Kinder lernen, indem sie sich handelnd mit ihrer Umwelt auseinandersetzen. Diese Auseinandersetzung gelingt umso besser, wenn sie von eigenen Motiven und Bedürfnissen geleitet ist. Dieses Wissen ist in der Pädagogik nicht neu und fand in der Reformpädagogik erstmals explizit seinen Ausdruck in der Forderung einer „Pädagogik vom Kinde aus“. Heute ist Pädagogik ohne Schülerorientierung nicht mehr denkbar. Die Forderungen nach Selbsttätigkeit, Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Selbständigkeit der Schülerinnen und Schüler sind dabei viel formulierte Begriffe. Freiarbeit wird in diesem Zusammenhang als eine Organisation, eine Form, ein Konzept eines Unterrichts genannt, der diese Forderungen erfüllen kann. Aber was genau ist Freiarbeit? Welche der genannten Bezeichnungen trifft zu? Welche Bedeutung hat Freiarbeit tatsächlich in der Schule? Welche Relevanz hat Freiarbeit in der Schule mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“, an der die Förderung von Selbständigkeit und Selbstbestimmung eine zentrale Rolle spielt? Wie kann die praktische Umsetzung von Freiarbeit an dieser Schulform aussehen? – Diese Fragen sind für Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. WAS IST FREIARBEIT?
2.1 Etablierung der Freiarbeit in der Schule
2.2 Annäherung an den Begriff Freiarbeit
2.3 Konstituenten des Unterrichts im Hinblick auf Freiarbeit
2.3.1 Schülerinnen und Schüler
2.3.2 Lehrerrolle
2.3.3 Lernbegriff
2.3.4 Lernumgebung
2.4 Aspekt der Freiheit in der Freiarbeit
2.5 Formen der Freiarbeit
2.6 Zusammenfassende Bestimmung des Begriffes Freiarbeit
3. MÖGLICHKEITEN DER FREIARBEIT MIT SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN MIT DEN SONDERPÄDAGOGISCHEN FÖRDERSCHWERPUNKTEN „GEISTIGE ENTWICKLUNG“ UND „AUTISTISCHE BEHINDERUNG“
3.1 Freiarbeit mit Schülerinnen und Schülern mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“
3.2 Freiarbeit mit Schülerinnen und Schülern mit dem Förderschwerpunkt „Autistische Behinderung“
3.3 Zusammenfassung
4. MÖGLICHKEITEN DER FREIARBEIT MIT DEN SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN DER UNTERSTUFE DER P.-SCHULE
4.1 Darstellung der Lerngruppe
4.2 Bedingungen der Freiarbeit
4.2.1 Entwicklungsorientierung
4.2.2 Struktur
4.2.3 Material
4.3 Beispiele aus der Unterrichtspraxis – Die Einheit: „Wir haben jetzt Freiarbeit“
4.3.1 Angaben zur Unterrichtseinheit „Wir haben jetzt Freiarbeit.“
4.3.2 Ziele der Einheit
4.3.3 Analyse der Voraussetzungen
4.3.4 Materialien
4.3.5 Darlegung der didaktisch-methodischen Entscheidungen am Beispiel der 7. Freiarbeitsstunde
4.3.6 Analyse
5. GESAMTREFLEXION
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern Freiarbeit als Unterrichtskonzept einen Rahmen bieten kann, der Schülerinnen und Schülern mit den sonderpädagogischen Förderschwerpunkten „Geistige Entwicklung“ und „Autistische Behinderung“ eine aktive Teilhabe sowie individuelles Lernen und Entwicklung ermöglicht. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei, ob ein solcher Unterricht so gestaltet werden kann, dass er den heterogenen Bedürfnissen, Interessen sowie Fähig- und Fertigkeiten dieser Lerngruppe gerecht wird, wobei insbesondere die Bedingungen der Entwicklungsorientierung, Strukturierung und Materialwahl beleuchtet werden.
- Grundlagen und Definition der Freiarbeit im Kontext der Sonderpädagogik.
- Anforderungen an die Unterrichtsgestaltung für Schülerinnen und Schüler mit den Förderschwerpunkten „Geistige Entwicklung“ und „Autistische Behinderung“.
- Bedeutung der strukturierten Lernumgebung und materialorientierter Förderung.
- Praktische Erprobung und Analyse einer Unterrichtseinheit in einer Unterstufenklasse.
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Schülerinnen und Schüler
„Der Unterricht soll das Bedürfnis nach Selbsttätigkeit und aktiver Wirklichkeitsaneignung aufgreifen und zur Grundlage der aktiven Auseinandersetzung mit Inhalten bzw. Gegenständen machen, denn die Schülerinnen und Schüler sind Subjekt der eigenen Entwicklung. Besonders erfolgreich lernen sie dann, wenn sie wollen. [...] Im Unterricht wird an die individuellen Erfahrungen sowie Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler angeknüpft. Ihre Motive sind ernst zu nehmen und ihre individuellen Interessen für die Unterrichtsgestaltung zu nutzen.“13 Hier wird ein Verständnis von Unterricht deutlich, das die Schülerinnen und Schüler im Hinblick auf drei Aspekte in den Mittelpunkt stellt. Es basiert auf verschiedenen entwicklungspsychologischen, lerntheoretischen, motivationspsychologischen, soziologischen Begründungen.
1. Lernen ist ein aktiver individueller Prozess. Theorien der kognitiven Entwicklung nach Piaget oder Bruner, aber auch die Vertreter der Tätigkeitstheorie, wie Lompscher, Mann, Jantzen oder Feuser, die auf die kulturhistorische Schule (Wygotski, Lurija, Leontjew, Galperin) zurückgeht, verstehen Lernen als die Tätigkeit des Individuums im Prozess der wechselseitigen Beziehungen zwischen Individuum und Umwelt. Das Ergebnis dieses Prozesses ist die Entwicklung geistiger Strukturen, die sich in aufeinander aufbauenden Etappen vollzieht. Kinder brauchen demnach Gelegenheiten und Möglichkeiten, sich aktiv mit der Welt auseinandersetzen zu können. Das heißt: Unterricht muss den Schülerinnen und Schülern Selbsttätigkeit ermöglichen.
2. Schülerinnen und Schüler sind verschieden und lernen verschieden. Kinder und Jugendliche erfahren individuelle innere und äußere Lebensbedingungen, eignen sich Muster, Fähig- und Fertigkeiten zu verschiedenen Zeiten an und bilden persönliche Interessen und Begabungen aus. Daher gilt es, verschiedene Lernniveaus, verschiedene Lerntypen sowie verschiedene Lernkanäle zu berücksichtigen. Das heißt: Unterricht muss Differenzierung gewährleisten.
3. Interesse ist eine wichtige Voraussetzung für Lernen. Forschungen im Zuge der „Pädagogischen Interessentheorie“ zeigen, dass Interesse ein wichtiger Indikator für Lernerfolg ist, da sich der Lernprozess qualitativ anders gestaltet.14 Damit werden die Interessen der Lernenden zu einer pädagogisch relevanten Variable. Es gilt, die Interessen der Schülerinnen und Schüler aufzunehmen, aber auch zu entwickeln. Das heißt: Unterricht muss die Interessen der Schülerinnen und Schüler beachten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung begründet das Vorhaben, Freiarbeit für Schülerinnen und Schüler mit spezifischen Förderschwerpunkten zu erschließen, und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach der Ermöglichung von Aktivität und Entwicklung.
2. WAS IST FREIARBEIT?: Dieses Kapitel definiert Freiarbeit als offene Unterrichtsorganisation, erläutert grundlegende Konstituenten wie Lehrerrolle und Lernumgebung und setzt sich mit dem Aspekt der Freiheit auseinander.
3. MÖGLICHKEITEN DER FREIARBEIT MIT SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN MIT DEN SONDERPÄDAGOGISCHEN FÖRDERSCHWERPUNKTEN „GEISTIGE ENTWICKLUNG“ UND „AUTISTISCHE BEHINDERUNG“: Hier werden die spezifischen Möglichkeiten und methodischen Notwendigkeiten für die genannten Förderschwerpunkte analysiert und die Kompatibilität des Freiarbeitskonzepts mit den jeweiligen Förderzielen aufgezeigt.
4. MÖGLICHKEITEN DER FREIARBEIT MIT DEN SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN DER UNTERSTUFE DER P.-SCHULE: Dieses Kapitel stellt die konkrete Lerngruppe vor, definiert die notwendigen Bedingungen (Entwicklung, Struktur, Material) und dokumentiert anhand einer Unterrichtseinheit die praktische Umsetzung und Analyse.
5. GESAMTREFLEXION: Das letzte Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert, dass Freiarbeit unter Berücksichtigung spezifischer Bedingungen für diese Schülergruppe einen bedeutsamen Rahmen für Selbstbestimmung und aktives Lernen darstellt.
Schlüsselwörter
Freiarbeit, Geistige Entwicklung, Autistische Behinderung, Sonderschule, Sonderpädagogik, Unterrichtsgestaltung, Selbstbestimmung, Selbsttätigkeit, Lernumgebung, Strukturierung, Materialprinzipien, Schülerorientierung, Differenzierung, Handlungskompetenz, Entwicklungsorientierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Freiarbeit als Unterrichtsform bei Schülerinnen und Schülern mit den Förderschwerpunkten „Geistige Entwicklung“ und „Autistische Behinderung“ umgesetzt werden kann, um deren Selbstbestimmung und Lernen zu fördern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die theoretische Bestimmung von Freiarbeit, die Besonderheiten der sonderpädagogischen Förderung, die Gestaltung einer strukturierten Lernumgebung sowie die praktische Erprobung durch materialorientiertes Lernen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, ob Freiarbeit einen geeigneten Rahmen bietet, der Schülerinnen und Schülern mit komplexen Förderbedarfen trotz ihrer unterschiedlichen Voraussetzungen eine aktive und selbstständige Auseinandersetzung mit der Welt ermöglicht.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Fundierung durch einschlägige Fachliteratur und ergänzt diese durch eine detaillierte Praxisdarstellung und Analyse einer konkreten Unterrichtseinheit in einer Unterstufenklasse.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Konstituenten der Freiarbeit, die Adaption an die genannten Förderschwerpunkte, die Erstellung von Lernmaterialien nach spezifischen Prinzipien sowie die konkrete Planung und Reflexion einer Unterrichtseinheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören insbesondere Freiarbeit, Geistige Entwicklung, Autistische Behinderung, Selbstbestimmung, Strukturierung und Materialorientierung.
Wie geht die Autorin mit der spezifischen Problematik autistischer Schüler in der Freiarbeit um?
Sie betont die Notwendigkeit von Strukturierung, Bedeutungsvollmachung und Visualisierung, um den autistischen Schülern Orientierung zu geben und die Freiarbeit als einen verlässlichen, an ihre Bedürfnisse angepassten Rahmen zu gestalten.
Welchen Stellenwert nimmt die Materialwahl in diesem Unterrichtskonzept ein?
Das Material ist das Herzstück der Freiarbeit. Die Autorin definiert acht Materialprinzipien, wie etwa Selbsttätigkeit, Isolierung der Schwierigkeit und Selbstkontrolle, die sicherstellen sollen, dass die Schüler eigenständig und zielgerichtet arbeiten können.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Anwendbarkeit von Freiarbeit an Sonderschulen?
Sie kommt zu dem Schluss, dass Freiarbeit für Schüler mit dem Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ und „Autistische Behinderung“ nicht nur möglich, sondern sinnvoll ist, sofern die Rahmenbedingungen – insbesondere das Maß an Struktur – individuell auf die Lerngruppe abgestimmt werden.
- Quote paper
- Franziska Waldschmidt (Author), 2008, Freiarbeit mit den sonderpädagogischen Schwerpunkten „Geistige Entwicklung“ und „Autistische Behinderung“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124234