Wie kommt es zu der unterschiedlichen Schilderung der Vita Manasses und welche Gründe gibt es für diese? Im Folgenden soll hierfür der Umgang mit der Theodizee und die Geschichtsauffassung des Chronisten im Vergleich zur Vorlage in 2 Kön genauer betrachtet werden.
Bei direkter Gegenüberstellung der beiden Viten des Königs Manasse in 2 Chr 33,1-20 und 2 Kön 21,1-18 fällt auf, dass die beiden Versionen einige Unterschiede aufzeigen. Neben kleineren Veränderungen, wie zum Beispiel der Weglassung des Namens der Mutter in 2 Chr 33,1, findet sich der größte und auffälligste Unterschied vermutlich in 2 Chr 33,11-17 bzw. 2 Kön 21,11-16. Während Manasse in den Büchern der Könige als der sündigste unter allen judäischen Königen dargestellt wird, lässt sich in den Büchern der Chronik neben einer Epoche der Sünde mit folgender Strafe (Vgl. 2 Chr 33,2-11) auch eine Umkehr Manasses mit anschließender positiver Phase (Vgl. 2 Chr 33,12-17) erkennen, was zu einem ambivalenten Bild des Königs Manasse führt.
Inhaltsverzeichnis
1. Kurzer Vergleich der Darstellung Manasses in den Büchern der Könige und der Chronik
2. Umgang mit der Theodizee in 2 Kön 21,1-18 und 2 Chr 33,1-20
2.1 Entstehung und Geschichtsauffassungen im Vergleich
2.1.1 Entstehung und Geschichtsauffassung der Bücher der Könige
2.1.2 Entstehung und Geschichtsauffassung der Bücher der Chronik
2.2 Fazit
3. Theodizee im Vergleich
3.1 Theodizee in der priesterschriftlichen Schöpfungserzählung (Gen 1,1-2,3) und der individuellen Eschatologie (äthHen 22 und Dan 12,1-4)
3.2 Vergleich der drei Theodizee-Konzepte
4. Reflexion: Beurteilung des Zusammenhangs von Geschichtsbild und Gottesbild im Alten Testament
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die unterschiedliche Darstellung des Königs Manasse in den Büchern der Könige und den Büchern der Chronik, um die jeweils zugrunde liegenden Theodizee-Konzepte und Geschichtsauffassungen zu analysieren und kritisch zu reflektieren.
- Vergleich der Viten des Königs Manasse
- Analyse des deuteronomistischen Tun-Ergehen-Zusammenhangs
- Untersuchung des chronistischen Prinzips der individuellen Vergeltung
- Reflexion über Gottesbilder und historische Konstruktion im Alten Testament
- Vergleich mit weiteren alttestamentlichen Theodizee-Modellen
Auszug aus dem Buch
2. Umgang mit der Theodizee in 2 Kön 21,1-18 und 2 Chr 33,1-20
Die Frage der Theodizee ist ein wichtiges Themenfeld innerhalb des Alten Testaments. Immer wieder treffen Menschen in ihrem Leben auf leidvolle Erfahrungen, die sie verstehen und mit Sinn versehen wollen. Nicht selten wird in diesem Zusammenhang auch die Frage nach Gottes Gerechtigkeit gestellt. Insbesondere seit Deuterojesajas Schritt zum Monotheismus in Jes 45,5-7 um 539 v. Chr. ist die Theodizee vor eine neue Herausforderung gestellt: Wenn es nur einen Gott gibt, so muss er für alles verantwortlich sein. Sowohl für das Gute als auch das Schlechte und so formuliert Deuterojesaja, dass Gott derjenige ist, der „das Licht formt und das Dunkel erschafft, der das Heil macht und das Unheil erschafft, ich bin der Herr, der all dies macht.“ (Jes 45,7). Folglich ist also Gott derjenige, der über Glück oder Leid im Leben bestimmt. In den Büchern der Könige und der Chronik finden sich zwei Konzepte der Theodizee, die diesem Grundsatz folgen, wobei diese gleichzeitig eine willkürliche Zuteilung des Übels verneinen und die Schuld für das Leiden letztendlich bei den Menschen selbst suchen.
Wie sich später noch deutlich herausstellen wird, zielt das deuteronomistische Geschichtswerk unter anderem darauf ab, rückblickend zu erklären, warum das Nordreich und letztendlich auch das Südreich untergehen mussten. Grundlage und Maßstab für die Bewertung der einzelnen Könige stellt das Deuteronomium, insbesondere das hier verkündete Gesetz in den Kapiteln 5 bis 28, dar. Solange sich das Volk an das Gesetz hält und damit bundestreu ist, lebt es im Heil.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kurzer Vergleich der Darstellung Manasses in den Büchern der Könige und der Chronik: Das Kapitel kontrastiert die weitgehend übereinstimmende Darstellung des Königs Manasse und arbeitet die wesentlichen Differenzen in der Bewertung heraus.
2. Umgang mit der Theodizee in 2 Kön 21,1-18 und 2 Chr 33,1-20: Hier werden das deuteronomistische Geschichtswerk und die chronistische Sichtweise in Bezug auf Schuld, Strafe und Tun-Ergehen-Zusammenhang intensiv analysiert.
3. Theodizee im Vergleich: Dieses Kapitel weitet den Blick auf die Schöpfungserzählung und die individuelle Eschatologie aus, um verschiedene Lösungsansätze für das Theodizeeproblem innerhalb des Alten Testaments gegenüberzustellen.
4. Reflexion: Beurteilung des Zusammenhangs von Geschichtsbild und Gottesbild im Alten Testament: Zum Abschluss erfolgt eine kritische Reflexion des Spannungsfeldes zwischen historischer Faktizität, theologischem Wahrheitsanspruch und der Bedeutung von Hoffnung für den Menschen.
Schlüsselwörter
Manasse, Theodizee, Altes Testament, Chronik, Bücher der Könige, Tun-Ergehen-Zusammenhang, Gottesbild, Geschichtsauffassung, Deuteronomismus, Schuldübertragung, Vergeltungsdogma, Umkehr, Jenseitsvorstellungen, Monotheismus, Biblische Exegese.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie die biblischen Bücher der Könige und der Chronik unterschiedliche Konzepte der Theodizee (Rechtfertigung Gottes) anhand der Vita des Königs Manasse darstellen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der Tun-Ergehen-Zusammenhang, die Entwicklung von Geschichtsbildern im Alten Testament, die Übertragbarkeit von Schuld und die Frage nach Gottes Gerechtigkeit angesichts menschlichen Leids.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die spezifischen Theodizee-Ansätze des Chronisten im Vergleich zum deuteronomistischen Geschichtswerk offenzulegen und zu verstehen, warum der Chronist die bekannte Vita Manasses durch eigene Erzählelemente ergänzt hat.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit nutzt die exegetische und historisch-kritische Methode, um Textpassagen zu vergleichen, redaktionelle Hinzufügungen zu identifizieren und diese in ihren theologischen sowie historischen Kontext einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse der Viten von Manasse, dem Vergleich unterschiedlicher Theodizee-Konzepte in der Bibel (Schöpfung, Eschatologie) und der daraus resultierenden Reflexion über das Gottes- und Geschichtsbild.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Theodizee, Tun-Ergehen-Zusammenhang, Geschichtsauffassung, Manasse, deuteronomistisches Geschichtswerk und Gottesbild am besten beschreiben.
Wie unterscheidet der Chronist sein Geschichtsverständnis von dem des Deuteronomisten?
Im Gegensatz zum Deuteronomisten, der Schuld kollektiv und diachron (über Generationen) betrachtet, führt der Chronist ein Prinzip der individuellen Verantwortlichkeit ein, wodurch die Umkehr des Einzelnen möglich wird.
Warum wird Manasse in der Chronik anders dargestellt als in den Büchern der Könige?
Der Chronist ergänzt die Vita um eine Umkehr des Königs, um Gottes Gerechtigkeit zu wahren und einen Ausgleich zwischen der langen Regierungszeit des Königs und der theologischen Notwendigkeit von Strafe bei Sünden zu finden.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2022, Die Vita des Königs Manasse. Theodizee in den Büchern der Chronik und der Könige im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1240001