Thema der vorliegenden Diplomarbeit sind „Monster, Menschen und Barbaren als Gegenstand der historischen Diskursanalyse“. Monster und Barbaren sondern sich durch ihren Mangel oder Überfluss bestimmter Eigenschaften von der menschlichen Gesellschaft ab. Damit stehen sie am Rand, aber nicht außerhalb derselben. Als Grenzwesen erfüllen sie eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Indem sie uns zeigen, wie wir nicht sein sollen, geben sie uns eine mögliche Antwort darauf, wie wir sein sollen. Damit sind sie im wahrsten Sinn des Wortes negative Identifikationsfiguren. Das Monster ist nur deshalb monströs, weil wir es dazu machen. Etwas von Natur aus Monströses, geistig wie physisch Abscheuliches, gibt es nicht, weil die Natur nicht zwischen „gut“ und „böse“ unterscheidet. In der Natur überleben jene, die an ihre Umgebung am besten angepasst sind. Der Natur ist es dabei gleichgültig, ob die „Gejagten“ gut und die „Jäger“ böse sind, da sie nicht nach solchen Kriterien urteilt. Die Natur arbeitet mit dem binären Code „fressen“ und
„gefressen werden“. Ob der Menschenfressende Tiger böse ist oder nicht, interessiert sie nicht. Der Tiger ist auch nicht deswegen böse, weil er Menschen frisst, sondern weil er für die um ihn lebenden Menschen eine Gefahr darstellt. Da er für den Menschen eine Gefahr darstellt, ihm nicht geheuer ist, wird er zum Un-geheuer. Monster spielen nicht nur im sogenannten. finsteren Mittelalter eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Dass wir auch in unserer scheinbar so „aufgeklärten Zeit“ andere häufig als kulturell oder zivilisatorisch minderwertig betrachten, wenn sie nicht den gängigen kulturellen Standards entsprechen, beweisen zahlreiche Beispiele der jüngeren Geschichte. Die Erfahrung mit unserer eigenen Vergangenheit hat gezeigt, wie leicht menschenverachtende Verbrechen bsw. mit Rückgriff auf Darwins Evolutionstheorie gerechtfertigt werden können. Die Nationalsozialisten übersetzten das englische Wort „struggle“ das wohl eher mit Wettbewerb als mit Kampf übersetzt werden kann, mit dem Recht des Stärkeren, sich auf Kosten des Schwächeren durchzusetzen. Natürliche Auslese und Selektion war in der Ideologie des NS-Regimes mit dem Ausmerzen scheinbar „unwerten Lebens“ verbunden. Dabei geht die Arbeit der Frage nach, wie weit die verschiedenen Theorien über den Urspung des Lebens sich mit dem Deckmäntelchen des Rationalen umgaben, um zur Diskriminierung "Andersartiger" herangezogen zu werden.
Inhaltsverzeichnis
I. Vorwort
II. Theoretische Vorbemerkungen
III. Einleitung
IV. Begriffsbildung und Abgrenzung
V. Die Zeichenhaftigkeit des Monsters
VI. Das Monster im Weltbild des Mittelalters
VI.1. Die Funktion der Monster am Romanischen Kirchenbau
VI.2. Vom Physiologus zu den Bestiarien
VI.3. Das Monster auf den deutschen Flugschriften des 15. und 16. Jahrhunderts
VII. Die Heimat des Monsters am Rande der christlichen Ökumene
VII.1. Das Monster in der mittelalterlichen Kartographie
VII.2. Die Überlieferung antiker Reiseberichte
VII.3. Die Erweiterung des Horizonts – Reiseberichte im Mittelalter
VII.4. Weltchronik mit enzyklopädischem Anspruch
VIII. Vom Mythos zum Logos
VIII.1. Von der Verbannung des Satyrs
VIII.2. Über die Entstehung teratologischer Arten
VIII.3. Vom biblischen Schöpfungsbericht zu Darwins Evolutionstheorie
VIII.3.1. Biblische Erklärungen über den Ursprung der Arten
VIII.3.2. Von Heraklet zu Arsitoteles: Antike Ansätze evolutionären Denkens
VIII.3.3. Von Monaden zu Darwins Evolutionstheorie
VIII.4. Der lange Schatten Darwins: Die Genese des Sozialdarwinismus
IX. Die Rückkehr des Monsters
IX.1. Der zivilisatorische Rang des „Wilden“
IX.2. Rätselhafte Affenmenschen – Vom Big Foot zum Orang Pendek
IX.3. Das Monster als Archetyp der Popkultur
X. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die historische Diskursanalyse von Grenzwesen zwischen Mensch und Tier und analysiert deren Funktion und Bedeutungswandel vom Mittelalter bis in die moderne Popkultur. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Mythos und Wissenschaft den "Anderen" definieren und zur gesellschaftlichen Stabilisierung oder Ausgrenzung instrumentalisieren.
- Phänomenologie und zeichentheoretische Einordnung von Monstern und Grenzwesen.
- Die symbolische und didaktische Rolle von Monstern im mittelalterlichen Weltbild und Kirchenbau.
- Der Transformationsprozess von mythologischen Vorstellungen hin zu naturwissenschaftlichen Erklärungsmodellen der Biologie.
- Die Rolle des Sozialdarwinismus bei der Konstruktion von Feindbildern und Rassenideologien.
- Moderne Kryptozoolgie und die Fortführung des Monster-Archetyps in der zeitgenössischen Popkultur.
Auszug aus dem Buch
VI.1. Die Funktion der Monster am Romanischen Kirchenbau
Ab dem Hochmittelalter nahm der Anteil phantastischer Elemente in der volkssprachlichen und mittellateinischen Dichtung kontinuierlich zu. Das zunehmende Interesse an phantastischen Motiven war nicht auf den Bereich der mittelalterlichen Literatur beschränkt. Parallel laufende Entwicklungen lassen sich auch in der sakralen Bauplastik und Architektur nachweisen. Die politischen und sozialen Unruhen jener Zeit spiegeln sich in der Darstellung von Dämonen, Monstern und Fabelwesen wider. Die in der Cluniazenischen Kirchenreform führenden Benediktinerorden verwenden die furchteinflößenden Kreaturen zur moralischen und theologischen Belehrung des illiteralen Publikums. In ihnen spiegelt sich die Angst der Bevölkerung vor der ewigen Verdammnis wider. Die in der bildenden und darstellenden Kunst weit verbreiteten Wesen stellen den Kampf des Guten gegen das Böse dar. Sie warnen den Menschen davor, nicht vom rechten Weg abzuweichen und halten ihn zu einem gottgefälligen Leben an.
Die Dämonen bewohnen die Randbereiche der mittelalterlichen Kathedralen; jene Orte, wo das Licht der Fenster auf die Dunkelheit des Innenraums trifft, wo der Boden die tragenden Säulen berührt, wo die Säulen enden und die tragenden Wände auf die Schräge des Dachs trifft. An jenen Orten, wo das Licht durch Fenster- und Türen in das Innere des Kirchenschiffs fällt und der heilige Raum sich mit dem profanen Außenraum kreuzt, ist das Monster daheim. Die Orte, an denen sich das Monster im Mittelalter aufhielt, wurden nicht einfach zufällig gewählt. Sie sagen etwas über den Charakter des Monsters auf. Der Ort, an dem sich etwas befindet, lässt Rückschlüsse auf dessen inneren Charakter zu. Vom Makrokosmos lassen sich Rückschlüsse auf den Mikrokosmos ziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Vorwort: Der Autor erläutert seine Motivation und die thematische Eingrenzung der Arbeit während des Studiums im Jahr 2008.
II. Theoretische Vorbemerkungen: Einleitung in die theoretischen Grundlagen des Mythosbegriffs und der Analyse von Grenzwesen nach Ansätzen von Roland Barthes.
III. Einleitung: Darstellung der Forschungsziele, der methodischen Vorgehensweise und der relevanten Literatur zur Phänomenologie des Monsters.
IV. Begriffsbildung und Abgrenzung: Untersuchung der etymologischen Herkunft und der soziologischen Bedeutung des Begriffs "Monster" im Kontext der mittelalterlichen Literatur.
V. Die Zeichenhaftigkeit des Monsters: Anwendung zeichentheoretischer Modelle (Peirce) zur Interpretation von Monstern als Symptome oder Symbole.
VI. Das Monster im Weltbild des Mittelalters: Analyse der moraltheologischen und gesellschaftlichen Funktionen von Monstern in Architektur und Literatur.
VII. Die Heimat des Monsters am Rande der christlichen Ökumene: Untersuchung der räumlichen Einordnung von Fabelwesen in mittelalterlichen Weltkarten und Reiseberichten.
VIII. Vom Mythos zum Logos: Nachzeichnung des Wandels von mythologischen Erklärungen hin zu evolutionstheoretischen Ansätzen und dem fatalen Missbrauch durch den Sozialdarwinismus.
IX. Die Rückkehr des Monsters: Diskussion über das Fortbestehen des Monster-Archetyps in der Kryptozoolgie und der modernen Science-Fiction.
X. Schlusswort: Zusammenfassende Betrachtung der historischen Entwicklung und der anhaltenden Relevanz von Grenzwesen als Spiegel menschlicher Identitätskonstruktion.
Schlüsselwörter
Monster, Fabelwesen, Diskursanalyse, Mittelalter, Evolutionstheorie, Sozialdarwinismus, Mythos, Kryptozoolgie, Grenze, Mensch-Tier-Verhältnis, Weltbild, Identität, Phänomenologie, Zeichenhaftigkeit, Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Wahrnehmung und Bedeutung von Grenzwesen (Monstern) zwischen Mensch und Tier vom Mittelalter bis zur Gegenwart, wobei der Fokus auf ihrer diskursiven Funktion innerhalb der Gesellschaft liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die mittelalterliche Theologie und Weltsicht, der Wandel von mythologischen zu naturwissenschaftlichen Erklärungsmodellen sowie die ideologische Instrumentalisierung von "Anderem" durch den Sozialdarwinismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Grenzwesen als Projektionsflächen für gesellschaftliche Ängste, moralische Ordnung und Identitätskonstruktionen dienen und welchen Wandel diese Diskurse über die Jahrhunderte durchlaufen haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode der historischen Diskursanalyse, ergänzt durch phänomenologische Betrachtungsweisen und zeichentheoretische Analysen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung mittelalterlicher Bestiarien und Kirchenkunst, die wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung von Evolutionstheorien und deren Pervertierung im Nationalsozialismus sowie die moderne Rezeption in Kryptozoolgie und Popkultur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte umfassen Monster, Fabelwesen, Diskursanalyse, Evolutionstheorie, Sozialdarwinismus, Mythos, Identität und Grenzziehung.
Welche Rolle spielt die Evolutionstheorie für das Verständnis von Monstern?
Die Evolutionstheorie löste das mittelalterliche, von Gott gegebene Weltbild ab und ermöglichte eine naturwissenschaftliche Einordnung von Missbildungen, wurde jedoch von ideologischen Strömungen wie dem Sozialdarwinismus zur Ausgrenzung und Vernichtung von als "minderwertig" deklariertem Leben missbraucht.
Wie erklärt die Arbeit die moderne Begeisterung für Kryptiden?
Die Arbeit verortet das Interesse an Kryptozoologie (wie Yeti oder Bigfoot) als Fortführung des archaischen Verlangens, das Unbekannte zu benennen und als Projektionsfläche für psychologische oder existentielle Ängste zu nutzen.
- Citar trabajo
- Armin Niedermeier (Autor), 2009, Von Monstern, Menschen und Barbaren - Grenzwesen als Gegenstand der historischen Diskursanalyse, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123844