Bis heute hat die durchaus ambivalente Gestalt der mythischen Wasserfrau nichts an ihrer Faszinationskraft eingebüßt. Mit regem Interesse verfolgen wir ihre Ursprünge in der Mythologie und in der Sagenwelt, bewundern sie als Ahnenfrau oder Männerfresserin, schöne Sängerin oder sprachlos leidende Schöne.
Mit dieser Arbeit soll die geteilte Frau, in ihrer Sehnsucht und Erlösungsbedürftigkeit in den Vordergrund rücken, die uralte Geschichte um die Verbindung des Weiblichen mit dem Wasser und die Auswirkungen dieser Verbindungen auf Literatur, Kunst und Kultur. Das ewige sehnsüchtige Streben, einer unbeseelten elbischen Natur ist prioritär für das heutige Verständnis einer weiblichen Wassergestalt. Die Bedeutung der Seele für das Weibliche und insbesondere für die Wasserfrau soll innerhalb meiner Ausführungen erörtert werden.
Die Leidensfähigkeit der weiblichen Wasserwesen scheint unendlich.
Ob sie Leiden bewirken oder selbst ertragen müssen, hängt stark von dem jeweiligen Kulturkreis und der Epoche, der sie entwachsen sind, ab. Doch immer wird man sie in Verbindung mit dem Leid sehen, dem eigenen und dem fremden.
Wasserfrauen sind geprägt von der Suche nach Identität.
Als Verkörperung liquider Dualität blieb ihnen diese (bis auf wenige Ausnahmen) oft verwehrt. Ihre Doppelnatur verdammte sie zu einer Existenz zwischen Menschenfrau und Fischleib, ein überirdisch lockender Leib, der viel versprach aber nur wenig Versprochenes einhalten konnte.
Als unwirklicher Bestandteil zweier Welten erscheint mir die Wandlungsfähigkeit der nassen Schönheiten auf der Hand zu liegen. Ergründet man das feuchte Element, dem sie entstammen so wird nicht nur ihr geteilter Leib, sondern auch ein ständig wankendes Gemüt verständlich. Weshalb die Wandelbarkeit der Wasserfrauen ebenso Teil meiner Betrachtungen sein wird.
Den weiblichen Mischwesen wird viel nachgesagt und angehangen:
Gütiges, Verwunderliches, Abnormes, Monströses, Unbegreifliches, Göttliches und Dämon-isches. Tatsächlich trifft beinahe alles auf sie zu: Sie sind göttlich und dämonisch gleichermaßen, denn ist ihre unbegreifliche und geteilte Natur nicht gerade dazu verdammt alles und doch nichts zu sein?
Inhaltsverzeichnis
Prolog
1. Das Wasser
1.1 Element der Ambiguität
1.1.1 Von den Wassern des Lebens
1.1.2 Von den Wassern des Todes
1.2 Das Element personifizierter Weiblichkeit
1.3 Symbol der Seele
2. Mythologische Ursprünge
2.1 Die Sirenen
2.2 Von göttlichen Mischwesen und dämonisierten Frauengestalten
3. Über die Vielgestaltigkeit der Wasserfrauen
3.1 Wandelbare Wasserfrau: Die Bedeutung der Metamorphose für weibliche Wasserwesen
3.2 Konstruierte Doppelnatur: Existenz zwischen Fischleib und Menschenfrau
4. Vom Verlust der Stimme: Die erfolglosen Sängerinnen
5. Sehnsucht und Seele: Ein fließendes Ich auf der Suche nach Identität
6. „Undine“, oder von der Kraft einer Nixenstimme
6.1 Friedrich de la Motte-Fouqué: „Undine“, Liebe über den Tod hinaus?
6.1.1 Undine, eine paracelsische Wassernymphe
6.1.2 Von der Liebe der Natur und der Seele des Menschen
6.1.3 Weder Menschenfrau noch Wasserwesen
6.1.4 Liebe über den Tod hinaus?
6.2 Ingeborg Bachmann: „Undine geht“, Liebesverrat: Ein Nixenmonolog
6.2.1 Undine geht
6.2.2 Männer mit Namen Hans: Über den Identitätsverlust
6.2.3 Undinenliebe
6.2.4 Von Sprache und Sprachlosigkeit
6.2.5 Weiblichkeit und Tod: Wasserexistenz jenseits von allem Menschlichen?
6.3 Vergleichende Betrachtungen
Epilog
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den kulturhistorischen Wasserfrauenmythos und dessen Transformation in der Literatur, wobei ein besonderer Fokus auf dem Spannungsfeld zwischen Weiblichkeit, Tod, Sehnsucht und dem Streben nach einer unsterblichen Seele liegt.
- Kulturhistorische Einordnung der Wasserfrauen und ihres Ursprungs im Element Wasser.
- Analyse der Metamorphose als zentrales Motiv weiblicher Wasserwesen.
- Untersuchung des Motivs der Stimme als Machtinstrument und dessen Verlust im Kontext der Identitätssuche.
- Kontrastive Analyse der "Undine"-Figuren bei Friedrich de la Motte-Fouqué und Ingeborg Bachmann.
- Reflektion über die Konstruktion von Geschlechterrollen und Identitätsverlust.
Auszug aus dem Buch
1.1.2 Von den Wassern des Todes
„Tiefe Stille herrscht im Wasser, ohne Regung ruht das Meer […].
Keine Luft von keiner Seite! Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuren Weite reget keine Welle sich.“
(Johann Wolfgang von Goethe: „Meeresstille“)
Die zerstörerische Kraft des Wassers ist uns ebenso bewusst, wie die lebensspendende. In uralten manifesten Menschheitsängsten begegnet sie uns immer wieder, ob im Traum, bildender Kunst oder Literatur. Wasser ist eine destruktive Elementargewalt. Wir wissen um die großen Schäden, die Wasser durch Wolkenbrüche, Gewitter, Hagelschläge, Hochwasser und Überschwemmungen, verursachen kann. Naturkatastrophen führen uns vor Augen zu welcher Gewalt Wasser fähig ist.
Zusammenfassung der Kapitel
Prolog: Einführung in die ambivalente Faszination der mythischen Wasserfrau und deren Verbindung zu Wasser, Sehnsucht und Identität.
1. Das Wasser: Erörterung des Wassers als Archetypus, der sowohl Leben als auch Tod verkörpert und in Mythen und Kultur tief verwurzelt ist.
2. Mythologische Ursprünge: Untersuchung der göttlichen und dämonischen Herkunft der Wasserfrauen, insbesondere durch die Figur der Sirene.
3. Über die Vielgestaltigkeit der Wasserfrauen: Analyse der Metamorphose als Mittel der Identitätsstiftung und die existenzielle Bürde der Doppelnatur zwischen Fisch und Mensch.
4. Vom Verlust der Stimme: Die erfolglosen Sängerinnen: Betrachtung der weiblichen Stimme als machtvolles, aber oft verlorenes Instrument der Verführung und Macht.
5. Sehnsucht und Seele: Ein fließendes Ich auf der Suche nach Identität: Hinterfragung, ob Wasserfrauen jemals eine eigene Identität besitzen können, oder ob sie bloße Projektionen bleiben.
6. „Undine“, oder von der Kraft einer Nixenstimme: Detaillierte literarische Analyse der Undine-Darstellungen bei Fouqué und Bachmann unter Berücksichtigung von Liebe, Verrat und Sprache.
Epilog: Ausblick auf die Beständigkeit des Wasserfrauenmythos in der modernen Kultur und Kunst.
Schlüsselwörter
Wasserfrau, Mythologie, Metamorphose, Weiblichkeit, Tod, Undine, Identität, Sirenen, Seele, Literaturgeschichte, Romantik, Ingeborg Bachmann, Friedrich de la Motte-Fouqué, Mahrtenehe, Elementarwesen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die symbolische Bedeutung der mythologischen Wasserfrau und wie diese Gestalt in der Literatur als Projektionsfläche für Weiblichkeit, Erlösungswünsche und existenzielle Krisen genutzt wird.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Untersuchung?
Zentral sind die Dualität des Wassers als Lebens- und Todesquelle, die Rolle der Stimme als Machtfaktor sowie die Suche der Wasserfrauen nach Identität und einer unsterblichen Seele.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Es soll erörtert werden, wie sich der Wasserfrauenmythos von antiken Ursprüngen bis zur modernen Literatur, insbesondere am Beispiel der Figur der "Undine", gewandelt hat und welche Auswirkungen dies auf das Bild der Frau hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine kulturwissenschaftliche und literaturwissenschaftliche Analyse, die Mythen, Sagen und klassische sowie moderne literarische Texte vergleichend betrachtet.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die mythologische Herleitung, die Untersuchung der Metamorphose als zentrales Schicksal und eine vertiefte Analyse der literarischen Werke von Fouqué und Bachmann.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wesentliche Begriffe sind Wasserfrauen, Metamorphose, Identität, Weiblichkeit, Undine, Symbolik des Wassers und literarische Transformation.
Warum spielt die Stimme in der Arbeit eine so große Rolle?
Die Stimme wird als Instrument der verführerischen Macht der Wasserfrau gedeutet; ihr Verlust oder ihr Schweigen markiert in der Literatur oft den Identitätsverlust oder die Entdämonisierung der Figur.
Welche Unterschiede gibt es zwischen der Undine bei Fouqué und bei Bachmann?
Während Fouqués Undine als romantisches Ideal nach einer Seele strebt, emanzipiert sich Bachmanns Undine von den Rollenzuweisungen und wählt das "Gehen" als einen selbstbestimmten, wenn auch einsamen Akt der Freiheit.
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- Julia Kulewatz (Author), 2009, „Von den Wasserfrauen – Weiblichkeit und Tod", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124383