In der heutigen globalen ‚Musikkultur‘, in der man Musik hauptsächlich als Produkt ansieht, welches es zu vermarkten gilt, ist es aufgrund der Bedeutung von Zielgruppen-Orientiertheit, Trend-Prognosen und ‚Schubladendenken‘ in der Musikindustrie unverzichtbar geworden, ein musikalisches Produkt gattungskategorisch in das vorhandene System einordnen zu können, beziehungsweise eine auf das Produkt zugeschnittene Gattungsbezeichnung zu konstruieren. Nur auf diese Weise kann Musik auf dem globalen Markt als Produkt erfolgreich vertrieben werden, da über die Gattungskategorie eine vermittelnde Instanz zwischen Produzent und Konsument besteht, die eine marktgerechte, auf den Massenabsatz von Musik konzentrierte Handhabung dieser ermöglicht (vgl. Marx, 2005, S. 288f. und: Danuser, 1995, Sp. 1059ff.).
Unbeachtet – da für die Musikindustrie vermutlich auch nicht relevant – bleibt hierbei allerdings die Fragestellung, ob Musik denn überhaupt gattungskategorisch erfassbar ist, oder ob es sich bei musikalischen Werken nicht viel mehr um Einzelphänomene handelt, denen man eine immanente Einzigartigkeit zusprechen muss. Ausgehend von dieser Fragestellung (und der Untersuchung, ob diese Fragestellung für eine effektive Anwendung des Gattungsbegriffs überhaupt sinnvoll ist) beschäftigt sich die folgende Hausarbeit mit dem Begriff der ‚Gattung‘ in der Musikwissenschaft und zeigt auf, in welcher Art und Weise der Begriff in bestimmten, ausgewählten Kontexten innerhalb der Musikwissenschaft Verwendung findet, und welche Problematiken sich daraus ergeben. Als exemplarische (und kritisch betrachtete) Quelle wird hierzu der MGG-Artikel „Gattung“ von Herman Danuser auf eben diese Fragestellungen hin untersucht, während verschiedene Texte weiterer Musikwissenschaftler sekundär als Ergänzung hinzugezogen werden. Vorerst wird allerdings eine kurze Zusammenfassung über die allgemeine Problematik musikwissenschaftlicher Terminologie aufgezeigt, da die im Folgenden skizzierten Problemfelder auch für die Anwendung und Definition des Gattungsbegriffes eine Rolle spielen.
Inhaltsverzeichnis
II. Vorwort
III. Allgemeine Feststellungen zur musikwissenschaftlichen Terminologie im Kontext von Wissenschaftssprache
IV. Der Gattungsbegriff im Kontext des philosophischen Universalienstreits und das Problem der Terminologie
V. Der Gattungsbegriff als Vermittlungsinstanz – eine Betrachtung der Beziehungen zwischen Objekt- und Beschreibungsebene
VI. Gattungstheorien und ihr Systemcharakter
VII. Die historische Dimension von Gattungen und Gattungsbegriff
VIII. Nachwort
IX. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Begriff der ‚Gattung‘ in der Musikwissenschaft, hinterfragt dessen terminologische Eindeutigkeit und analysiert, inwiefern Gattungen als vermittelnde Instanzen zwischen Produzent, Konsument und Gesellschaft fungieren können, wobei der Fokus insbesondere auf der methodischen Unterscheidung von Objekt- und Beschreibungsebene liegt.
- Problematik der musikwissenschaftlichen Fachsprache und Terminologie
- Philosophische Einordnung des Gattungsbegriffs (Universalienstreit)
- Strukturanalyse und Systemcharakter von Gattungstheorien
- Diachrone Entwicklung und historische Dimension von Gattungen
- Der Gattungsbegriff als Konstrukt zur Kommunikation über Musik
Auszug aus dem Buch
IV. Der Gattungsbegriff im Kontext des philosophischen Universalienstreits und das Problem der Terminologie
In seiner Einleitung zum Gattungs-Artikel der MGG beschäftigt sich Danuser mit der theoretischen Begriffsbildung des Terminus ‚Gattung‘, wie er in der Fachsprache Verwendung findet. Er beginnt seinen Artikel mit der Herausstellung der Flexibilität des Begriffes ‚Gattung‘ im Verhältnis zum untergeordneten Terminus der ‚Art‘ und dem übergeordneten Terminus der ‚Familie‘ innerhalb von logischen Klassifikationssystemen. Die Einordnung dieser drei miteinander in Beziehung stehenden Begriffe stammt ursprünglich aus der antiken Logik, die eine Opposition der Begriffsbildungen von ‚Gattung‘ und ‚Art‘ festgelegt hat, in der beide Begriffe jeweils relativ zueinander existieren, je nachdem welche Position man im jeweiligen Klassifikationssystem betrachtet (vgl. Hempfer, 2005, S. 7). So wird die der ‚Gattung‘ untergeordnete ‚Art‘ selbst zur ‚Gattung‘, wenn man sie von der untergeordneten Stufe im System aus betrachtet, und die ‚Gattung‘ zur ‚Art‘ für die übergeordnete Stelle im System.
Die Flexibilität dieses Bezeichnungssystems macht es freilich schwierig, überhaupt ein musikalisches Werk irgendeiner der Systemstufen zuzuordnen. Stefan Kunze merkt in seinem Aufsatz „Überlegungen zum Begriff der >>Gattung<< in der Musik“ an, dass es beispielsweise unerheblich sei, ob man die Motette des 16. Jahrhunderts als Typus, Art oder Gattung bezeichnen würde, […] da z.B. der Oberbegriff >>geistliche Musik<< nicht hinreichend genau bestimmt [sei], um als Gattungsname gelten zu können. Unter die Kategorie >>geistliche Musik<< fiele auch eine Messe von Mozart, die selbstverständlich einer anderen Gattung angehör[e] als die Motette (Kunze, 1980, S.92).
Zusammenfassung der Kapitel
II. Vorwort: Es wird die Relevanz des Gattungsbegriffs für die Musikindustrie sowie die wissenschaftliche Fragestellung eingeführt, ob Musik gattungskategorisch erfassbar ist.
III. Allgemeine Feststellungen zur musikwissenschaftlichen Terminologie im Kontext von Wissenschaftssprache: Das Kapitel beleuchtet die Defizite der musikwissenschaftlichen Fachsprache, die aufgrund ihrer historischen Praxisgebundenheit oft keine intersubjektiv eindeutigen Termini aufweist.
IV. Der Gattungsbegriff im Kontext des philosophischen Universalienstreits und das Problem der Terminologie: Hier wird die philosophische Problematik von Allgemeinbegriffen (Realismus vs. Nominalismus) auf den Gattungsbegriff übertragen und dessen relative Position in Klassifikationssystemen erörtert.
V. Der Gattungsbegriff als Vermittlungsinstanz – eine Betrachtung der Beziehungen zwischen Objekt- und Beschreibungsebene: Das Kapitel argumentiert für eine strikte Trennung von Objektsprache und Metasprache, um den Gattungsbegriff als nützliches Instrument zur Beschreibung musikalischer Kontexte zu nutzen.
VI. Gattungstheorien und ihr Systemcharakter: Diese Analyse untersucht die strukturellen Darstellungsformen von Gattungstheorien und kritisiert die Inkonsistenz rein hierarchischer Gliederungssysteme gegenüber komplexen musikalischen Strukturen.
VII. Die historische Dimension von Gattungen und Gattungsbegriff: Der Fokus liegt hier auf der Wechselbeziehung zwischen Sach- und Begriffsgeschichte sowie der diachronen Veränderbarkeit von Gattungsmerkmalen.
VIII. Nachwort: Das Fazit fasst zusammen, dass der Gattungsbegriff als ein auf der Metasprach-Ebene erstelltes Konstrukt zu verstehen ist, das als notwendige Vermittlungsinstanz für die Kommunikation über Musik dient.
Schlüsselwörter
Gattungsbegriff, Musikwissenschaft, Terminologie, Universalienstreit, Objekt- und Beschreibungsebene, Gattungstheorie, Systemcharakter, Musikgeschichte, Fachsprache, Vermittlungsinstanz, Musikrezeption, Klassifikation, Gattungsentwicklung, Konstrukt, Metasprache
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie der Begriff der ‚Gattung‘ in der Musikwissenschaft verwendet wird, welche terminologischen Probleme dabei auftreten und wie er als systematisches Instrument trotz seiner begrifflichen Flexibilität sinnvoll eingesetzt werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Felder sind die Wissenschaftssprache, die philosophische Debatte um Universalien, die Unterscheidung von Objekt- und Beschreibungsebene, der Systemcharakter musikalischer Gattungen sowie deren historischer Wandel.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Arbeit geht der Frage nach, ob Musik gattungskategorisch erfassbar ist, welche Problematiken sich aus der Verwendung des Begriffs in der Musikwissenschaft ergeben und wie eine effektive Anwendung des Gattungsbegriffs trotz begrifflicher Unschärfe gelingen kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine diskursive Analyse, bei der vorwiegend der MGG-Artikel „Gattung“ von Herman Danuser kritisch untersucht und durch Positionen weiterer Wissenschaftler (z. B. Marx, Kunze, Blume, Hempfer) ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Terminologieproblematik, dem Einfluss des Universalienstreits, dem hierarchischen versus relativistischen Systemcharakter von Gattungen, der Trennung von Sach- und Begriffsgeschichte sowie der Rolle des Gattungsbegriffs als Metasprache.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Gattungsdiskurs, Vermittlungsinstanz, Fachsprache, Universalien, Objekt- und Beschreibungsebene sowie historische Dimension geprägt.
Wie löst der Autor den Widerspruch zwischen Musik als Einzelphänomen und Gattungszuordnung?
Der Autor schlägt vor, den Gattungsbegriff nicht als reale Eigenschaft der Musik selbst, sondern als ein auf der Metasprach-Ebene konstruiertes System zu verstehen, das unsere Wahrnehmung und Interpretation von Musik steuert.
Warum kritisiert der Autor die direkte Gegenüberstellung von Musik und Gattung?
Der Autor argumentiert, dass eine direkte Gegenüberstellung beider auf der gleichen Objektebene zu logischer Inkohärenz führt, da die Gattung eine Beschreibungsebene ist, die erst durch eine Distanz zum Werk als Vermittlungsinstrument fungieren kann.
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- Jeremy Iskandar (Author), 2008, Aspekte des Gattungsbegriffes im musikwissenschaftlichen Diskurs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124465