Theodor W. Adorno: Literatur und gesellschaftliche Wirklichkeit - Zur Literaturtheorie Adornos


Seminararbeit, 2002
12 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Theodor W. Adorno: Literatur und gesellschaftliche Wirklichkeit

Der am 11. September 1903 in Frankfurt am Main geborene Philosophiedozent Theodor W(iesengrund) Adorno zählte zu einer Generation deutsch-jüdischer Intellektueller, die theoretische Einsichten des Marxismus, aber auch der Psychoanalyse für die kritische Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft nutzen wollte. Mit seinem Freund Max Horkheimer überstand Adorno das amerikanische Exil und ‚reimportierte‘ die sogenannte ‚Kritische Theorie‘ nach ‚Westdeutschland‘. Die von ihnen initiierte Frankfurter Schule gewann bald profilierte Köpfe aus der nächstjüngeren Generation und wurde in den 60er Jahren zum Kristallisationspunkt gesellschaftskritischen Denkens im (und gegen den) weithin statischen, restaurativen CDU-Staat - und damit auch zu einer (gesellschafts)theoretischen Quelle der Studentenbewegung von 1968.

Adorno verstand sich als Fachphilosoph, der über Kant, Hegel, Husserl und Kierkegaard schrieb, nicht jedoch als Literaturwissenschaftler. Wenn er auch häufig als ein Vertreter der Literatursoziologie beschrieben wird, dann muss zumindest betont werden, dass er sich von deren empirischer Schule scharf abgrenzte. Adorno lieferte der Literaturtheorie einen eigenen interpretatorischen Ansatz, dem als entscheidende Bezugspunkte im Wesentlichen zwei Ideen zugrunde liegen:

1. die negative Macht der Tradition und
2. die Übermacht der „verwalteten Gesellschaft“.

Diese beiden Faktoren hindern seiner Theorie zufolge in erheblichem Maße die geschichtliche Entwicklung.

Nach Adorno kann in der durch diese beiden Faktoren geprägten gesellschaftlichen Situation folglich nur die Verneinung charakteristisch für Kunst sein, im Besonderen der Entwurf einer Gegenwelt. Der Frankfurter Sozialwissenschaftler sieht Literatur im Gegensatz zu Lukács nicht als bloße „Widerspiegelung“ einer gesellschaftlichen Wirklichkeit noch wie Goldmann als eine „Entsprechung“ von kollektiven Bewusstseinsstrukturen sondern vielmehr als Widerspruch zu der gesellschaftlichen Wirklichkeit, als ein Mittel des Protests gegen sie, wobei der Widerspruch nach Adorno die Nachahmung dialektisch miteinschließt. Zugleich werde die Kunst – so Adorno – somit ein Indikator der Negativität des Bestehenden und ein Medium einer bewusstlosen Geschichtsschreibung.

Zur Vertiefung werde ich in diesem Zusammenhang im folgenden auf Adornos Texte Standort des Erzählers im modernen Roman (1954), Rede über Lyrik und Gesellschaft (1958) und die Ästhetische Theorie (1970) eingehen.

In seiner Rede über Lyrik und Gesellschaft beschreibt Adorno das Verhältnis von Gesellschaft und Lyrik. Warum gerade Lyrik? Lyrik als etwas traditionell sehr Subjektives, Persönliches und dem Schein nach außerhalb der Regeln des gesellschaftlichen Getriebes Befindliches, das „die Macht der Vergesellschaftung“[1] nicht anerkennen will und darf, soll in Beziehung, gar in Abhängigkeit zur Gesellschaft gesehen werden: ein heikles Thema. Eben diese Betrachtung der Beziehung auf das Gesellschaftliche soll jedoch „nicht wegführen vom Kunstwerk, sondern tiefer in es hinein“[2], was nach Adorno nur die natürliche Konsequenz bedeutet, denn:

Individuelle Erfahrungen und Emotionen werden erst dadurch zu Kunst, dass sie Anteil am Allgemeinen gewinnen: „ Ästhetik zielt auf konkrete Allgemeinheit“[3], wie er es später in seiner Ästhetischen Theorie, auf die ich im weiteren Verlauf meiner Arbeit verstärkt eingehen werde, ausspricht. Scheible sieht in der „Glätte dieses Widerspruchs“[4] gar die Essenz Adornos gesamter Theorie und verweist auf Hegels Philosophie, die er bei aller Differenziertheit als „grandioses Scheingefecht“[5] abtut:„ Dadurch, daß wir die Dinge denken, machen wir sie zu etwas Allgemeinem, die Dinge sind aber einzelne.“[6]

Die Allgemeinheit des Kunstwerks bedeutet Adorno auf keinen Fall eine volonté de tous:

[...] die Versenkung ins Individuierte erhebt das lyrische Gedicht dadurch zum Allgemeinen, daß es Unentstelltes, Unerfasstes, noch nicht Subsumiertes in die Erscheinung setzt und so geistig etwas vorwegnimmt von einem Zustand, in dem kein schlecht Allgemeines, nämlich zutiefst Partikulares mehr das andere, Menschliche fesselte.[7]

[...]


[1] Adorno, Theodor W.: Rede über Lyrik und Gesellschaft. In: Noten zur Literatur I. Frankfurt am Main: Bibliothek Suhrkamp 1958, S. 74.

[2] ebd.

[3] Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie (Gesammelte Schriften , Band 7). Frankfurt am

Main: Suhrkamp 1970, S. 393.

[4] Scheible, Hartmut: Geschichte im Stillstand. Zur ästhetischen Theorie Theodor W. Adornos. In: Theodor W. Adorno (Text und Kritik, Sonderband). München: Edition Text und Kritik 1977, S. 97.

[5] ebd.

[6] Hegel: System der Philosophie. Zweiter Teil: Die Naturphilosophie. Jubiläumsausgabe ( Glockner ), IX, 1929, S. 39. Zitiert nach Scheible, a. a. O., S. 97.

[7] Adorno, Theodor W.: Rede über Lyrik und Gesellschaft, a. a. O., S. 74f.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Theodor W. Adorno: Literatur und gesellschaftliche Wirklichkeit - Zur Literaturtheorie Adornos
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Einführung in die Literaturtheorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
12
Katalognummer
V124328
ISBN (eBook)
9783640296736
ISBN (Buch)
9783640302239
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adorno, Literaturtheorie, Frankfurter Schule, Gesellschaft, Literaturkritik, ästhetische Theorie, Rede über Lyrik und Gesellschaft, Noten zur Literatur, Literatur, Gesellschaftskritik, Kulturindustrie
Arbeit zitieren
David Bies (Autor), 2002, Theodor W. Adorno: Literatur und gesellschaftliche Wirklichkeit - Zur Literaturtheorie Adornos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124328

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