Anforderungsorientiertes Koordinationstraining im Ju-Jutsu Fighting


Studienarbeit, 2008

111 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Disziplin Ju-Jutsu Fighting

3 Der fertigkeitsorientierte Ansatz der Bewegungskoordination
3.1 Differenzierung von fähigkeits- und fertigkeitsorientiertem Ansatz
3.2 Strukturmodell zu koordinativen Anforderungen
3.2.1 Informationsanforderungen
3.2.2 Druckbedingungen
3.2.3 Wechselbeziehungen der Anforderungskategorien
3.3 Der Koordinations-Anforderungs-Regler (KAR)
3.4 Anforderungsanalyse
3.4.1 Charakterisierung der Bewegungsaufgabe
3.4.2 Erstellen eines Anforderungsprofils
3.4.2.1 Feststellen typischer Situationen und dominanter Handlungen
3.4.2.2 Auswahl der zu analysierenden Bewegungshandlung
3.4.2.3 Konkretisierung der Ausführungsbedingungen
3.4.2.4 Festlegung der Reglerstellung auf dem KAR
3.4.3 Koordinationstraining an Hand des Anforderungsprofils
3.4.3.1 Wahrnehmungstraining
3.4.3.2 Gleichgewichtstraining

4 Koordinationstraining im Ju-Jutsu
4.1 Charakterisierung der Sportart Ju-Jutsu Fighting
4.1.1 Bewegungsaufgaben im Ju-Jutsu
4.1.2 Situations- und Ausführungsbedingungen
4.1.3 Typische Situationen und dominante Handlungen
4.2 Ju-Jutsuspezifische Informationsanforderungen
4.3 Ju-Jutsuspezifische Druckbedingungen
4.3.1 Präzisionsdruck
4.3.2 Zeitdruck
4.3.2.1 Aktionsschnelligkeit
4.3.2.2 Reaktionsschnelligkeit
4.3.3 Komplexitätsdruck
4.3.3.1 Simultankoordination
4.3.3.2 Sukzessivkoordination
4.3.3.3 Muskelauswahl
4.3.4 Situationsdruck
4.3.4.1 Situationsvariabilität
4.3.4.2 Situationskomplexität
4.3.5 Belastungsdruck
4.3.5.1 Physische Beanspruchung
4.3.5.2 Psychische Beanspruchung
4.4 Anpassung des KAR an die Disziplin Fighting

5 Übungen zum Koordinationstraining im Ju-Jutsu
5.1 Gerade mit der Schlaghand zum Körper
5.1.1 Kurzcharakteristik
5.1.2 Ausführungsbedingungen
5.1.3 Anforderungsanalyse
5.1.4 Koordinationstraining
5.1.4.1 Übungsbeispiel: Gleichgewicht
5.1.4.2 Übungsbeispiel: Situationskomplexität
5.2 Halbkreisfußtritt vorwärts zum Kopf
5.2.1 Kurzcharakterisik
5.2.2 Ausführungsbedingungen
5.2.3 Anforderungsanaylse
5.2.4 Koordinationstraining
5.2.4.1 Übungsbeispiel: vestibuläre Informationsanforderung
5.2.4.2 Übungsbeispiel: Präzisionsdruck
5.3 Fußstoß seitwärts als Stopptechnik
5.3.1 Kurzcharakterisik
5.3.2 Ausführungsbedingungen
5.3.3 Anforderungsanalyse
5.3.4 Koordinationstraining
5.3.4.1 Übungsbeispiel: akustische Informationsanforderung
5.3.4.2 Übungsbeispiel: Aktionsschnelligkeit
5.3.4.3 Übungsbeispiel: psychischer Belastungsdruck
5.4 Beinfangen und große Innensichel
5.4.1 Kurzcharakterisik
5.4.2 Ausführungsbedingungen
5.4.3 Anforderungsanalyse
5.4.4 Koordinationstraining
5.4.4.1 Übungsbeispiel: kinästhetische Informationsanforderung
5.4.4.2 Übungsbeispiel: Reaktionsschnelligkeit
5.4.4.3 Übungsbeispiel: Simultankoordination
5.5 Ausheber im Übergang
5.5.1 Kurzcharakterisik
5.5.2 Ausführungsbedingungen
5.5.3 Anforderungsanalyse
5.5.4 Koordinationstraining
5.5.4.1 Übungsbeispiel: taktile Informationsanforderung
5.5.4.2 Übungsbeispiel: Sukzessivkoordination
5.5.4.3 Übungsbeispiel: physischer Belastungsdruck
5.6 Große Außensichel im Übergang
5.6.1 Kurzcharakteristik
5.6.2 Ausführungsbedingungen
5.6.3 Anforderungsanalyse
5.6.4 Koordinationstraining
5.6.4.1 Übungsbeispiel: optische Informationsanforderung
5.6.4.2 Übungsbeispiel: Muskelauswahl
5.6.4.3 Übungsbeispiel: Situationsvariabilität

6 Ausblick

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang
8.1 Arbeitsvorlage für ein anforderungsorientiertes Koordinationstraining
8.2 Arbeitsvorlage zum Erstellen von Koordinationsübungen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: U18 und U21 Kader für die

Juniorenweltmeisterschaften 2007

Abbildung 2: Halbkreisfußtritt im Part eins

Abbildung 3: Innenschenkelwurf im Part zwei

Abbildung 4: Haltegriff im Part drei

Abbildung 5: Koordinative Anforderungskategorien

Abbildung 6: Der Koordinations-Anforderungs-Regler (KAR)

Abbildung 7: Methodische Grundformel für das Koordinationstraining

Abbildung 8: Typischer Verlauf wettkampfrelevanter Handlungsabläufe im Ju-Jutsu Fighting

Abbildung 9: Einflussgrößen auf die Reaktionsschnelligkeit

Abbildung 10: Aspekte des Komplexitätsdrucks

Abbildung 11: Aspekte des Situationsdrucks

Abbildung 12: Wahrnehmungsobjekte in der Disziplin Fighting

Abbildung 13: Der KAR im Ju-Jutsu

Abbildung 14 Gerade mit der hinteren Hand (Schlaghand) zum Körper

Abbildung 15: Gerade zum Körper als Bilderreihe

Abbildung 16: Reglerstellung bei einer Geraden mit der Schlaghand zum Körper

Abbildung 17: Halbkreisfußtritt vorwärts zum Kopf

Abbildung 18: Halbkreisfußtritt zum Kopf als Bilderreihe

Abbildung 19: Reglerstellung bei einem Halbkreisfußtritt vorwärts zum
Kopf

Abbildung 20: Fußstoß seitwärts als Stopptechnik

Abbildung 21: Fußstoß seitwärts als Stopptechnik als Bilderreihe

Abbildung 22: Reglerstellung bei einem Fußstoß seitwärts als Stopptechnik

Abbildung 23: Beinfangen mit großer Innensichel

Abbildung 24: Beinfangen mit großer Innensichel als Bilderreihe

Abbildung 25: Reglerstellung bei einem Beinfangen mit großer Innensichel

Abbildung 26: Abwurfphase eines Aushebers im Übergang

Abbildung 27: Ausheber im Übergang als Bilderreihe

Abbildung 28: Reglerstellung bei einem Ausheber im Übergang

Abbildung 29: Große Außensichel im Übergang als Bilderreihe

Abbildung 30: Reglerstellung bei einer großen Außensichel im Übergang

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Definition der Druckbedingungen an Hand von Anforderungen

Tabelle 2: Aufteilung der Druckbedingungen im KAR

Tabelle 3: Variationsprinzipien im Ju-Jutsu

Tabelle 4: Technikrepertoire der A und B Kaderathleten

Tabelle 5: Informationsanforderungen im KAR

Tabelle 6: Druckbedingungen im KAR

Tabelle 7: Übungsauswahl nach Aspekten auf dem KAR

Tabelle 8: Informationsanforderungen bei einer Geraden mit der Schlaghand zum Körper

Tabelle 9: Druckbedingungen bei einer Geraden mit der Schlaghand
zum Körper

Tabelle 10: Übungsbeschreibung „Fauststoß mit Zug am Theraband“

Tabelle 11: Übungsbeschreibung „Mattenrandsituation im Angriff“

Tabelle 12: Informationsanforderungen bei einem Halbkreisfußtritt zum Kopf

Tabelle 13: Druckbedingungen bei einem Halbkreisfußtritt zum Kopf

Tabelle 14: Übungsbeschreibung „Halbkreisfußtritt nach Drehung“

Tabelle 15: Übungsbeschreibung „Tennisball-Treten“

Tabelle 16: Informationsanforderungen bei einem Fußstoß seitwärts als Stopptechnik

Tabelle 17: Druckbedingungen bei einem Fußstoß seitwärts als Stopptechnik

Tabelle 18: Übungsbeschreibung „Wiedergabe von Anweisungen des Coaches“

Tabelle 19: Übungsbeschreibung „Fußstoß seitwärts gegen ‚rennende Pratze‘ “

Tabelle 20: Übungsbeschreibung „Sudden Death“

Tabelle 21: Informationsanforderungen bei einem Beinfangen mit großer Innensichel

Tabelle 22: Druckbedingungen bei einem Beinfangen mit großer Innensichel

Tabelle 23: Übungsbeschreibung „Geradlinig oder in der Drehbewegung sicheln“

Tabelle 24: Übungsbeschreibung „Auswahlreaktion mit Halbkreisfußtritt“

Tabelle 25: Übungsbeschreibung „Beinfangen mit Zusatzaufgabe Fauststoß“

Tabelle 26: Informationsanforderungen bei einem Ausheber im Übergang

Tabelle 27: Druckbedingungen bei einem Ausheber im Übergang

Tabelle 28: Übungsbeschreibung „Ausheber mit Änderung der Abwurfrichtung“

Tabelle 29: Übungsbeschreibung „verschiedene Angriffskombinationen
mit Ausheber im Übergang“

Tabelle 30: Übungsbeschreibung „Kniebeuge mit anschließendem Ausheber im Übergang“

Tabelle 31: Informationsanforderungen bei einer großen Außensichel
im Übergang

Tabelle 32: Druckbedingungen bei einer großen Außensichel im Übergang

Tabelle 33: Übungsbeschreibung „Große Außensichel mit Stroboskoplicht“

Tabelle 34: Übungsbeschreibung „Große Außensichel im Übergang einarmig“

Tabelle 35: Übungsbeschreibung „Unterschiedliche Beinbelastung von
Uke“

1 Einleitung

Theoretische Arbeiten sind für die Praxis besonders hilfreich, wenn ein direkter Bezug zu eben dieser hergestellt werden kann. Aus diesem Grund liegt der eine Schwerpunkt der Arbeit im Theoriebezug, der andere hingegen in der sportspezifischen praktischen Umsetzung der Thematik.

Die vorliegende Arbeit soll ein Bindeglied zwischen der Theorie und Praxis im Bereich des anforderungsorientierten Koordinationstrainings im Ju-Jutsu Fighting darstellen.

Athleten des Deutschen Ju-Jutsu Verbandes gehören seit mehreren Jahren zur Spitze im Weltverband. Mit Platz drei der Nationenwertung, hinter Frankreich und den Niederlanden, kehrte das Deutsche Team 2006 von den Weltmeisterschaften in Rotterdam zurück. Die Ergebnisse in den einzelnen Gewichtsklassen zeigen jedoch recht deutlich, dass mehrere Nationen, darunter Russland und Spanien, den direkten Anschluss gefunden haben. Die Leistungsdichte an der Weltspitze wird zweifelsfrei immer enger.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: U18 und U21 Kader für die Juniorenweltmeisterschaften 2007 (Bild vom Autor)

Die U18 und U21 Kader erzielen ebenfalls vordere Platzierungen in der Nationenwertung, wobei hier recht deutliche Unterschiede zur Umfangsgestaltung im Training im Vergleich zum A-Kader festzustellen sind. Dies liegt vor allem daran, dass die Athleten des U18 und U21 Kaders regelmäßig noch zur Schule gehen beziehungsweise studieren und durch den Fokus auf das „nicht-leistungssportliche“ Leben eine Umfangssteigerung schwierig zu bewältigen ist. Wenn aber auf Grund der sozialen Struktur der Sportler eine quantitative Steigerung des Trainingspensums nicht möglich ist, muss das Training qualitativ gesteigert werden. Dementsprechend sollten die Trainingsinhalte zielgerichtet auf die in der Sportart zu bewältigende Aufgabe ausgerichtet sein. Dies gilt für sämtliche Komponenten der Sportlichen Leistung – darunter auch die Koordination.

Die vorliegende Arbeit soll an dieser Stelle ansetzen. Auf der Basis des Modells des anforderungsorientierten Koordinationstraining von NEUMAIER (2003) wird ein koordinatives Anforderungsprofil für leistungsrelevante Situationen der Disziplin Ju-Jutsu Fighting erstellt und anschließend Möglichkeiten für ein praxisnahes Koordinationstraining angeboten. Dabei soll die dargestellte Systematik dazu anregen weitere kreative Ansätze im Rahmen eines zielgerichteten Koordinationstrainings zu geben.

In der Sportart Judo wurde von LIPPMANN & RITTLER SUSEBEEK (2006) auf der Grundlage dieses Modells ein koordinatives Anforderungsprofil erstellt und Möglichkeiten zum Training aufgezeigt. Da in diesem Werk ausführlich auf den Wurf- und Bodenbereich eingegangen wurde und die Techniken im Ju-Jutsu sich hier im Wesentlichen gleichen, wird in dieser Arbeit lediglich auf die Tritt- und Schlagtechniken (Part eins) und auf den Übergang vom Tritt- /Schlagbereich zum Wurfbereich (Übergang Part eins zu Part zwei) eingegangen.

2 Die Disziplin Ju-Jutsu Fighting

Ju-Jutsu ist eine moderne Art der Selbstverteidigung, die Elemente verschiedender Selbstverteidigungssysteme und Zweikampfsportarten kombiniert und diese weiterentwickelt hat. Im Mittelpunkt steht hier die Verteidigung im Sinne eines Selbstverteidigungssystems, wohingegen Ju-Jutsu als Sportart weitaus weniger verbreitet ist (vgl. KIRCHGÄSSNER, 1993, S. 430). Diese Beschreibung wird der noch jungen Wettkampfsportart Ju-Jutsu allerdings nicht gerecht.

HECKELE (2005a, S. 271) beschreibt Ju-Jutsu als eine moderne Selbstverteidigung und Zweikampfsportart, in der Elemente unterschiedlicher Zweikampfsport- und Selbstverteidigungssysteme vereint bzw. weiterentwickelt wurden. Ju-Jutsu ist ein sich ständig anpassendes System, das sich den aktuellen Gegebenheiten der Selbstverteidigung und des Zweikampfes öffnet und diese annimmt.

Der sportliche Zweikampf des Ju-Jutsu ist die Disziplin „Fighting“. Die Auseinandersetzung erfolgt im Leichtkontakt und gliedert sich in drei Teilbereiche.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Halbkreisfußtritt im Part eins (Bild vom Autor)

Im ersten Teilbereich (Part eins) sind Stoß-, Schlag- und Tritttechniken im Leichtkontakt erlaubt. Der zweite Teilbereich (Part zwei) besteht aus Würfen und Übergängen in die Bodenlage.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Innenschenkelwurf im Part zwei (Bild vom Autor)

Hier schließt sich unmittelbar der dritte Teilbereich (Part drei) an. Die Inhalte dieses Teilbereiches sind Festlege- und Würgetechniken, sowie Beuge- und Streckhebel. Im zweiten und dritten Teilbereich sind Schlag-, Stoß- und Tritttechniken ausnahmslos verboten und führen zu sofortiger Bestrafung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Haltegriff im Part drei (Bild vom Autor)

In der Disziplin Fighting existieren nur zwei Wertungen: Die Wertung „Ippon“ entspricht zwei Punkten und die Wertung „Waza-Ari“ hat die Wertigkeit von einem Punkt.

Seit dem 01.01.2006 beträgt die Kampfzeit eine Runde über drei Minuten. Der Kampf wird von einem Hauptkampfrichter und zwei Nebenkampfrichtern, welche sich alle auf der Matte befinden, geleitet. Die Punkte werden vom Tischkampfrichter auf die Anzeigetafel übertragen. Ein vorzeitiger Kampfgewinn ist nur über „full ippon“ („Ippon“ in allen Teilbereichen) möglich.

3 Der fertigkeitsorientierte Ansatz der Bewegungskoordination

Eine einheitliche Begriffsbestimmung der Bewegungskoordination ist der sportwissenschaftlichen Literatur nicht zu entnehmen. Vielmehr orientieren sich die Zugangsweisen an den einzelnen Fachwissenschaften, dem spezifischen Erkenntnisinteresse und nur vereinzelt auch an einer integrativen Sichtweise, die die Sportpraxis miteinbezieht (vgl. NEUMAIER, 2003, S. 9).

3.1 Differenzierung von fähigkeits- und fertigkeitsorientiertem Ansatz

Ebenso stellen sich die Konzepte zur Systematisierung der Koordination als uneinheitlich dar (vgl. RÖTHIG, PROHL, CARL, DIETRICH, KRÜGER & SCHEID, 2003, S. 308). Obwohl im Bezug auf die Systematisierung im Wesentlichen fähigkeits- und fertigkeitsorientierte Ansätze zu unterscheiden sind, wird nicht selten der Begriff Koordination als „Sammelbezeichnung für eine Reihe koordinativer Fähigkeiten“ (HOHMANN, LAMES & LETZELTER, 2007, S. 105) verwandt.

So ist festzustellen, dass „[d]as Bemühen, in das Wesen koordinativer Fähigkeiten tiefer einzudringen, […] zu verschiedenen Strukturierungs- und Differenzierungsansätzen“ (HIRTZ, 2007, S. 218) führte. Traditionell werden mehrere koordinative Fähigkeiten beschrieben, wobei auch hier die Anzahl je nach Autor differiert. Eines der bekanntesten Konzepte, welches zu einem

„Standard-Begriffsinventar“ (HOHMANN et al., 2007, S. 106) geworden ist, findet sich in den folgenden sieben koordinativen Fähigkeiten wieder (vgl. BLUME, 1978, S. 29-36):

- Differenzierungsfähigkeit
- Kopplungsfähigkeit
- Reaktionsfähigkeit
- Orientierungsfähigkeit
- Gleichgewichtsfähigkeit
- Umstellungsfähigkeit
- Rythmisierungsfähigkeit

Das Konzept der koordinativen Fähigkeiten ist inzwischen mehr als 30 Jahre alt und wurde erfolgreich im Schulsport und stellenweise auch im Nachwuchsleistungssport zur Koordinationsschulung angewandt (vgl. HIRTZ, 2007, S. 238). Die Gründe hierfür liegen vor Allem in der Anschaulichkeit, der leichten Identifizierbarkeit in einer sportlichen Bewegung und in der scheinbar klaren Kategoriersierung (vgl. HOHMANN et al., 2007, S. 106).

Es muss allerdings festgestellt werden, dass eine wissenschaftliche Absicherung im Sinne einer umfassenden theoretischen und empirischen Fundierung dieser klassischen koordinativen Fähigkeiten noch aussteht (vgl. HIRTZ, 2007, S. 238).

Im Sinne einer allgemeinen Charakteristik des Begriffs der koordinativen Fähigkeiten kann festgestellt werden:

„Koordinative Fähigkeiten sind empirisch geprägte, mehr oder weniger theoretisch […] abgesicherte, hypothetisch bzw. logische Konstrukte, da sie nicht direkt und unmittelbar sichtbar sind, ihre Existenz jedoch angenommen wird“ (SCHNABEL, HARRE, KRUG & BORDE, 2005, S. 126).

Es stellt sich hier die Frage, ob ein allgemeines Fähigkeitstraining zu einer ausreichenden sportartspezifischen Leistungssteigerung führen kann. Ebenso erscheinen die Ansprüche auf Generalisierbarkeit der koordinativen Fähigkeiten und ihren transferierenden Charakter als etwas voreilig (vgl. HIRTZ, 2007, S. 238/239). So können die angesprochenen motorischen Fähigkeiten „allenfalls als vorläufige Verständigungseinheiten für praxisorientierte Zwecke angesehen werden“ (MECHLING, 2003, S. 352).

ROTH führt ebenfalls an, dass die Defizite in der Forschung „zu einer grundsätzlichen Kritik am Fähigkeitsparadigma geführt“ (2005, S. 334) haben.

Auf der Suche nach einem Lösungsvorschlag, insbesondere für das Koordinationstraining im Leistungssport, wurde das Augenmerk auf einen Perspektivenwechsel gelegt. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen nicht die personenbezogenen koordinativen Leistungsvoraussetzungen, sondern die typischen koordinativen Leistungsanforderungen von motorischen Aufgabenstellungen (vgl. LIPPMANN & RITLER SUSEBEEK, 2006, S. 7).

Der Ansatz geht von den sportlichen Fertigkeiten und ergänzenden „Angaben zur Gestaltung der Variationsquellen und zum Variationsspektrum“ (MECHLING, 2003, S. 364) aus.

Im Wesentlichen werden Informationsanforderungen und Druckbedingungen, unter denen eine sportartspezifische Aufgabe zu lösen ist, betrachtet und ein Anforderungsprofil der Bewegungsaufgabe erstellt. Hieraus können dann entsprechende Übungen für das Koordinationstraining abgeleitet werden (vgl. SCHNABEL et al., 2005, S. 132).

Der wesentliche Vorzug des fertigkeitsorientierten Ansatzes zeigt sich darin, dass „hier ein Analyseraster entwickelt wurde, mit dem die koordinativen Anforderungen einer Sportart durchaus auch für die Zwecke des Leistungssports aufgearbeitet werden können“ (HOHMANN et al., 2007, S. 108). Das Hauptanliegen ist ein in erster Linie auf die Praxis ausgerichteter Ansatz, mit dessen Hilfe konkrete Ziele und Inhalte für ein sportartübergreifendes wie auch sportartspezifisches Koordinationstraining auf allen Leistungsniveaus abgeleitet werden können (vgl. NEUMAIER, 2003, S. 95).

3.2 Strukturmodell zu koordinativen Anforderungen

Das koordinative Anforderungsprofil von Bewegungsaufgaben bzw. die koordinative Anforderungsstruktur wird von den in Abbildung 4 dargestellten koordinativen Anforderungskategorien zusammengefasst. Diese Anforderungskategorien gehen aus der Literaturanalyse und aus Plausibilitätsbetrachtungen hervor (vgl. NEUMAIER, 2003, S. 97).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Koordinative Anforderungskategorien (aus: NEUMAIER, 2003, S. 97)

Der linke Teil der Abbildung enthält die afferenten Informationsanforderungen, die mit der Bewegungsaufgabe verbunden sind, wohingegen der rechte Teil die charakteristischen Druckbedingungen, die sich aus der Zielstellung der Bewegungsaufgabe ergeben, darstellt.

3.2.1 Informationsanforderungen

Die für den Koordinationsprozess einer Bewegungsaufgabe maßgeblichen Informationsquellen sind:

- der optische,
- der akustische,
- der taktile,
- der kinästhetische und
- der satico-dynamische oder vestibuläre

Analysator. Hinzu kommt die integrative Sinnesleistung zur Bewältigung von Gleichgewichtsanforderungen. Der Gleichgewichtserhalt in einer relativen Ruhestellung beruht hauptsächlich auf der Informationsverarbeitung des kinästhetischen und taktilen, sowie zum Teil des vestibulären und des optischen Analysators. Je großräumiger die Lageveränderung des Körpers, desto dominierender wird die Bedeutung des vestibulären Analysators (vgl. SCHNABEL et al., 2005, S. 74).

Die übergreifende Bedeutung der Gleichgewichtsanforderung wird auch in der Analyse von Bewegungsaufgaben deutlich, in denen ein Gleichgewichtsverlust droht oder das Gleichgewicht schon außer Kontrolle geraten ist. Hier wird „die gesamte Bewegungskoordination sofort und vorrangig auf die Vermeidung bzw. Behebung des Gleichgewichtsverlustes ausgerichtet“ (NEUMAIER, 2003, S. 100).

3.2.2 Druckbedingungen

Die motorisch-koordinativen Druckbedingungen unter denen Koordinationsleistungen zu erbringen sind, werden nach NEUMAIER (2003, S. 98) mit folgenden Anforderungen definiert:

Tabelle 1: Definition der Druckbedingungen an Hand von Anforderungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dabei können die einzelnen Druckbedingungen für differenzierte Analysen in verschiedene Teilaspekte aufgeteilt werden. So kann zum Beispiel der Belastungsdruck in physische und psychische Belastung unterteilt werden. Je nach Bewegungsaufgabe kann es sinnvoll sein auf einzelne Untergliederungen zu verzichten oder aber weitere Untergliederungen vorzunehmen. Dies kann bei der Analyse des Zeitdrucks für einen Fauststoß sinnvoll sein. Hier kann der Zeitdruck hinsichtlich des Bewegungsbeginns (Reaktionsanforderung) und der Bewegungsdauer (Aktionsanforderung) unterschieden werden (vgl. LIPPMANN & RITLER SUSEBEEK, 2006, S. 9).

3.2.3 Wechselbeziehungen der Anforderungskategorien

Die einzelnen Anforderungskategorien stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander. Auf höherem Anforderungsniveau ist die Bewältigung von Präzisions-, Komplexitäts- und Zeitdruck immer in Beziehung mit der verfügbaren Zeit, und damit dem Zeitdruck zu sehen.

In Bezug auf die Informationsanforderungen bestehen ebenfalls Abhängigkeiten. Bei eingeschränkter visueller Information steigen die Anforderungen der übrigen Analysatoren.

So bleibt festzustellen, dass Informationsanforderungen und Druckbedingungen in vielen Einzelaspekten keine voneinander unabhängigen Kategorien sind. Vielmehr stehen sie untereinander in einer Wechselbeziehung (vgl. NEUMAIER, 2003, S. 116).

3.3 Der Koordinations-Anforderungs-Regler (KAR)

Die beiden Anforderungsgruppen sind bildhaft als zwei miteinander gekoppelte Schaltpulte darstellbar. Auf jedem der zwei Schaltpulte sind die Regler der einzelnen Anforderungsmerkmale wiederzufinden. Dieses Bild wird als Koordinations-Anforderungs-Regler, abgekürzt: KAR, bezeichnet (vgl. NEUMAIER, 2003, S. 134).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Der Koordinations-Anforderungs-Regler (KAR), (aus: NEUMAIER, 2003, S. 134)

Die Informationsanforderungen sind auf dem rechten Schaltpult vorzufinden. Hier ist neben den Analysatoren (o = optisch, a = akustisch, t = taktil, k = kinästhetisch, v = vestibulär) die Anforderungskategorie des Gleichgewichts (G) angetragen. Auf Grund der grundlegenden Bedeutung und des integrativen Charakters mit den Analysatoren ist die Gleichgewichtsanforderung quer angetragen (vgl. NEUMAIER, 2003, S. 135)

Innerhalb der Druckbedingungen im KAR sind drei Kategorien weiter aufgeschlüsselt. Eine weitere Aufgliederung kann je nach Bewegungsaufgabe bzw. Sportart sinnvoll sein. Dadurch ist eine differenzierte Analyse der

Bewegungsaufgabe möglich (vgl. LIPPMANN & RITLER SUSEBEEK, 2006, S. 9f).

Tabelle 2: Aufteilung der Druckbedingungen im KAR

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Reglerstellung auf dem KAR entspricht dem Bedeutungs- bzw. Schwierigkeitsgrad der entsprechenden Kategorie. Hierzu kann der Regler zwischen den Extrempolen „hoch“ (maximal) oder „niedrig“ (minimal) eingestellt werden. Lediglich der Komplexitätsdruck mit der Unterkategorie der Muskelauswahl ermöglicht eine nominale Erfassung (vgl. NEUMAIER, 2003, S. 138).

Durch die „Analyse der Anforderungen und Schwierigkeiten einer Bewegungsaufgabe ergibt sich schließlich durch die Gesamtkonstellation der Reglerstellungen das koordinative Anforderungsprofil“ (LIPPMANN & RITTLER SUSEBEEK, 2006, S. 10).

Bezieht sich die motorische Handlungskompetenz auf unterschiedliche Situationen, setzt sich das koordinative Anforderungsprofil aus mehreren, stellenweise sehr verschiedenen Regler-Konstellationen des KAR zusammen. Dies ist vor allem in offenen sportlichen Leistungssituationen wie im Kampfsport oder im Sportspiel der Fall. Aus diesem Grund ist es ratsam, sich bei der

Anforderungsanalyse auf die wesentlichen, typischen Handlungssituationen zu beschränken, so dass ein Ergebnis mit einem vertretbaren Aufwand erzielt werden kann (vgl. LIPPMANN & RITLER SUSEBEEK, 2006, S. 11).

Die Ziele der sportlichen Handlung sind in verschiedenen Sportarten und Disziplinen, darunter auch im Ju-Jutsu Fighting, nur über Teil- und Zwischenziele zu erreichen. Diese werden auch als Handlungsketten oder Handlungskomplexe bezeichnet und umfassen vorbereitende Bewegungen bzw. Techniken, Finten, Weiterführungs- und Gegentechniken. Folglich muss beachtet werden, dass in Sportarten mit situativem Charakter die Reglereinstellung auf dem KAR immer ein ganz bestimmtes Zeitfenster in der jeweils durch die aktuellen koordinativen Anforderungen gekennzeichneten Handlungssituation abbildet (vgl. LIPPMANN & RITTLER SUSEBEEK, 2006, S. 11).

Aus diesem Grund konzentriert sich die Anforderungsanalyse bei komplexen sportlichen Bewegungen, die aus verschiedenen funktional voneinander abgrenzbaren (Teil-)Handlungen bestehen, auf jeweils diese einzelnen Handlungen. Entsprechend sollten diese (Teil-)Handlungen als Situationsausschnitte verstanden werden, die zu Analysezwecken getrennt und gesondert analysiert werden. Dies gilt auch, wenn sie in der Trainingspraxis nicht isoliert trainiert werden können oder sollten (vgl. NEUMAIER; MECHLING

& STRAUß, 2002, S. 19).

Im Koordinationstraining sollen spezifische Leistungsvoraussetzungen, die auf das Bewältigen sportartspezifischer Handlungen und Situationen abzielen, gezielt geschult werden. Dementsprechend müssen einzelne Handlungen und Handlungsbestandteile differenziert und isoliert betrachtet werden, um im Koordinationstraining die betreffenden koordinativen Anforderungen mit Sicherheit und ausreichender Häufigkeit und Intensität variieren zu können (vgl. LIPPMANN & RITTLER SUSEBEEK, 2006, S. 12).

3.4 Anforderungsanalyse

Die Anforderungsanalyse dient der Identifikation und Einschätzung der koordinativen Anforderungen, die eine Bewegungsaufgabe stellt. Hierbei unterscheiden sich die Anforderungen der Bewegungsaufgabe je nach

- dem Handlungsziel und
- den Ausführungsbedingungen (Situations- und Rahmenbedingungen) für die Handlungsrealisation und
- dem Lern und Leistungsniveau der betreffenden Person (vgl. NEUMAIER et al., 2002, S. 13f)

3.4.1 Charakterisierung der Bewegungsaufgabe

Die Handlungsziele und die Ausführungsbedingungen einer sportlichen Bewegung müssen differenziert betrachtet werden, um zu einer qualitativen Einschätzung der vorliegenden Informations- und Druckbedingungen zu gelangen. Sie sind ein wichtiger Bezugspunkt für die Ableitung von Variationen für das anforderungsorientierte Koordinationstraining. Bei der Suche und Auswahl von variabel gestaltbaren Übungen für das Koordinationstraining liefern die Handlungsziele, und damit die Funktion der Bewegung, und die Ausführungsbedingen eine wichtige Orientierung (vgl. NEUMAIER et al., 2002, S. 14).

NEUMAIER et al. (2002, S. 14) stellen fest, dass eine Bewegung nur dann als funktional zu betrachten ist, wenn mit ihr unter den gegebenen Bedingungen das gesetzte Ziel möglichst effektiv erreicht werden kann. Folglich beinhaltet eine Funktionsanalyse stets eine Analyse der Bedingungen in Bezug auf die Situation und die Ausführung der Bewegung.

Diese Bedingungen sind für jede Bewegungsaufgabe einzeln zu betrachten, da die Lösung jeder sportlichen Bewegungsaufgabe unter konkreten, spezifischen Umständen erfolgt.

Die Situations- und Ausführungsbedingungen können in folgende Klassen zusammengefasst werden:

- Bedingungen der materiellen Umwelt
- Bedingungen der sportlichen Auseinandersetzung
- Kooperationsbedingungen

3.4.2 Erstellen eines Anforderungsprofils

Aus der Ziel- und Bedingungsanalyse werden die vorrangig zu lösenden Teilaufgaben und die dominanten, typischen Handlungen der Bewegungsaufgabe, Sportart oder Disziplin abgeleitet. Diese Handlungen werden im Anschluss wiederum differenziert analysiert.

3.4.2.1 Feststellen typischer Situationen und dominanter Handlungen

Für viele Sportarten beziehungsweise Disziplinen umfasst das koordinative Anforderungsprofil mehrere Grundstellungen des KAR. Somit besteht das Anforderungsprofil in einem solchen Fall aus einer Zusammenstellung unterschiedlicher bewegungs- bzw. situationsbezogener KAR-Konstellationen. (vgl. NEUMAIER et al., 2002, S. 17) Bei der systematischen Ableitung von dominanten Handlungen liefern Strukturbäume der jeweiligen Sportart bzw. Disziplin wertvolle Hinweise (siehe 4.1.1).

3.4.2.2 Auswahl der zu analysierenden Bewegungshandlung

Grundsätzlich bieten sich für das Herausarbeiten der koordinativen Anforderungen mehrere Möglichkeiten. NEUMAIER et al. (2002, S. 20) führen als mögliche Analysen auf:

- Alle wesentlichen und typischen Situationen einer Sportart / Disziplin unter Berücksichtigung des Leistungsniveaus der betreffenden Person (vom Anfänger bis zum Könner), um sich eine generelle Übersicht zu schaffen, oder

- speziell ausgewählte Situationen in der Sportart/Disziplin im fortgeschrittenen Leistungsbereich. Eine Orientierung erfolgt an Hand

- taktischer Gesichtspunkte, wenn die Beherrschung der Situation als besonders leistungsrelevant angesehen wird, an
- erkannten Defiziten bei der Situationsbewältigung oder an
- vorhandenen Stärken im Sinne einer weiteren Spezialisierung.

In der vorliegenden Arbeit (siehe Kapitel 5) werden Anforderungsanalysen von speziell ausgewählten Situationen im fortgeschrittenen Leistungsbereich vorgestellt. Die Beherrschung dieser Situationen wird als besonders leistungsrelevant angesehen.

3.4.2.3 Konkretisierung der Ausführungsbedingungen

In sämtlichen Fällen der koordinativen Anforderungsanalyse ist darauf zu achten, dass die Zielstellung, der Zeitraum der analysierten Handlung und die Ausführungsbedingungen ausreichend konkretisiert sind. Gleiches gilt für das Lern- und Leistungsniveau der Zielgruppe. Nur unter Beachtung dieser Punkte ist es sinnvoll koordinative Anforderungen auf dem KAR näherungsweise

„einzustellen“ (vgl. NEUMAIER et al., 2002, S. 21).

Je differenzierter die Betrachtungen durchgeführt werden, desto mehr Ansatzpunkte ergeben sich für gezielte und systematische Variationen der koordinativen Anforderungen im Koordinationstraining.

3.4.2.4 Festlegung der Reglerstellung auf dem KAR

Die Ausprägungs- bzw. Schwierigkeitsgrade der Anforderungskategorien werden theoriegeleitet und plausibel zugeordnet und ermöglichen damit eine qualitative Festlegung der Reglerstellungen zu den einzelnen Anforderungskategorien auf dem KAR. An Hand der Begründung lassen sich oft unmittelbar Variationsmöglichkeiten für das Koordinationstraining ableiten.

3.4.3 Koordinationstraining an Hand des Anforderungsprofils

Aus dem koordinativen Anforderungsprofil können Trainingsübungen für ein sportart- und situationsspezifisches, anforderungsorientiertes

Koordinationstraining abgeleitet werden. Durch ein „Verschieben der Regler“ auf dem KAR werden die koordinativen Anforderungen im Koordinationstraining so verändert, dass ungewohnte Bewegungsaufgaben entstehen.

Nach dem Grundverständnis des Koordinationstrainings liegt der Schwerpunkt in der Entwicklung und Automatisierung von Problemlösungsstrategien und in der Förderung der Selbstorganisationsprozesse innerhalb der Bewegungskoordination. Auf Grund der stets unterschiedlichen Rand- und Systembedingungen (auch bei geschlossenen Aufgaben) für die Bewegungskoordination sind ohnehin keine identischen Bewegungswiederholungen möglich. Das variable Üben von Bewegungen bildet entsprechend die Hauptmethode des Koordinationstrainings (vgl. NEUMAIER, 2003, S. 62).

Im Koordinationstraining werden nach ROTH (1998, S. 92ff) sicher beherrschte Bewegungsfertigkeiten bzw. sportliche Techniken mit einer systematischen Variation bzw. in den Informationsanforderungen und in den Druckbedingungen verbunden. Dadurch entstehen ungewohnte und anspruchsvolle Bewegungsaufgaben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Methodische Grundformel für das Koordinationstraining (in Anlehnung an ROTH, 1998, S. 92)

Für das Koordinationstraining eröffnet diese Grundformel in Verbindung mit dem KAR eine unbegrenzte Zahl an Variationsmöglichkeiten in Bezug auf die koordinativen Anforderungen von Bewegungsaufgaben (vgl. NEUMAIER, 2003, S. 163).

Eine systematische Ableitung von Trainingsmaßnahmen wird durch Orientierung an übergeordneten Variationsprinzipien erleichtert. NEUMAIER et al. (2002, S. 24ff) fassen die grundsätzlichen Möglichkeiten für eine

Veränderung der Aufgabenstellung bzw. der Aufgabenmerkmale in Gruppen zusammen und ordnen ihnen Beispiele für Variationsprinzipien zu. Diese können als Grundlage für mögliche Variationen im Ju-Jutsu verwendet werden.

Variationen bei den Druckbedingungen sind stets über Veränderungen der Ausführungsbedingungen und/oder der Bewegungsziele, einschließlich der Bedingungen für die Informationsverarbeitung, zu erreichen. Das Verschieben der Druckregler auf dem KAR erfolgt demnach als Reaktion auf die vorgenommenen Variationen der oben genannten Aufgabenbedingungen. Die

„Veränderung der Druckbedingungen ist die Folge der Veränderung von Aufgabenmerkmalen und nicht deren Ursache“ (NEUMAIER et al., 2002, S. 26). Die Trainingsübungen ergeben sich demnach nicht „von selbst“ durch ein Verschieben der Regler auf dem KAR, sondern müssen mit Hilfe der Variationsprinzipien unter Einbeziehung der Handlungsziele abgeleitet,

„erfunden“ und konkretisiert werden.

Entsprechend gilt als Grundsatz für ein anforderungsorientiertes, aufgabenbezogenes Koordinationstraining:

„Die Variation der Aufgabenstellung erfolgt im Koordinationstraining durch Veränderung

- des Bewegungsziels oder von Teilzielen der Bewegungshandlung, sprich der Ausführung von einzelnen Handlungsphasen bzw. Bewegungsteilen oder / und
- einzelner oder mehrerer Ausführungsbedingungen, einschließlich der Informationsbedingungen“ (NEUMAIER et al., 2002, S. 27).

Tabelle 3: Variationsprinzipien im Ju-Jutsu (modifiziert nach NEUMAIER et al., 2002, S. 24ff)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Innerhalb des Koordinationstrainings kommt zwei Aspekten eine besondere Bedeutung zu. Es handelt sich um das Training der

1. Wahrnehmung und des
2. Gleichgewichts.

Diesen Bestandteilen des Koordinationstrainings ist entsprechend Rechnung zu tragen, da sie einen unverzichtbaren Charakter aufweisen (vgl. NEUMAIER, 2003, S. 163ff).

3.4.3.1 Wahrnehmungstraining

Die Wahrnehmung, also die Aufnahme und schnelle und präzise Verarbeitung sensorischer Information, ist ein essentieller Bestandteil des Koordinationstrainings. ROTH (1998, S. 92ff) macht deutlich, dass durch Herstellen einer sensorischen Vielfalt die Variationen der Informationsanforderungen hergestellt werden können. Dieses

„Wahrnehmungstraining ist als ein Situations- und Entscheidungstraining stets mit konkreten und praxisorientierten Bewegungsaufgaben zu verbinden“ (NEUMAIER, 2003, S. 164).

Werden in der Sportart Handlungsketten als leistungsrelevant angesehen, sind Wahrnehmungsaufgaben mit der Realisierung von Handlungsketten und Mehrfachaufgaben zu verbinden.

3.4.3.2 Gleichgewichtstraining

Der integrativen Sinnesleistung zur Bewältigung von Gleichgewichtsanforderungen (siehe 3.2.1) muss auch im Koordinationstraining Rechnung getragen werden. Übungen mit ungewohnten bzw. erhöhten Anforderungen an die Regulation des Gleichgewichts sind auf allen Ebenen des Gleichgewichtstrainings unverzichtbar. Anforderungen an das Gleichgewicht sind auf Grund der engen Verbindung zur realisierenden Handlung mit sinnvollen Bewegungsaufgaben zu koppeln (vgl. NEUMAIER, 2003, S. 165).

4 Koordinationstraining im Ju-Jutsu

4.1 Charakterisierung der Sportart Ju-Jutsu Fighting

4.1.1 Bewegungsaufgaben im Ju-Jutsu

In der Disziplin Ju-Jutsu Fighting geht es grundsätzlich darum, den Gegner in einer Zweikampfsituation zu besiegen. Um dieses Ziel zu erreichen, stehen dem Ju-Jutsuka verschiedene Schlag-, Tritt-, Wurf- und Bodentechniken zur Verfügung.

Tabelle 4: Technikrepertoire der A und B Kaderathleten (modifiziert nach HECKELE, 2002, S.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

HECKELE (2002, S. 4) beschreibt in seinem hypothetischen Anforderungsprofil verschiedene Techniken in den drei Teilbereichen des Kampfes, die von Athleten des A und B Kaders des Deutschen Ju-Jutsu Verbandes beherrscht werden sollten.

Sämtliche Techniken können direkt angewendet, miteinander kombiniert oder aus unterschiedlichen Richtungen ausgeführt werden. Zusammen mit dem sehr offenen Reglement ergeben sich unendlich viele Situationen, Variationen von Techniken und taktische Möglichkeiten.

Ju-Jutsu gehört zu den Zweikampfsportarten, die mit azyklischen Bewegungen ausgeführt werden und in denen sich der Sportler mit offenen Situationen auseinanderzusetzen hat. Der Ju-Jutsuka muss kontinuierlich situationsbedingt Entscheidungen treffen, welche ihrerseits sofort entsprechende Konsequenzen nach sich ziehen. Der Athlet muss in der Lage sein, Entscheidungen schnell zu treffen, verschiedene Techniken auszuwählen, zu variieren, miteinander zu kombinieren und gegen den Willen und Wiederstand des Gegners durchzusetzen. Da beide Kämpfer dasselbe Ziel verfolgen, muss ständig ein adäquates Verteidigungsverhalten, insbesondere bei Punkteführung, berücksichtigt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 111 Seiten

Details

Titel
Anforderungsorientiertes Koordinationstraining im Ju-Jutsu Fighting
Veranstaltung
Diplomtrainerstudium
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
111
Katalognummer
V123798
ISBN (eBook)
9783640295104
ISBN (Buch)
9783640295166
Dateigröße
3055 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anforderungsorientiertes, Koordinationstraining, Ju-Jutsu, Fighting, Diplomtrainerstudium
Arbeit zitieren
Mario Staller (Autor), 2008, Anforderungsorientiertes Koordinationstraining im Ju-Jutsu Fighting, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123798

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