Als weit verbreitetes, leicht zugängliches und zugleich meistbenutztes Medium vieler Menschen, dessen Konsumption gewöhnlich noch vor anderen Medien als Kleinkind einsetzt, gewinnt das Fernsehen gesellschaftliche Relevanz. Die vorliegende Arbeit stellt es sich zur Aufgabe, zu untersuchen inwieweit Fernsehen einen Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit leisten kann. Theorien der US-Politologin Nancy Fraser bezüglich der Herstellung von Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt werden mit Texten verknüpft, die am Historischen Seminar der Universität Hannover in der Veranstaltung „Kultur- und Geschlechtergeschichte des Fernsehens“ Ende 2004 behandelt wurden. Bezugspunkt der Auseinandersetzung mit Frasers kritischer Sozialtheorie stellt ihr am 24. November 2004 im Leibnizhaus Hannover gehaltener Vortrag „Global Justice“ dar.
Zu Beginn werden die dort geäußerten zentralen Thesen vorgestellt, um für den weiteren Verlauf der Arbeit eine Grundlage des Fraserschen Denkens und eine spezifische Definition von Gerechtigkeit zur Verfügung zu stellen. Ausgehend von dieser Perspektive wer-den die im Seminar behandelten Texte betrachtet. In ihnen geäußerte Thesen zur sozialen Funktion und Konsequenz des Fernsehens werden die Möglichkeit bieten, zu Ende der Arbeit eine Antwort auf die Frage zu formulieren, ob und in welchem Maße das Fernsehen als Mittel verstanden werden kann, welches innerhalb einer Gesellschaft zu Gerechtigkeit im Sinne Frasers beiträgt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zentrale Thesen des Vortrags „Global Justice“
2.1. Was bedeutet Gerechtigkeit?
2.1.1. Dimension ökonomischer Umverteilung
2.1.2. Dimension kultureller Anerkennung
2.2. Für wen und durch wen wird Gerechtigkeit geschaffen?
3. Diskussion ausgewählter fernsehwissenschaftlicher Texte
3.1. Mediale Reproduktion sozialer Verhältnisse
3.1.1. Fernsehen als paternalistisches Instrument
3.1.2. Fernsehen als soziale Bedingung
3.1.3. Funktion von Fernsehgewalt
3.2. Vermittlung von Bildern sozialer Akteure
3.2.1. „Familie“ als Norm und Rezeptionseinheit von Fernsehen
3.2.2. Darstellung von Schwarzen und Ausländern
3.3. Demokratisierung des globalen Rahmens durch Neue Medien?
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial des Fernsehens, einen Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit zu leisten, indem sie die kritische Sozialtheorie von Nancy Fraser mit fernsehwissenschaftlichen Analysen verknüpft.
- Nancy Frasers Konzept der sozialen Gerechtigkeit (Umverteilung, Anerkennung, Repräsentation)
- Mediale Reproduktion sozialer Hierarchien und Machtverhältnisse
- Repräsentation sozialer Akteure und gesellschaftlicher Minderheiten
- Rolle des Fernsehens bei der Konstruktion und Bestätigung sozialer Normen
- Grenzen der Demokratisierung durch neue Medientechnologien
Auszug aus dem Buch
3.1.3. Funktion von Fernsehgewalt
Nach Shanagan und Morgan habe die jahrzehntelange Analyse des uns umgebenden Systems von Zeichen, Symbolen und Botschaften eine Gesellschaft offenbart, die durch die kontinuierliche Über-Repräsentation wohlhabender weißer Männer in der Blüte ihres Lebens gekennzeichnet ist. Während alte, junge und weibliche Personen und Angehörige von Minderheiten in die Rolle von Opfern gedrängt würden (victimization), übten die dominanten weißen Männer Gewalt aus. Die Darstellung von Gewalt im Fernsehen ist nach Ansicht von Vertretern der Cultivation Theory eine Beschreibung sozialer Verhältnisse, eine Demonstration von Macht. Gewaltgenres seien aufgrund ihrer hierarchischen Komponente prädestiniert, Positionen von Macht und Ohnmacht, von Auflehnung und Unterwerfung, von Dominanz und Ausgrenzung zu symbolisieren, so Jutta Röser in ihrer Analyse über Medienaneignung in Dominanzverhältnissen.
Fernsehgewalt reflektiere nicht lediglich die Hierarchie innerhalb der Gesellschaft, sondern reproduziere die soziale Ordnung. Die medial dargestellte Gewalt symbolisiere die zu tragenden Folgen bei Verletzung von gesellschaftlichen Normen und definiere wer Aggressor und wer Opfer ist. Sowohl die Rolle des Aggressors, als auch die des Opfers sind laut Röser „are there to be learned by viewers“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, inwiefern das Fernsehen als Medium zur Herstellung sozialer Gerechtigkeit gemäß der Theorie von Nancy Fraser beitragen kann.
2. Zentrale Thesen des Vortrags „Global Justice“: Dieses Kapitel erläutert die wesentlichen Dimensionen der Gerechtigkeit nach Nancy Fraser und diskutiert die politische Dimension der Repräsentation im Kontext der Globalisierung.
3. Diskussion ausgewählter fernsehwissenschaftlicher Texte: Hier erfolgt die Anwendung der theoretischen Konzepte auf medienwissenschaftliche Ansätze, insbesondere in Bezug auf soziale Hierarchien, Darstellung von Akteuren und die Rolle der Technologie.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass das Fernsehen aktuell primär zur Aufrechterhaltung des Status quo beiträgt und die Institutionalisierung von Ungerechtigkeit fördert, anstatt soziale Gerechtigkeit zu unterstützen.
Schlüsselwörter
Soziale Gerechtigkeit, Nancy Fraser, Fernsehen, ökonomische Umverteilung, kulturelle Anerkennung, Repräsentation, Cultivation Theory, Medienmacht, hegemoniale Strukturen, soziale Ungleichheit, Diskriminierung, Globalisierung, Demokratisierung, Medienkompetenz, Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Fernsehen als gesellschaftliches Medium im Hinblick auf seine Fähigkeit, soziale Gerechtigkeit zu fördern oder zu verhindern.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf den Dimensionen der Umverteilung und Anerkennung, der medialen Darstellung von Minderheiten sowie der Frage nach der Demokratisierung durch technologischen Fortschritt.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob und in welchem Maße das Fernsehen als Mittel verstanden werden kann, das innerhalb einer Gesellschaft zu Gerechtigkeit im Sinne von Nancy Frasers Sozialtheorie beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Auseinandersetzung, indem sie Frasers kritische Sozialtheorie mit ausgewählten fernsehwissenschaftlichen Texten und Analysen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der medialen Reproduktion sozialer Verhältnisse, die Vermittlung von Bildern über soziale Akteure und die kritische Prüfung des Demokratisierungspotenzials neuer Medien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Soziale Gerechtigkeit, Nancy Fraser, Cultivation Theory, kulturelle Anerkennung und mediale Repräsentation.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Gewalt in Fernsehformaten?
Gewalt wird als Mittel zur Machtdemonstration identifiziert, das hierarchische Verhältnisse reproduziert und Zuschauer durch Angst in ein Bedürfnis nach Sicherheit und etablierter Autorität drängt.
Warum wird die „Familie“ als zentrales Thema im Kontext von Fernsehen diskutiert?
Die Familie fungiert als gesellschaftliche Norm und Rezeptionseinheit, deren mediale Darstellung bestimmte Lebensformen privilegiert und andere, davon abweichende Gruppen als defizitär markiert.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der Technologie?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass neue Kommunikationstechnologien allein keine Gerechtigkeit schaffen, da sie meist von Eliten kooptiert werden und bestehende Machtstrukturen beibehalten.
- Quote paper
- Jürgen Menze (Author), 2005, Fernsehen als Beitrag zu sozialer Gerechtigkeit?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123886