nationen, USA, Außenpolitik, UNESCO, Irak-Krieg, Zahlungsmoral, Unilateralismus, Multilateralismus, Exceptionalism, Sicherheitsrat, National Security Strategy, Politisierung, Reagan-Doktrin, Weltordnung, Diplomatie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert das komplexe, oft konfliktreiche Verhältnis zwischen den USA und den Vereinten Nationen, insbesondere im Hinblick auf US-amerikanische Alleingänge und die Instrumentalisierung der Organisation.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Untersuchung behandelt?
Im Zentrum stehen der Austritt aus der UNESCO in den 1980er Jahren, die gezielte Zahlungsverweigerung bei Beiträgen sowie die Eskalation im Zuge des Irak-Krieges 2003.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Identifizierung der Handlungsmuster und Motive, die das US-Verhältnis zur UNO bestimmen, um zu ergründen, warum die USA trotz ihrer bedeutenden Rolle häufig in Opposition zur Weltorganisation stehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine exemplarische Untersuchung, die historische Fallbeispiele analysiert und auf Grundlage politikwissenschaftlicher Literatur auswertet, um die US-UN-Beziehungen zu erklären.
Was wird im Hauptteil der Arbeit inhaltlich erörtert?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bereiche UNESCO-Austritt, die politische Steuerung durch Finanzierungsmittel und die Auswirkungen der "National Security Strategy" auf die Rolle der UNO während des Irak-Krieges.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die wesentlichen Begriffe umfassen Unilateralismus, Exceptionalism, transatlantische Beziehungen, politische Instrumentalisierung und internationale Institutionen.
Warum betrachten die USA den "Exceptionalism" als legitim für ihren Alleingang im Irak?
Der Autor führt aus, dass der amerikanische "Exceptionalism" auf dem tiefen Glauben an die Überlegenheit der eigenen Werte basiert, wodurch sich die USA von den Zwängen internationaler Regeln, die für andere gelten, befreit sehen.
Welche Rolle spielt der Kongress bei der Außenpolitik gegenüber der UNO?
Der Kongress fungiert als entscheidender Akteur, der durch seine Haushaltsgewalt massiven Druck auf die Administration ausüben kann, um außenpolitische Zugeständnisse zu erzwingen oder die Finanzierung der UNO als politisches Druckmittel zu nutzen.
Wie wird das "withholding tool" von den USA in Bezug auf Reformforderungen eingesetzt?
Die USA nutzen den Entzug oder die Kürzung von finanziellen Beiträgen ("withholding tool"), um Reformen in den UN-Strukturen zu erzwingen, insbesondere um das Prinzip "One-state-one-vote" zu untergraben.
- Quote paper
- Philipp Hauner (Author), 2006, Das ambivalente Verhältnis der USA zu den vereinten Nationen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123595