Beck-Gernsheim wendet die Individualisierungsthese von Ullrich Beck und die daraus abgeleiteten Individualisierungsprozesse auf die weibliche Biografie an und postuliert die These, dass sich die gesellschaftliche Rolle der Frau vom „Dasein für andere“ zu einem „Eigenen Leben“ entwickele, wenngleich sie einschränkend formuliert: „zum Anspruch auf ein Stück eigenes Leben“.
Inhaltsverzeichnis
Vom „Dasein für andere“ zum Anspruch auf ein Stück „Eigenes Leben“ - der Individualisierungsprozess in der weiblichen Biografie nach Elisabeth Beck-Gernsheim
Der Bewusstwerdungsprozess, seine politische Sprengkraft und seine Folgen
Die Einzelperson Frau und das ausschließlich familiale Wirkungsfeld
Scheidung und die daraus folgende Selbständigkeit der Frau
Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit kritisiert die Individualisierungsthese von Elisabeth Beck-Gernsheim, welche postuliert, dass Frauen den Übergang vom „Dasein für andere“ hin zu einem selbstbestimmten „eigenen Leben“ vollzogen haben. Die Forschungsfrage untersucht dabei, ob dieser Prozess tatsächlich zu einer gesteigerten Selbstständigkeit geführt hat oder ob Frauen stattdessen eine Form von „verdoppeltem Dasein für andere“ erleben, welches Beruf und familiäre Pflichten prekär miteinander verknüpft.
- Kritische Analyse der Individualisierungsthese von Beck-Gernsheim
- Die Rolle der Bildungsexpansion und des Bewusstwerdungsprozesses
- Diskrepanz zwischen Erwerbsbiografie und familialer Verantwortung
- Sozioökonomische Folgen von Scheidung und Teilzeitbeschäftigung
- Überprüfung der gesamtgesellschaftlichen Relevanz dieser Thesen
Auszug aus dem Buch
Die Einzelperson Frau und das ausschließlich familiale Wirkungsfeld
Auch hier recourriert Beck-Gernsheim (1983) auf die Alltagswelt und Lebenswirklichkeit der bürgerlichen Frau des 19. Jahrhunderts, um den Wandel der Frauenrolle im Allgemeinen zu erklären.
Im Mittelpunkt dieser Entwicklung steht der Wechsel vom ausschließlichen Leben der Frau für und innerhalb der Familie und den damit verknüpften sozialen Beziehungen. Diese Lebenswirklichkeit erfahre mit der Berufstätigkeit der Frau einen Wandel, sie werde nun gleichsam „aus dem Schoß der Familie entlassen“ und fortan als „Einzelperson“ wahrgenommen (Beck-Gernsheim 1983: 324).
Anzumerken ist hier zunächst, dass sich die Lebenswirklichkeit der nichtberufstätigen Frau des 19. Jahrhunderts nicht ohne weiteres auf die Frauen anderer sozialer Schichten übertragen lässt.
Dies ergibt sich schon aus der Überlegung einer vergleichenden Betrachtung mit der ökonomischen Lage von Arbeiterfamilien des 19. Jahrhunderts, die es sich eine Nichtberufstätigkeit der Frau sehr wahrscheinlich nicht leisten konnten.
Das Modell der bürgerlichen Familie mit seiner strengen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ist folglich ein Produkt der bürgerlichen Mittelschicht.
Zusammenfassung der Kapitel
Vom „Dasein für andere“ zum Anspruch auf ein Stück „Eigenes Leben“ - der Individualisierungsprozess in der weiblichen Biografie nach Elisabeth Beck-Gernsheim: Einführung in die Thesen von Beck-Gernsheim und Formulierung der Gegenhypothese, dass moderne Frauen ein verdoppeltes Dasein für andere führen.
Der Bewusstwerdungsprozess, seine politische Sprengkraft und seine Folgen: Kritische Untersuchung der These, dass Bildungsexpansion ein neues Selbstbewusstsein geschaffen habe, welches jedoch primär auf die Mittelschicht beschränkt bleibt.
Die Einzelperson Frau und das ausschließlich familiale Wirkungsfeld: Analyse der historischen Herleitung der Frauenrolle und Aufzeigen, wie trotz Erwerbstätigkeit die Bindung an das familiale Wirkungsfeld fortbesteht.
Scheidung und die daraus folgende Selbständigkeit der Frau: Auseinandersetzung mit der Statistik zu Scheidungen, die nicht zwangsläufig zur Unabhängigkeit führen, sondern oft in eine erhöhte Doppelbelastung münden.
Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung, dass der behauptete Wandel zur Selbstständigkeit euphemistisch ist und Frauen weiterhin in einem verdoppelten Dasein für andere gefangen sind.
Schlüsselwörter
Individualisierung, weibliche Biografie, Dasein für andere, Bildungsexpansion, Selbstverwirklichung, Mittelschicht, Erwerbstätigkeit, Familienmodell, Teilzeitbeschäftigung, Scheidungsstatistik, Doppelbelastung, Selbstbestimmung, soziale Ungleichheit, Emanzipation, Geschlechterrollen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit der soziologischen These auseinander, dass Frauen in der modernen Gesellschaft den Schritt aus der fremdbestimmten Rolle des „Daseins für andere“ in ein selbstbestimmtes „eigenes Leben“ vollzogen haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Analyse konzentriert sich auf die Bereiche Bildungsexpansion, Erwerbsbiografien von Frauen, die historische Entwicklung des bürgerlichen Familienmodells sowie die ökonomischen und sozialen Auswirkungen von Scheidungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu prüfen, ob die Individualisierungsthese von Elisabeth Beck-Gernsheim zutreffend ist oder ob Frauen durch die Kombination von Beruf und Familienverantwortung lediglich ein „verdoppeltes Dasein für andere“ erfahren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine sozialwissenschaftliche Diskursanalyse, bei der die Thesen von Beck-Gernsheim mit statistischen Daten (Zeitbudgeterhebungen, Gender-Datenreports) und historischen Kontextualisierungen kontrastiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der angebliche Bewusstwerdungsprozess, die Rolle der Bildungsexpansion, die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung sowie die Realität der ökonomischen Situation geschiedener Frauen detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem Individualisierung, weibliche Biografie, Doppelbelastung, soziale Ungleichheit und Selbstbestimmung.
Inwiefern hinterfragt die Autorin den Begriff der „Einzelperson Frau“?
Die Autorin argumentiert, dass die „Einzelperson Frau“ zwar ein theoretisches Konstrukt der Bildungsschicht ist, die tatsächliche Lebenswirklichkeit der meisten Frauen jedoch weiterhin stark durch die familiale Sphäre und Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse begrenzt bleibt.
Warum wird die Scheidungsstatistik als kritisches Indiz angeführt?
Während Beck-Gernsheim hohe Scheidungsraten als Beleg für Selbständigkeit deutet, weist die Autorin darauf hin, dass Scheidungen für Frauen oft mit massiven wirtschaftlichen Einbußen und einer noch stärkeren familiären Einbindung verbunden sind.
Welches Fazit zieht die Arbeit bezüglich des „Stücks eigenen Lebens“?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass ein echtes „Stück eigenes Leben“ für Frauen erst dann möglich ist, wenn die gesellschaftliche Verknüpfung der Kategorie „Frau“ mit den Bereichen Heim und Familie aufgebrochen wird.
- Citation du texte
- Michiyo Hoffmann (Auteur), 2008, Vom "Dasein für andere" zum verdoppelten Dasein für andere, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/123913