Die Rolle der Ethnologie in der Entwicklungszusammenarbeit sowie ein Plädoyer zur stärkeren Berücksichtung kultureller Themen und für eine direkte Beteiligung von Ethnologen an der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit sind Themen, die im deutschsprachigen Raum bereits mehrfach behandelt wurden.Über die Rolle, die Ethnologen in Lateinamerika und in der "Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Völkern" heute, nach ihrer teilweise unglücklichen Beteiligung an staatlichen Integrationsprogrammen, noch übernehmen können und dürfen, ist jedoch noch nicht sehr viel geschrieben worden.
Die Weltbank, als Beispiel einer multilateral agierenden Entwicklungsinstitution, setzt mittlerweile ganz selbstverständlich Ethnologen ein, wenn es darum geht, mit indigenen Völkern in Lateinamerika zusammenzuarbeiten. Sie geht davon aus, dass eine sozialwissenschaftliche Analyse für den Erfolg eines solchen Projekts unumgänglich ist. In der deutschen bilateral agierenden Entwicklungszusammenarbeit hingegen ist die Arbeit von Ethnologen in Entwicklungsprojekten mit indigenen Völkern noch nicht hinreichend institutionalisiert bzw. eine ausführliche Kontextanalyse als unumgänglich eingestuft worden. Ob die Arbeit von Ethnologen in Projekten mit Indigenen von den Vertretern der indigenen Organisationen überhaupt akzeptiert würde, ist in manchen Fällen allerdings fraglich. Es gibt viele kontroverse Meinungen über die Funktionen, die Ethnologen in der "Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Völkern" in Lateinamerika noch einnehmen können. Im Laufe dieser Arbeit werden diese beleuchtet und anhand eigener Erfahrungen der Autorin und im Vergleich mit zwei ausgewählten Entwicklungsprojekten der Weltbank und GTZ einige Empfehlungen darüber abgeben, wie eine "Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Völkern" in Lateinamerika erfolgreich durchgeführt werden könnte.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Methoden und Quellen
2 Ethnologie und Entwicklungszusammenarbeit
2.1 Entwicklungsethnologie
2.2 Ethnologie der Entwicklung
2.3 Aktionsethnologie
3 Indigene Völker in Lateinamerika: Vom Objekt zum Subjekt
3.1 Klassischer Indigenismus: Hauptziel Integration
3.1.1 Rolle der Ethnologie
3.2 Neoindigenismus: Das neue Konzept des etnodesarrollo
3.2.1 Rolle der Ethnologie
3.3 Indianismus: Was ist indigene Entwicklung?
4 Beispiele der „Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Völkern“
4.1 Entwicklungszusammenarbeit der Weltbank mit indigenen Völkern
4.1.1 Entwicklungsprojekt für indigene Völker in Ecuador
4.1.1.1 Kontext: Politische Organisationen Indigener Völker in Ecuador
4.1.1.2 Geschichte und Aufbau des Projekts
4.1.1.3 Sozialwissenschaftliche Rahmenkonzepte des Projekts
4.1.1.4 Ergebnisse
4.1.1.5 Rolle der Ethnologie im Projekt?
4.2 Deutsche „Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Völkern“
4.2.1 Projekt zur Stärkung indigener Organisationen im Amazonasbecken
4.2.1.1 Kontext: Politische Organisationen Indigener Völker Amazoniens
4.2.1.2 Geschichte und Aufbau des Projektes
4.2.1.3 Konzeption: Regionaler Ansatz
4.2.1.4 Ergebnisse
4.2.1.5 Rolle der Ethnologie im Projekt?
4.2.2 Eigene Arbeitserfahrung mit der GTZ in Ecuador
4.2.2.1 Meine Rolle als Ethnologin
4.3 Diskussion und Vergleich der Ansätze
5 Ethnologie und „Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Völkern“
Fazit: Welche (neuen) Rollen kann die Ethnologie übernehmen?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Rolle der Ethnologie in der Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Völkern in Lateinamerika. Ziel ist es, die kontroversen Debatten über die Beteiligung von Ethnologen in diesem Feld zu analysieren, historische Entwicklungen vom "Objekt" zum "Subjekt" indigener Völker zu beleuchten und anhand konkreter Beispiele der Weltbank und der GTZ zu hinterfragen, wie soziokulturelle Kontextfaktoren in der Praxis berücksichtigt werden und welche neuen Rollen Ethnologen dabei einnehmen können.
- Rolle der Ethnologie in der Entwicklungszusammenarbeit
- Indigene Organisationen in Lateinamerika (Ecuador und Amazonasbecken)
- Konzept des etnodesarrollo und indigene Entwicklungsdiskurse
- Vergleich der Ansätze von Weltbank und GTZ
- Ethische und praktische Herausforderungen für angewandte Ethnologie
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Rolle der Ethnologie
Das Gedankengut des klassischen Indigenismus bildete das vorherrschende Forschungsparadigma in der lateinamerikanischen Ethnologie der 1940-er bis 1970er Jahre. Dies galt sowohl für evolutionistisch beeinflusste Ethnologen als auch für diejenigen, die der funktionalistischen oder der kulturrelativistischen Schule anhingen. Die zunächst evolutionistischen Gedanken, die während der Kolonialzeit und auch nach der Unabhängigkeit vorherrschten, wurden von einem funktionalistischen Gedankengut abgelöst, das die sozialen und wirtschaftlichen Realitäten verstehen und daraufhin transformieren wollte. Es sollten die Funktionen der Kulturelemente erforscht werden, um danach diese durch „funktionsfähigere“ Alternativen zu ersetzen (Medina 2000:64; Rodríguez 1991:41).
Diese funktionalistischen Überlegungen wurden von Theoretikern kritisiert, die eher kulturrelativistisch beeinflusst waren, da jene davon überzeugt waren, dass die Unterschiedlichkeit der Gesellschaften und Kulturen respektiert und keine Integration in die Mehrheitsgesellschaft erzwungen werden sollte. Dennoch bemühten sich, auch die kulturrelativistisch beeinflussten Ethnologen Lateinamerikas um einen Prozess der „Akulturation“, der eine fortschreitende Eingliederung in die dominante Gesellschaft durch die nominelle Anerkennung ihrer unterschiedlichen Kulturen und Entwicklungen „weniger schmerzhaft“ machen sollte (Rodríguez 1991:41).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Rolle der Ethnologie in der Entwicklungszusammenarbeit und Darlegung der Forschungsfragen.
1 Methoden und Quellen: Erläuterung des methodischen Vorgehens, basierend auf Literaturanalyse, Praktikumserfahrungen bei der GTZ und Experteninterviews.
2 Ethnologie und Entwicklungszusammenarbeit: Theoretische Auseinandersetzung mit der Einteilung in Entwicklungsethnologie, Ethnologie der Entwicklung und Aktionsethnologie.
3 Indigene Völker in Lateinamerika: Vom Objekt zum Subjekt: Historische und politische Analyse, wie indigene Völker zu politischen Subjekten wurden und sich das Konzept des Indigenismus wandelte.
4 Beispiele der „Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Völkern“: Analyse konkreter Projekte der Weltbank und GTZ, inklusive eigener Praxiserfahrungen.
5 Ethnologie und „Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Völkern“: Zusammenfassende Diskussion über notwendige personelle Verankerung und praktische Anforderungen an Ethnologen.
Fazit: Welche (neuen) Rollen kann die Ethnologie übernehmen?: Schlussbetrachtung zur Positionierung von Ethnologen zwischen Entwicklungsinstitutionen und indigenen Akteuren.
Schlüsselwörter
Ethnologie, Entwicklungszusammenarbeit, Indigene Völker, Lateinamerika, etnodesarrollo, Weltbank, GTZ, indigene Organisationen, Soziale Organisation, interkulturelle Entwicklung, Partizipation, Indigenismus, Indianismus, Entwicklungspraxis, Kontextanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rolle und Beteiligung von Ethnologen in der staatlichen und multilateralen Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Völkern in Lateinamerika.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den historischen Wandlungsprozessen des Indigenismus, der Bedeutung soziokultureller Analysen für Entwicklungsprojekte sowie der Kritik an paternalistischen Ansätzen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird erforscht, wie sich die Rolle der Ethnologie verändert hat und welche Funktionen Ethnologen heute – im Spannungsfeld zwischen Entwicklungsinstitutionen und emanzipierten indigenen Akteuren – sinnvoll übernehmen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine umfangreiche Literaturrecherche mit empirischen Daten aus einem Praktikum bei der GTZ in Ecuador sowie qualitativen Interviews mit Experten und indigenen Vertretern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil erfolgt eine theoretische Einordnung ethnologischer Strömungen, gefolgt von einer detaillierten Analyse von Projekten der Weltbank (PRODEPINE) und der GTZ (COICA, Projekt in Napo).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Ethnologie, Indigene Völker, Entwicklungszusammenarbeit, etnodesarrollo, Partizipation, indigene Organisationen, soziokulturelle Kontextanalyse.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Ethnologie in dem von ihr begleiteten Projekt in der Provinz Napo?
Sie schätzt ihre Rolle als Ethnologin in der Planung als notwendig ein, um kulturelle Besonderheiten zu berücksichtigen, merkt jedoch an, dass die Zeit für eine tiefgehende Analyse zu kurz war und wirtschaftliche Vorgaben der GTZ die soziokulturellen Aspekte oft überlagerten.
Warum kritisiert die Autorin die Zusammenarbeit der GTZ mit der Dachorganisation COICA?
Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Fokussierung auf eine zentrale Führungsebene (Generalkoordinator), die die heterogene Basis der indigenen Gemeinschaften vernachlässigte und bei internen Spaltungen der Organisation das gesamte Projekt gefährdete.
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- Magistra Artium Catharina Köhler (Autor), 2007, Entwicklungszusammenarbeit mit indigenen Völkern in Lateinamerika , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123705