Die vorliegende Diplomarbeit thematisiert zum einen das Phänomen der Instandsetzung der allgemeinen Schulpflicht in Österreich im Jahre 1774 durch Kaiserin Maria Theresia. Zum anderen wird unter Einbeziehung der machtanalytischen Begriffe Michel Foucaults eine Analyse der Schulreformschriften I. J. Felbigers unternommen. Aus methodischen Gründen wurde die Arbeit in zwei Teile gegliedert: Der Makroteil ist vergleichbar mit einer historischen Studie, die sich der Beschreibung von vier bedeutenden Prozessen widmet: Aufklärung, Reformabsolutismus, Kameralistik und Pädagogik. Die Argumentationsgrundlage des aufgeklärten Ideals von der Glückseligkeit des Menschen stellt das verbindende Glied zwischen den Prozessen dar. Die allgemeine Schulbildung des Volkes ist das Resultat dieser Beziehung, die in der Implementierung der Allgemeinen Schulordnung 1774 mündet und gleichsam den historischen Höhepunkt markiert. Im Anschluss daran beschäftigt sich der Mikroteil mit der Analyse der damals neu eingeführten Schulunterrichtsmethoden: die „Saganschen Lehrart“ durch J. I. Felbiger. Gegenstand dieser kritischen Relektüre sind die Foucault’schen Begriffe Macht, Disziplin und Norm und deren direkte Bezugsetzung zu den damaligen Schulreformschriften. Das Aufzeigen einer produktiven Macht-Wirkung und die Existenz einer Disziplinartechnologie, die unter anderem das alltägliche Schulgeschehen prägt, sind Teile der Ordnung, die rund um den individuellen Körper geschaffen wurde und noch geschaffen wird.
Inhaltsverzeichnis
Prolog
1 Einleitung
1.1 Erkenntnisinteresse und These
1.2 Fragestellung, Methode und Struktur
2 Makroanalyse
2.1 Die Kultur: Prozess der deutschen Aufklärung
2.1.1 Allgemeine Momente der Deutschen Aufklärung
2.1.2 Spezielle Momente der Deutschen Aufklärung
2.1.2.1 Karl Heinrich Seibts Sendungsbewusstsein
2.1.2.2 Das sapere aude und der Staatsdienst
Exkurs: Größtmögliches Glück für die größtmögliche Zahl
2.2 Die Politik: Maria-Theresianischer Reformabsolutismus
2.2.1 Der „geräuschlose Raumgewinn der Aufklärung“
2.2.2 Vormoderne Zustände und erste Reformen
2.3 Die Ökonomie: Staatswirtschaftslehre im Dienste des Staatszwecks
2.3.1 Joseph von Sonnenfels und seine Funktion als „Staatsstilist“
2.3.1.1 Staatslehre und kameralistisches System
2.3.2 Das staatsbürgerliche Erziehungsprogramm
Exkurs: Unglückseliger Zustand der deutschen Schulen
2.4 Die Pädagogik: Schule als Politicum
2.4.1 Johann Ignaz von Felbiger und die großen Reformen
2.4.1.1 Neue Methoden – verbesserter Unterricht
2.4.2 Die Elementarschulreform innerhalb der monarchia austriaca
2.4.2.1 Instandsetzung der Allgemeine Schulordnung von 1774
2.4.2.2 Die Lehrervorbildung für die deutschen Schulen
2.4.2.3 Die allgemeine Schulreform und ihre Auswirkungen
Rückblick
3 Mikroanalyse
3.1 Mikrophysik der Macht
3.1.1 Gelehrige Körper durch Disziplin
3.1.1.1 Die Kunst der Verteilungen
3.1.1.2 Kontrolle der Tätigkeiten
3.1.2 Die Norm als Mittel der guten Abrichtung
3.1.2.1 Der hierarchische Blick
3.1.2.2 Die normierende Sanktion
3.1.2.3 Die Prüfung
Rückblick
4 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Implementierung der allgemeinen Schulpflicht in der österreichischen Monarchie im Jahr 1774 unter Kaiserin Maria Theresia. Das Hauptziel besteht darin, die staatliche Bildungsreform als ein Instrument der Disziplinierung und Normalisierung des Gesellschaftskörpers zu analysieren, wobei die machttheoretischen Konzepte von Michel Foucault auf die Schulreformschriften von Johann Ignaz von Felbiger angewendet werden, um die Verbindung zwischen staatlicher Rationalität und der Zähmung des menschlichen Körpers aufzuzeigen.
- Historische Analyse der österreichischen Schulreform unter Maria Theresia.
- Anwendung der machtanalytischen Begriffe Macht, Disziplin und Norm nach Michel Foucault.
- Untersuchung der Rolle der Pädagogik als Instrument staatlicher "Brauchbarkeit".
- Kritische Relektüre der Schulreformschriften von Johann Ignaz von Felbiger.
- Zusammenhang zwischen Aufklärung, Reformabsolutismus, Kameralistik und dem pädagogischen "Glückseligkeitspostulat".
Auszug aus dem Buch
3.1.1.1 Die Kunst der Verteilungen
Die Organisation eines seriellen Raumes und die Verteilung der Individuen im Raum war eine der großen technischen Mutationen, welche durch die Einführung des Elementarunterrichts ermöglicht worden ist und wodurch das traditionelle Unterrichtssystem abgelöst wurde. Erstes Merkmal ist die bauliche Abtrennung von der Umgebung, die so genannte Klausur.
Im Zuge der Theresianischen Schulreform wurde auch der Organisation der Schulbauten entsprechendes Augenmerk geschenkt, da die Unterrichtsbedingungen zuvor keiner allgemein verbindlichen Festlegung zugeführt worden waren: Die Allgemeine Schulordnung von 1774 verordnet innerhalb der § 3 und § 4 den Bau der Schulgebäude betreffend, dass jene nach der allgemein festgesetzten Art und sobald als möglich eingerichtet, und in allen Dingen ohne irgend eine Ausnahme der Schulkommission der Provinz, in der sie sich befinden, unterstellt werden sollen. Wenn neue Schulgebäude errichtet, oder alte verbessert werden, müssen darin so viele Schulstuben angelegt werden, als Lehrer zugleich unterrichten. Die Schulstuben dürfen durchaus nicht zu irgendeinem anderen Gebrauch dienen, deshalb muss die Schulstube auch auf dem Lande von der Wohnung des Schulmeisters abgesondert sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung legt das theoretische Fundament mittels Michel Foucaults Konzepten dar und definiert das Ziel der Arbeit, die Geschichte der Disziplinierung des Gesellschaftskörpers durch die österreichische Schule nach 1774 zu rekonstruieren.
2 Makroanalyse: Dieses Kapitel beschreibt die vier gesellschaftlichen Triebkräfte – Aufklärung, Reformabsolutismus, Kameralistik und Pädagogik –, die gemeinsam auf die Nutzbarmachung des Volkes durch das "Glückseligkeitspostulat" abzielten.
3 Mikroanalyse: Hier findet die kritische Relektüre der Felbiger-Schriften statt, wobei Unterrichtsmethoden als konkrete Disziplinierungstechniken entlarvt werden, die den Körper des Schülers als "politisches Objekt" formen.
4 Ausblick: Der Ausblick verbindet die historische Analyse mit den Strukturen der modernen Kontrollgesellschaft und reflektiert, wie sich das Schul-Dispositiv in eine neue, flexiblere Form der Selbstkontrolle gewandelt hat.
Schlüsselwörter
Schulpflicht, Maria Theresia, Johann Ignaz von Felbiger, Michel Foucault, Disziplinarmacht, Reformabsolutismus, Kameralistik, Elementarschule, Normalisierung, Macht, Körper, Staat, Aufklärung, Schulpädagogik, Institutionengeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Einführung der allgemeinen Schulpflicht in der österreichischen Monarchie 1774 als ein staatlich gesteuertes Projekt, um aus der Bevölkerung "brauchbare" und "disziplinierte" Untertanen zu formen.
Welche theoretische Perspektive wird eingenommen?
Es wird das machttheoretische Instrumentarium von Michel Foucault genutzt, insbesondere die Konzepte von Macht, Disziplin, Norm und dem "politischen Körper", um die Schulreformschriften von Felbiger kritisch zu beleuchten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie das pädagogische Handeln und die neue Schulorganisation des 18. Jahrhunderts dazu dienten, den menschlichen Körper in eine produktive staatliche Ordnung einzubinden.
Welche Rolle spielt die Kameralistik?
Die Kameralistik diente als staatswirtschaftliche Lehre, die Bildung als Investition in "Humankapital" betrachtete und somit die Notwendigkeit eines einheitlichen, staatlich kontrollierten Schulsystems begründete.
Wie werden die Schulreformschriften von Felbiger analysiert?
Felbigers Schriften werden als Dokumente einer Mikrophysik der Macht untersucht, in denen alltägliche Unterrichtstechniken (wie die Tabellen- oder Buchstabenmethode) als Disziplinierungspraktiken identifiziert werden.
Was charakterisiert die "normierende Sanktion" in der Schule?
Sie ist ein mächtiges Disziplinierungsinstrument, das durch Belohnung und Bestrafung das Verhalten der Schüler systematisch in Richtung Konformität und "Sittsamkeit" lenkt.
Was versteht die Autorin unter einem "fiktiven Normschüler"?
Der Normschüler ist ein Konstrukt der Disziplinargesellschaft, anhand dessen Schüler messbar, klassifizierbar und vergleichbar gemacht werden, was die individuelle Entwicklung der Lernenden einer strikten Kontrolle unterwirft.
Inwiefern lässt sich der Bogen zur heutigen Schule spannen?
Der Ausblick stellt die These auf, dass die damalige Disziplinierungsschule in die moderne "Kontrollgesellschaft" übergegangen ist, in der nun der "Schulmanager" und die "Schlüsselqualifikationen" die Form der Selbstkontrolle dominieren.
- Citar trabajo
- Mag. phil. Verena Lesnik-Schobesberger (Autor), 2007, Körper und Geist von Format - Über die Heranbildung eines nützlichen und gelehrigen Gesellschaftskörpers, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124220