Der Begriff der Seele (yuxhß) wie ihn Platon bestimmt und verwendet, existiert vor ihm in
dieser Form noch nicht. Ihre Abhängigkeit vom Körper ist bisweilen stark ausgeprägt. Sie
steht für die Lebendigkeit des Menschen, die im Atem oder im Blut dinglich festgehalten ist.
In Homers Odyssee werden die Seelen in der Unterwelt teilweise nur als Schatten und als eine
jämmerliche, dahinvegetierende Erscheinung ohne Bewusstsein dargestellt. Odysseus wird
zuerst von der Seele seiner eigenen Mutter gar nicht erkannt. Die Erinnerung an das Diesseits
scheint zumindest bei einigen verloren zu sein, ihr Selbstbewusstsein und ein Teil ihrer
Persönlichkeit zusammen mit dem Körper gestorben. Andere wiederum haben nichts
vergessen, agieren genauso wie zu Lebzeiten und interessieren sich sogar weiterhin für die
Welt der Lebenden. Das Bild der Seele, ihre Eigenschaften und ihr Schicksal nach dem Tod
und ihre dortige Gestalt besitzen sogar innerhalb einer Darstellung keine Kontinuität. Die
Seele als Träger moralischer Qualitäten findet in den Erzählungen keinen rechten Platz.1
Die Seelenlehre Platons ändert dies. Er zeichnet ein weitgehend einheitliches Bild der
Seele, ihrer Gestalt, ihrer Unsterblichkeit und ihrer Pflege und rechten Ordnung. Sie wird zum
Hauptakteur seiner Ethik, in ihr spiegelt sich die Lebensführung wieder. Um das Schicksal der
Seele nach dem Tod zu beschreiben, lässt Platon Sokrates Mythen vom Jenseits erzählen. Die
Jenseitsmythen, die am stärksten mit der platonischen Ethik und Seelenlehre verbunden sind,
finden sich in den Dialogen Phaidon, Gorgias und Politeia, die hier Gegenstand der
Untersuchung sind.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Inhalt der Jenseitsmythen im Kontext der jeweiligen Dialoge
2.1 Phaidon
2.1.1 Die Unsterblichkeit und Beschaffenheit der Seele
2.1.2 Schicksal der Seelen nach dem Tod und Aufbau der Erde
2.2 Gorgias
2.2.1 Die richtige Lebensweise
2.2.2 Der Mythos vom Totengericht
2.3 Politeia
2.3.1 Die drei Teile der Seele, die Gerechtigkeit und die Unsterblichkeit
2.3.2 Der Mythos von Er
3. Funktion der Mythen in der Platonischen Philosophie
3.1 Psychologie
3.2 Ethik
4. Schlussbetrachtung - Mythos oder Logos?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die inhaltliche Ausgestaltung und die philosophische Funktion der Jenseitsmythen in Platons Dialogen Phaidon, Gorgias und Politeia. Dabei wird analysiert, wie diese Erzählungen die platonische Seelenlehre und Ethik ergänzen, begründen und die metaphysische Dimension des moralischen Handelns im Diesseits absichern.
- Analyse des platonischen Seelenbegriffs und seiner Unsterblichkeit.
- Untersuchung der strukturellen und inhaltlichen Bedeutung der Jenseitsmythen.
- Verbindung zwischen ethischer Lebensführung und jenseitiger Belohnung oder Strafe.
- Rolle des Mythos als Ergänzung zum philosophischen Logos.
- Die Funktion der Mythen als Fundament für platonische Moralvorstellungen.
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Der Mythos vom Totengericht
Seit der Titan Kronos über die Welt herrschte gibt es ein altes Gesetz, das besagt, dass die Menschen, die ein gerechtes (δίκαιος) und frommes, gewissenhaftes (ὅσιος) Leben geführt haben, nach ihrem Tod auf die Inseln der Seligen, an einen Ort vollkommener Glückseligkeit, gelangen, diejenigen, die ein gottloses (ἀθέος) und ungerechtes (ἀδίκος) Leben verbracht haben, in den Tartaros, wo sie für ihre Taten bestraft werden. Dieses Gesetz hat auch heute noch bestand, nachdem Kronos die Herrschaft an seine Söhne Zeus, Poseidon und Pluton verloren hat.
Zu diesem Zweck wurden die Sterbenden, noch vor ihrem Tod, von menschlichen Richtern auf ihre Lebensweise überprüft und gerichtet. Der Umstand, dass sowohl Richter, als auch die Gerichteten noch am Leben und letztere nicht nur in Besitz ihrer weltlichen Errungenschaften und „eingehüllt in schöne Leiber und Verwandtschaften und Reichtümer“ waren, sondern sich von Dritten ein gutes Leben bestätigen ließen, führte zu falschen und fehlerhaften Urteilen. Die Beschwerden des Pluton und der Vorsteher der Inseln der Seligen veranlassen Zeus zu einer entscheidenden Änderung. Seit diesem Zeitpunkt werden die Menschen erst nach ihrem Tod, der damit für sie nicht mehr absehbar ist, gelöst von ihren Körpern, nur in Anbetracht ihrer Seele gerichtet. Auch die lebenden Richter, deren fehlerhafte Urteile zusätzlich durch ihre begrenzte körperliche Wahrnehmung verursacht wurden, werden von Toten ersetzt. Zeus ernennt drei seiner Söhne zu den neuen Richtern. Rhadamanthys entscheidet über den weiteren Weg asiatischer Seelen, Aiakos über den europäischer und Minos - als Vorsitzender - hat das letzte Wort bei strittigen und schwierigen Urteilen. Damit ist gewährleistet, dass die Frommen und Gerechten auf die Insel der Seligen und die Gottlosen und Ungerechten in den Tartaros ziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die platonische Seelenlehre und die Bedeutung der Jenseitsmythen in den ausgewählten Dialogen.
2. Inhalt der Jenseitsmythen im Kontext der jeweiligen Dialoge: Detaillierte inhaltliche Analyse der Mythen aus Phaidon, Gorgias und Politeia unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Kontexte.
3. Funktion der Mythen in der Platonischen Philosophie: Untersuchung der Rolle der Mythen für die Psychologie und die Begründung der Ethik bei Platon.
4. Schlussbetrachtung - Mythos oder Logos?: Kritische Reflexion darüber, ob der Mythos als bloße Geschichte oder als notwendige Ergänzung zum philosophischen Logos zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Platon, Seele, Jenseitsmythos, Ethik, Unsterblichkeit, Psychologie, Totengericht, Tartaros, Phaidon, Gorgias, Politeia, Tugend, Logos, Mythos, Wiedergeburt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Inhalt und die Bedeutung der Jenseitsmythen in drei zentralen Dialogen Platons, um deren Funktion innerhalb seiner Psychologie und Ethik zu bestimmen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Seelenlehre, der Unsterblichkeit der Seele, dem Konzept der Gerechtigkeit im Leben und im Tod sowie der Rolle des Mythos im Gegensatz zum Logos.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach der Funktion der Jenseitsmythen in Platons Philosophie: Dienen sie nur der symbolischen Verdeutlichung oder ergänzen sie die philosophische Argumentation an Stellen, an denen der rationale Beweis an seine Grenzen stößt?
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewendet?
Es wird eine inhaltliche Analyse der Primärtexte (Phaidon, Gorgias, Politeia) durchgeführt, ergänzt durch eine Untersuchung der Verknüpfungen dieser Mythen mit den philosophischen Kernthesen Platons.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Wiedergabe der Jenseitsmythen in den jeweiligen Dialogen sowie eine anschließende Auswertung ihrer psychologischen und ethischen Implikationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Platon, Seele, Jenseitsmythos, Ethik, Unsterblichkeit, Totengericht und das Spannungsfeld zwischen Mythos und Logos.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Richters in den verschiedenen Mythen?
Während im Gorgias die Richterrolle von Zeus durch seine Söhne neu definiert wird, um die Fehlerhaftigkeit menschlicher irdischer Richter zu vermeiden, betonen die Mythen allgemein, dass die Seele nach dem Tod entblößt und direkt gemäß ihrer Lebensführung beurteilt wird.
Welche Bedeutung hat der "Mythos von Er" für das Verständnis der Wiedergeburt?
Der Mythos von Er in der Politeia verdeutlicht das deterministische, aber zugleich von individueller Wahl abhängige Schicksal der Seelen im Kreislauf der Wiedergeburt, was die moralische Verantwortung jedes Individuums unterstreicht.
- Citation du texte
- Frank Mages (Auteur), 2008, Inhalt der Jenseitsmythen der Dialoge Phaidon, Gorgias und Politeia und ihre Funktion für Platons Psychologie und Ethik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124213